Todeszug aus Buchenwald

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Leichen im Zug beim KZ Dachau, fotografiert von Éric Schwab (AFP) zwischen 29. April und 1. Mai 1945

Der später so genannte Todeszug von Buchenwald war ein Endphaseverbrechen der Nationalsozialisten. Vom 7. bis zum 28. April 1945 fand dieser Eisenbahntransport mit KZ-Häftlingen aus dem KZ Buchenwald zum KZ Dachau statt.

Der Zug wurde vor allem deshalb bekannt, weil er von Soldaten der 7. US-Armee fotografisch dokumentiert und die Bilder auch für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Die auf München vorrückenden Truppen der US-Armee entdeckten die Güterwagen mit Sterbenden und Toten am Tag nach ihrer Ankunft am 28. April im KZ Dachau. Die Soldaten fanden noch vor Betreten des Lagergeländes am 29. April unzählige Leichen.

Zum Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieses Endphaseverbrechen wurde unter der Bezeichnung Todeszug von Buchenwald und auch als „Evakuierungszug aus Buchenwald“ bekannt. Das Hauptziel der SS war in dieser Kriegsphase, dass Häftlinge der Konzentrationslager nicht in die Hände der vorrückenden Truppen der Alliierten geraten sollten. Der Begriff „Evakuierung“ ist in dem Zusammenhang mit KZ-Häftlingstransporten in der Endphase des NS-Regimes jedoch umstritten. In Nammering kam es zu Massenerschießungen von Gefangenen dieses Transportes.

Fahrstrecke und Ablauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusammenstellung des Transports, Abfahrt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 7. April 1945 fuhr im KZ Buchenwald ein sogenannter Evakuierungstransport mit 4.480[1][2] Häftlingen verschiedener Nationalitäten ab. Ein Teil der Häftlinge war davor zu Fuß aus dem 90 km entfernten Nebenlager Ohrdruf in erschöpftem Zustand im KZ Buchenwald angekommen. Schon während des Fußmarsches zum Bahnhof von Weimar waren viele entkräftet zusammengebrochen und von den SS-Wachen teils erschossen worden. Der Zug bestand aus etwa 39 bis 45[3] offenen und gedeckten Güterwagen. Jeder Wagen war mit 90 bis 100[1] Häftlingen und einigen SS-Wachen besetzt. Ursprüngliches Ziel des Transports war [1] das Konzentrationslager Flossenbürg. Eine Schicht Kohlenruß am Boden wies darauf hin, dass in den Wagen zuvor Kohle transportiert worden war.

Die Fahrtstrecke und -dauer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Transportleiter Hans Merbach im April 1947

Ausgangspunkt war das KZ Buchenwald. Der Eisenbahntransport führte über Weimar, Weißenfels, Leipzig, Dresden, Mittelgrund, Komotau, Pilsen, Zwiesel, Deggendorf, Nammering, Passau, Schönburg, Mühldorf am Inn und München zum Konzentrationslager Dachau.

Transportführer war Hans Merbach (SS-Obersturmführer), ehemals Zweiter Schutzhaftlagerführer von Buchenwald. Die Fahrdauer war angeblich mit 24 Stunden veranschlagt worden, die Nahrungsportionen für die Häftlinge waren ebenfalls angeblich für einen Tag bemessen, wie SS-Obersturmführer Merbach später aussagte:[4] pro Häftling „eine Handvoll gekochter Kartoffeln, 500 g Brot, 50 g Wurst und 25 g Margarine“. Der Zug brauchte dann jedoch fast 21 Tage ins Lager Dachau. Während der Fahrt verhungerten viele der Häftlinge oder wurden erschossen. Tote wurden in der Nähe der Gleise begraben oder in die letzten Wagen getragen.

Der Aufenthalt in Nammering[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Merbach sagte aus, dass er am zwölften Reisetag vom Wehrmachtsverpflegungsamt Pilsen[1] 3.000 Wehrmachts-Brote und 3.000 Portionen Käse beschaffen konnte.[5] Am Bahnhof in Pilsen warfen einige Zivilisten Lebensmittel in die Waggons.

Am 20. April[1] hatte der Zug einen Aufenthalt in Nammering bei Passau. Johann Bergmann, der Geistliche von Aicha vorm Wald, ging morgens zum Halteplatz.

