Träumereien an französischen Kaminen

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Träumereien an französischen Kaminen ist eine Märchensammlung des deutschen Chirurgen und Schriftstellers Richard von Volkmann (Pseudonym als Schriftsteller: Richard Leander; heute: Richard von Volkmann-Leander). Die Sammlung besteht aus 22 Kunstmärchen, die der Autor im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 während der Monate der Belagerung von Paris für seine Familie verfasst hat. Mit der Feldpost gelangten die Märchen Stück für Stück nach Halle zu seiner Frau und seinen Kindern.

Als von Volkmann-Leander aus dem Krieg zurückkehrt, sind die einzeln niedergeschriebenen und nach Hause gesandten Geschichten zu einer kleinen Märchensammlung herangewachsen, die der Autor 1871 als Buch veröffentlicht (Verlag Breitkopf & Härtel, Leipzig) und seiner Frau Anne widmet. Während andere Schriften des Autors wie Trink- und Liebeslieder, Gelegenheitsgedichte oder Nachdichtungen in Vergessenheit geraten, werden die „Träumereien an französischen Kaminen“ bis heute verlegt und gelesen, und die Märchensammlung hat weit mehr als 300 Auflagen erfahren.

Märchensammlung (Zusammenfassungen)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Märchen stehen in der Reihenfolge der 1. Auflage von 1871

Die künstliche Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein begabter Orgelbauer baut viele Orgeln und entwirft schließlich eine künstliche (= kunstvolle) Orgel, die von selbst zu spielen anfängt, wenn ein Brautpaar die Kirche betritt, an dem Gott Gefallen hat. Als der Orgelbauer schließlich mit seiner eigenen Braut die Kirche betritt, ist sein Herz voller Stolz und Ehrgeiz, so dass die Orgel stumm bleibt. In seiner Verblendung denkt er, dass seine Braut schuld daran ist, verlässt sie und zieht weit weg. Nach Jahren bereut er sein Verhalten und sehnt sich zurück nach seiner Heimat und seiner Frau. Als er jedoch heimkehrt, ist seine Frau, die bei allen Leuten wegen ihrer guten Taten beliebt gewesen ist, gerade verstorben. Voller Schmerz schließt sich der Mann dem Trauerzug an, trägt sogar den Sarg, und als er die Kirche betritt, beginnt die Orgel zu spielen. Der Orgelbauer fällt zu Boden und stirbt, und man begräbt ihn bei seiner Frau.

Goldtöchterchen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Goldtöchterchen wohnt mit seinen Eltern zusammen in einem Haus am Wald. An einem sonnigen Sommermorgen geht das Mädchen spazieren, da es heute so schön ist und morgen schon wieder regnen kann, jedoch ohne ihren Eltern Bescheid zu sagen. Goldtöchterchen läuft hinter das Haus, über die Wiese und von dort ins Haselnusswäldchen. Am Teich spricht es mit der Ente, die es auf einem Wasserrosenblatt über den Teich ans andere Ufer zieht. Dort trifft das Kind auf einer Wiese den Storch, der gerade einen Frosch verspeist. Da Goldtöchterchen auch hungrig ist, zaubert der Storch ihm einen goldenen Becher mit Milch und eine Zuckertüte herbei. Nach dem Essen spielt Goldtöchterchen bis zum Abend fangen mit einem Schmetterling. Als es dämmert und alle Blumen müde sind und einschlafen wollen, legt auch Goldtöchterchen sich ins Gras und schläft ein. Zu Hause sucht seine Mutter das Kind schon den ganzen Tag im Haus und auch draußen, in der Umgebung. Und auch der Vater läuft voller Sorge in der Stadt herum und fragt nach dem Kind. Als es dunkel ist, kommt einer der zwölf Engel, die jeden Abend über die Welt hinwegfliegen, um nach Kindern zu suchen, die sich vielleicht verlaufen haben. Er findet Goldtöchterchen und legt es, ohne es zu wecken, behutsam ins Haus unter die Treppe. Als die Mutter noch einmal in alle Ecken und Winkel des Hauses schaut, entdeckt sie überglücklich das schlafende Kind.

Vom unsichtbaren Königreiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abseits vom Dorf wohnte ein junger Bauer namens Jörg mit seinem alten Vater. Jörg saß am Abend, wenn er seine Arbeit getan hatte, auf einem alten zerbrochenen Mühlstein, schaute auf das schöne Tal hinunter und träumte. Die Leute im Dorf nannte ihn zum Spott Traumjörge, doch das kümmerte ihn nicht. Je älter Jörg wurde, desto stiller wurde er; und als sein alter Vater starb und er ihn unter einer großen alten Eiche begraben hatte, wurde er ganz still. Als er eines Tages wieder auf dem alten Mühlsteine saß, schlief er ein. Da träumte er, dass vom Himmel eine goldene Schaukel an zwei silbernen Seilen herabhing. Auf der Schaukel aber saß eine reizende Prinzessin, die vom Himmel zur Erde herab und von der Erde wieder zum Himmel hinauf flog. Wenn die Schaukel bis an die Erde kam, klatschte die Prinzessin vor Freude in ihre Hände und warf ihm eine Rose zu. Aber plötzlich rissen die Seile, und die Schaukel flog mit der Prinzessin in den Himmel hinein, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Da wachte er auf und neben ihm auf dem Mühlsteine lag ein großer Strauß Rosen. Am nächsten Tag schlief Jörg wieder ein und träumte dasselbe. So ging es die ganze Woche hindurch. Da machte sich Traumjörge auf, um die Prinzessin zu suchen. Nach vielen Tagen erblickte er von weitem ein Land, wo die Wolken bis auf die Erde hingen. Er wanderte darauf zu, kam aber in einen großen Wald. Plötzlich hörte er ein ängstliches Stöhnen, und bald fand er einen ehrwürdigen Greis mit silbergrauem Barte auf der Erde liegen. Zwei widerliche, splitternackte Kerle knieten auf ihm und versuchten, ihn zu erwürgen. Da riss er einen großen Ast vom Baum ab, schlug auf die beiden Kerle ein, so dass sie fortsprangen. Daraufhin hob er den ehrwürdigen Greis auf ihn und fragte, warum ihn die beiden nackten Kerle hatten erwürgen wollen. Da erzählte jener, er sei der König der Träume und etwas vom Wege ab in das Reich seines größten Feindes, des Königs der Wirklichkeit, gekommen.

Daraufhin führte der König der Träume Jörg hinunter in sein Königreich. Das Reich war unsagbar schön! Da waren Schlösser auf Inseln mitten in großen Seen, und die Inseln schwammen umher wie Schiffe. Der König zeigte Jörg sein ganzes Traumreich und seine Untertanen. Auf einmal erblickte Jörg die Prinzessin aus seinen Träumen. Da lief er auf sie zu, und sobald sie ihn kommen sah, sprang sie ihm geradewegs in die Arme. Er aber nahm sie an der Hand und führte sie an eine goldene Bank. Da setzten sich beide hin und erzählten sich, wie hübsch es wäre, dass sie sich wiedersehen würden. Am Abend wollte der König Jörg wieder hinauf bringen, doch Jörg sagte: „Herr König, von meiner Prinzessin trenne ich mich nimmermehr. Entweder Ihr müsst mich hier unten behalten, oder Ihr müsst mir sie mit auf die Erde geben. Ich kann ohne sie nicht leben!“ Der König wollte sich zunächst nicht von seinem schönsten Traum trennen, doch dann erinnerte er sich daran, dass Jörg ihm das Leben gerettet hatte, und sagte: „So sei es denn. Nimm deine Prinzessin und steige mit ihr hinauf zur Erde. Und ihr sollt ein unsichtbares Königreich bekommen, das nur ihr sehen könnt, die andern aber nicht.“ Traumjörge nahm Abschied vom König der Träume und stieg mit der Prinzessin hinauf. Oben angelangt, verlor er das Bewusstsein, und als er wieder zu sich kam, saß er auf dem alten Mühlstein und neben ihm die Prinzessin, die nun von Fleisch und Blut war wie ein gewöhnliches Menschenkind.

Auf einmal fiel etwas vor ihre Füße nieder, wie ein großes zusammengelegtes Tuch. Sie hoben das Tuch auf und breiteten es auseinander. Als sie es vollständig auseinandergefaltet hatten, sah es aus wie eine große Landkarte. In der Mitte ging ein Fluss, und zu beiden Seiten waren Städte, Wälder und Seen. Da merkten sie, dass es ein Königreich war und dass es der gute Traumkönig ihnen vom Himmel hatte herunterfallen lassen. Und als sie sich nun ihr kleines Häuschen besahen, war es zu einem wundervollen Schloss geworden. Da gingen sie in das Schloss hinein, und innen waren schon die Untertanen versammelt und verneigten sich tief. Pauken und Trompeten erschallten, und Edelknaben gingen vor ihnen her und streuten Blumen. Da waren sie König und Königin. Am andern Morgen lief es wie ein Feuer durch das Dorf, dass der Traumjörge wiedergekommen sei und sich eine Frau mitgebracht habe. Doch die Leute sahen das Königreich nicht und dachten, die Prinzessin sei eine ganz gewöhnliche Person, klein, schmächtig und auch ziemlich ärmlich angezogen. Jörg kümmerte sich nicht um die dummen Leute, sondern lebte in seinem Königreich und mit seiner lieben Prinzessin herrlich und vergnügt.

Wie der Teufel ins Weihwasser fiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Teufel ging eines Tages in den Kölner Dom, um vielleicht einen fetten Mönch oder eine alte Nonne zu ärgern. Da stolperte er und fiel mitten ins Weihwasserbecken. Eilig schlich er sich aus dem Dom, um nicht ausgelacht zu werden. Doch vor dem Dom herrschte eisige Kälte. In dem nassen Aufzug konnte er sich aber nicht vor der Großmutter sehen lassen. Deshalb ging er für ein paar Stunden ins Mohrenland, bis sein Rock wieder trocken war. Die Großmutter bemerkte ihn sofort, als der Teufel in die Hölle trat, wurde schwefelgelb im Gesicht. „Wonach riechst du, hast du dich wieder in den Kirchen herumgetrieben?“ Der Teufel erzählte verschämt, was ihm passiert war. Und während die Großmutter seinen Rock wusch, legte er sich ins Bett. Der Großmutter ekelte es vor dem Rock. Sie trug ihn in die Gosse, wo der ganze dicke Höllenschlamm und das Spülwasser abläuft, und wusch den Rock ein paar Mal durch und ließ ihn dann am Feuer trocknen. Der Teufel wollte ihn nach dem Schlaf schon wieder anziehen, aber die Großmutter beroch ihn noch einmal, nieste und sagte: „Pfui, was doch ein Kirchengeruch schwer wegzubringen ist.“ Und sie streute Hundehaare und geraspelte Pferdehufe in ein Kohlenbecken und hielt den Rock darüber, als es dort schrecklich zu riechen begann. „Nun ist der Rock wieder rein,“ sagte sie, „aber ich verbitte mir, dass so etwas wieder vorkommt!“

Der verrostete Ritter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein reicher Ritter lebte in Saus und Braus, war aber stolz und hart gegenüber den Armen. Deshalb ließ ihn Gott auf der linken Seite an Armen und Beinen verrosten, das Gesicht aber blieb frei. Darauf verdeckte der Ritter seine rostige Seite, ging in sich und versuchte, sich zu ändern. Er entließ seine alten Freunde und Zechgenossen und heiratete eine fromme Frau. In der Hochzeitsnacht sah die Frau die linke Hand des Mannes, sagte aber nichts, sondern bat am nächsten Morgen den alten, frommen Eremiten im Wald um Rat. Der Eremit sagte, die Frau könne ihren Mann erlösen, wenn sie in Lumpen wie ein armes Bettelweib lebe und hundert Goldgulden erbetteln würde. Die Ritterfrau sagte, sie wolle dies tun, und führte fortan ein hartes Bettelleben in schmutzigen Kleidern. Nach einem Dreivierteljahr, als sie den ersten Gulden erspart hatte, gebar sie einen wunderschönen Sohn, den sie „Docherlöst“ nannte. Sie riss unten von ihrem Rock einen Streifen ab, wickelte ihren Sohn darin und bettelte weiter.

