Titan (Jean Paul)

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Erstdruck (Titelblatt und zeitgenössische Einbände)

Titan, erschienen in vier Bänden zwischen 1800 und 1803, ist ein Roman von Jean Paul.

Der Kapitalroman[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jean Paul nannte den Titan seinen „Kardinal- und Kapitalroman“. Der Roman umfasst circa 900 Seiten und erzählt die Bildungsgeschichte des Helden Albano de Cesara vom leidenschaftlichen Jüngling zum gereiften Mann. In Sprache und Stil weicht der Roman auffällig von anderen Texten Jean Pauls ab. Die Erzählung ist straffer organisiert und enthält weniger Abschweifungen und Randnotizen. Die Forschung sah darin häufig eine (stilistische) Annäherung an den Klassizismus Weimars, mit dem sich Jean Paul in dieser Zeit intensiv und kritisch auseinandersetzte. Die bilder- und anspielungsreiche, (im damaligen Sinne) „witzige“ Sprache Jean Pauls bleibt jedoch auch im Titan erhalten; der Roman ist also trotzdem eine herausfordernde Lektüre für heutige Leser.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorbemerkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Handlung des Romans spielt im 18. Jahrhundert zu Beginn von dessen letztem Jahrzehnt. Sie ist dreifach gegliedert: in vier Bände, 35 Jobelperioden und 146 Zykeln (die Reimersche Gesamtausgabe von 1827, der die nachfolgenden wörtlichen Zitate entnommen sind, teilt den Roman in fünf Bände auf).

Im 9. Zykel erklärt Jean Paul den Begriff Jobelperiode: Er leitet sich von dem jüdischen Jobeljahr ab (Lev 25,8 EU). Dementsprechend soll der Leser in Jean Pauls Jobelperioden nicht zu arbeiten, „sondern nur zu ernten und zu ruhen brauchen; denn ich bin der einzige, der als [...] Fröhner an dem Schreibtisch steht...“. Anschließend schreibt er zum Zykel: „Ein Zykel – welches Gegenstand meiner zweiten Namenerklärung ist – braucht nun gar keine [Erklärung].“

Erster Band (1. bis 9. Jobelperiode, 1. bis 52. Zykel)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorgeschichte: Albano de Cesara (Jean Paul nennt ihn ab dem 4. Zykel „Zesara“), Sohn des spanischen Grafen und Ritters vom Goldenen Vlies Don Gaspard de Cesara, lebte bis zu seinem dritten Geburtstag mit Mutter und Schwester im Palazzo Borromeo auf Isola Bella. Dann wurde er auf Geheiß seines Vaters zu einer Pflegefamilie nach Blumenbühl im Fürstentum Hohenfließ geschickt, damit er dort erzogen werde. Diesen Vater hatte Albano noch nie gesehen. Er stand bereits im 20. Lebensjahr, als ihn Don Gaspard zu einer ersten Begegnung nach Isola Bella rief.

Der Roman beginnt mit der Ankunft Albanos auf der Insel am Vorabend des Treffens. Am nächsten Tag, einem Karfreitag, sieht der romantisch-schwärmerische Jüngling zum ersten Mal den heiß ersehnten Vater, der sich indes weltmännisch-kühl verhält. Dieser gibt ihm zwei Vexierbilder von Schwester und Mutter, jeweils mit der Inschrift: „Nous nous verrons un jour...“. Zudem erfährt Albano, er werde eines Tages eine Botschaft erhalten, die ihm – auf einem sehr ausgeklügeltem Weg – ein Schriftstück in die Hände spiele, „aus dem der Christbaum seines ganzen Lebens wachsen soll.“ Der Ritter ordnet weiter an, Albano solle künftig in Pestiz wohnen, der Residenzstadt von Hohenfließ, die er bisher nicht betreten durfte. Dort werde er beim Minister „von Froulay [...] Kenntnisse des Regierung- und Kammerwesens“ erwerben.

