Timia

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Landgemeinde Timia
Landgemeinde Timia (Niger)
Landgemeinde Timia
Landgemeinde Timia
Koordinaten 18° 7′ N, 8° 47′ OKoordinaten: 18° 7′ N, 8° 47′ O
Basisdaten
Staat Niger

Region

Agadez
Departement Iférouane
Einwohner 19.076 (2012)
Webseite timia.org (französisch)

Timia (auf Tuareg Tyǝmia)[1] ist eine Landgemeinde im Departement Iférouane in Niger.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Timia-Tal
Brunnen in Timia
Ein Tuareg aus Timia mit schwarzem Tagelmust, 2003. Eingewickelt in die Silberschmuckpatrone, trägt er eingerollte Verse aus dem Koran
Frau aus Timia

Timia liegt im Süden des Aïr-Gebirges. Das Gemeindegebiet ist in sieben administrative Dörfer, zwei traditionelle Dörfer, einen Weiler, zwei Lager und 17 Wasserstellen gegliedert.[2] Der Hauptort der Landgemeinde, das administrative Dorf Timia, ist eine Oase.[3] Er liegt an der Ostflanke des Bergs Adrar Egalah (1874 m) auf einer Höhe von annähernd 1000 m auf dem Gebiet der Kel Ewey-Tuareg und erstreckt sich entlang eines Trockenflussbettes (kori), das in den Sommermonaten Wasser führt, sofern es am Oberlauf geregnet hat. Südlich von Timia erheben sich die Monts Bagzane mit dem höchsten Berg des Niger, dem Idoukal-n-Taghès (2022 m). Südlich und östlich davon liegt die Weite der Ténéré-Wüste, durch welche die Strecke für den Sahara-Karawanenhandel verläuft. Die Nachbargemeinden Timias sind Assodé und Iférouane im Norden, Fachi im Osten, Dabaga und Tabelot im Süden und Dannet im Westen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Hauptort Timia wurde im Jahr 1920 gegründet, nachdem Frankreich einen Aufstand von Tuareg gegen die Inbesitznahme des Landes durch die Kolonialmacht niedergeschlagen hatte. Die Gründer der Siedlung lebten zuvor im höher gelegenen Dorf Tassalouette und in den umliegenden Tälern. Die Dörfer Abarakan und Krip-Krip im Gemeindegebiet von Timia wurden wiederum von Bewohnern des Hauptorts gegründet, die auf der Suche nach landwirtschaftlich nutzbaren Böden waren.[4] Seit 2011 gehört die Landgemeinde nicht mehr zum Departement Arlit, sondern zum neugeschaffenen Departement Iférouane.[5]

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Volkszählung 2001 hatte Timia 8319 Einwohner, davon 1734 im administrativen Dorf Timia.[6] Bei der Volkszählung 2012 betrug die Einwohnerzahl 19.076.[7] In der Gemeinde wird die Tamascheq-Varietät Tayart gesprochen.[8] Neben den Kel-Ewey-Tuareg leben eine Mehrzahl freigelassener Sklaven in der Oase. Seit der Niederschlagung des Kaosenaufstandes 1918 gibt es keine Sklaven mehr, gleichwohl liegt deren Gesamtanteil bei 10 bis 20 %.[9] Auch vereinzelte Hausa und Zarma leben hier; insbesondere arbeiten sie als Dorflehrer oder Heilkräfte. Politische und klerikale Autoritäten im Dorf sind der Dorfchef (maigari) und der Imam.

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Umgebung der Oase befindet sich die Cascade de Timia, ein eindrucksvoller Wasserfall mit See. Fort Massu ist eine 1952 auf Veranlassung des französischen Generals Jacques Massu in Timia erbaute Befestigungsanlage. Sie diente nie militärischen Zwecken und gilt als historische Kuriosität.[10] Seit 2000 dient die Anlage als Museum und Herberge, in der Erfrischungsgetränke erhältlich sind. Auch lokales Kunsthandwerk wird dort verkauft. Mittels eines modernen Fernrohrs lassen sich auch Sternenhimmel beobachten.[11]

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bebauung Timias ist durch dicht gedrängte Lehmhäuser geprägt. Aus Zement gebaut sind nur wenige öffentliche Einrichtungen, wie die Schule, ein kleines Krankenhaus und die Radio-Telefon-Station. Damit stellt der Oasenort ein administratives Dienstleistungszentrum dar, da auch das Umland von der Infrastruktur profitiert. Schwere Erkrankungen müssen allerdings in Agadez oder Arlit (fort-)versorgt werden. Daneben existiert ein Handwerkszentrum für Schmiede und Händler des Ortes.

In weidewirtschaftlicher Hinsicht dominieren die Ziegen- und die Kamelhaltung, da diese Tiere vornehmlich baumäsend sind. Erstere liegt vornehmlich in den Händen der Frauen, letztere in denen der Männer. Mittels Brunnen wird das notwendige Grundwasser gefördert. Regenfeldbau hingegen ist nicht möglich.[9] Mit Bilma besteht reger Salzhandel. Dreieckskarawanenhandel besteht für den übrigen Bedarf neben Bilma mit Kano in Nigeria. Die Karawanenroute nach Süden durchstreift zwischen Zinder und Kano die Kamelweiden der Hausa. Datteln werden aus dem Djadoplateau bezogen. Bei Achegour (Arbre du Ténéré) zweigt diese Route von der Dirkou-Strecke nach Norden ab. Aufgrund der fruchtbaren Bedingungen in der Oase wird intensiver Gartenbau betrieben, was auf die zunehmende Sesshaftwerdung der Kel-Ewey zurückgeführt wird. Die Gärtner sind in landwirtschaftlichen Kooperativen organisiert und verbringen die Erzeugnisse mit Lastwagen auf die Märkte der (weiteren) Umgebung. Darüber hinaus stellen die Lastwagen gleichzeitig das obligatorische Fortbewegungsmittel dar. Der Grundbedarf der 5000 Bewohner wird über eine zentral liegende Bäckerei, einen Fleischhauer, Schneidereien und Schmiedekooperationen gedeckt.