Als der Ritter merkte, dass seine Frau ihn verlassen hatte, wurde er sehr traurig. Er ging zu dem Eremiten, um zu hören, ob die Frau bei ihm gewesen sei. Der Eremit merkte, dass das Herz des Ritters noch nicht verrostet war, und so riet er ihm, von nun an Gutes zu tun und in alle Kirchen zu gehen. Dann werde er seine Frau wieder finden. So zog auch der Ritter hinaus, um seine Frau zu suchen, und nach fast einem Jahr gelangte er in die Stadt, in der seine Frau vor der Kirche bettelte. Die Frau erkannte den Ritter sogleich, als dieser sich der Stadt näherte. Sie verbarg aber ihr Gesicht, da sie erst zwei Gulden erbettelt hatte. Als der Ritter an ihr vorbei schritt und sie und das schöne Kind sah, hatte er Mitleid und gab ihr seine ganze Geldtasche mit allem Gold, was er noch hatte. Da fiel der Frau der Mantel vom Kopf herunter, und der Ritter sah, dass es seine eigene Frau war. Der Ritter umarmte sie, und als er erfuhr, dass das Kind sein Sohn sei, umarmte er auch ihn. Die Frau führte ihren Mann in die Kirche und legte das Geld auf das Kirchbecken, und als der Ritter aus der Kirche trat, war der Fluch aufgehoben und der Rost verschwunden.

Von der Königin, die keine Pfeffernüsse backen, und dem König, der kein Brummeisen spielen konnte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein König, der sich schon seit einiger Zeit in seinen besten Jahren befindet, beschließt, sich eine Frau zu nehmen. „Sie muss schön und klug sein, vor allem aber muss sie Pfeffernüsse backen können, die ich so gerne esse!“ So macht sich der König in Begleitung des Ministers auf in die Königreiche, die Prinzessinnen zu vergeben haben. Aber es finden sich nur drei Prinzessinnen, die gleichzeitig so schön und klug sind, dass sie dem König gefallen, und von diesen kann keine Pfeffernüsse backen. Die erste kann zwar keine Pfeffernüsse backen, aber hübsche kleine Mandelkuchen. Die zweite nennt den König albern, denn eine Prinzessin, welche Pfeffernüsse backen kann, gibt es nicht. Die dritte Prinzessin lässt ihn gar nicht bis zu seiner Frage kommen, sondern fragt selbst, ob er denn das Brummeisen zu spielen versteht? Er gefällt ihr sonst ganz gut; aber sie hat sich vorgenommen, keinen Mann zu nehmen, der das Brummeisen nicht spielen kann. Da fährt der König mit dem Minister niedergeschlagen wieder nach Hause. Nach längerer Zeit lässt er den Minister noch einmal zu sich kommen und eröffnet ihm, er habe es aufgegeben, eine Frau zu finden, die Pfeffernüsse backen kann, und beschlossen, die Prinzessin zu heiraten, welche sie damals zuerst besucht haben und die kleinen Mandelkuchen zu backen versteht. Am nächsten Tag kommt der Minister zurück und berichtet, die Prinzessin habe den König aus dem Lande geheiratet, wo die Kapern wachsen. So wird der Minister zur zweiten Prinzessin geschickt, doch diese ist leider verstorben. Schließlich schickt der König seinen Minister zur dritten Prinzessin, vielleicht hat sie sich inzwischen anders besonnen. Die dritte Prinzessin sagt dem Minister, eigentlich habe sie sich vorgenommen, nur einen Mann zu nehmen, der das Brummeisen zu spielen verstehe, aber sie sehe ein, dass sich ihr Wunsch nicht erfüllen lasse, und da der König ihr sonst sehr gut gefalle, wolle sie ihn zum Mann nehmen. So wird Hochzeit gefeiert, dass die Leute vierzehn Tage von nichts anderem sprechen. Der König und die junge Königin aber leben glücklich, er hat die Pfeffernüsse und die Königin das Brummeisen ganz vergessen. Eines Tages jedoch steht der König mit dem falschen Bein zuerst auf, und alles geht verkehrt. Es regnet den ganzen Tag und der Reichsapfel fällt hin. Da geschieht es, dass das Ehepaar sich zum ersten Mal zankt: „Du kannst ja nicht einmal das Brummeisen spielen“, sagt die Königin und der König erwidert: „Und du kannst nicht einmal Pfeffernüsse backen!“ Beide bereuen sogleich, was sie gesagt haben, aber erst am Abend verzeihen sie einander. Und von da an werden zwei Worte im Königreich verboten: Brummeisen und Pfeffernüsse.

Der Wunschring[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein junger Bauer, der zwar hart arbeitete, aber wenig mit seinem Hof verdiente, wurde auf dem Feld von einer Hexe angesprochen, er solle zwei Tage geradeaus gehen, bis er an eine Tanne komme, die frei im Wald steht. Diese solle er fällen, dann würde er sein Glück machen. Sogleich nahm der Bauer sein Beil und machte sich auf den Weg. Nach zwei Tagen fand er die Tanne, ging sofort daran, sie zu fällen, und als sie umstürzte, fiel ein Nest mit zwei Eiern heraus. Die Eier zerbrachen, und aus dem einen kam ein junger Adler heraus und aus dem anderen fiel ein kleiner goldener Ring. Der Adler wuchs schnell heran und rief: „Du hast mich erlöst! Nimm zum Dank den Ring, der in dem anderen Ei gewesen ist! Es ist ein Wunschring. Wenn du ihn am Finger umdrehst und dabei einen Wunsch aussprichst, wird er bald in Erfüllung gehen. Aber es ist nur ein einziger Wunsch im Ring, darum überlege dir gut, was du dir wünschst!“ Darauf hob sich der Adler hoch in die Luft und flog davon. Der Bauer nahm den Ring, steckte ihn an den Finger und begab sich auf den Heimweg. Am Abend gelangte er in eine Stadt und fragte den Goldschmied, was der Ring wohl wert wäre. „Einen Pappenstiel!“ sagte der Goldschmied. Da lachte der Bauer und erzählte ihm, dass es ein Wunschring sei. Doch der Goldschmied war ein falscher, ränkevoller Mann. Er lud den Bauer ein, über Nacht zu bleiben, und tauschte heimlich den Wunschring gegen einen gewöhnlichen Ring aus. Sobald der Bauer fort war, schloss der Goldschmied die Tür und Läden, drehte den Ring um und rief: „Ich will gleich hunderttausend Taler haben.“ Kaum hatte er dies gesprochen, so fing es an, Taler zu regnen, harte, blanke Taler. Und die Taler schlugen ihm auf den Kopf, Schultern und Arme. Er fing an, kläglich zu schreien, und stürzte am ganzen Leibe blutend zu Boden. Darauf regnete es immer weiter, bis zuletzt der Goldschmied tot war und auf ihm das viele Geld.

Unterdessen ging der Bauer vergnügt nach Hause und zeigte seiner Frau den Ring. „Unser Glück ist gemacht“, sagte er, „wir wollen uns nur recht überlegen, was wir uns wünschen wollen.“ „Was meinst du, wenn wir uns noch etwas Acker wünschten?“, fragte seine Frau. „Wenn wir ein Jahr lang tüchtig arbeiten und etwas Glück haben, könnten wir ihn uns vielleicht kaufen“, antwortete der Bauer. Darauf arbeiteten Mann und Frau ein Jahr lang mit aller Anstrengung, und die Ernte war noch nie so gut wie dieses Mal, so dass sie das Stück Land kaufen konnten und noch Geld übrig blieb. Da meinte die Frau, es wäre gut, wenn sie sich noch eine Kuh wünschten und ein Pferd dazu. „Die Kuh und das Pferd kriegen wir auch so.“ sagte ihr Mann. Und richtig, nach einem Jahr hatten sie die Kuh und das Pferd verdient. Doch die Frau redete ihrem Manne zu, endlich einmal an den Wunsch zu gehen. König, Kaiser, Graf könnte er sein, alle Truhen voll Geld haben. „Lass doch dein ewiges Drängen“, erwiderte der Bauer. „Ein Wunsch ist nur in dem Ringe, und wer weiß, was uns noch einmal zustößt, wo wir den Ring brauchen.“ Damit hatte die Sache vorläufig ein Ende. Und es war wirklich so, als wenn mit dem Ring der volle Segen ins Haus gekommen wäre, denn die Scheunen wurden von Jahr zu Jahr voller und voller, und nach Jahren war aus dem kleinen, armen Bauer ein großer, dicker Bauer geworden, der den Tag über mit den Knechten arbeitete, abends aber behäbig und zufrieden vor der Haustüre saß.

Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Königspaar hatte drei Töchter, und alle drei hatten gläserne Herzen. „Nehmt euch mit euren Herzen in Acht“, sagte die Königin, „sie sind zerbrechlich!“ Und sie taten es auch. Eines Tages jedoch lehnte sich die älteste Schwester zum Fenster hinaus und sah hinab in den Garten. Dabei drückte sie sich ihr Herz: kling! ging es, wie wenn etwas zerspringt, und sie fiel hin und war tot. Wieder nach einiger Zeit trank die zweite Tochter eine Tasse zu heißen Kaffee. Da gab es abermals einen Klang, wie wenn ein Glas springt, nur etwas feiner wie das erste Mal, und auch sie fiel um. Da hob sie ihre Mutter auf, merkte aber zu ihrer Freude, dass sie nicht tot war, sondern dass ihr Herz nur einen Sprung bekommen hatte, jedoch noch hielt. Der König und die Königin waren sehr besorgt, aber die Prinzessin sagte: „Manchmal hält das, was einen Sprung bekommen hat, noch recht lange!“