In der folgenden Nacht begegnet Albano im Garten des Palazzo Borromeo einem gespenstischen Mönch. Dieser grüßt ihn: „Gedenke des Todes“ und tituliert sich als „Vater des Todes“ (Laut Fußnote von Jean Paul: „Aus dem Orden des heiligen Paul’s [...]. Die obige Anrede ist ihr gewöhnlicher Gruß.“). Er ist ein „Zahuri“, denen „wird bekanntlich die Kraft zugetraut, Leichname [...] in der tiefen Erde zu erblicken.“ Der Mönch prophezeit, Albanos Schwester werde zu dieser Nachtstunde in Spanien sterben, gleich danach werde er ihre Stimme hören und ihre Gestalt auf dem Wasser sehen. Zesara fährt mit dem Mönch in den See hinaus. Über Albano ertönt eine Stimme: „Nimm die Krone, nimm die Krone – ich helfe dir.“, sodann: „Liebe die Schöne, liebe die Schöne, ich helfe dir.“ Wieder spricht die Stimme: „Liebe die Schöne, die ich dir zeige...“; gleichzeitig gewahrt Albano für „wenig Sekunden“ ein über dem Wasser schwebendes Mädchen. Wieder an Land, verkündet der Zahuri: „Am künftigen Himmelfahrttage [Albanos Geburtstag] in deiner Geburtstunde wirst du neben einem Herzen stehen, das in keiner Brust ist, und deine Schwester wird dir vom Himmel den Namen deiner Braut verkündigen.“

Überraschend verlässt Don Gaspard am nächsten Morgen den Sohn ohne Abschied. Nun kehrt auch Albano nach Hohenfließ heim. Kurz vor Pestiz erinnert er sich beim Anblick Blumenbühls an seine Kindheit. Damit springt der Roman nach dem 10. Zykel ebenfalls zu den Kindheitstagen zurück.

Albano erlebt bei seinen Pflegeeltern, der Familie des Landschaftsdirektors v. Wehrfriz eine glückliche Kindheit, nur getrübt durch das Verbot, die nahe Residenzstadt zu betreten. Neben dem herkömmlichen Hauslehrer, dem Magister Wehmeier wird noch ein Musik-, Tanz- und Fechtmeister ins Haus geholt. Dieser, ein Herr v. Falterle, führt sich bei den Pflegeeltern ein, indem er mit seinen Erfolgen bei den vornehmen Zöglingen in Pestiz prahlt. Diese sind Don Gaspards Mündel, die Gräfin Linda de Romeiro, sowie Liane und Roquairol, die Kinder Froulays. Roquairol gilt als begabter Schauspieler, der es aber versteht, sich auch außerhalb des Theaters dramatisch in Szene zu setzen: Weil die kleine Gräfin Romeiro seine Liebe abweist, schießt er sich vor allen Leuten eine Kugel in den Kopf, die indes nur sein Ohr streift. Falterle übt mit Roquairol Theaterrollen ein und memoriert diese oft in Albanos Gegenwart. „Wie mußte das alles unsern Freund für einen Jüngling gewinnen, den er bald als Karl Moor – bald als Hamlet – als Clavigo – als Egmont durch seine Seele gehen sah!“. Albano schreibt bewundernde Briefe an den Unbekannten in Pestiz, Falterle jedoch unterschlägt sie. Stattdessen lenkt er Zesaras Interesse auf Liane. Albano entbrennt in schwärmerischer Liebe zu der nie Gesehenen. Unter dem Einfluss dieser Liebe entfaltet sich Albano weit über das, was ihm seine beiden Lehrer bieten können: „...Phantasie, Herz, Blut und Ehrliebe gohren...“ wie in einem Fass. Da begegnet ihm der fürstliche Landbaumeister und Künstler Dian, ein Grieche. Der „füllte das Faß auf [...] Er machte ihm – indes Wehmeier und die Pflegeeltern ihm überall mit einer Kanzel und einem Kirchenstuhle nachliefen, [...] – mit schöner liberaler Freiheit Raum, sich breit und hoch zu entwickeln.“

In Hohenfließ befürchtet man den Tod des altersschwachen Monarchen. Kronprinz Luigi wird aus Italien zurückgerufen. Zu dieser Zeit erhält Albano durch den Bibliothekar Schoppe die am Anfang geschilderte Einladung seines Vaters nach Isola Bella. Mit Schoppe und Dian, der für Luigi Abgüsse von Antiken aus Italien bringen soll, verlässt Albano Hohenfließ.