In den Zeiten schwerer Dürren in den 1970er und 1980er Jahren kamen der Region diverse europäische Entwicklungshilfemaßnahmen zugute. So konnte der Gartenbau zunächst etabliert, dann intensiviert werden. Die Gärten erhielten Befestigungen (Ausschwemminhibition). Neue Anbaumethoden und Früchte – wie Orangen und Pampelmusen – wurden eingeführt und kultiviert. Saatgüter und Pflanzenschutzmittel wurden organisiert. Pistenbau und deren Wiederherstellung wurden ebenso forciert wie die bauliche Sicherung von Brunnenanlagen. Die Entwicklungsorganisationen bemühten sich bis zur 2. Tuareg-Rebellion (bis Mitte der 1990er Jahre) durch Arbeitsmigration, die Einrichtung von Verkaufsläden und die Förderung des Tourismus Zeichen zukünftigen Wohlstands zu setzen. Diese Quellen diversifizierter Arbeitsauffassungen allerdings versiegten mit der Rebellion.[12]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Maximilien Bruggmann, Hans Ritter: Ténéré. Durch die südliche Sahara. Bucher, München 1996, ISBN 3-7658-1078-9.
  • Harald A. Friedl: Tuareg-Hochzeit zwischen Forschung und Leidenschaft. Die Heirat zweier Österreicher in der Mandarinen-Oase Timia im Herzen der Aïr-Berge. In: Edgar Sommer: Kel Tamashek: Die Tuareg. Cargo, Schwülper 2006, ISBN 3-938693-05-3, S. 288–307.
  • Harald A. Friedl: Timia – ein „Bilderbuchdorf“ im Aïr. In: Harald A. Friedl: KulturSchock Tuareg. Reise-Know-How-Verlag Rump, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-8317-1608-1, S. 200 f.
  • Harald A. Friedl: Das Verhältnis der Kel Timia zum Tourismus. In: Harald A. Friedl: Reisen zu den Wüstenrittern. Ethno-Tourismus bei den Tuareg aus Sicht der angewandten Tourismus-Ethik. Bautz, Nordhausen 2009, ISBN 978-3-88309-456-4, S. 545–746.
  • Gerd Spittler: Dürren, Krieg und Hungerkrisen bei den Kel Ewey (1900–1985). Stuttgart: Franz Steiner, 1989 (Monographie).
  • Gerd Spittler: Hirtenarbeit: die Welt der Kamelhirten und Ziegenhirtinnen von Timia. Köppe, Köln 1998, ISBN 3-89645-206-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Timia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1.  Karl-G. Prasse, Ghoubeïd Alojaly, Ghabdouane Mohamed: Dictionnaire Touareg – Français (Niger): M–Ž. Museum Tasculanum Press, Kopenhagen 2003, ISBN 87-7289-844-5, S. 568.
  2. Répertoire National des Communes (RENACOM). Website des Institut National de la Statistique, abgerufen am 8. November 2010.
  3. Republik Niger: Loi n° 2002-014 du 11 JUIN 2002 portant création des communes et fixant le nom de leurs chefs-lieux (Online-Version; PDF; 108 kB).
  4.  Issouf Bayard, Franck Giazzi: Populations et activités économiques au sein de la Réserve Naturelle Nationale de l’Aïr et du Ténéré. In: Franck Giazzi (Hrsg.): La Réserve Naturelle Nationale de l’Aïr et du Ténéré (Niger). La connaissance des éléments du milieu naturel et humain dans le cadre d’orientations pour un aménagement et une conservation durables. Analyse descriptive.. Union internationale pour la conservation de la nature et de ses ressources, Gland 1996, ISBN 2-8317-0249-6, S. 298.
  5.  Une nouvelle loi sur le redécoupage administratif. In: L’Arbre à Palabres. Nr. 13, 11. August 2011, S. 2 (PDF-Datei, abgerufen am 28. Januar 2014).
  6. Institut Nationale de la Statistique du Niger (Hrsg.): Annuaire statistique des cinquante ans d’indépendance du Niger. Niamey 2010 (Online-Version; PDF; 3,1 MB), S. 53.
  7. Présentation des résultats globaux définitifs du Quatrième (4ème) Recensement Général de la Population et de l’Habitat (RGP/H) de 2012. Institut National de la Statistique, 2014, abgerufen am 18. April 2014 (PDF-Datei, französisch).
  8. Niger map. In: Ethnologue: Languages of the World. Seventeenth edition. SIL International, 2013, abgerufen am 18. Juli 2013 (englisch).
  9. a b Gerd Spittler, Dürren, Krieg und Hungerkrisen, S. 1 ff. (s. Lit.)
  10.  Jolijn Geels: Niger. Bradt, Chalfont St Peter 2006, ISBN 1-84162-152-8, S. 189.
  11. Harald A. Friedl, Die Vertretbarkeit von Ethnotourismus am Beispiel der Tuareg der Region Agadez, Republik Niger (Westafrika) - Eine Evaluation aus Sicht der angewandten Tourismusethik, 8.8.2.2. Timia
  12. Marko Scholze: Moderne Nomaden und fliegende Händler. Tuareg und Tourismus in Niger. LIT, Münster 2009, S. 275 ff. (Google Books).