Als die jüngste Königstochter herangewachsen war, kamen viele Königssöhne, um sie zu freien. Doch der alte König sagte: „Es muss ein König sein, der zugleich Glaser ist und mit so zerbrechlicher Ware umzugehen versteht.“ Ein Edelknabe, der beim König in Ausbildung war, musste nur noch dreimal die Schleppe der jüngsten Königstochter tragen, um richtiger Edelmann zu werden. Als er die Schleppe der Prinzessin trug, gefiel ihm die Prinzessin sehr und auch der Prinzessin gefiel der Edelknabe, so dass sich beide lieb gewannen. Als er nun ein richtiger Edelmann war, dankte ihm der König, gratulierte ihm und sagte, er könne nun gehen. An der Gartentür sprach die Königstochter zu ihm: „Wenn du doch Glaser wärst!“ Darauf antwortete der Edelmann, er wolle sich alle Mühe geben, es zu werden; sie möge nur auf ihn warten. So ging er hin zu einem Glaser und lernte vier Jahre lang, bis er ein richtiger Glasermeister war. Nach der Lehre zog er sich wieder seine Edelmannskleider an, nahm Abschied von seinem Lehrherrn und überlegte sich, wie er es anfinge, um nun auch noch König zu werden. Während er auf der Straße in Gedanken versunken entlang ging, trat ein Mann an ihn heran und fragte, ob er etwas verloren habe. Da erwiderte er, verloren habe er zwar nichts, aber suchen täte er doch etwas, nämlich ein Königreich. Da erzählte ihm der Mann die Geschichte von den drei Schwestern mit den gläsernen Herzen, und wie der alte König durchaus seine Tochter nur einem Glaser vermählen wolle. „Anfangs war noch die Bedingung, dass der Glaser auch noch ein König oder Königssohn sein müsse; weil sich aber keiner findet, der beides ist, so hat er etwas nachgegeben und zwei andere Bedingungen gestellt. Glaser muss er aber immer noch sein.“ „Welches sind denn die beiden Bedingungen?“, fragte der junge Edelmann. „Er muss der Prinzessin gefallen und Samt­patschen haben. Es sind schon eine Menge Glaser auf dem Schloss gewesen, aber der Prinzessin wollte keiner gefallen. Außerdem hatten sie auch alle keine Samtpatschen, sondern grobe Hände, wie das von gewöhnlichen Glasern nicht anders zu erwarten ist.“ Da ging der Edelmann zum König, der die Prinzessin rufen ließ. Die Prinzessin erkannte den Edelmann sogleich und natürlich gefiel er ihr. Es war nicht nötig, dass er die Handschuhe ausziehen solle, denn sie wusste, dass er wirklich Samtpatschen habe. Und so heirateten die beiden und wurden glücklich. Der Edelmann nahm das Herz der Prinzessin sehr in Acht und es hielt bis an ihr seliges Ende. Die zweite Schwester aber wurde die Tante, und auch sie wurde steinalt, obwohl ihr Herz einen Sprung hatte.

Eine Kindergeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf einem Kirchhof spielten zwei kleine Kinder, Trinchen und Hans. Ganz in der Ecke des Kirchhofes war ein verlassenes Grab. Es wuchs nur Gras auf ihm. Denn in dem Grabe lag ein alter Hagestolz, der weder Weib noch Kind noch sonst irgendjemand hinterlassen hatte, der sich um ihn bekümmerte. Aus fremdem Lande war er gekommen. Aber bald war er gestorben, und man hatte ihn begraben. Seinen Namen wusste niemand, nicht einmal der Totengräber. Die zwei kleinen Kinder des Totengräbers hatten das alte, verlassene Grab in der Kirchhofsecke ganz besonders gern; denn es war ihnen erlaubt, auf ihm zu spielen und herumzutrampeln, so viel sie Lust hatten, während sie die anderen Gräber nicht anrühren durften. „Trinchen, unser Haus ist fertig. Ich bin der Vater und du bist die Mutter. – Guten Morgen, Mutter, was machen unsre Kinder?“ „Hans“, entgegnete die Kleine, „ich habe noch keine Kinder, aber ich werde gleich welche bekommen.“ Darauf lief sie zwischen den Gräbern umher und kam, beide Hände mit Schnecken gefüllt, wieder: „Höre, Vater, ich habe schon sieben Kinder, sieben wunderschöne Schneckenkinder!“

Der alte Hagestolz in seinem einsamen Grabe hatte alles vernommen; denn die Toten hören alles sehr genau, was man an ihrem Grabe spricht. Er dachte an die Zeit, wo er noch ein kleiner Knabe gewesen war. Da hatte er auch ein kleines Mädchen gekannt, und sie hatten zusammen gespielt, hatten Häuser gebaut und waren Mann und Frau gewesen. Und dann dachte er an die spätere Zeit, wo er das kleine Mädchen noch einmal gesehen hatte, wie es schon erwachsen war. Nachher hatte er nie wieder etwas von ihm gehört, denn er war seine eigenen Wege gegangen, und die mussten wohl nicht sehr schön gewesen sein, denn je mehr er daran dachte, und je mehr oben auf seinem Grabe die Kinder schwatzten, um so trauriger wurde er. Er fing an zu weinen und weinte immer mehr. Als aber der Totengräber am nächsten Morgen durch den Kirchhof ging, da war aus dem alten verlassenen Grabe eine Quelle entsprungen. Das waren die Tränen, die der alte Hagestolz geweint hatte. Da freute sich der Totengräber, denn nun brauchte er das Wasser zum Begießen der Blumen nicht mehr aus dem Dorfe den steilen Weg hinaufzutragen. Er machte für die Quelle eine ordentliche Leitung und fasste sie mit großen Steinen ein. Auf dem Grab des alten Hagestolz wuchsen aber die wilden Bergblumen üppiger wie an jedem anderen Orte, und die beiden Kinder saßen oft an der Quelle, bauten Mühlen und ließen Papierkähnchen auf ihr schwimmen.

Sepp auf der Freite[1][Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine alte Bauerfrau, die seit fünf Jahren gichtbrüchig im Bett lag, wollte, dass ihr Sohn Sepp endlich heiratete. Und da an dem Kirchweih war, sollte er abends zum Tanz gehen und sich ein Mädchen aus dem Dorf aussuchen. Der Sohn aber sagte, ihm gefielen alle Mädchen im Dorf gleich gut, und er wüsste nicht, welche er wählen sollte. Da riet ihm die Mutter, gleich ins Dorf zu gehen, sich die Mädchen anzusehen, von denen er glaubte, dass sie für ihn passten. Er sollte sich merken, was diese genau machten, und es ihr dann erzählen. Als Sepp zurückkam, berichtete er, dass die Ursel aus der Kirche gekommen wäre, mit einem schönen Kleid an und neuen Ohrringen. Die Mutter sagte, sie wäre nichts für ihn, denn wenn sie oft in die Kirche ginge, würde sie den lieben Gott bald vergessen, wie der Müller, der die Mühle auch nicht mehr klappern hörte. Dann wäre er zu Käthe gegangen. Sie hätte in der Küche gestanden und an allen Töpfen und Tellern gerückt. Die Töpfe waren schwarz, ihre Finger aber weiß. Darauf meinte die Mutter: „Lass sie laufen. Sie backt Kuchen und Brei und vergisst Kinder und Vieh dabei.“ Schließlich sei er noch zur Anne gegangen, sagte Sepp, aber die habe gar nichts getan. Darauf sagte die Mutter: „Nimm die Anne, mein Junge! Das gibt die besten Weiber, die gar nichts tun, was die Burschen erzählen können!“ Und der Sepp nahm die Anne und wurde überglücklich und sagte später noch oft zu seiner Mutter: „Mutter, Ihr hattet recht mit Eurem Rat.“

Heino im Sumpf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Königssohn Heino liebte Blauäuglein, eine Frau aus dem Volke, die in einem Haus versteckt hinter dem Wald wohnte. König und Königin wollten ihren Sohn mit der Tochter eines mächtigen Königs verheiraten und so suchten sie, die beiden zu trennen. Die Königin ließ ein Kraut am Wegesrand pflanzen, das giftig war und eine schöne rote Blüte hatte. Als der Königssohn da vorbei ritt, fand er die Pflanze und brach die Blume ab. Während er dies tat, geschah es, und er hatte seine Liebste vergessen. Der König gab dem Sohn eine goldene Rüstung und sagte: „Ich bin alt und schwach, geh in die Welt und sieh zu, wie es draußen aussieht. Nach zwei Jahren will ich dir dann das Königreich geben.“ So wählte Heino sich dreißig Knappen und ritt in die Welt hinaus.

Als aber Heino nicht wiederkam, merkte Blauäuglein, dass er sie verlassen habe. Jeden Morgen schickte sie ihre weiße Taube aus, die so lange in der Welt herumfliegen musste, bis sie Heino gefunden hatte. Und jeden Abend kam die weiße Taube wieder und sagte Blauäuglein, wo Heino wäre und wie es ihm ging. Zwei Jahre waren schon vergangen, da kam die weiße Taube eines Abends auch wieder zurück und berichtete, Heino wäre in den Irrwisch­sumpf geraten und liege verhext im Arm der Irrwischkönigin. Da hieß Blauäuglein die weiße Taube sich auf ihre Schulter setzen und machte sich auf, Heino zu suchen. Nachdem sie drei Tage gewandert war, kam sie an den Irrwischsumpf. Als es Nacht sah sie die ersten blauen Flämmchen im Sumpf aufsteigen. Beherzt stieg Blauäuglein hinab in das Schilfgras und folgte den Irrlichtern in den Sumpf. Schließlich erreichte sie das Schloss der Irrwischkönigin. Da suchte die Irrlichter Blauäuglein zu überreden, bei ihnen zu bleiben. Plötzlich erkannte sie in einem der Irrlichter den verzauberten Heino und sie schrie laut: „Heino, Gott steh dir bei in deiner großen Not!“ Kaum hatte sie dies ausgerufen, so fuhr ein heftiger Windstoß über den Sumpf, und die Lichter der Irrwische verloschen. Dann sank das Schloss lautlos in die Tiefe, und an seiner Stelle standen die Überreste einer alten Fischerhütte. Vor Blauäuglein aber, im tiefen Sumpf bis an den Gürtel eingesunken, stand Heino, leibhaftig, wie er gewesen war, aber blass und traurig. „Bist du es, Blauäuglein?“ fragte er wehmütig. „Ja, Heino, ich bin’s.“ „Lass mich“, erwiderte er, „ich bin ein verlorener Mann!“ Doch sie gab ihm die Hand und sprach ihm Mut zu; und er versuchte einige Schritte vorwärts zu kommen. So half sie ihm Schritt für Schritt vorwärts. Mit unsäglicher Mühe waren sie endlich so weit gekommen, dass sie von fern schon das Ende des Sumpfes und die Straße sahen. „Ich kann nicht weiter, Blauäuglein! Geh du allein zurück und grüß mein Mütterchen. Du kommst wohl heraus, denn du sinkst ja nicht tief ein; aber mir geht es fast bis ans Herz.“ Dabei wandte er sich um und blickte nach der Stätte zurück, wo das Schloss versunken war. „Sieh dich nicht um!“ rief Blauäuglein ängstlich. Da schwebte ein einzelnes Flämmchen auf beide zu, die Irrwischkönigin. Mit ihren glühenden Augen schaute sie Heino an, als wollte sie ihm bis ins Herz sehen. Dann legte sie ihm die Hand auf die Schulter und bat flehend: „Komm zurück, Heino!“ Und er stand und sah sie an und schwankte unstet. Da riss Blauäuglein ihm das Schwert von der Seite und schwang es gegen die Irrwischkönigin. Und wie die Irrwischkönigin noch einen Versuch machte, Heino, dessen rechte Hand sie erfasst hatte, mit sich fortzureißen, rief sie: „Heino, es tut nicht weh!“ und schlug ihm mit einem Schlage den Arm dicht am Handgelenk ab. Da verlosch auch die Flamme auf dem Haupte der Königin, und sie selber zerrann wie ein Nebelbild. „Nun bist du erlöst, Heino!“ rief Blauäuglein. „Komm, es ist nicht mehr weit zur Straße; nimm deine letzten Kräfte zusammen. Sieh, du sinkst gar nicht mehr tief ein.“ So gelangten sie schließlich zurück zum Schloss, und es wurde Hochzeit gefeiert. Als sie jedoch vor dem Altare standen und die Ringe wechseln sollten, vergaß Heino, dass ihm die rechte Hand fehlte, und er streckte dem Priester den Stumpf hin. Da geschah ein Wunder; denn als der Priester den Stumpf berührte, wuchs aus ihm eine neue Hand hervor, wie eine weiße Blume aus einem braunen Ast. Aber um das Handgelenk lief ein feiner roter Streif, schmal wie ein Faden, herum. Den behielt er sein ganzes Leben.