Hier erhielten die Häftlinge am 22. April Verpflegung.[6] Bergmann hatte eine Lebensmittelsammlung initiiert. Diesen Aufenthalt erwähnte SS-Obersturmführer Merbach bei seiner Zeugenaussage nicht. Beim Aufenthalt in Nammering wurden fast 800[7] auf dem Transport verstorbene Häftlinge eingeäschert und beigesetzt. Einige hundert[1] davon waren in einem Steinbruch erschossen worden. Pfarrer Bergmann fragte, warum die Häftlinge erschossen worden seien; der Transportleiter gab zur Antwort, dass sie vor Hunger wahnsinnig geworden seien und SS-Wachen angefallen hätten und sich auch gegen Zivilbevölkerung hätten wenden können.[1] Bergmann berichtete, der Zug habe Nammering mit etwa 3.100 Häftlingen verlassen.

Ankunft in Dachau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Nacht vom 27. April auf den 28. April traf der Transport im Konzentrationslager Dachau ein und wurde auf dem Anschlussgleis abgestellt. Er hatte sich in einen Zug voller Toter und Sterbender verwandelt.[1]

Laut einem unveröffentlichten Manuskript von Pierre C. T. Verheye wurden am 28. April vermutlich etwa 800 Häftlinge ins Lager gebracht.[8] Ausgehend von der Aussage Bergmanns, dass der Zug in Nammering mit 3.100 Personen abgefahren sei, würde sich durch die Angabe von Verheye auf 2.300 im Zug gelassene Personen schließen lassen.

Laut Zámečník hingegen wurde „eine nicht mehr feststellbare Anzahl“ Häftlinge am 28. April in das Bad und dann in einen Isolierblock des Lagers Dachau gebracht. Am Vormittag des 29. April wurden 17 bewusstlose Personen von Häftlingen des Dachauer „Arbeitskommandos Moorexpress“ ins Lager getragen. Eine ungefähre Anzahl der Überlebenden des Transports bei der Ankunft im Lager Dachau liegt uns hier nur aus der einzigen Quelle Verheye vor. Die Zahl 800 muss zunächst als Anhaltspunkt gesehen werden. Der Rückschluss auf die endgültige Zahl 2.300 Verstorbene kann nicht als historisch völlig gesichert betrachtet werden. Sicher ist, dass es sich um eine extrem hohe Zahl im Zug Verstorbener handelte und es auch in den darauffolgenden Tagen zu weiteren Todesfällen kam. Im Lager selbst hatte man seit acht Tagen Sterbefälle nicht amtlich registriert. Auch an den beiden Tagen 29. und 30. April, nach Befreiung durch die Amerikaner, wurden Sterbefälle nicht amtlich dokumentiert. Erst am 1. Mai wurde damit wieder begonnen. Spätere Angaben, wie viele Personen jenen Transport überlebt haben, liegen hier nicht vor.

Situation im Konzentrationslager[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Zugabteil

Einem Bericht Marguerite Higgins’ zufolge weigerten sich die Häftlinge, dem SS-Befehl Folge zu leisten und die Verstorbenen ins Lager zu bringen.[9] Dies lag im Bereich des Möglichen,[10] denn seit Tagen war die Lager-SS-Truppe im Begriff, sich aufzulösen bzw. sich abzusetzen. Seit Februar war das Krematorium außer Betrieb. Die Fleck-Typhusepidemie grassierte im Lager, seit dem 20. April wurden Sterbefälle amtlich nicht mehr dokumentiert. Am 23. April hatten die Arbeitskommandos zum ersten Mal das Hauptlager nicht zum Arbeitseinsatz verlassen. In den darauffolgenden Tagen hatten sich eine Reihe führender SS-Offiziere abgesetzt.[11] Lagerkommandant Eduard Weiter hatte am 26. April das Lager verlassen. Das Lager selbst war völlig überfüllt, statt 208 teilten sich den letzten Kriegsjahren bis zu 1.600[12] Gefangene einen Wohnblock. Die Bereiche bei der Totenkammer, dem Krankenrevier, dem Krematorium und dem Invalidenblock waren überhäuft mit Toten.

Eintreffen der US-Truppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vergeltungsaktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Dachau-Massaker

Am 29. April marschierte die US-Armee ein, um das KZ Dachau zu befreien. Die US-Truppen trafen – noch bevor sie den Häftlingsbereich befreien konnten – unvermittelt auf den Todeszug mit seinen unzähligen verhungerten oder erschossenen Häftlingen. Nach diesem schockierenden Eindruck kam es bei der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau zu einer Vergeltungsaktion. Das Kriegsverbrechen, bei dem SS-Männer hingerichtet wurden, wurde später unter dem Begriff Dachau-Massaker bekannt.

