Tordesillas

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt die spanische Stadt. Zu anderen Bedeutungen siehe Tordesillas (Begriffsklärung).
Gemeinde Tordesillas
Tordesillas – Ortsansicht
Tordesillas – Ortsansicht
Wappen Karte von Spanien
Wappen von Tordesillas
Tordesillas (Spanien)
Finland road sign 311.svg
Basisdaten
Autonome Gemeinschaft: Kastilien-León
Provinz: Valladolid
Comarca: Tierra del Vino
Koordinaten 41° 30′ N, 5° 0′ WKoordinaten: 41° 30′ N, 5° 0′ W
Höhe: 702 msnm
Fläche: 141,95 km²
Einwohner: 8.905 (1. Jan. 2016)[1]
Bevölkerungsdichte: 62,73 Einw./km²
Postleitzahl: 47100
Gemeindenummer (INE): 47165 Vorlage:Infobox Gemeinde in Spanien/Wartung/cod_ine
Verwaltung
Website: Tordesillas

Tordesillas ist eine nordspanische Kleinstadt und eine Gemeinde mit 8.905 Einwohnern (Stand 1. Januar 2016) in der Provinz Valladolid in der autonomen Region Kastilien-León. Die historisch und kulturell bedeutsame Stadt ist als Conjunto histórico-artístico anerkannt.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kleinstadt Tordesillas liegt auf dem Nordufer des Duero in der Comarca Tierra del Vino in der kastilischen Hochebene in einer Höhe von etwa 700 m ü. d. M.[2] Die Provinzhauptstadt Valladolid befindet sich gut 30 km (Fahrtstrecke) nordöstlich; die historisch bedeutsame Marktstadt Medina del Campo ist knapp 30 km in südlicher Richtung entfernt. Das Klima im Winter ist durchaus kalt, im Sommer dagegen warm bis heiß; die spärlichen Regenfälle (ca. 385 mm/Jahr) fallen verteilt übers ganze Jahr.[3]

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jahr 1857 1900 1950 2000 2016
Einwohner 3.956 3.590 5.029 8.045 8.905

Der Bevölkerungsanstieg im 20. Jahrhundert ist im Wesentlichen auf die Zuwanderung aus den ländlichen Gebieten in der Umgebung zurückzuführen.

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Einwohner der Stadt betreiben seit Jahrhunderten überwiegend Handwerk, Kleinhandel und Dienstleistungen aller Art. Seit den 1960er Jahren spielen auch der innerspanische und internationale Tourismus eine immer größer werdende Rolle im Wirtschaftsleben der Stadt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In vorrömischer Zeit gehörte die Region zum Siedlungsgebiet des keltischen Volksstamms der Vaccäer; später kamen Römer und Westgoten und im 8. Jahrhundert wurde das Gebiet von den Mauren überrannt – alle vier Kulturen haben jedoch in dem Gebiet nur wenige archäologisch verwertbare Spuren hinterlassen. Bereits im 9. Jahrhundert eroberten asturisch-leonesische Heere die Gebiete nördlich des Duero zurück (reconquista). Ende des 10. Jahrhunderts machte der maurische Heerführer Almansor die christlichen Erfolge vorübergehend wieder zunichte, aber im 11. Jahrhundert dehnte das Königreich León sein Herrschaftsgebiet erneut bis zur Duero-Grenze aus und betrieb eine Politik der Wiederbevölkerung (repoblación). Nach vorangegangenen Versuchen vereinigte sich León im Jahr 1230 endgültig mit dem Königreich Kastilien, doch kam es auch in der Folgezeit immer wieder zu Auseinandersetzungen. Seine Blütezeit erlebte der Ort im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit.

Vertrag von Tordesillas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1494 – zwei Jahre nach der offiziellen Entdeckung der Neuen Welt durch Kolumbus – wurde die Stadt Schauplatz für den Vertrag von Tordesillas zwischen den Königreichen Kastilien und Portugal. Bereits ein Jahr zuvor hatte Papst Alexander VI. die Neue Welt zwischen den beiden Ländern entlang einer Demarkationslinie aufgeteilt, die westlich der Kapverdischen Inseln in Nord-Süd-Richtung verlief. Zugunsten von Portugal wurde diese Grenzziehung im Vertrag von Tordesillas weiter nach Westen verschoben.