Pechvogel und Glückskind[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer Stadt lebte einmal ein junger Mann, dem alles zum Unglück ausschlug, was er anfing. Beide Eltern waren früh gestorben, und die lange, dürre Tante, die ihn zu sich genommen hatte, prügelte ihn jedes Mal, wenn sie aus der Messe kam. Da sie aber jeden Tag in die Messe ging, so prügelte sie ihn eben auch alle Tage. Er hatte aber auch wirklich viel Unglück. Denn wenn er ein Glas trug, fiel es ihm gewöhnlich hin; und wenn er dann weinend die Scherben auflas, schnitt er sich stets in die Finger. So ging es in allen Dingen. Da beschloss er, in die weite Welt zu gehen. Nachdem Pechvogel mehrere Wochen lang gewandert war, kam er eines Tages an einen wundervollen großen Garten. Er trat hinein, schlug einen Seitengang zwischen hohen Jasmin- und Rosenhecken ein. Als er um eine Ecke bog, lag die Spitze des Hügel vor ihm, und auf dem Hügel im Grase saß ein wunderschönes Mädchen. Sie hatte eine goldene Krone auf dem Schoß, auf die sie fortwährend hauchte. Dann nahm sie ihre seidene Schürze, rieb die Krone mit ihr, und als sie sah, dass sie wieder ganz blank wurde, klatschte sie vor Freude in die Hände, strich sich ihre langen Haare hinter die Ohren und setzte sich die Krone wieder auf.

Da trat Pechvogel heran. „Komm her, setze dich ein wenig zu mir“, sagte sie lachend. „Du kannst mir etwas recht Hübsches erzählen, aber was zum Lachen! Aber du siehst ja so traurig aus! Was fehlt dir denn? Wenn du kein so finsteres Gesicht machtest, wärst du wirklich ein ganz hübscher Mensch.“ „Wenn du es haben willst“, antwortete Pechvogel, „will ich mich wohl einen Augenblick zu dir setzen. Aber wer bist du denn? Ich habe ja mein Lebtag noch nie etwas so Schönes und Herrliches gesehen wie dich!“ „Ich bin die Prinzessin Glückskind, und dies ist meines Vaters Garten.“ „Was machst du denn hier so allein?“ „Ich füttere meine Rehe und Hirsche und putze meine Krone.“ „Und nachher?“ „Dann füttere ich meine Goldfische!“ „Und wenn du damit fertig bist?“ „Dann kommen meine Gespielinnen wieder, und dann lachen wir und singen und tanzen!“ „Ach, was du für ein glückseliges Leben führst! Und das geht so alle Tage?“ „Ja, alle Tage! Nun sage aber auch einmal, wer du bist und wie du heißt.“ „Ach, allerschönste Prinzessin, ich bin der allerunglücklichste Mensch unter der Sonne und habe den allerhässlichsten Namen. Ich heiße Pechvogel.“ „Pechvogel? Das ist ja zum Totlachen! Ich will mir einmal einen recht hübschen Namen für dich ausdenken. Sage einmal, warum bist du eigentlich so traurig? Denn ich bin immer vergnügt, und jeder, mit dem ich rede, freut sich. Nur dir sieht man’s gar nicht an!“ „Warum ich so traurig bin? Weil ich mein ganzes Leben traurig war und stets Unglück habe. Und du bist immer lustig? Wie fängst du das an?“ „Mich hat eine Fee über die heilige Taufe gehalten, der hatte mein Vater früher einmal einen großen Dienst erwiesen. Sie nahm mich auf den Arm, küsste mich auf die Stirn und sagte zu mir: 'Du sollst immerdar fröhlich sein und alle Welt fröhlich machen. Wenn dich ein recht trauriger Mensch ansieht, soll er sein Unglück vergessen! Glückskind sollst du heißen!' – Dich aber hat wohl keine Fee geküsst?“ „Nein, nein!“ antwortete er hastig, „niemals!“ Darauf wurde die Prinzessin sehr still und nachdenklich und sah ihn mit ihren großen blauen Augen so sonderbar an, dass es ihm eiskalt den Rücken hinunterlief. Dann hub sie wieder an: „Ob es auch immer eine Fee sein muss? Eine Prinzessin ist auch etwas. Komm her, knie dich einmal hin; denn du bist mir zu groß.“ Darauf trat sie vor ihn, gab ihm einen Kuss und lief lachend fort. Langsam stand er auf. Es war ihm, als wenn er aus einem Traum erwachte; und doch fühlte er eine wunderbare Fröhlichkeit. Sobald er in die nächste Stadt kam, kaufte er sich ein rotsamtnes Wams und ein Barett mit einer langen weißen Feder, besah sich im Spiegel und sagte: „Pechvogel heiße ich? Wir wollen doch sehen, ob ich nicht einen anderen Namen bekomme.“ Dann stieg er auf ein Pferd, gab ihm die Sporen und setzte seine Reise fort.

Prinzessin Glückskind aber, nachdem sie dem Pechvogel den Kuss gegeben hatte, lief und lief. Dann setzte sie sich auf eine Bank unweit vom Schlosse und fing an, bitterlich zu weinen. Als dies der König sah, nahm er seine Tochter in den Arm und tröstete sie, aber sie weinte immerfort. Und sie erzählte, wie sie Pechvogel geküsst hätte, um zu sehen, ob er dadurch nicht vielleicht etwas fröhlicher würde. „Den Menschen muss ich haben!“ Darauf befahl der König seinen Reitern, das Land nach allen Richtungen hin zu durchstreifen und auf den armen Pechvogel zu fahnden. Und die Reiter stoben auseinander und durchzogen das ganze Land. Manche von ihnen kamen auch an Pechvogel vorbei, der in seiner vornehmen Kleidung stolz auf dem Pferde saß; aber sie erkannten ihn nicht, und die meisten von ihnen kehrten unverrichteter Dinge in das Schloss zurück. Die Prinzessin aber blieb traurig und kam jeden Mittag mit verweinten Augen zu Tisch. So ging es Woche um Woche. Eines Tages jedoch entstand plötzlich ein Lärmen auf dem Schlosshofe. Alles lief zusammen, und ehe noch der König Zeit gehabt, ans Fenster zu treten, führten schon zwei Reiter den armen Pechvogel in sein Zimmer. Sein Gesicht strahlte, als wenn ihm in seinem Leben noch nie etwas Lieberes widerfahren wäre. Er verneigte sich vor dem König. Der König aber trat vor Pechvogel hin und sagte: „Also du bist der Mensch, der die Frechheit gehabt hat, sich von der Prinzessin küssen zu lassen?“ „Ja, Herr König! Und ich bin seitdem der allerglückseligste Mensch der Welt geworden!“ „Werft ihn in den Turm, er soll morgen geköpft werden!“

Der König aber ging mit langen Schritten in seinem Zimmer auf und ab und dachte: „Haben tu ich ihn, und geköpft wird er; aber davon allein wird mein Glückskind nicht wieder lustig.“ Dann ließ er seinen Geheimen Rat kommen. Dieser sagte: „Ich weiß nicht, ob’s hilft, aber man könnte es versuchen. Dass der Kuss daran schuld ist, ist doch sehr wahrscheinlich. Also, der Pechvogel muss der Prinzessin den Kuss wiedergeben, Majestät!“ Der König überlegte, dann sagte er: „Gut, wir wollen es versuchen. Rufe alle Grafen und Ritter ins Thronzimmer und lass den Gefangenen heraufführen!“ Darauf legte der König seine Staatskleidung an und nahm auf dem Throne Platz. Neben ihm stand die Prinzessin, der er gar nicht gewagt hatte zu sagen, weshalb er sie hatte rufen lassen, und um ihn herum der ganze Hof. Alles war ganz still. Da ging die Tür auf, und Pechvogel wurde hereingebracht. „Du wirst morgen geköpft“, fuhr ihn der König an, „aber zuvor wirst du augenblicklich und vor allen diesen edlen und erlauchten Herren meiner Tochter den Kuss wiedergeben, den sie dir unüberlegterweise gegeben hat!“ Darauf schritt Pechvogel auf die Prinzessin zu, umarmte sie und gab ihr einen Kuss. Sie aber nahm seine Hand, sah ihn sehr freundlich an, und beide blieben vor dem Throne stehen. „Bist du nun wieder vergnügt, meine liebe Tochter?“ fragte der König. „Ein klein bisschen, Herr Vater“, entgegnete sie. „Aber es wird gewiss nicht lange vorhalten.“ Da schlug die Prinzessin die Augen nieder und sagte leise: „Ich weiß es, Vater, und will es dir sagen; aber bloß ins Ohr.“ Darauf ging der König mit der Prinzessin auf den Vorsaal, und wie sie wieder hereintraten, nahm er die Hand Pechvogels, legte sie in die der Prinzessin und sagte zu allen den versammelten Herren und Grafen: „Es ist nicht zu ändern, Gottes Wille geschehe; dies ist mein lieber Sohn, der König wird, wenn ich einmal sterbe.“ Und Pechvogel wurde Prinz und später König. Er wohnte in dem goldenen Schlosse und gab der Prinzessin so viele Küsse, dass sie noch viel fröhlicher wurde als zuvor. Prinzessin Glückskind aber schenkte ihm für seinen hässlichen Namen die allerschönsten.