Die Handlung des Romans setzt sich ab dem 28. Zykel wieder dort fort, wo sie nach dem 10. Zykel unterbrochen worden ist: mit Albanos Einzug in Pestiz. Zum ersten Mal betritt er das „verbotene Paradies“, die Heimat der von ihm verehrten Geschwister Roquairol und Liane. Zesara wohnt zusammen mit Schoppe und einem Herrn v. Augusti. Der soll nach des Vaters Willen künftig die höfische Erziehung Albanos leiten, für die der Freigeist Schoppe, „der lieber vogelfrei als nicht frei oder freigelassen sein wollte...“, nicht geeignet scheint. Albano erhält einen Brief seines Vaters: Don Gaspard habe die am Karfreitag abgesandte Nachricht empfangen, dass Albanos Schwester an Asphyxien leide und diesen Tag wohl nicht überleben werde. Die erste Prophezeiung des Zahuris hat sich erfüllt.

Der alte Fürst von Hohenfließ stirbt – wenige Wochen nach seiner Gattin, Fürstin Eleonore. Zu dieser Zeit wird Albano am Fürstenhof eingeführt. Dort begegnen ihm Prinzessin Julienne und ihr Bruder, der Thronfolger Luigi. Dieser wirkt frostig, überheblich, „[m]it einem flachen Schnitzwerke des schwammigen Gesichts, auf dem sich nichts ausdrückte als der ewige Mißmuth der Leben-Verschwender, und mit einigem reifen Grauwerke auf dem Kopfe (als Vorläufer der Weisheitzähne)“. Er prahlt vor Albano mit einer Galerie frivoler Gemälde, sodass der junge Graf empört den Hof verlässt.

An der Bahre des toten Fürsten hält auch Roquairol Totenwache. Als seine Schwester Liane an den Katafalk tritt, weist er sie geschmacklos auf des Toten Brust ohne Herz hin (des Fürsten Herz ist in einem Gedenkstein in Lilar beigesetzt worden). Dies wühlt das hypersensible Mädchen derart auf, dass sie erblindet. Bei Tisch berichtet Zesaras Hausherr, der Arzt Dr. Sphex, in kalten Worten von diesem Unglück und prophezeit Lianen kein langes Leben. Albano verfällt darüber in tiefe Wehmut. Er befürchtet, das geliebte Mädchen niemals zu sehen. Sein „Durst nach Wissen und Wert, sein Stolz“ treiben ihn zum Studium der Jurisprudenz.

In Pestiz trifft der Deutsche Herr Mr. de Bouverot ein. Er soll im Auftrag des benachbarten Fürstentums Haarhaar Luigis Hochzeit mit einer haarhaarischen Prinzessin vorbereiten. Dort hofft man ohnehin, dass dem eigenen Fürstentum „Land und Leute [von Hohenfließ] zustürben, falls der Erbprinz Luigi, der letzte hohlröhrige Schuß und Fechser des hohenfließer Mannstammes, verdorrte.“ Schoppe erkennt den Deutschen Herrn als Zefisio, den er in Rom als Falschspieler bloßgestellt hat. Bei einem Tee im Palais Froulay kann Albano erstmals wenige Worte mit der blinden Liane wechseln. Ihr Augenleiden bessert sich aber, bald kann sich die Genesene in Lilar erholen, „dem Lust- und Wohngarten des alten Fürsten“ (eine Ansiedlung mit einem fantasievoll gestalteten Landschaftspark, der in das liebliche Elysium und in den schaurigen Tartarus geschieden ist). Dorthin wandert Albano und trifft das Mädchen bei Dians Frau Chariton. Hier spricht er zum ersten Mal ungestört mit der Angebeteten.