Konfrontation der Bevölkerung durch Alliierte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ähnlich wie beim KZ Buchenwald konfrontierten die US-Truppen auch beim KZ Dachau die Bevölkerung der umliegenden Orte mit den Taten des NS-Regimes.

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Nammering, Landkreis Passau, wurde eine Gedenktafel errichtet. Das Hauptgebäude des KZ Dachau wurde später zur KZ-Gedenkstätte Dachau.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting. In: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit. 1997, S. 27–55.
  • Stanislav Zámečník: (Hrsg. Comité International de Dachau): Das war Dachau. Fischer-Taschenbuch 17228, Frankfurt 2007, ISBN 978-3-596-17228-3 (Originaltitel: To bylo Dachau. Übersetzt von Peter Heumos und Gitta Grossmann, Die Zeit des Nationalsozialismus, eine Publikation der Fondation Internationale de Dachau (F.I.D.), Bruxelles). Luxemburg, 2002, S. 387–390.
  • Hans Hübl: Letzte Tage in Buchenwald. In: Hans-Günter Richardi (Hrsg.): Endstation Dachau, der Todeszug aus Buchenwald (= Dachauer Dokumente. Band 5), Zum Beispiel Dachau - Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der Dachauer Zeitgeschichte, Dachau 2003, DNB 978177045.
  • Hans Hübl: Nie werde ich vergessen … Dokumentation über den KZ-Transport Buchenwald-Nammering-Dachau vom 7. April bis 28. April 1945. Tittling 1994. Onlineausgabe des Buches
  • Gleb Rahr: I budet nasche pokolenje dawat’ istorii ottschet. Vospominanija (Und unsere Generation wird vor der Geschichte Rechenschaft ablegen. Erinnerungen), Russkij Put', Moskau 2011 Kapitel über die Haftzeit im KZ und die Erlebnisse im Evakuierungszug aus Buchenwald (russisch).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h Aus: Stanislav Zámečník (Hrsg. Comité International de Dachau): Das war Dachau. Luxemburg 2002.
  2. 4480 Häftlinge lt. Stanislav Zámečník/Hrsg. Comité International de Dachau. „bis zu 4.800 Häftlinge“ lt. Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting. In: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit. 1997.
  3. „39 Waggons“ lt. Verheye, „ca. 40“ lt. Bergmann
  4. Link zur Abschrift der eidesstattlichen Erklärung Merbachs aus dem Gerichtsprotokoll vom 24. Februar 1947. abgerufen am 21. Januar 2009.
  5. IfZ-Archiv, Nürnberger Dokumente, NO 2192, Aussage Hans Merbach
  6. Lt. Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting. In: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit. S. 33.
  7. Der Todeszug von Buchenwald. Augenzeugenbericht von Johann Bergmann, ehemaliger Pfarrer von Aicha vorm Wald. In: Passauer Neue Presse. 19. April 1955, abgedruckt in: Buchenwald. Mahnung und Verpflichtung. Dokumente und Berichte. 4. Auflage. Berlin 1983, S. 503–505.
  8. C. T. Verheye: The Train Ride into Hell. Unveröffentlichtes Manuskript. Der Verfasser dankt Mr. Verheye, Tucson, Arizona, für wichtige Hinweise zu dem Zugtransport aus Buchenwald. – Quellenangabe entnommen aus: Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting. In: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit. S. 33.
  9. Hermann Weiß: Dachau und die internationale Öffentlichkeit. Reaktionen auf die Befreiung des Lagers. In: Dachauer Hefte. Nr. 1, 1985, S. 12–38, hier, S. 27. Quellenangabe entnommen aus: Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting. In: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit. S. 33.
  10. Jürgen Zarusky: That is not the American Way of Fighting. In: Dachauer Hefte 13 – Gericht und Gerechtigkeit. S. 33.
  11. IfZ-Archiv, Nürnberger Dokumente, NO 1253, Erklärung Visintainer.
  12. Barbara Diestel, Wolfgang Benz: Das Konzentrationslager Dachau 1933 – 1945. Geschichte und Bedeutung. Hrsg.: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. München 1994 (Lageplan des Hauptlagers in Dachau (Memento vom 4. Dezember 2005 im Internet Archive) [abgerufen am 21. Januar 2009]).