Die Alte-Weiber-Mühle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Apolda in Thüringen liegt die Alte-Weiber-Mühle, die ungefähr aussieht wie eine große Kaffeemühle, nur dass nicht oben gedreht wird, sondern unten. Unten stehen nämlich zwei große Balken heraus, mit denen zwei Knechte die Mühle drehen. Oben werden die alten Weiber hineingetan, faltig und bucklig, ohne Haare und Zähne, und unten kommen sie jung wieder heraus: schmuck und rotbackig wie die Borstäpfel. Es knackt und kracht, dass es einem durch Mark und Bein fährt. Wenn man aber die, welche wieder jung geworden sind, fragt, ob es nicht schrecklich wehtue, antworten sie: „Wunderschön ist es! Ungefähr so, wie wenn man früh aufwacht, gut ausgeschlafen ist und die Sonne ins Zimmer scheint, und man sich dann noch einmal im Bett ordentlich dehnt und reckt. Da knackt es auch zuweilen.“

Sehr weit von Apolda wohnte einmal eine alte Frau, die hatte auch davon gehört. Da sie sehr gern jung gewesen war, machte sie sich auf den Weg. Es ging zwar langsam, aber mit der Zeit kam sie doch vorwärts, und endlich stand sie vor der Mühle. „Ich möchte wieder jung werden und mich ummahlen lassen“, sagte sie zu einem der Knechte. „Wie heißt Ihr denn?“ fragte der Knecht. „Die alte Mutter Klapprothen!“ „Setzt Euch solange auf die Bank“, sagte der Knecht, ging in die Mühle und kam mit einem langen Zettel wieder heraus. „Das Ummahlen kostet nichts, aber Ihr müsst zuvor das hier unterschreiben! Auf dem Zettel stehen alle Torheiten verzeichnet, die Ihr in Eurem ganzen Leben begangen habt, und zwar genau der Reihe nach. Ehe Ihr Euch ummahlen lasst, müsst Ihr Euch verpflichten, alle die Torheiten noch einmal zu machen, und zwar ganz genau in derselben Reihenfolge, wie es auf dem Zettel steht!“ Da seufzte die Alte und sagte: „Dann lohnt es sich ja gar nicht, sich ummahlen zu lassen! Ist es denn nicht möglich, wenigstens etwas auf dem Zettel auszustreichen?“ fragte die Alte. „Nein“, antwortete der Knecht, „das ist platterdings[2] unmöglich. Entweder – oder!“ „Nehmt nur Euren Zettel wieder“, sagte darauf die alte Frau und machte sich auf den Heimweg.

Das Klapperstorch-Märchen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wovon die Beine der Teckel so kurz sind, und dass sie sich dieselben abgelaufen haben, weiß jeder. Wie aber der Storch zu seinen langen Beinen gekommen ist, das ist eine ganz andere Geschichte. Drei Tage, ehe der Storch ein kleines Kind bringt, klopft er mit seinem Schnabel an das Fenster der Leute, welche es bekommen sollen. Dann wissen die Leute, woran sie sind. Doch zuweilen vergisst er es, und dann gibt es große Not, weil nichts fertig ist.

Bei zwei armen Leuten, welche im Dorf in einer kleinen Hütte wohnten, hatte es der Storch auch vergessen. Als er mit dem Kinde kam, war niemand zu Hause. Mann und Frau waren auf Feldarbeit gegangen; auch war nicht einmal eine Treppe vor dem Hause, auf die er es hätte legen können. Da flog er aufs Dach und klapperte so lange, bis das ganze Dorf zusammenlief und eine alte Frau aufs Feld hinaus sprang, um die Leute zu holen. „Herr Nachbar, Frau Nachbarin! Um Gottes Willen! Der Storch sitzt auf eurem Hause und will euch ein kleines Kind bringen.“ Da liefen die beiden Hals über Kopf nach Haus und nahmen dem Storche das Kind ab. Wie sie es besahen, war es ein wunderhübscher kleiner Junge, und Mann und Frau waren vor Freude außer sich. Wie nun das Kind wuchs und täglich hübscher wurde, sagte eines Tages die Frau: „Wenn wir dem guten Storch, der uns das Kind gebracht hat, nur irgend etwas schenken könnten! Mir will gar nichts einfallen!“

Am nächsten Morgen sagte der Mann: „Was meinst du, wenn ich dem Storch beim Tischler ein paar recht schöne Stelzen machen ließe? Er muss doch immer in den Sumpf, um Frösche zu fangen, und dann wieder in den großen Teich hinterm Dorf, aus dem er die kleinen Knaben herausholt. Da muss er doch sehr oft nasse Füße bekommen! Ich dächte auch, er hätte damals, als er zu uns kam, ganz heiser geklappert.“ „Ein herrlicher Einfall!“ entgegnete die Frau. „Aber der Tischler muss die Stelzen recht schön rot lackieren, damit sie zu seinem Schnabel passen!“ So bestellte der Mann rote Stelzen, und als sie fertig waren, ging er an den Sumpf und brachte sie dem Storch. Und der Storch war sehr erfreut, probierte sie gleich und sagte: „Eigentlich war ich auf euch recht böse, weil ihr mich damals so lange habt warten lassen. Weil ihr aber so gute Leute seid und mir die schönen roten Stelzen schenkt, so will ich euch auch noch ein kleines Mädchen bringen.“ Als vier Wochen um waren, kam der Storch geflogen und brachte ein kleines Mädchen; das war noch hübscher als der kleine Junge, und war nun gerade das Pärchen voll. Auch blieben beide Kinder hübsch und gesund, und die Eltern auch, so dass es eine rechte Freude war.

Wie sich der Christoph und das Bärbel immer aneinander vorbeigewünscht haben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Christoph und das Bärbel hatten sich beide sehr lieb; denn eins hütete die Gänse, das andere die Schweine, und sie passten gut zusammen, weil nämlich der Stand kein Hindernis machte. Sie nahmen sich denn vor, sie wollten sich heiraten. Aber die Herrschaft war anderer Meinung. So mussten sie sich denn mit dem Brautstande zufriedengeben. Weil aber das Küssen bei Brautleuten eine wichtige Sache ist, waren sie übereingekommen, dass sieben Küsse morgens und sieben Küsse abends eine gute Zahl wären. Eine Zeitlang ist es denn auch ganz gut gegangen. Am Morgen aber des Tages, wo diese Geschichte sich zugetragen hat, eben da es zum siebenten Kusse kommen sollte, waren dem Bärbel seine Lieblingsgans und dem Christoph sein Lieblingsferkel wegen des Frühstücks uneinig geworden und sie beinahe schon zu Tätlichkeiten übergingen. Da mussten sie es, um den Streit zu schlichten, bei der falschen Zahl lassen.

Wie nun beide nachher so einsam und weit voneinander am Wiesenrande saßen, fiel ihnen ein, dass es doch sehr schlimm sei, und fingen an zu weinen, und weinten immer noch, als der liebe Gott selbst zusah. Gott sprach: „Ich will ihnen helfen! Was sie sich am heutigen Tage nur immer wünschen mögen, soll in Erfüllung gehen.“ Christoph dachte: Wenn ich doch drüben bei den Gänsen wäre! und das Bärbel seufzte: Ach, wäre ich doch bei den Schweinen! Auf einmal nun saß der Christoph wirklich bei den Gänsen und das Bärbel bei den Schweinen; und doch waren sie wieder nicht beieinander. Da dachte der Christoph: Das Bärbel hat mich wohl besuchen wollen. Und das Bärbel dachte: Der Christoph ist andersrum zu mir herüber gegangen! – Ach, wäre ich doch bei meinen Gänsen! – Ach, wäre ich doch bei meinen Schweinen! Da saß nun wieder das Bärbel bei den Gänsen und der Christoph bei den Schweinen, und so ist es den ganzen Tag über immer weitergegangen, weil sich die beiden stets aneinander vorbeigewünscht haben. So fehlt denn der siebente Morgenkuss des Tages heute noch. Als aber der liebe Gott sah, dass sich die beiden immer so aneinander vorbeiwünschten, hat er sich vorgenommen, nie wieder Liebesleuten ihre Wünsche so ohne weiteres in Erfüllung gehen zu lassen.

Die Traumbuche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf einer Wiese außerhalb des Dorfes stand eine mächtige Buche. Jeder im Dorf wusste es: Wer unter ihr einschlief und träumte, dessen Traum ging in Erfüllung. Deshalb hieß er schon seit undenklichen Zeiten die Traumbuche. Eine besondere Bedingung war jedoch dabei: wer sich zum Schlaf unter die Traumbuche legte, durfte nicht daran denken, was er wohl träumen würde. Das war allerdings eine sehr schwere Bedingung, weil die meisten Menschen viel zu neugierig sind, und so misslang es denn auch den allermeisten, die es versuchten.

Eines heißen Sommertages kam ein armer Handwerksbursche ins Dorf. Da erblickte er die herrliche Buche, legte sich darunter und schlief ein. Er träumte einen schönen Traum von einem Haus und einer Stube. Dort saßen er, seine Frau und zwei Kinder an einem Tisch und da es so ein schöner Traum war, lachte er im Schlaf übers ganze Gesicht. Als er erwachte, stand vor ihm der Schäfer mit seiner Herde. Der fragte ihn, was er denn wohl geträumt habe und erzählte dem Burschen, was es mit der Traumbuche auf sich habe, der aber wollte dem Schäfer kein Wort glauben.

Als er in das Dorf kam, ging er an einem Wirtshaus vorbei. Der Wirt hatte grad gut gegessen und sehr gute Laune. Deshalb lud er den Handwerksburschen ein, sich zu setzen, er würde etwas für ihn herrichten lassen. Darauf schickte er seine Tochter, die brachte Brot und Wein, setzte sich zu ihm und ließ sich erzählen, wie es in der Fremde aussähe. Dann erzählte sie ihm alles, was sie wusste, aus dem Dorf. Der Bursche erwähnte, dass er am Nachmittag unter der schönen Buche geschlafen habe. Da wurde die Tochter neugierig und fragte ihn nach seinem Traum, den er unter der Buche geträumt habe. Sie drang immer weiter in ihn und quälte, er möchte es doch sagen. Da rückte er ganz nahe an sie heran und sagte ernsthaft: „Denkt nur, mir hat geträumt, ich würde noch einmal des Wirtes Töchterlein heiraten und später selbst Wirt werden!“ Da wurde das Mädchen erst kreideweiß und dann purpurrot und ging ins Haus. Dort lief sie hin und her, und schließlich legte sie sich zu Bett, und die ganze Nacht träumte sie von dem Handwerksburschen. Der Handwerksbursche aber hatte auf seiner Streu im Stall wundervoll geschlafen; Traumbuche, Traum und was er am Abend zu der Wirtstochter gesagt, längst vergessen. Er stand in der Wirtsstube und wollte eben dem Wirt die Hand reichen zum Abschied. Da trat sie herein und fragte, ob er nicht einen Tag bleiben wolle, so möchte er sich seine Zeche verdienen und ein Stückchen Reisegeld obendrein. Und der Wirt hatte nichts dagegen. Aus dem einen Tag wurde eine Woche und aus der Woche eine weitere. So verging Woche um Woche, und jedwede Nacht träumte sie von ihm. Am Abend aber saß sie mit ihm in der Laube vor dem Haus, und er erzählte, wie es ihm weh und übel unter den fremden Leuten ergangen sei. Und nach einem Jahr hielt er Hochzeit mit dem Wirtskind, und alle Leute freuten sich. Bald darauf schlief der Wirt nach einem guten Mahl in seinem Lehnstuhl ein und als ihn die Tochter wecken wollte, da war er tot. Da war nun der junge Handwerksbursch wirklich Wirt, wie er es im Scherze gesagt, und sonst traf alles ein, wie er es unter der Buche geträumt. Denn sehr bald hatte er auch zwei Kinder.