In Pestiz wird der alte Fürst beigesetzt. Während des Trauerkondukts erblickt Albano erstmals den seit Jugendtagen angehimmelten Roquairol: „Ein blasses eingestürztes Angesicht, [...] von allen Jugendrosen entblößet, [...]. Welch ein Mensch voll verlebten Lebens! [...] aber Albano nahm ihn ganz in sein Herz hinein und wurde bleich vor inniger Bewegung und sagte: ‚Ja, er ists!‘“ Sofort trägt er ihm in einem schwärmerisch-pathetischen Brief seine Freundschaft an. Roquairol antwortet nur: „Ich bin wie du. Am Himmelfahrtabende will ich dich suchen.“ Am Himmelfahrtstag, seinem Geburtstag, wandert Albano nach Lilar. Gegen 11 Uhr nachts, seiner Geburtsstunde, sucht Albano im Tartarus, eingedenk der Prophezeiung des Zahuris, das Denkmal auf, in dem das Herz des toten Fürsten ruht. Dort, „neben einem Herzen [...], das in keiner Brust ist,“ vernimmt er dreimal die Stimme seiner toten Schwester: „Linda de Romeiro geb' ich dir.“ Bald danach trifft er Roquairol; in einer schauerlich gestalteten Katakombe besiegeln beide ihre Freundschaft.

Zweiter Band, (10. bis 14. Jobelperiode 53. bis 66. Zykel)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Aber Roquairol war nicht der, der er ihm schien.“ Nichts ist ihnen gemeinsam – außer dem Klang der Stimme. Denn er war „leichter vermögend, auf der Bühne [...] die wahre Sprache der Empfindung zu treffen als im Leben.“ Trotzdem ringt sich Roquairol zu dem Entschluss durch: „Albano, ich bin deiner nicht wert.“ Er beichtet ihm von seiner zerrissenen Seele und gesteht, seines Lebens überdrüssig zu sein. Albano glaubt, diese Verzweiflung beruhe auf der nächtlichen Verheißung Linda de Romeiros als seiner künftigen Braut. Er befürchtet, Roquairol liebe sie noch immer und müsse deshalb erkennen, dass sie für ihn nun endgültig verloren sei. Um ihn zu trösten, gesteht er, dass er nicht Linda, sondern nur Liane liebe.

Albano verkehrt nun öfter im Hause Froulays. An dessen Geburtstag kommt es zu einem bösen Handel: Bouverot fordert von dem Minister, der ihm große Summen schuldet, Lianens Hand, doch die Mutter verwahrt sich entschieden dagegen. Während einer Reise Froulays schickt sie Liane fort nach Blumenbühl ins Wehrfriz'sche Haus. Dort kann Albano sie ungestört treffen. Bei einem Besuch der Prinzessin Julienne in Blumenbühl zeigt diese Albano ein Bild Lindas. Zwar erkennt er erschrocken: „es war ganz die Gestalt, welche in jener Zaubernacht aus dem Lago maggiore aufstieg, ...“, doch ungeachtet der Verheißung gesteht er Liane seine Liebe.

Dritter Band (15. bis 21. Jobelperiode, 67. bis 92. Zykel)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Liane begegnet Albanos Liebe mit entsagender Zuneigung. Sie wünscht und glaubt, „daß [er] einmal ganz glücklich“ sei, „nach Einem Jahre“ [...] „nach den Prophezeiungen.“, die auch sie kennt. Doch nicht bei ihr – Liane – soll er sein Glück finden, sondern, wie vorhergesagt, bei Linda de Romeiro. Sie selbst werde dann schon gestorben sei. Das wisse sie von ihrer toten Freundin Karolina, die ihr oft erscheine und mit der sie Zwiesprache halte. Vergebens versucht Zesara, ihr diesen schwärmerischen Wahn auszureden.

