Tiv (Ethnie)

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Die größten Sprachen (und Völker) in Nigeria - Stand 1979; Tiv: Ockerbraun

Die Tiv sind eine Volksgruppe in Westafrika.

Mit ca. 2.212.000 Vertretern lebt der Großteil der Tiv in Nigeria, eine Minderheit ist im Nachbarstaat Kamerun ansässig.[1] In Nigeria, wo die vorwiegend christlichen Tiv 3,5 % der Gesamtbevölkerung ausmachen, sind sie traditionell in den Bundesstaaten Benue, Taraba und Nassarawa im zentralen Osten beheimatet.

Geschichte[Bearbeiten]

In der Geschichte der Tiv kam es immer wieder zu Aufständen ethnischen Konflikten, in denen die traditionelle Abneigung der Tiv gegen die zentralistische, von fremden Ethnien dominierte Regierung zum Ausdruck kam. Unter der britischen Kolonialverwaltung eskalierten die Konflikte in den Jahren 1934 und 1939;[2] nach der Unabhängigkeit flackerten sie in den Jahren 1964 und 2001 wieder auf.

Tiv-Aufstand 1964[Bearbeiten]

Im Jahr 1964 kam es zu einem Aufstand bewaffneter Tiv-Milizen, der bis zu 4.000 Todesopfer forderte und nur durch den Einsatz der nigerianischen Armee unter Kontrolle gebracht werden konnte.[3] Die vorwiegend christlichen Tiv, die mit der Partei United Middle Belt Congress (UMBC) sympathisierten, sahen sich gegenüber der muslimischen Bevölkerungsgruppe der Hausa-Fulani, die sie als Eindringlinge betrachteten, und der von ihnen dominierten Regierungspartei Northern People's Congress (NPC) benachteiligt, was sich für sie unter anderem in einer ungerechten Steuererhebung ausdrückte.

Bereits im August und September 1960 hatte es Angriffe auf die Besitztümer von NPC-Funktionären gegeben, die aber kaum Todesopfer forderten. Nach der Ermordung eines Clanchefs am 12. Februar 1964 und nach einer Jahrestagung der NPC entwickelten sich die Unruhen zur offenen Konfrontation mit der Polizei und NPC-Anhängern. Die nigerianische Regierung sandte im November 1964 Truppen in das Tiv-Gebiet, die bis im Juni 1965 dort stationiert blieben, und konnte im Dezember den Aufstand niederschlagen und die Tiv systematisch entwaffnen. Sie sicherte daraufhin den Tiv mehr Selbstverwaltung zu.

Azara-Tiv-Konflikt 2001[Bearbeiten]

Ein weiterer ethnischer Konflikt eskalierte im Juni 2001 im Bundesstaat Nassarawa zwischen den Tiv und den muslimischen, Hausa sprechenden Azara. Die Kämpfe brachen aus, als der traditionelle Führer der Azara, Mussa Ibrahim, und dessen vier Begleiter erschossen wurden. Die Tiv hatten Ibrahim beschuldigt, ihnen ihr Land wegzunehmen. Die Azara verdächtigten deshalb die Tiv des Attentats und verfolgten sie systematisch. Zehntausende Tiv flohen in den benachbarten Bundesstaat Benue, wo mehrere Flüchtlingslager eingerichtet wurden; einige der angegriffenen Tiv setzten sich zur Wehr. [4]

Sprache[Bearbeiten]

Die ebenfalls Tiv genannte Sprache Tiv zählt zu den tivoiden Sprachen, welche wiederum zu den bantoiden Sprachen angehören. Tiv hat zwölf Nominalklassen, die durch Präfixe und Suffixe markiert werden, von denen vier rein tonal sind. Tiv ist demnach wie die meisten Bantusprachen eine Tonsprache. Die sprachwissenschaftliche Erforschung des Tiv begann bereits 1854, als der anglikanische Bischof Samuel Ajayi Crowther eine Wortliste des Tiv aufzeichnete. 1932 erschien in Lagos das erste Tiv-Englisch-Wörterbuch. Der Brite Roy Clive Abraham veröffentlichte 1933 eine Tiv-Grammatik, zudem 1940 ein Wörterbuch und eine umfassende Studie in vier Bänden. Die Bibel wurde in den 1960er Jahren in Tiv übersetzt. [5]

Gesellschaft, Kunst und Musik[Bearbeiten]

Siehe Charles Keil, Tiv Music: The Sociology of Art in a Classless Society. Chicago University Press, Chicago, Illinois, USA 1979, ISBN 0-226-42962-8.

Radio[Bearbeiten]

  • Karin Sommer: Von Hexeneulen in Mangobäumen. Eine gefahrvolle Forschungsreise zum Volk der Tiv. Radiosendung vom 10. Mai 1997, Bayerischer Rundfunk

Quellen[Bearbeiten]

  1. www.ethnologue.com, Stand 1991
  2. Gustav Seeburg: Die Wahrheit über Nigeria/Biafra. Vorgeschichte und Hintergründe des Konfliktes. Verlag Paul Haupt, Bern 1969, S. 87
  3. AKUF: Nigeria (Tiv-Aufstand 1964)
  4. Basler Zeitung: Tausende auf der Flucht in Nigeria., 25. Juni 2001
  5. Herrmann Jungraithmayr, Wilhelm J. G. Möhlig (Hrsg.): Lexikon der Afrikanistik. Reimer, Berlin 1983, S. 244