Eines Tages nun da kam seine Frau herein, stellte sich vor ihn hin und sagte: „Denke dir, gestern unter Mittag ist einer von unsern Mähern unter der Traumbuche eingeschlafen und hat nicht daran gedacht. Weißt du, was er geträumt hat? Er hat geträumt, er wäre steinreich.“ Da lachte der Mann und sagte: „Wie kannst du nur an das dumme Zeug glauben und bist sonst eine so kluge Frau? Überlege dir doch selbst, ob ein Baum, und wenn er noch so schön und alt ist, die Zukunft wissen kann.“ Darüber gerieten die beiden in Streit. „Willst du mich verleugnen oder den Baum? Hast du mir nicht am ersten Tag, wo wir uns sahen, du hättest geträumt, du würdest mich heiraten und obendrein Wirt werden?“ Da fiel dem Manne zum ersten Male wieder der Scherz ein, den er sich damals mit seiner jetzigen Frau erlaubt hatte, und er sagte: „Es kann nichts helfen, liebe Frau! Ich habe wirklich damals nicht von dir geträumt; und wenn ich es gesagt, so war es nur ein Scherz. Du warst so neugierig; da wollte ich dich necken!“ Da brach die Frau in heftiges Weinen aus und ging hinaus. Da dachte er: Lass sie ausweinen! Über Nacht kommen andere Gedanken; morgen ist sie die alte. Doch er täuschte sich; denn am andern Morgen weinte die Frau zwar nicht mehr, aber sie war ernst und traurig und ging ihrem Mann aus dem Wege. Als dies mehrere Tage gedauert, ohne dass eine Änderung eintrat, befiel auch ihn eine große Traurigkeit; denn er fürchtete, er hätte die Liebe seiner Frau auf immer verloren. Er ging still im Hause umher und sann auf Abhilfe, doch es wollte ihm nichts einfallen.

Da ging er eines Mittags zum Dorfe hinaus und schlenderte durchs Feld. Es war ein heißer Julitag; keine Wolke am Himmel. Da sah er von fern die alte Traumbuche stehen. Es kam ihm vor, als wenn sie ihm mit ihren grünen Zweigen zuwinkte. So ging er hin, und da wurde sein Herz stiller, und er schlief ein; denn er hatte vor Sorge die letzten Nächte nicht geschlafen. Und nicht lange, so träumte er denselben Traum wie vor fünf Jahren, und die Frau am Tisch und die spielenden Kinder hatten die alten, lieben Gesichter von seiner Frau und von seinen Kindern. Da wachte er auf, und tags drauf erzählte er der Frau seinen Traum: „Mir träumte, du wärest wieder gut und hättest alle vergessen. Aber es ist nicht wahr! Es ist nichts mit der alten guten Buche, von der Zukunft weiß sie nichts.“ Da starrte ihn die Frau an, und dann ging es wie ein Sonnenschein über ihr Gesicht: „Mann, hast du das wirklich geträumt?“ „Ja!“ entgegnete er fest. „Und ich war wirklich deine Frau?“ Als er auch dies bejahte, fiel ihm die Frau um den Hals und küsste ihn so oft, dass er sich ihrer gar nicht erwehren konnte.

Das kleine bucklige Mädchen[3][Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es war einmal eine Frau, die hatte ein einziges Töchterchen, das war etwas anders wie andre Kinder. Denn wenn die Frau mit ihm ausging, blieben oft die Leute stehen, sahen dem Kinde nach und raunten sich etwas zu. Wenn dann das kleine Mädchen seine Mutter fragte, weshalb die Leute es so sonderbar ansähen, entgegnete die Mutter jedes Mal: „Weil du ein so wunderschönes, neues Kleidchen anhast.“ Darauf gab sich die Kleine zufrieden. Kamen sie jedoch nach Hause zurück, so nahm die Mutter ihr Töchterchen auf die Arme, küsste es immer wieder und sagte: „Du lieber, süßer Herzensengel, was soll aus dir werden, wenn ich einmal tot bin? Kein Mensch weiß es, was du für ein lieber Engel bist; nicht einmal dein Vater!“

Nach einiger Zeit wurde die Mutter plötzlich krank, und am neunten Tage starb sie. Nach einem Jahr nahm der Vater sich eine andere Frau, schöner, jünger und reicher als die erste, aber so gut war sie lange nicht. Das kleine Mädchen hatte die ganze Zeit, seit seine Mutter gestorben war, jeden Tag auf dem Fensterbrett gesessen; denn niemand wollte mit ihm ausgehen. Es war noch blasser geworden, und gewachsen war es in dem letzten Jahre gar nicht. Als nun die neue Mutter ins Haus kam, dachte es: „Jetzt wirst du wieder Spazierengehen, vor die Stadt, im lustigen Sonnenschein.“ Die neue Mutter ging auch jeden Tag aus, doch das kleine Mädchen nahm sie nie mit sich. Da fasste es sich endlich ein Herz, und eines Tages bat es sie inständig, sie möchte es doch mitnehmen. Aber die neue Mutter sagte: „Was sollen wohl die Leute denken, du bist ja ganz bucklig.“ Darauf wurde das kleine Mädchen ganz still, und es stellte sich auf einen Stuhl und besah sich im Spiegel; und wirklich, es war bucklig, sehr bucklig! Da setzte es sich wieder auf sein Fensterbrett und sah hinab auf die Straße und dachte an seine gute alte Mutter, die es doch jeden Tag mitgenommen hatte.

Und der Sommer verging, und als der Winter kam, war das kleine Mädchen noch blässer und so schwach geworden, dass es sich gar nicht mehr auf das Fensterbrett setzen konnte, sondern stets im Bett liegen musste. Und als die Schneeglöckchen ihre ersten grünen Spitzchen aus der Erde hervorstreckten, kam eines Nachts die alte, gute Mutter zu ihm und erzählte ihm, wie golden und herrlich es im Himmel aussähe. Am andern Morgen war das kleine Mädchen tot. Als nun das kleine Mädchen begraben war, kam ein Engel mit großen, weißen Schwanenflügeln vom Himmel herabgeflogen, setzte sich neben das Grab und klopfte daran. Da kam das kleine Mädchen aus dem Grabe hervor, und der Engel erzählte ihm, er sei gekommen, um es zu seiner Mutter in den Himmel zu holen. Da fragte das kleine Mädchen schüchtern, ob denn bucklige Kinder auch in den Himmel kämen. Jedoch der Engel erwiderte: „Du gutes, liebes Kind, du bist ja gar nicht mehr bucklig!“ und berührte ihm den Rücken mit seiner weißen Hand. Da fiel der alte garstige Buckel ab wie eine große hohle Schale. Und was war darin? Zwei herrliche, weiße Engelflügel! Die spannte es aus, als wenn es schon immer fliegen gekonnt hätte, und flog mit dem Engel in den blauen Himmel hinauf. Auf dem höchsten Platze im Himmel aber saß seine gute, alte Mutter und breitete ihm die Arme entgegen. Der flog es gerade auf den Schoß.

Der kleine Vogel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Mann und eine Frau wohnten in einem hübschen kleinen Hause, und es fehlte ihnen nichts zu ihrer vollen Glückseligkeit. Hinter dem Hause war ein Garten mit schönen alten Bäumen, in dem die Frau die seltensten Pflanzen und Blumen zog. Eines Tages ging der Mann im Garten spazieren, freute sich über die herrlichen Gerüche und dachte: „Was du doch für ein glücklicher Mensch bist und für eine gute, hübsche, geschickte Frau hast!“ Da bewegte sich etwas zu seinen Füßen. Der Mann, der sehr kurzsichtig war, bückte sich und entdeckte einen kleinen Vogel, der wahrscheinlich aus dem Nest gefallen war und noch nicht fliegen konnte. Er hob ihn auf, besah ihn sich und trug ihn zu seiner Frau. „Ich habe einen kleinen Vogel gefangen“, rief er ihr zu, „ich glaube, es wird eine Nachtigall!“ „Wie soll eine junge Nachtigall in unseren Garten kommen?“ fragte die Frau, „es nisten ja keine alten drin.“ „Du kannst dich darauf verlassen, es ist eine Nachtigall! Das wird herrlich, wenn sie groß wird und zu singen beginnt!“ „Es ist keine!“ wiederholte die Frau, indem sie immer noch nicht aufsah; denn sie war gerade mit ihrem Strickstrumpfe beschäftigt. „Doch!“ sagte der Mann, „ich sehe es jetzt ganz genau!“ und hielt sich den Vogel dicht an die Nase. Da trat die Frau heran, lachte laut und rief: „Männchen, es ist ja bloß ein Spatz! Hat denn eine Nachtigall einen so breiten Schnabel und einen so dicken Kopf?“ „Jawohl, das hat sie; und es ist eine Nachtigall!“ „Ich sage dir aber, es ist keine; höre doch, wie er piepst!“ „Kleine Nachtigallen piepsen auch.“ Und so ging es fort, bis sie sich ganz ernstlich zankten. Zuletzt ging der Mann ärgerlich aus der Stube und holte einen kleinen Käfig. Er tat den Vogel in den Käfig, ließ Ameiseneier holen und fütterte ihn.

Beim Abendessen aber saßen der Mann und die Frau jeder an einer Tischecke und sprachen kein Wort miteinander. So vergingen vierzehn Tage. Aus dem kleinen Häuschen schienen Glück und Friede auf immer gewichen zu sein. Der Mann brummte, und wenn die Frau nicht brummte, weinte sie. Nur der kleine Vogel wurde bei seinen Ameiseneiern immer größer. Eines Tages saß die Frau weinend allein im Zimmer und dachte darüber nach, wie glücklich sie doch mit ihrem Manne gelebt habe. Plötzlich sprang sie auf, nahm den Vogel aus dem Käfig und ließ ihn zum Fenster in den Garten hinaushüpfen. Gleich darauf kam der Mann. „Lieber Mann“, sagte die Frau, indem sie nicht wagte, ihn anzusehen, „es ist ein Unglück passiert; den kleinen Vogel hat die Katze gefressen.“ „Die Katze gefressen? Du lügst! Du hast die Nachtigall absichtlich fortgelassen! Das hätte ich dir nie zugetraut. Du bist eine schlechte Frau. Nun ist es für ewig mit unserer Freundschaft aus!“ Dabei wurde er ganz blass, und es traten ihm die Tränen in die Augen. Wie dies die Frau sah, wurde sie auf einmal inne, dass sie doch ein recht großes Unrecht getan habe, und laut weinend eilte sie in den Garten, um zu sehen, ob sie ihn vielleicht dort noch fände. Und richtig, mitten auf dem Wege hüpfte und flatterte das Vögelchen. Da stürzte die Frau auf dasselbe zu, um es zu fangen, aber das Vögelchen huschte ins Beet und vom Beet in einen Busch, und die Frau stürzte hinter ihm her. Sie zertrat die Beete und Blumen, und jagte wohl eine halbe Stunde lang mit dem Vogel im Garten herum. Endlich erhaschte sie ihn, und purpurrot im Gesicht kam sie in die Stube zurück. Ihre Augen funkelten vor Freude, und ihr Herz klopfte heftig. „Ich habe die Nachtigall wieder gefangen. Sei nicht mehr böse; es war recht hässlich von mir!“ Da sah der Mann seine Frau zum ersten Male wieder freundlich an, und wie er sie ansah, meinte er, dass sie noch nie so hübsch gewesen wäre wie in diesem Augenblicke. Er nahm ihr den kleinen Vogel aus der Hand, hielt ihn sich wieder dicht vor die Nase und sagte dann: „Kindchen, du hattest doch recht! Es ist wirklich nur ein Spatz.“ Dann gab er seiner Frau einen herzhaften Kuss und fuhr fort: „Trag ihn wieder in den Garten und lass den dummen Spatz fliegen.“ „Nein“, entgegnete die Frau, „er ist noch nicht flügge. Wir wollen ihn noch einige Tage füttern, und dann wollen wir ihn fliegen lassen!“

Die himmlische Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im goldenen Zeitalter spielten die Engel noch mit den Bauernkindern auf den Sandhaufen, und die Tore des Himmels standen weit offen. Die Menschen sahen von der Erde in den offenen Himmel hinein; sie sahen oben die Seligen zwischen den Sternen spazieren gehen, und die Menschen grüßten hinauf, und die Seligen grüßten herunter. Das Schönste aber war die wundervolle Musik, die damals aus dem Himmel sich hören ließ. Der liebe Gott hatte dazu die Noten selber aufgeschrieben, und tausend Engel führten sie mit Geigen, Pauken und Trompeten auf. Wenn sie zu ertönen begann, wurde es ganz still auf der Erde. Die Menschen aber nickten sich zu und drückten sich heimlich die Hände. So war es damals.