Wegen der bevorstehenden Fürstenhochzeit muss Liane ins Elternhaus nach Pestiz zurückkehren. Dort bleibt sie für Albano unerreichbar. Man verheimlicht ihm, dass Liane unter Hausarrest gestellt worden ist, denn ihre Eltern haben die Beziehung zu Zesara entdeckt. Der zänkische Froulay lehnt entschieden eine Verbindung seines Hauses mit der Familie des Grafen ab. Stattdessen soll Liane Hofdame bei der neuen Fürstin werden und später Bouverot heiraten. Da sich das Mädchen hartnäckig weigert, mit Zesara zu brechen, bringt die Mutter sie zu dem alten Hofprediger Spener, der in Lilar als frommer Einsiedler haust. Als Freund und Lehrer Lianens genießt der gütige Greis ihr Vertrauen. Vor ihm schwört sie, „auf ewig ihrem Albano“ zu entsagen. „Aber hier geht die Geschichte in Schleiern! [...] Wie er es erzwang [...] wird von der großen Sphinx des Eides, den sie ihm schwur, bewacht und bedeckt.“ – Auch vor dem Leser! Doch für das Mädchen müssen es einleuchtende Gründe sein. Sie erzwingt von den Eltern die Erlaubnis zu einer letzten ungestörten Begegnung mit Albano und teilt ihm das Ende ihrer Beziehung mit. Dieser Abschied stürzt Zesara in tiefste Verzweiflung und erschüttert Liane so stark, dass sie wieder erblindet. Schoppe rät dem mutlosen Grafen, zu verreisen.

Der intrigante Froulay geht mitleidlos auf den Plan des Deutschen Herren ein, die Hilflosigkeit der Blinden auszunützen, um sie heimlich zu malen, während die Eltern außer Hauses sind. „Diese zwei Falken auf Einer Stange, von Einem Falkenmeister, dem Teufel, abgerichtet, verstanden und vertrugen sich gut“. Doch Liane bemerkt bald Bouverots Anwesenheit. Als er auf sie eindringen will, gibt ihr der Schreck das Augenlicht wieder, sie entkommt ihm.

Albano erhält einen Brief seines Vaters: Er lädt ihn ein, an einer Kunstreise nach Rom mit der neuen Fürstin teilzunehmen. Ihre Hofdame Liane werde sie begleiten. Don Gaspards Mündel, Linda de Romeiro, werde nach Pestiz kommen. Da ihr die Geistervisionen mitgeteilt wurden, meide sie Albanos Gesellschaft. Als Roquairol von Lindas Ankunft erfährt, wird sein „ganzes Gesicht häßlich“. Brieflich gesteht er, dass er die Tochter von Albanos Pflegevater von Wehrfriz, der er über längere Zeit hinweg den Hof gemacht hat, entjungfert hat, jedoch nicht im Geringsten daran denke, sie zu heiraten. Dies bedeutet das Ende der Freundschaft zu Zesara. Der aber blüht bei der Aussicht auf die Italienreise wieder auf. Er freundet sich mit der Fürstin an und wird häufig von ihr bei Hofe eingeladen. Dies scheint Prinzessin Julienne zu stören, eines Abends führt sie einen Eklat herbei. Daheim findet Albano einen anonymen Brief, der ihn vor der Fürstin warnt und mit den Worten schließt: „Fliehe sie! – Ich liebe dich, aber anders und ewig. Nous nous verrons un jour, mon frère.“ Zesara rätselt: Schrieb Julienne dieses Blatt? Ist sie seine Schwester? Die Fürstin teilt Albano mit, Liane sei zu krank, um an der Reise teilzunehmen. Er glaubt, „Daß gerade seine Liebe das glühende Schwert werden mußte, das durch Ihr Leben drang.“ In seiner Verzweiflung schließt er sich enger an Schoppe an. Bei einem Besuch im Weinkeller tritt ein unheimlicher Fremder an den Tisch, „wie ein Totenkopf gänzlich kahl und sogar ohne Augenbraunen“. Auf Albanos Drängen will ihm der Kahlkopf seine Schwester zeigen. Wie in einer Vision findet sich Zesara „in einem alten bestäubten gothischen Zimmer“ wieder. Eine tief verschleierte Gestalt erscheint – seine Schwester? Sie gibt ihm die Hälfte eines zerbrochenen Rings. Verwirrt erwacht er allein im Wald.