Gefangenschaft Johannas der Wahnsinnigen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die spanische Königin Johanna die Wahnsinnige wurde hier von ihrem Vater Ferdinand II. nach dem Tode ihres Ehemanns Philipp dem Schönen (1506) im Convento de Santa Clara, einem ehemaligen Palast, der in ein Kloster umgewandelt worden war, eingesperrt. Angeblich hatte sie über dem frühen Tod ihres Gatten den Verstand verloren und bewahrte seinen Leichnam in ihren Räumen auf, um sich immer wieder davon zu überzeugen, dass er noch schliefe. Auch ihr Sohn König Karl I., der spätere deutsche Kaiser Karl V., beendete ihre Gefangenschaft bis zu ihrem Tode (1555) nicht mehr. Obwohl sie nach dem Tode ihrer Mutter Isabella I. (1504) zeitweilig Mitregentin gewesen war, wurde sie nach deren Tod zunächst im Kloster Santa Clara, später in der Capilla Real neben der Kathedrale von Granada zusammen mit ihren Eltern begraben und nicht in das Panteón de los Reyes im Escorial übergeführt.

Schlacht von Tordesillas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im September des Jahres 1520 eroberten Angehörige des Comuneros-Aufstands die Stadt, befreiten Johanna aus ihrem Gefängnis und erkannten sie als rechtmäßige Herrscherin über Spanien an; sie nahm sogar an einer Versammlung der Cortes teil. Ihr Sohn Karl V. organisierte unterdessen ein Adelsheer und so kam es am 5. Dezember desselben Jahres vor den Toren der Stadt zu einer in Spanien bekannten Schlacht zwischen dem Bürgerheer und den Truppen der Royalisten. Letztere blieben siegreich, doch flammte der Aufstand in den Folgejahren in vielen Teilen Spaniens immer wieder auf.

Panorama von Tordesillas von der Duero-Brücke aus gesehen – in der Bildmitte die Casas del Tratado und die Kirche San Antolin

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Plaza Mayor
Monasterio de Santa Clara
  • Im Zentrum der Stadt befindet sich der von dreigeschossigen Häusern umstandene quadratische Hauptplatz (Plaza Mayor). Im Erdgeschoss befinden sich jeweils Cafés und Geschäfte; die oberen Geschosse dienen zu Wohn- und Bürozwecken. Eines der Gebäude dient als Rathaus (ayuntamiento).
  • Das Klarissen-Kloster (Monasterio de Santa Clara) ist in einem ehemaligen, im Mudéjarstil erbauten, Palast Alfons XI. von Kastilien (reg. 1312–1350) untergebracht, den dieser nach der gewonnenen Schlacht am Salado gegen die Mauren im Oktober 1340 in Auftrag gab. Die Gebäude zeigen eine Mischung aus maurischen (Hufeisenbögen, überschneidende Bögen, Vielpassbögen, Artesonado-Decken) und christlichen Elementen (Glockengiebel, Segmentbögen etc.). Bereits im Jahr 1363 übereignete sein Sohn Peter I. (reg. 1350–1369) die Gebäude dem Klarissenorden.
  • Die Iglesia de Santa María entstammt dem 16./17. Jahrhundert; sie ist jedoch in gotischem Stil erbaut. Apsis und Glockenturm bestehen aus Hausteinen wohingegen das Kirchenschiff aus Ziegelsteinen errichtet ist.
  • Die vom Duero-Ufer aus gut zu sehende Kirche San Antolin entstammt dem 16./17. Jahrhundert; seit dem Jahr 1969 beherbergt sie ein Museum für sakrale Kunst.[4] Ihr Turm ist in Mudéjar-Manier aus Ziegelsteinen erbaut. Der imposante Altarretabel stammt aus dem Jahr 1655.
  • In unmittelbarer Nachbarschaft stehen die beiden Gebäude der Casas del Tratado, in welchen Ende des 15. Jahrhunderts die Verhandlungen über den Vertrag von Tordesillas stattfanden. Das größere der beiden Gebäude wurde jedoch in seiner heutigen Form erst im 17. Jahrhundert errichtet.
  • Die Kirche San Francisco beherbergt ein Museum für Spitzenklöppelkunst (Museo del Encaje).[5]
  • Über das Alter der zehnbogigen Duero-Brücke besteht Unklarheit. Möglicherweise im 13. oder 14. Jahrhundert erbaut, musste sie nach Hochwassern des Flusses wiederholt erneuert werden.