Aber eines Tages ließ der liebe Gott zur Strafe die Himmelstore zumachen und sagte zu den Engeln: „Hört auf mit eurer Musik; denn ich bin traurig!“ Da wurden die Engel auch betrübt und setzten sich jeder mit seinem Notenblatt auf eine Wolke und zerschnitzelten die Notenblätter in lauter einzelne Stückchen; die ließen sie auf die Erde hinunterfliegen. Hier nahm sie der Wind, wehte sie wie Schneeflocke über Berg und Tal und zerstreute sie in alle Welt. Und die Menschenkinder haschten sich jeder ein Schnitzel. Aber mit der Zeit begannen sie sich zu streiten und zu entzweien, weil jeder glaubte, er hätte das Beste erwischt; und zuletzt behauptete jeder, das, was er hätte, wäre die eigentliche himmlische Musik. – So steht es noch heute.

Wenn aber der Jüngste Tag kommen wird, wo die Sterne auf die Erde fallen und die Sonne ins Meer und die Menschen sich an der Himmelspforte drängen wie die Kinder zu Weihnachten, wenn aufgemacht wird, da wird der liebe Gott durch die Engel alle die Papierschnitzel von seinem himmlischen Notenbuche wieder einsammeln lassen, die großen ebensowohl wie die kleinen, und selbst die ganz kleinen, auf denen nur eine einzige Note steht. Die Engel werden die Stückchen wieder zusammensetzen, und dann werden die Tore aufspringen, und die himmlische Musik wird aufs Neue erschallen, ebenso schön wie früher. Da werden die Menschenkinder verwundert und beschämt dastehen und lauschen.

Der kleine Mohr und die Goldprinzessin[4][Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem Land lebte einmal kleiner schwarzer Junge, der wegen seiner Hautfarbe überall von den Leuten verachtet wurde. Dazu kam noch, dass er in der Farbe nicht ganz echt war. Abends war sein Hemdkragen stets ganz schwarz, und wenn er seine Mutter anfasste, sah man alle fünf Finger am Kleid, so dass die Mutter ihn stets fortschuppte. Als er vierzehn Jahre alt geworden war, sagten seine Eltern, es sei höchste Zeit, dass er etwas lerne, womit er sich sein Brot verdienen könne. Er sagte, er wolle in die weite Welt hinausziehen und Musikant werden. Doch sein Vater meinte, das wäre eine brotlose Kunst und die Mutter erwiderte: „Du kannst nur etwas Schwarzes werden!“ Endlich kamen sie überein, er passe am besten zum Schornsteinfeger, also brachten sie ihn zu einem Meister in die Lehre. So war nun der schwarze Junge Schornsteinfeger und musste tagaus, tagein in die Essen kriechen. Und die Essen waren oft so eng, dass er Angst hatte, er bliebe stecken. Doch er kam stets glücklich wieder auf dem Dache heraus. Als er ausgelernt hatte, befahl ihm der Meister, er solle in seine Kammer gehen und sich waschen und ganz fein und nobel anziehen. Er wolle ihn freisprechen, dann wäre er Geselle. Als er in die Meisterstube eintrat, wo schon Lehrlinge und Gesellen sich versammelt hatten, war er immer noch sehr schwarz, wenn auch hier und da etwas Helles durchschimmerte, wo er sich das Schwarze in den Essen abgescheuert hatte. Da merkten alle mit Entsetzen, wie es mit ihm stand. Der Meister erklärte, Geselle könne er nun nicht werden, denn er sei ja nicht einmal ein ordentlicher Christenmensch. Und sie stießen ihn unter Scheltworten zur Hoftüre hinaus.

Da kam durch Zufall ein Mann vorbei, der besah ihn sich von oben bis unten, und als er merkte, dass er ein schwarzer Jüngling war, sagte er, er sei ein vornehmer Herr und wolle ihn in seinen Dienst nehmen. Er solle nichts weiter zu tun bekommen, als hinten auf seinem Wagen stehen, wenn er mit seiner Frau spazierenführe, damit man gleich sähe, dass vornehme Leute kämen. Da besann sich der kleine Mann nicht lange, sondern ging mit. Eines Tages jedoch, da sie auch wieder spazierenfuhren und er hintendrauf stand, erhob sich ein furchtbares Unwetter, und der Regen floss in Strömen. Als sie wieder nach Hause kamen, sah der vornehme Herr, dass es hinten schwarz vom Wagen herabtröpfelte. Da nahm der vornehme Herr ein Taschentuch, leckte am Zipfel und fuhr damit dem Schwarzen über die Stirn. Da war der Zipfel schwarz. „Dacht’ ich mir’s doch gleich“, rief er aus, „du bist ja nicht einmal echt!“ Da packte der arme kleine Mann weinend seine Siebensachen zusammen und wollte gehen. Doch die Frau des vornehmen Mannes rief ihn noch einmal zurück und sagte, er solle nicht verzagen, sondern brav und gut bleiben. Darauf schenkte sie ihm eine Geige und einen Spiegel, in dem solle er sich jede Woche einmal besehen.

So zog denn der kleine Mann in die Welt hinaus und wurde Musikant. Einen Lehrer hatte er nicht. Doch er horchte, was die Vögel sangen und was die Büsche und Bäche rauschten, und spielte es ihnen nach. Und es ging ihm auf seiner Wanderschaft zuweilen gut, meistenteils aber schlecht. Wenn er abends vor irgendeinem Haus haltmachte, ein schönes Lied spielte und um Herberge für die Nacht bat, ließen ihn die Leute wohl ein. Er fiedelte sich weiter von Stadt zu Stadt und von Land zu Land. Jeden Sonntag zog er den Spiegel hervor und sah nach, wie viel abgegangen war. Viel war’s freilich nicht, aber als er fünf Jahre gewandert war, sah man überall die Grundfarbe durchschimmern. Gleichzeitig war er ein solcher Meister auf der Geige geworden, dass, wo er hinkam, jung und alt zusammenströmte, um ihm zuzuhören. Eines Tages kam er in eine Stadt, in der herrschte eine goldene Prinzessin; die hatte Haare, Gesicht und Hände von Gold. Sie aß mit goldenen Messern und Gabeln von goldenen Tellern und hatte goldene Kleider an. Im Übrigen war sie jedoch stolz und hochmütig und von den vielen Prinzen, die um sie freiten, war ihr keiner schön und vornehm genug. Als der schwarze Mann vernahm, wie wunderschön die Prinzessin war, ging er zu ihrem Palast, setzte sich auf die Treppenstufen, nahm die Geige zur Hand und fing an zu spielen. Da befahl die Goldprinzessin ihren frei Kammermädchen nachzusehen, wer draußen so schön spiele. Da brachten sie die Nachricht, es wäre ein Mensch, der habe eine so absonderliche Gesichtsfarbe. Die eine behauptete, er sei mausgrau; die zweite, er sei hechtgrau, und die dritte gar, er wäre eselsgrau. Da führten die Kammermädchen ihn herauf. Als er die Prinzessin erblickte, die wirklich über und über von Gold war und wie die Sonne glänzte, warf er sich vor ihr auf die Knie nieder und sagte: „Allerschönste Goldprinzessin! Ihr seid so schön, wie Ihr es gar nicht wisst! Ich bin ein armer schwarzer Mann, der immer weißer wird; das Lied, das ich gespielt habe, ist noch lange nicht mein allerschönstes, und wenn Ihr mich heiraten wollt, werde ich so vergnügt, dass ich mit gleichen Beinen über den Tisch springen will!“ Als die Prinzessin dies hörte, fing sie laut zu lachen an, und die drei Kammermädchen lachten auch mit. Da befiel ihm ein ungeheurer Schrecken, denn er merkte, dass er etwas Dummes gesagt hatte. Er nahm seine Geige und sprang die Treppe hinab und lief in den Wald. Schließlich hing er sich die Geige wieder über den Rücken, pfiff sich eins und wanderte weiter und zog wie zuvor von Stadt zu Stadt. Und von Jahr zu Jahr wurde er immer weißer, und die Leute gewannen ihn immer lieber, denn die Lieder, die er sich ausdachte, wurden immer schöner, und kein Mensch konnte sich mit ihm auf der Geige messen. Und als er groß und ein Mann geworden war, sah er ganz weiß aus. Niemand wollte glauben, dass er früher ein Schwarzer gewesen sei.

Eines Tages kam er in einen Flecken, wo gerade Jahrmarkt war. Da sah er eine Bude, davor stand ein wüster Gesell mit einer bunten Jacke, der rief, die Leute möchten doch eintreten, es wären die größten Wunder der Welt zu sehen: ein Kalb mit zwei Köpfen, ein Schwein, das die Karten legen und wahrsagen könnte, und die hochberühmte, wunderschöne Goldprinzessin, um die sich alle Männer gerissen hätten. Da ging er hinein, uns es war ihm, als solle er vor Schreck in die Erde sinken; denn sie war es wirklich. Aber das Gold war fast überall ab, und er sah, dass sie nur von Blech war. Er hätte beinahe laut aufgelacht, als er sah, dass sie ihn nicht erkannte. Doch sie tat ihm leid, und so fragte er nur leise, ob sie denn gar nicht wisse, wer er sei. Nun war die Reihe an ihr, ganz still zu werden und sich zu schämen, und unter vielem Schluchzen erzählte sie, wie erst an ein paar Stellen und dann fast überall das Gold heruntergegangen sei; wie sie das ihren Untertanen lange verborgen und wie diese es endlich doch gemerkt und sie fortgejagt hätten. Nun zöge sie auf den Jahrmärkten umher, habe es aber satt, und wenn er noch so dächte wie früher, wollte sie ihn gern heiraten. Darauf erwiderte er sehr ernsthaft, er bedaure sie zwar von Herzen, sei aber schon viel zu verständig, um eine Blechprinzessin zu heiraten. Er hoffe bestimmt, noch einmal eine viel bessere Frau zu bekommen wie sie. Damit ging er zur Bude hinaus und ließ die Blechprinzessin stehen, die vor Wut beinahe platzte. Eine Zeitlang setzte er noch sein altes Wanderleben fort; da traf es sich, dass der König von seinem Spiel hörte und ihn rufen ließ. Ein Lied nach dem andern musste er ihm vorspielen, und zuletzt stieg der König von seinem Thron, umarmte ihn und fragte, ob er sein bester Freund werden wolle. Als er dies bejahte, ließ ihn der König in seinem goldenen Wagen durch die Stadt fahren und schenkte ihm ein Haus und so viel Geld, dass er sein Lebtag daran genug hatte. Und eine Frau bekam er auch. Zwar keine Prinzessin, aber eine Frau, die ein goldenes Herz hatte. Mit der lebte er vergnügt und hoch geehrt bis an sein spätes Ende.