Sein Vater drängt aus der Ferne, man solle ihn noch vor Lianens zu erwartenden Tod aus Pestiz auf die Reise nach Italien schicken. Da erreicht den verzweifelten Zesara ein Blatt: Fräulein v. Froulay verlange sehnlichst, noch heute mit ihm zu sprechen. Er möge eilen, da sie den Abend schwerlich überleben werde. Albano hetzt an Lianens Sterbebett. Sie beteuert, ihm treu geblieben zu sein, drängt ihn, die Gräfin Romeiro zu lieben. „Erst nach langer Zeit wird mein Albano es erfahren, warum ich von ihm gewichen bin, nur zu seinem Wohl.“ Zu spät bittet er um Vergebung, Liane stirbt. Schmerz und Schuldbewusstsein stürzen Zesara in wahnsinnige Fieberträume, die ein lebensbedrohliches Ausmaß annehmen. Er fleht, die Verstorbene möge ihm erscheinen, um ihm zu vergeben. Da fasst Schoppe einen verwegenen Plan, den er gegen den Willen des Vaters auch ausführt: Er bittet der Fürstin Schwester, die Prinzessin Idoine, sie möge wegen ihrer täuschenden Ähnlichkeit mit Liane als diese vor Albano erscheinen. Der Plan gelingt, „Liane“ vergibt, Albano ist geheilt und reist mit dem Vater nach Rom.

Vierter Band (26. bis 35. Jobelperiode, 101. bis 146. Zykel)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ergriffen von den Ruinen des Forum Romanum erwacht sein Tatendrang: „Thun ist Leben, darin regt sich der ganze Mensch und blüht mit allen Zweigen.“ Er beschließt, in das französische Revolutionsheer einzutreten. Don Gaspard hält dies für eine jugendliche Laune. Er rät dem Sohn, sich „zu[m] g a n z e n Menschen [zu bilden]; wie etwan ein Fürst sein muß“. Mit der Fürstin kommt es zum Zerwürfnis, weil Zesara ihrem Liebeswerben ausweicht. In Begleitung Dians reist Albano nach Neapel. In einer kleinen Stadt werden beide Zeugen der Himmelfahrt eines Mönchs. Dieser – Albano glaubt, ihn als den Zahuri zu erkennen – spricht von einer hohen Mauer zur Menge. Als er Zesara erblickt, prophezeit er ihm „er reise fort nach Ischia, dort trifft er seine Schwester an.“ Dann verschwindet der Mönch im Nachthimmel. Nun drängt Albano auf die Weiterreise, wenig später treffen die beiden auf Ischia ein. Hier erfüllen sich weitere Prophezeiungen: Während eines abendlichen Festes am Strand nähert sich eine Barke der Insel. Frauen steigen aus, unter ihnen – es „schien eine Göttin zu kommen“ – Linda de Romeiro. Da sie unter Nachtblindheit leidet, geleitet Albano sie auf dem Heimweg. Sie verlieben sich. Am anderen Morgen wird er von einer Dienerin in ein Zimmer geführt, dort liegt auf einem Tisch ein halber Ring – Zesara erinnert sich des visionären Abenteuers mit dem Kahlkopf. Da findet er plötzlich in seiner Tasche das Gegenstück dazu. Eine Tür öffnet sich, „lächelnd und weinend“ fliegt ihm Prinzessin Julienne zu: „o mein Bruder!“ Zesaras weiteren Fragen weicht sie aus – im Oktober werde er alles erfahren. Überraschend drängt Julienne den Bruder, unverzüglich mit ihr und der Geliebten, aber getrennt von beiden – noch sollen die neuen Verhältnisse geheim bleiben – nach Pestiz zurückzukehren. Unterwegs treffen sie sich in Tivoli. Die beiden Mädchen versuchen, Albano von seinem Plan, in die französische Revolutionsarmee einzutreten, abzubringen. Denn nicht die Idee der Revolution ist es, die ihn treibt, sondern das Empfinden eigener Tatenlosigkeit: „Schwester, Linda, was hab’ ich denn noch gethan auf der Erde?“, fragt er. Julienne rät, die Entscheidung über Albanos Plan auf den Oktober zu vertagen.

