Tiahuanaco

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Tiwanaku)
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Koordinaten: 16° 33′ 18″ S, 68° 40′ 25″ W

Karte: Bolivien
marker
Tiahuanaco
Magnify-clip.png
Bolivien
Ruinenstätte Tiahuanaco mit der Ortschaft Tiawanaku im Hintergrund
Blick über den „versunkenen Hof“ (patio hundido) über das Doppeltor der Kalasasaya-Plattform zur Figur des „Ponce-Monolith“
„Ponce-Monolith“

Tiahuanaco (Aymara-Schreibweise Tiwanaku) ist eine bedeutende Ruinenstätte von Prä-Inka-Kulturen nahe der Ortschaft Tiawanacu im Westen Boliviens. Die Ruinen zählen zu den wichtigsten archäologischen Stätten Boliviens und gehören seit dem Jahr 2000 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Erst ein Bruchteil der einstigen Stadt wurde freigelegt und von Archäologen untersucht.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ruinenstätte liegt am zeitweise trockenfallenden Río Tiwanaku in der kargen Hochebene des Altiplano in knapp 4000 m Höhe, ca. 75 km (Fahrtstrecke) westlich von La Paz an der Hauptstraße nach Desaguadero (Grenzübergang nach Peru) und 15 km südöstlich des Titicacasees.

Entdeckung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits der Conquistador Francisco Pizarro soll die Gegend im Jahr 1532 besucht haben. Die Reste der historischen Stadt wurden erstmals im 16. Jahrhundert von Pedro de Cieza de León beschrieben; er stieß im Jahr 1549 auf die Ruinen, als er auf der Suche nach der Hauptstadt der Inkas in Qullasuyu war.[1] Moritz Alphons Stübel war einer der ersten, der Ausgrabungen in Tiahuanaco vornahm.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das historische Tiahuanaco war das religiöse und administrative Zentrum von Prä-Inka-Kulturen rund um den Titicaca-See in der Zeit von 1500 v. Chr. bis 1200 n. Chr. Die Sprache war vermutlich Puquina.[3] Die ersten Besiedlungsspuren stammen aus dem 15. Jahrhundert v. Chr. Um 300 v. Chr. begann Tiahuanaco, zu einem Zentrum für Religion und Kultur anzuwachsen und fand seinen Höhepunkt zwischen 600 und 900 n. Chr.[1]

Durch Altersbestimmung an ausgegrabenen Keramikgegenständen sind chronologische Phasen zu erkennen, die zwischen 300 v. Chr. und 1000 n. Chr. liegen. Die Hauptphase der Bebauung konnte zusätzlich durch vielfache Datierungen mit der C14-Methode auf den Zeitraum zwischen 600 und 900 n. Chr. eingegrenzt werden, was mit der Chronologie der Keramikphasen IV und V übereinstimmt.[4] In seiner Blütezeit reichte der Einfluss von Tiahuanaco von der Atacama-Wüste an der pazifischen Küste bis zur Provinz Cochabamba sowie Teilen des heutigen Argentiniens.

Am Ende des ersten Jahrtausends fiel Tiahuanaco einer klimatischen Veränderung und der damit verbundenen Dürreperiode zum Opfer. Diese führte dazu, dass die Stadt für viele Jahre verlassen wurde. Anders als zuvor durch Posnansky angenommen, lag Tiahuanaco nicht direkt am Titicaca-See[5], sondern war auf Regenlandwirtschaft angewiesen, wozu in den Feldern um Tiahuanaco fortschrittliche Bewässerungs- und Speichersysteme errichtet wurden.[6]

Als die Inka das Gebiet erreichten, fanden sie Tiahuanaco bereits verlassen vor. In der Spanischen Kolonialzeit wurde das historische Areal geplündert und bis ins 20. Jahrhundert hinein als Steinbruch benutzt. Die meisten Forscher sehen in der heutigen Aymara-Bevölkerung des Titicaca-Bassins Nachkommen der früher heterogeneren Bevölkerung der Region von Tiahuanaco, der Lupaca und Pacajes, die nach dem 16. Jahrhundert in den Aymara aufgegangen seien. Andere Forscher halten die Pukina für die Träger der frühen Dynastien von Tiahuanaco.[7]

Steinbearbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die in Tiahuanaco für architektonische und skulpturale Zwecke verwendeten Andesit-Steine stammen allesamt aus der näheren Umgebung; längere Transporte waren somit nicht notwendig. Ihre Oberflächenbearbeitung erfolgte mit Hilfe von Reibsteinen aus demselben oder – wenn verfügbar – einem härteren Material. Kleinteilige Strukturen konnten jedoch auf diese Art nicht erzeugt werden, aber immerhin ließen sich durch Hämmern und Kratzen mit Steinspitzen Ornamentmotive wie Tätowierungen oder Stoffmuster imitieren. Es ist anzunehmen, dass die meisten Gebäude und Skulpturen trotz fehlender Verputzspuren farbig bemalt waren.

Anlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das eigentliche Zeremonialzentrum von Tiahuanaco besteht aus mehreren Baugruppen, die allesamt auf die beiden Tagundnachtgleichen hin ausgerichtet sind:

  • Der Patio Hundido („versunkener Hof“) ist eine nahezu quadratische Anlage mit etwa 28 m Seitenlänge; er befindet sich ungefähr im Osten der Anlage und ist von ca. 2 m hohen und mit steinernen Köpfen bestückten Umfassungsmauern umgeben. Hier wurde im Jahr 1932 der ca. 7,20 m hohe und annähernd 20 t schwere Bennett-Monolith ausgegraben, der heute im örtlichen Museum steht.
  • Das zur Kalasasaya-Plattform hinaufführende Doppeltor gibt den Blick frei auf die ungefähr mittig in der inneren Plattform stehende monolithische Steinfigur des Ponce-Monoliths. Die beiden Teile der Plattform sind von zwei rechteckigen, maximal etwa 3 m hohen Mauern umgeben, deren äußere aus aufgestellten Megalithen mit dazwischen befindlichen, teilweise restaurierten Füllungen aus exakt behauenen Steinen besteht; bei der inneren Mauer fehlen die Megalithen.
  • Der „Ponce-Monolith“ ist mitsamt Sockel ca. 3,50 m hoch. Die dargestellte Figur ist von hohem Rang, was u. a. an seinen Haarzöpfen und Armtätowierungen erkennbar ist. In den eng an den Körper geschmiegten Händen hält er zwei (Zeremonial-)Gegenstande. Sein ornamentierter Hüftgurt umschließt das obere Ende einer ebenfalls ornamentierten Wickelhose.
  • Eine weitere Figur, der man den Namen El Fraile („Mönch“) gegeben hat, steht in der Südwestecke der Plattform. Seine Arme zeigen keine Tätowierungen; auf seiner rechten Schulter wurde jedoch von den Spaniern ein Kreuz eingeritzt. Sein Hüftgurt, der ebenfalls eine Wickelhose festhält, ist mit Krebsmotiven geschmückt.
  • Die monolithische, aber zerbrochene und wieder zusammengefügte Puerta del Sol („Sonnentor“) erhebt sich innerhalb der Nordwestseite der größeren Plattform.
  • Außerhalb der Ostmauer der Plattform befindet sich der Putuni („Palast der Sarkophage“).
  • Außerhalb der Plattform-Nordseite erhebt sich die einst von Menschen aufgeschüttete und heute nur noch ca. 15 m hohe Akapana-Pyramide mit ihrer Mauereinfassung aus Megalithen und Füllsteinen.
  • Die im Vergleich zum „Sonnentor“ deutlich schlankere, aber ebenfalls monolithische Puerta de la Luna („Mondtor“) steht etwa 200 m nordwestlich der Kalasasaya-Plattform.
Umgebung
  • Wenige hundert Meter entfernt liegt das Ruinenfeld Puma Punku, dessen äußerst exakt behauene Monolithen zu einem unvollendeten Bauwerk der Aymara-Kultur gehören sollen.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sonnentor von Tiahuanaco
Fries des Sonnentors
  • Die bekannteste Sehenswürdigkeit ist das Sonnentor. Es ist etwa 3 m hoch und 3,75 m breit und wurde in handwerklich perfekter Steinbearbeitung aus einem einzigen Andesitblock herausgehauen. Nach dem Untergang der Kultur vermutlich durch ein Erdbeben umgestürzt und in zwei Teile zerbrochen, wurde es im Jahr 1908 wieder aufgerichtet. Sein Gewicht wird auf 7–12 t geschätzt. An ihm findet sich ein Fries mit einer Gottheit (wahrscheinlich Wiraqucha oder in Aymara: Willkatata), die zwei Schlangenzepter in den Händen hält. Das maskenhafte Gesicht wird von einem strahlenförmigen Kopfputz umrahmt. Dieses Motiv befindet sich auch auf der Raimondi-Stele aus Chavín de Huántar. Am Sonnentor wird jährlich die Wintersonnenwende (Willakakuti oder Willkatuti) gefeiert, das Neujahrsfest der Aymara. Die zentrale Figur wird gerahmt von zahlreichen Reliefs im Profil wiedergegebener kniender „Vogelmenschen“, die jeweils eine Art Zeremonialstab in Händen halten. Die Reliefs in der unteren Reihe unterscheiden sich durch ihren überwiegend geometrischen Charakter von den „Vogelmenschen“ in den drei oberen Reliefreihen.
  • Die bedeutendste Skulptur von Tiahuanaco ist der ca. 3,50 m hohe sogenannte „Ponce-Monolith“. Sein Gesicht ist starr nach vorne gerichtet; die weitgeöffneten Augen sowie Mund und abgebrochene Nase sind eher schematisch dargestellt. Auf dem Kopf trägt er eine Kappe mit herabhängenden Ohrschützern. Seine an den Körper angelegten Arme scheinen tätowiert zu sein; die vor dem Bauch befindlichen Hände halten zwei Zeremonialgegenstände. Von der Hüfte abwärts trägt die dargestellte Figur ein hosenartiges gewickeltes ornamentiertes Beinkleid; die Hüfte selbst ist von einem dicken Stoffgurt mit Krebsmotiven umgeben.