Von Himmel und Hölle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einst zogen zwei Wanderer die Himmelsstraße entlang, ein Armer und ein Reicher[5]. Die hatten auf Erden in derselben Straße gewohnt, der Reiche in einem prächtigen Hause und der Arme in einer kleinen Hütte. Weil aber der Tod keinen Unterschied macht, so war es geschehen, dass sie beide zu derselben Stunde starben. Sie erreichten die Himmelspforte und Petrus sagte: „Tretet nur alle beide ein in den Vorsaal; das Weitere wird sich schon finden! Ruht euch ein wenig aus und wartet, bis ich zurückkomme; aber benutzt eure Zeit gut, denn ihr sollt euch mittlerweile überlegen, wie ihr es hier oben haben wollt. Jeder von euch soll es genau so haben, wie er es sich selber wünscht!“ Damit ging er fort. Als er nach einiger Zeit zurückkehrte und fragte, wie sie es sich in der Ewigkeit wünschten, sprang der reiche Mann auf und sagte, er wolle ein großes goldenes Schloss haben so schön wie der Kaiser keins hätte, und jeden Tag das beste Essen. Früh Schokolade und mittags Kalbsbraten mit Apfelmus und Milchreis mit Bratwürsten und nachher rote Grütze. Das wären seine Leibgerichte. Und abends jeden Tag etwas andres. Weiter wolle er dann einen recht schönen Großvaterstuhl und einen grünseidenen Schlafrock; und das Tageblättchen solle Petrus auch nicht vergessen, damit er doch wisse, was passiere. Da sah ihn Petrus mitleidig an, schwieg lange und fragte endlich: „Und weiter wünschest du dir nichts?“ „O ja!“ fiel rasch der Reiche ein, „Geld, viel Geld, alle Keller voll!“ „Das sollst du alles haben“, entgegnete Petrus, „komm, folge mir!“ und er öffnete eine der vielen Türen und führte den Reichen in ein prachtvolles goldenes Schloss, darin war alles so, wie jener es sich gewünscht hatte. Nachdem er ihm alles gezeigt, ging er fort und schob vor das Tor des Schlosses einen großen eisernen Riegel.

Der Reiche aber ließ sich’s gut gehen, und wenn er satt war, las er das Tageblättchen. Und jeden Tag einmal stieg er hinab in den Keller und besah sein Geld. Und zwanzig und fünfzig Jahre vergingen und wieder fünfzig, so dass es hundert waren – und das ist doch nur eine Spanne von der Ewigkeit –, da hatte der reiche Mann sein prächtiges goldenes Schloss schon so überdrüssig, dass er es kaum mehr aushalten konnte. Als jedoch tausend Jahre vergangen waren, klirrte der große eiserne Riegel am Tor, und Petrus trat ein. „Nun“, fragte er, „wie gefällt es dir?“ Da wurde der reiche Mann bitterböse: „Wie es mir gefällt? Schlecht gefällt mir’s; ganz schlecht! Wie kannst du dir nur denken, dass man es hier tausend Jahre aushalten kann! Man hört nichts, man sieht nichts; niemand bekümmert sich um einen. Nichts wie Lügen sind es in eurem viel gepriesenen Himmel und mit eurer ewigen Glückseligkeit.“ Da blickte ihn Petrus verwundert an und sagte: „Du weißt wohl gar nicht, wo du bist? Du denkst wohl, du bist im Himmel? In der Hölle bist du. Das Schloss gehört zur Hölle.“ „Das hier ist die Hölle?“ fragte der Reiche erschrocken. „Wo sind denn der Teufel und das Feuer und die Kessel?“ „Du meinst wohl“, entgegnete Petrus, „dass die Sünder gebraten werden.“ Da fiel der reiche Mann entsetzt rückwärts in seinen Großvaterstuhl und schluchzte: „In der Hölle, in der Hölle! Ich armer, unglücklicher Mensch, was soll aus mir werden!“ Und wieder vergingen hundert Jahre und aber hundert, und die Zeit wurde dem reichen Mann so entsetzlich lang. Und als das zweite Tausend zu Ende kam, trat Petrus abermals ein. „Ach!“ rief ihm der reiche Mann entgegen, „ich habe mich so sehr nach dir gesehnt! Ich bin sehr traurig! Und so wie jetzt soll es immer bleiben? Die ganze Ewigkeit?“ Der Reiche ließ den Kopf auf die Brust sinken und begann bitterlich zu weinen. Petrus aber zählte heimlich seine Tränen, und als er sah, dass es so viele waren, dass ihm der liebe Gott gewiss verzeihen würde, sprach er: „Komm, ich will dir einmal etwas recht Schönes zeigen! Oben auf dem Boden weiß ich ein Astloch in der Wand, da kann man ein wenig in den Himmel hineinsehen.“ Sie stiegen nach oben, und in der Bodenkammer blickte der Reiche durch das Astloch in der Wand. Da saß der liebe Gott auf seinem goldnen Thron zwischen den Wolken und den Sternen in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit und um ihn her alle Engel und Heiligen. „Ach“, rief der Reiche aus, „das ist ja wunderschön, wie man es sich auf der Erde gar nicht vorstellen kann. Aber sage, wer ist denn das, der dem lieben Gott zu Füßen sitzt und mir gerade den Rücken zukehrt?“ „Das ist der arme Mann, der auf der Erde neben dir gewohnt hat und mit dem du zusammen heraufgekommen bist. Er hat sich bloß ein Fußbänkchen gewünscht, damit er sich dem lieben Gott zu Füßen setzen könne. Und das hat er auch bekommen, genau wie du dein Schloss.“ Und nach abermals tausend Jahren kam Petrus zum letzten Mal. Da stand der reiche Mann immer noch in der Bodenkammer an der Wand auf den Fußspitzen und schaute unverwandt in den Himmel hinein und war so ins Sehen versunken, dass er gar nicht merkte, als Petrus eintrat. Endlich sagte Petrus: „Komm mit, du hast nun lange genug gestanden! Deine Sünden sind dir vergeben; ich soll dich in den Himmel holen. Nicht wahr, du hättest es viel bequemer haben können, wenn du nur gewollt hättest?“

Der alte Koffer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein alter, alleinstehender Herr besaß einen Koffer. Dieser war aber alt und hässlich mit einem struppigen Seehundsfell und rostigen Beschlägen. Doch der alte Mann achtete sehr darauf, und der Koffer musste nach seinen vielen Reisen unbedingt wieder in seine Stube unter dem goldenen Spiegel zu stehen kommen, so dass die Leute dachten, der Koffer wäre voller Gold. Aber das stimmte nicht. Niemand außer dem alten Mann hatte bisher in den Koffer hineingesehen, denn immer, wenn sich jemand Fremdes näherte, schlug der Deckel schnell zu. Einmal jedoch schlich ein schlaues Dienstmädchen auf Strümpfen ins Zimmer, als der Koffer gerade einmal offen stand. Und als es sah, dass der Koffer innen ganz mit rotem Samt beschlagen und goldenen Schnüren besetzt war, schrie es verwundert auf, so dass der Koffer schnell zuschnappte und dem Dienstmädchen beinahe die Finger eingeklemmt hätte. Erschrocken erzählte das Mädchen niemandem, was sich in dem Koffer befand. Manchmal öffnete der alte Herr seinen Koffer doch, aber nur heimlich und hinter verschlossenen Türen. Er drückte auf eine geheime Feder und aus einem roten Samtkasten sprang eine kleine Prinzessin mit langen Zöpfen, die dem Mann die schönsten Märchen erzählte.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Buchausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Richard von Volkmann-Leander: Träumereien an französischen Kaminen. Märchen. Mit Bildern von Olga von Fialka. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1871; 40. Auflage 1910.
  • Richard von Volkmann-Leander: Träumereien an französischen Kaminen. Märchen. Mit Illustrationen u. Buchschmuck v. Hans Richard v. Volkmann. 62. Aufl. Leipzig, Breitkopf u. Härtel, 1915.
  • Richard von Volkmann-Leander: Träumereien an französischen Kaminen. Märchen. Mit bunten Bildern von Hans Bombach. Ausgewählt und eingeleitet von Wilhelm Müller-Rüdersdorf. Axia-Verlag Berlin 1931.
  • Richard von Volkmann-Leander: Vom unsichtbaren Königreich. Märchen. Mit Zeichnungen von Ernst Cincera. Stocker-Schmid, Dietikon-Zürich 1958.
  • Richard von Volkmann-Leander: Träumereien an französischen Kaminen. Märchen (= Hamburger Lesehefte, Band 16), Hamburger Lesehefte Verlag, Hamburg o.J., EAN 978-3-87291-015-8.
  • Richard Volkmann-Leander: Träumereien an französischen Kaminen. Albert Langen und Georg Müller – Verlag GmbH, München u. a. 1973, EAN 978-3-7844-1530-7.
  • Richard Volkmann-Leander: Träumereien an französischen Kaminen. (= Reclams Universal-Bibliothek) Philipp Reclam jun. Verlag 1986, EAN 978-3-1500-6091-9.
  • Richard Volkmann-Leander: Träumereien an französischen Kaminen. Märchensammlung, Artemis & Winkler 2003, EAN 978-3-5380-6860-5.
  • Richard von Volkmann-Leander: Träumereien an französischen Kaminen. Märchen. (= Literarische Tradition in der WFB-Verlags-Gruppe), Bad Schwartau 2006, EAN 978-3-86672-055-6.
  • Richard von Volkmann-Leander: Träumereien an französischen Kaminen. Märchensammlung. Albatros-Verlag Patmos Düsseldorf 2009, EAN 978-3-4919-6242-2.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fedor Krause: Zur Erinnerung an Richard von Volkmann (Richard Leander). Hirschwald, Berlin 1890.
  • Ute Söll: Leben und Wirken des Hallenser Chirurgen Richard von Volkmann. Univ. Dissertation, Halle 1996.
  • Simone Trieder: Richard von Volkmann – Chirurg und Literat. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2006, ISBN 3-89812-353-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Richard von Volkmann – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. = auf Brautschau
  2. = schlechterdings; völlig
  3. Richard Volkmann schreibt zu diesem Märchen: „Das Motiv zu diesem Märchen rührt nicht von mir her. Ich kenne es wohl schon seit meiner Kinderzeit, doch weiß ich nicht, wo es herstammt.“
  4. Mohr ist die veraltete, heute als diskriminierend empfundene Bezeichnung für einen Mann mit dunkler Hautfarbe. In der Zusammenfassung des Märchens wird deshalb auf die Bezeichnung Mohr verzichtet und das Wort umschrieben.
  5. siehe auch: Der Arme und der Reiche (Märchen) und Reicher Mann und armer Lazarus