Albano kehrt nach Pestiz zurück. Dort trifft er seinen Vater, der ihm ebenfalls entschieden nahelegt, die neuen Verhältnisse am Hofe zu verschweigen und die Fürstin zu meiden, „denn sie hasset dich ohne Gränzen.“ Beim Besuch in Blumenbühl trifft er den sichtlich verfallenen Roquairol, der ein Trauerspiel verfasst hat, zu dessen Aufführung er Zesara eindringlich einlädt. Schoppe ist inzwischen nach Spanien gereist. In einem langen Brief beschreibt er, wie er in jungen Jahren Zesaras Mutter gemalt habe. Er vermutet wegen deren täuschender Ähnlichkeit mit Linda, dass auch diese eine Schwester Albanos sei. Don Gaspard widerspricht Schoppes Annahme und drängt auf eine schnelle Hochzeit. Linda will Zesara aber nur heiraten, wenn er vorher endgültig dem Kriegsdienst abschwört. Da er dazu nicht bereit ist, kommt es darüber einer kurzzeitigen Verstimmung zwischen den Liebenden, aber bald erhält Linda einen warmherzigen Brief von Albano, in dem er ihre Bedingung akzeptiert. Er lädt sie zu einem Rendezvous ins abendlich-dunkle Lilar ein. Doch der Brief stammt von dem rasend eifersüchtigen Roquairol. Die ebenfalls eifersüchtige Fürstin hatte ihm geraten: „Sie haben Seine Stimme, und Sie hat abends kein Auge.“ Die nachtblinde Linda merkt den Betrug nicht „und das weiße Brautkleid ihrer Unschuld wurde zerrissen“. Am nächsten Abend wird Roquairols Trauerspiel aufgeführt. Auf dessen Höhepunkt erschießt er sich zum Entsetzen des Publikums auf offener Bühne.

Albano und Linda entdecken nun Roquairols Betrug an ihnen, worauf sich Zesara von ihr für immer trennt. Schoppe kehrt mit dem Bild von Don Gaspards Gattin zurück – es ähnelt auffallend Linda. Albano schickt den Freund mit dem Bild zu Linda – sie erkennt sofort ihre Mutter. Don Gaspard kommt hinzu. Wütend über den Bilderraub ruft er seinen Bruder, Albanos Onkel, der inzwischen auch in Pestiz eingetroffen ist. Dieser beschuldigt Schoppe, in Spanien den Kahlkopf ermordet zu haben. Don Gaspard stellt ihn vor die Wahl: Gefängnis oder Tollhaus. Er wählt das Tollhaus, aber Albano löst ihn aus. Doch Schoppe ist ein gebrochener Mann, weil er intensiv Fichtes Philosophie studiert hat. Dies verwirrte seinen Geist: Er fürchtet, der „Ich“ werde ihm begegnen. Nur der Drang, den Onkel zu entlarven, hält ihn am Leben. Albano verschiebt seine Flucht nach Frankreich und pflegt den Freund. Doch Schoppe flüchtet, zuerst ins Schloss, wo Luigi im Sterben liegt. Dort stößt er durch Zufall auf den ausgeklügelten Weg, den Don Gaspard zu Beginn des ersten Bandes seinem Sohn angekündigt hat, und findet das Schriftstück. Dann stellt er den Onkel und will ihn zu einem umfassenden Geständnis zwingen. Da erscheint eine Gestalt, die Schoppe aufs Haar gleicht: Er vermeint, es sei der gefürchtete „Ich“ und erschrickt zu Tode. Der Fremde erweist sich als Siebenkäs (aus dem gleichnamigen Roman Jean Pauls). Der tote Schoppe war sein Freund Leibgeber.

Auflösung der gesamten Romanhandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Ende des Romans ergibt sich aus Briefen, Berichten, Gesprächen und Schriftstücken:

