Tingeltangel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Heinrich Zille, Tingeltangel, 1903

Tingeltangel (früher auch häufiger in der Schreibweise Tingel-Tangel) ist ein meist abwertend gebrauchtes Wort für ein Varieté, billiges Tanzlokal[1] oder eine wandernde Kleinkunst-Darbietung.

Etymologie[Bearbeiten]

Nach Otto Ladendorfs Historischem Schlagwörterbuch (1906) ist der Begriff lautmalerisch nach dem Klang von Schlagzeuginstrumenten gebildet (vergleiche dazu auch den Eintrag „ting tang tingel tangel“ im Wörterbuch der Brüder Grimm)[2]. Er stamme aus dem Berlin der 1870er Jahre.[3] Ein Zusammenhang besteht ferner mit dem Wort tingeln (als Künstler durch die Provinz ziehen). Laut Meyers Großem Konversations-Lexikon von 1909 erhielten die Tingeltangel „angeblich ihren Namen nach dem Gesangskomiker Tange, der im Triangelbau sein lange populär gebliebenes Triangellied zum besten gab“. Nach andern Quellen wäre das Wort Tingeltangel in diesem Zusammenhang zuerst in Hamburg[4] (dem Dorado der Tingeltangel) aufgetaucht.[5]

Entstehung und Wahrnehmung[Bearbeiten]

Das Tingeltangel hängt mit einer Form der Darbietung zusammen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Konkurrenz zu den größer dimensionierten Theater- und Zirkusunternehmen entstand und mit der liberalisierten Veranstaltungs-Gesetzgebung[6] im Zuge der Urbanisierung zusammenhängt. Nach Meyers Konversationslexikon von 1909 sei Tingeltangel ein „Berliner Ausdruck für Singhallen niedrigster Art mit burlesken Gesangsvorträgen und Vorstellungen“, zu deren Betrieb eine polizeiliche Erlaubnis nötig sei. In England und Frankreich wird es zumeist als Music-Hall, in den USA als Vaudeville und im deutschen Sprachgebiet als Varieté-Programm in Singspielhallen bezeichnet. Es handelte sich um ein gemischtes Nummernprogramm in kleinen Veranstaltungslokalen, das aus Gesangs-, Tanz-, Akrobatik- und Dressurdarbietungen sowie Kabarettnummern bestehen konnte.

Die Wahrnehmung aus kultureller und sozialer Sicht war durchgehend negativ. 1874 wurden „Tingel-Tangel ... und Liebhaber-Theater“ als „Pflanz- und Brutstätten der Prostitution[7] bezeichnet, gegen die die Polizeidirektion von Berlin zu Recht vorgehe. 1877 stellten die Historisch-politische Blätter für das katholische Deutschland fest: „War das Pariser Cafe chantant frivol, so ist das deutsche Tingel-Tangel gemein. Der Franzose wußte durch die ihm angeborne Grazie zu mildern, was die deutsche Plumpheit zum nackten Cynismus ausprägte.“[8] Offizielle Organe sahen in den „Tingeltangel genannten Theatern“ Gefahren: „Gerade durch die Verbindung der Restaurationswirthshaften mit dem Theatergewerbe wird die verderbliche Einwirkung der dramatischen Frivolität Tausenden geradezu entgegengebracht.“[9]

Varianten[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ursula Hermann, Hans J. Stöhrig: Knaurs etymologisches Wörterbuch. Droemer Knaur, München 1985, ISBN 3-426-26258-4, Seite 955
  2. http://urts55.uni-trier.de:8080/Projekte/WBB2009/DWB/wbgui_py?lemid=GT04573&prefix=tin
  3. Henry Vizetelly: Berlin Under the New Empire: Its Institutions, Inhabitants, Industry, Monuments, Museums, Social Life, Manners, and Amusements.. Tinsley bros., 1879, S. 284.
  4. Hermann Uhde: Das Stadttheater in Hamburg, 1827-1877: Ein Beitrag zur deutschen Culturgeschichte.. Cotta, 1879, S. 551.
  5. http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Tingeltangel
  6. Ministerial-Blatt für die Preussische innere Verwaltung. 1880 (Band 40).
  7. Signale für die musikalische Welt.. Verlag der Signale, 1874, S. 121.
  8. Historisch-Politische Blätter für das Katholische Deutschland. 1877, S. 467.
  9. Germany. Reichstag: Verhandlungen des Reichstags. 1880.