Literatur (chronologisch geordnet)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Edmund Kiss: Das Sonnentor von Tiwanaku und Hörbigers Welteislehre, Leipzig 1937.
  • Arthur Posnansky: Tihuanacu. The cradle of American man, New York 1945.
  • Bertrand Flornoy: Rätselhaftes Inkareich – die Geschichte des großen Indianervolkes, Zürich 1956.
  • Hans S. Bellamy: The calendar of Tiahuanaco – a disquisition on the time measuring system of the oldest civilization in the world, London 1956.
  • Alan Kolata: The Tiwanaku – portrait of an Andean civilization, Cambridge 1993, ISBN 1-55786-183-8.
  • Helene Gerov, (et al.): Technik aus vor-inkaischen Kulturen – Tiahuanaco, Wien 1995.
  • Henri Stierlin: Die Kunst der Inka und ihrer Vorläufer – von Valdívia bis Machu Picchu, Stuttgart 1997, ISBN 3-7630-2349-6.
  • Garret G. Fagan: The seventy great mysteries of the ancient world. Unlocking the secrets of past civilizations, New York 2001.
  • John Wayne Janusek: Identity and Power in the Ancient Andes: Tiwanaku Cities Through Time, London u. New York 2004, ISBN 0-415-94634-4.
  • David M. Jones: The illustrated history of the Incas – the extraordinary story of the lost world of the Andes, chronicling the ancient civilizations of the Paracas, Chavin, Nasca and Moche and other tribes and cultures of ancient South America, London 2007, ISBN 1-84476-369-2
  • Garret G. Fagan (Hrsg.): Archaeological fantasies. How pseudoarchaeology misrepresents the past and misleads the public, Abingdon u. a. 2007.
  • Walt Becker: Missing Link, München 2008, ISBN 978-3-426-50003-3.
  • Doris Kurella: Kulturen und Bauwerke des Alten Peru. Geschichte im Rucksack (= Kröners Taschenausgabe. Band 505). Kröner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-520-50501-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Tiahuanaco – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Kolata 1993
  2. William Harris et al: Huari Administrative Structure, S. 4.
  3. P Heggarty, D Beresford-Jones: The Encyclopedia of Global Human Migration. Hrsg.: I Ness, P Bellwood. Wiley-Blackwell, Oxford 2013, Andes: linguistic history, S. 401–9.
  4. Fagan 2007
  5. Posnansky 1945
  6. Fagan 2001
  7. John Wayne Janusek: Ancient Tiwanaku. Cambridge University Press, 2008, S. 50 ff.