Albanos Onkel hat auf Geheiß Don Gaspards – „... denn er lacht sehr, wenn die Menschen sehr hübsch betrogen werden.“ – den Zahuri, den Kahlkopf, die Stimme neben dem toten Herz und den fliegenden Mönch vorgetäuscht und als Bauchredner mit Hilfe von Puppen und anderen mechanischen Einrichtungen all die geisterhaften Prophezeiungen inszeniert. Das alte Fürstenpaar von Hohenfließ, zum Schluss des ersten Bandes gestorben, war lange kinderlos geblieben, deswegen wuchs in Haarhaar die Hoffnung, Hohenfließ künftig zu beerben. Der spät geborene Kronprinz Luigi wurde im Auftrag Haarhaars von Bouverot in Rom durch „schwarze Handlungen“ (Bouverot verleitete Luigi zum Verkehr mit venerisch erkrankten Huren) gesundheitlich beeinträchtigt. Don Gaspards Gattin und Fürstin Eleonore von Hohenfließ waren in jungen Jahren befreundet. Beide – zur gleichen Zeit schwanger – versprachen sich, die Neugeborenen zu vertauschen. Die Gräfin gebar ein Mädchen – Linda. Die Fürstin aber wurde von Zwillingen entbunden – Albano und Julienne. Da sie mit Julienne bereits selbst ein Mädchen hatte, wurde nur Albano der Gräfin Cesara übergeben, der dadurch als Kronprätendent dem Hause Haarhaar verborgen blieb. Don Gaspard unterstützte dies, um sich am haarhaarschen Hofe für eine früher erlittene Demütigung zu rächen. Zur Verschleierung lebte Albano bis zum dritten Lebensjahr auf Isola Bella, dann wollte ihn der Fürst in seiner Nähe wissen. Aber wegen der Ähnlichkeit mit seinem Vater, dem Fürsten, durfte der junge Prinz in Pestiz nicht gesehen werden. Deshalb wurde er in Blumenbühl bei Wehrfriz erzogen. Außer der fürstlichen Familie kannte nur der alte Hofprediger Spener Albanos Identität. Diese vertraute er Lianen an, die deswegen der Liebe zu Albano entsagte.

Haarhaars Plan, Luigi zu verderben, schien mithilfe des Deutschen Herrn, dem man als „Lohn“ die Ehe mit Idoine versprach, aufzugehen. Nach Luigis Tod aber präsentiert sich völlig überraschend Albano als neuer Thronfolger in Hohenfließ. Das „Thun“, das er im Dienste der Revolutionsarmee suchte, findet er nun als reformfreudiger Fürst. Prinzessin Idoine, von gleichen Bestrebungen erfüllt wie Albano, wird seine Gemahlin und Fürstin.

Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jean Paul äußerte sich über den Titan in einem Brief, er müsse eigentlich „Anti-Titan“ heißen, weil darin „jeder Himmelsstürmer seine Hölle“ finde. Sein Ziel sei es gewesen, die „allgemeine Zuchtlosigkeit des Säculums“ zu geißeln, und die „Trennung des Ichs von der Beschauung“ anzuprangern: In den Figuren des Romans (Roquairol, Schoppe, Gaspard, Liane, Linda) kristallisiert Jean Paul verschiedene Problemkomplexe der Zeit um 1800. Am Ende müssen alle Charaktere, außer dem Helden, auf Grund ihrer Einseitigkeit scheitern. In Schoppe wird die idealistische Philosophie Fichtes verurteilt, in Roquairol das ästhetizistische l’art pour l’art, wie es Jean Paul in Weimar vorzufinden meinte, in Gaspard Kälte und politische Berechnung, in Liane eine schwärmerische Religiosität (Pietismus, Herrnhuter Brüdergemeine), in Linda die vermeintlich ungebührliche Hybris emanzipierter Frauen. An allen diesen Einseitigkeiten soll sich der Held bilden und zum harmonischen, „vielkräftigen“ statt „einkräftigen“ Individuum heranreifen. Es ist allerdings häufig festgestellt worden, dass die eigentlich zum Scheitern verurteilten Personen mehr Spannung und Interessantheit besitzen als die manchmal allzu glatt und ideal wirkende Hauptfigur Albano.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gustav Mahler wurde vom Titan bei der Komposition seiner ersten Sinfonie inspiriert und gab dieser deshalb zu Beginn den Untertitel Titan, der später aufgrund diverser Neukonzeptionen der Sinfonie entfiel. Außerdem ließ sich Erich Heckel, Mitglied der expressionistischen Künstlergruppe Die Brücke, von der Figur des Roquairol zu einem Bildnis seines früheren Freundes und Kollegen Ernst Ludwig Kirchner inspirieren.[1]

Erstausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Blitze über dem Männerbund. In: Der Spiegel. Nr. 30, 1992 (online20. Juli 1992).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]