Tipping-Point

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Der Anglizismus Tipping-Point (deutsch „Umkipp-Punkt“, „Kipppunkt“ oder „Kippelement“) ist in der Netzwerkökonomik die kritische Masse, die erforderlich ist, damit sich eine Nachricht oder ein Sozialverhalten massenhaft verbreitet. Auch andere Fachgebiete verwenden diesen Begriff.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Tipping-Point wird manchmal mit dem Wendepunkt in der Mathematik (englisch inflection point) als synonym angesehen, beide haben jedoch im Englischen vollkommen andere Bezeichnungen und Begriffsinhalte. Der Begriff des Tipping-Points stammt vielmehr ursprünglich aus der Massenpsychologie und Soziologie, wo er einen kritischen Punkt in einer Situation, einem Prozess oder einem System beschreibt, „über den hinaus eine signifikante und oft unaufhaltsame Wirkung oder Veränderung stattfindet“.[1]

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Morton Godzins adaptierte 1957 den Begriff aus der Physik, wo die Zufügung eines weiteren Objekts zu einem ausbalancierten Objekt dieses zum Umkippen (englisch tip over) bringt[2] (siehe das Verhalten von Gleichgewichten bei Störungen). Godzins untersuchte die damalige Rassentrennung (englisch segregation) in städtischen Wohngebieten der USA und stellte fest, dass bei nur geringem schwarzen Bevölkerungsanteil die rassische Demografie gleichblieb. Beobachtet nun aber die weiße Bevölkerungsmehrheit den Zuzug größerer Gruppen von Schwarzen, wird dies einen massenhaften Wegzug Weißer zu Folge haben. Diesen Zeitpunkt bezeichnete er als Tipping Point.[3]

Thomas Schelling entwickelte 1971 in seinem Segregationsmodell die Theorie des „Nachbarn rauskegeln“ (englisch neigborhood tipping). Tipping liegt danach vor, wenn eine wahrnehmbare Minderheit in der Nachbarschaft eine Größe erreicht, welche die Mehrheit der anderen Nachbarn zum Auszug veranlasst und sich damit die Zusammensetzung der Nachbarschaft verändert. „Der Punkt, an welchem im folgenden Jahr ein gesteigerter Anteil von Negern vorhanden ist, heißt Kipp-Punkt“ (englisch …exaggerated increase the following year in the proportion of negroes, then we have found the ‚tipping point‘ …).[4] Dieser schnelle Wandel in der Bevölkerungsstruktur ist Morton Godzins zufolge nur schwer wieder umkehrbar.[5]

Weitere Verwendungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Netzwerkökonomie gibt es unter anderem zwei Fachgebiete, die sich mit dem Tipping-Point auseinandersetzen.

Gladwell hat drei Faktoren identifiziert, die für die Ausbreitung einer Epidemie verantwortlich sind:

The Law of the Few (deutsch „Das Gesetz der Wenigen“)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nicht alle Mitglieder einer Gruppe haben den gleichen Einfluss. Vielmehr haben einzelne Mitglieder einen überproportional großen Einfluss, Veränderungen herbeizuführen.

Stickiness (deutsch „Haftenbleiben“)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Präsentation einer Botschaft hat einen großen Einfluss darauf, ob die Adressaten tatsächlich zum Handeln motiviert werden können. Hierbei können auch kleine Änderungen große Auswirkungen haben. Zum Beispiel floppte die Kindersendung „Sesamstraße“ bei ersten Pilotversuchen in den USA, wurde dann aber doch ein Erfolg. Das ursprüngliche Konzept wurde nur durch die Hinzufügung der Figur Bibo geändert.

The Power of Context (deutsch „Umweltbedingungen“)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Menschen sind in ihrem Handeln sehr stark von den Umgebungsbedingungen der jeweiligen Situation beeinflusst. Insofern sind die Ausbreitung von Epidemien und der Erfolg von Maßnahmen abhängig von der Situation der Adressaten. Ein Beispiel hierfür ist die Anwendung der Broken-Windows-Theorie durch New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani ab 1994. Die Polizei New Yorks konzentrierte sich auf die Bekämpfung scheinbarer Bagatellverbrechen, die aber die Lebensqualität der Einwohner New Yorks beeinträchtigten, um so Zeichen für „Null-Toleranz“ zu setzen. Die Politik Giulianis führte zu einem erheblichen Rückgang der Verbrechen in New York. Den potentiellen Verbrechern in New York wurde deutlich gemacht, dass „Null-Toleranz“ auch gegenüber kleinen Übertretungen herrschte, und diese Haltung wurde zum Tipping-Point in der Verbrechensstatistik New Yorks.[11]

In einem Interview im ZEIT-Magazin[12] weist Gladwell auf eine andere Theorie hin. Menschen mit Bleivergiftung werden demnach enthemmt.[13] „In den USA verschwand das Blei 1973 aus dem Benzin. Genau 18 Jahre später, als die damals Geborenen also in das Alter kamen, in dem man gemeinhin kriminell wird, beginnt der steile Abfall der Kriminalitätsrate in Großstädten.“[14] Steven Levitt[15] beschreibt die Studie von Lott und Whitley, die eine plausiblere Alternativerklärung aufzeigt, indem sie sich anhand statistischer Daten mehrerer Länder dem Thema nähert. Es ist also davon auszugehen, dass eine Vielzahl von Faktoren zu diesem Effekt beigetragen hat, lediglich die Inklusion all dieser in eine groß angelegte Studie könnte genauere Aufschlüsse auf Kausalitäten geben.