Stierkampf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stierkampf auf der Weide
Denkmal zu Ehren des Stierkampfs

Tordesillas ist Schauplatz des einzigartigen alljährlichen Toro de la Vega Turniers. Dabei wird am zweiten Dienstag nach dem Fest zu Ehren der Schutzpatronin von Tordesillas Virgen de la Peña (8. September) ein Stier auf den Wiesen (vegas) außerhalb des Ortes von Reitern mit Lanzenstichen zu Tode gebracht.[6] Das auf ein Dekret Peters I. anlässlich der Feier der Geburt seiner Tochter Isabel im Jahr 1355 zurückgehende Turnier zieht regelmäßig Tausende Schaulustige aus dem In- und Ausland an.[7]

Jedes Jahr gibt es zu diesem mittelalterlichen Spektakel in sämtlichen Medien zahlreiche Äußerungen von Befürwortern und Gegnern. Die Zahl der Gegner dieses grausamen Spektakels steigt allerdings mit jedem Jahr: Im Jahr 2012 wurden 71.000 ablehnende Unterschriften von der Partido Animalista, einer spanischen Tierschutzorganisation, gesammelt.[8] Im Jahr 2015 waren es bereits 120.000 Unterschriften. Außerdem demonstrierten Anhänger verschiedener linker Gruppen auf dem Puerta-del-Sol-Platz in Madrid. Der Bürgermeister von Tordesillas erhielt wegen seiner positiven Haltung dem Stierkampf gegenüber bereits mehrere Morddrohungen und muss regelmäßig von der Polizei vor Demonstranten geschützt werden.[9]

Im Mai 2016 erließ die Regionalregierung von Kastilien und León ein Dekret, das den Tod des Stiers während des Turniers und in der Öffentlichkeit untersagt. Spanische Tierschützer und Spitzenpolitiker feierten diese Entscheidung, während der Bürgermeister und die Opposition im Rathaus noch am selben Tag ihre Empörung äußerten. Laut dem Dekret sollen die traditionellen Feste den im 21. Jahrhundert vorherrschenden Meinungen und Ansichten angepasst werden, hieß es als Begründung. Das Dekret wurde später als Gesetz angenommen.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Manuel Fernández Álvarez: Juana la Loca: La Cautiva de Tordesillas. S.L.U. Espasa Libros, Barcelona 2010, ISBN 978-8467034578.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Tordesillas – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Cifras oficiales de población resultantes de la revisión del Padrón municipal a 1 de enero. Bevölkerungsstatistiken des Instituto Nacional de Estadística (Bevölkerungsfortschreibung).
  2. Tordesillas – Karte mit Höhenangaben
  3. Tordesillas – Klimatabellen
  4. Tordesillas – Museo de San Antolín
  5. Tordesillas – Museo del Encaje
  6. Mittelalterliche Stierquälerei löst Proteste aus. derstandard.at. 11. September 2012. Abgerufen am 3. Juni 2013.
  7. El Toro de la Vega (spanisch) tordesillas.net. Abgerufen am 3. Juni 2013.
  8. 71.000 firmas contra el Toro de la Vega (spanisch) PACMA. 19. Juni 2012. Abgerufen am 3. Juni 2013.
  9. Spanien: Sozialistischer Bürgermeister befürwortet Stierkampf in Tordesillas. Abgerufen am 15. September 2015.
  10. "La prohibición de matar en público al Toro de la Vega se convierte en ley". In: El País vom 8. Juni 2016, am 10. Juni 2016 abgerufen