Marketing[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Marktbearbeitung müssen nicht alle potenziellen Güternachfrager von einem Produkt überzeugt werden. Es genügt vielmehr, wenn eine bestimmte Anzahl von Verbrauchern überzeugt ist; dann setzt sich das Produkt selbsttragend durch. Die Kenntnis vom Schwellenwert, an dem der Tipping-Point für Mitläufer oder Herdenverhalten erreicht wird, ist von großer Bedeutung für Preisbildung und Marketing.[16]

Digitalkamera ersetzt Analogkamera

Der Übergang von der Analogkamera zur Digitalkamera wird als Tipping Point bezeichnet. Innerhalb von drei Jahren ist der Marktanteil der Digitalkameras beim Verkauf von 5 % auf 90 % gestiegen. Kurze Zeit später ist der Verkauf der Analogkameras fast auf Null gesunken.[17][18]

Flachbildschirm ersetzt Röhrenmonitor

Der Übergang vom Röhrenmonitor zum Flachbildschirm ist ebenfalls ein Tipping Point. Innerhalb von drei Jahren ist der Marktanteil der Flachbildschirme von 5 % auf 90 % gestiegen. Kurz danach ist der Marktanteil von Röhrenmonitoren gegen Null gegangen.[17][18]

Management[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Wirtschaft wird das Phänomen Tipping Point als Element eines Führungsstils betrachtet. Man geht davon aus, dass Veränderungen in der Organisation nicht auf der Verwandlung der Masse beruhen. Vielmehr muss man sich auf Einzelne bzw. Extreme konzentrieren, welche einen asymmetrisch großen Einfluss auf die so genannte Performance haben und so rasch einen „Tipping Point“ zur Veränderung auslösen.

Klimatologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aktuell wird dieser Begriff häufig im Zusammenhang mit Klimamodellen verwendet. Wissenschaftler vermuten, dass es Tipping Points in der Klimaentwicklung gibt (z. B. spontane, grundsätzliche Änderungen im globalen Wärmetransport durch veränderte Wasser- oder Luftströmungen), welche dramatische Klimaveränderungen in sehr kurzer Zeit bewirken. Zu diesen Kippelementen zählen etwa das Abschmelzen des Grönländischen Eisschilds oder eine Veränderung des El-Niño-Phänomens.[19]

Das System Erde besitzt eine Vielzahl von aufeinander wirkenden Rückkopplungen. Dies führt dazu, dass eine graduelle Klimaveränderung gravierende Folgen haben kann. Diese können in Form von abrupten Klimawechseln das Klima auf regionaler oder globaler Ebene beeinflussen. Daneben existieren auch konkrete Kippelemente, die bei Überschreiten eines „Tipping-Point“ ihren Zustand rasch und meist schwer, zum Teil auch irreversibel ändern können.[20] Wenngleich die Existenz der Kippelemente als nahezu gesichert gilt, ist nur näherungsweise bekannt, zu welchem Zeitpunkt die Tipping-Points dieser Elemente wirksam werden. Forschungen zur Schmelzdynamik von Gletschern des Westantarktischen Eisschildes ergaben, dass dort der Tipping-Point für ihr Abschmelzen erreicht wurde. Allein die Masse des dortigen Pine-Island-Gletschers und weiterer Gletscher im Gebiet der Amundsen-See würde zu einem Anstieg des Meeresspiegels um 1,2 m weltweit führen. Es ist zugleich ein Beispiel für einen unumkehrbaren Point of no Return, da sich das weitergehende Abschmelzen in den kommenden Jahrhunderten auch durch eine verringerte globale Erwärmung wahrscheinlich nicht mehr aufhalten ließe: Durch das bereits heute gemessene Aufschwimmen des Eisschelfs fehlt dem Inlandsgletscher ein Widerlager, er gleitet zunehmend ins Meer, wo die Temperatur wesentlich höher liegt als an Land.[21]

Physik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Zubereitung von Popcorn: Man gibt Öl in einen Topf, einige Millimeter hoch. Danach gibt man Maiskörner dazu, stellt den Topf auf den Herd und erhitzt ihn. Der Topf wird wärmer, aber es wird zuerst nichts passieren. Erst nach einigen Minuten, wenn das Öl die Temperatur von 163 °C erreicht hat, wird das erste Maiskorn aufplatzen. Das liegt daran, dass ein Maiskorn außen eine harte und stabile Hülle hat, innen mit weicher und wasserhaltiger Stärke gefüllt ist. Das Wasser im Inneren beginnt zu kochen und zu verdampfen, und es wird Druck aufgebaut, bis die Hülle dem Druck nicht mehr standhalten kann und platzt: Nach und nach werden die Maiskörner explodieren. Erst wenige, dann immer mehr (Tipping-Point) und immer schneller, bis die Temperatur von 169 Grad Celsius erreicht ist. Das hängt damit zusammen, dass nicht alle Maiskörner gleich groß sind, die Hüllen der Maiskörner nicht alle gleich dick sind usw. Aber in dem schmalen Bereich von 163 Grad Celsius bis 169 Grad Celsius werden fast alle platzen, und der Prozess ist nicht mehr umkehrbar.[17][18]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Malcolm Gladwell: The Tipping Point – How Little Things Can Make A Big Difference. 2000.
    • Deutsche Ausgabe: Der Tipping Point. Wie kleine Dinge Großes bewirken können. Goldmann Verlag, München 2002, ISBN 978-3-442-12780-1.
  • W. Chan Kim/Renée Mauborgne: Der Blaue Ozean als Strategie. Wie man neue Märkte schafft, wo es keine Konkurrenz gibt. Carl Hanser Verlag, München und Wien 2005, ISBN 3-446-40217-9, insbesondere Kapitel 7.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary (Hrsg.), Webster’s New International Dictionary, 2008, S. 876 ff.
  2. Jean d'Aspremont/John Haskell (Hrsg.), Tipping Points in International Law, 2021, S. 246
  3. Morton Godzins, Metropolic Segregation, in: Scientific American 24, 1957, S. 33–41
  4. Thomas C. Schelling, Dynamic Models of Segregation, in: Journal of Mathematical Society vol. 1, 1971, S. 157 f.
  5. Morton Godzins, Metropolic Segregation, in: Scientific American 24, 1957, S. 33–41
  6. Bob Briscoe/Andrew Odlyzko/Benjamin Tilly, Metcalfe's law is wrong, in: IEEE Spectrum Magazine vol. 43, Juli 2006, S. 34 – 39
  7. Malcolm Gladwell, The Tipping Point: How Little Things Can Make A Big Difference, 2000, S. 1 ff; ISBN 0-316-31696-2
  8. Malcolm Gladwell, Tipping Point: Wie kleine Dinge Großes bewirken können, 2002/2016, o. S.
  9. Malcolm Gladwell, The Tipping Point: How Little Things Can Make A Big Difference, 2002, S. 18 ff.
  10. Sascha Langner, Viral Marketing, 2007, S. 27 ff.
  11. Malcolm Gladwell, Tipping Point. Wie kleine Dinge Großes bewirken können, 2002/2016, S. 146
  12. Die Zeit vom 28. Mai 2009, Gladwell-Interview, S. 11–13
  13. Hans Marquardt/Siegfried G. Schäfer (Hrsg.), Lehrbuch der Toxikologie, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 1997. ISBN 3-8274-0271-9, S. 513–517
  14. Die Zeit vom 28. Mai 2009, Gladwell-Interview, S. 13
  15. Steven Levitt, Freakonomics: A Rogue Economist Explores the Hidden Side of Everything, 2005
  16. Reiner Clement/Dirk Schreiber/Paul Bossauer/Christina Pakusch, Internet-Ökonomie, 2019, S. 4
  17. a b c Jürgen Klöckner: Trendforscher erwartet baldigen Durchbruch der E-Autos, 5. November 2013, zeit.de
  18. a b c Elektromobilität: Revolution der Automobilindustrie von Lars Thomsen, Vortrag von Lars Thomsen auf der 26. internationalen „Motor und Umwelt“-Konferenz der AVL List GmbH am 12. September 2013 in Graz, Österreich, Video bei YouTube, veröffentlicht am 11. Oktober 2013
  19. Christoph Bals: Kipp-Punkte im Klimasystem. Interview mit Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Germanwatch, 2006, abgerufen am 20. Februar 2014.
  20. Timothy M. Lenton/Hermann Held/Elmar Kriegler/Jim W. Hall/Wolfgang Lucht/Stefan Rahmstorf/Hans Joachim Schellnhuber: Tipping elements in the Earth's climate system. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. 105, Nr. 6, 12. Februar 2008, S. 1786–1793. ISSN 0027-8424. doi:10.1073/pnas.0705414105.
  21. NASA Jet propulsion laboratory News (Hrsg.), The "unstable" West Antarctic Ice sheet: A primer