Transeamus usque Bethlehem

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Transeamus. Handschriftliche Bassstimme von Joseph Ignaz Schnabel aus dem Breslauer Dom.
Transeamus. Handschriftliche Orgelstimme von Joseph Ignaz Schnabel aus dem Breslauer Dom.

Transeamus usque Bethlehem, kurz das Transeamus, ist ein schlesisches weihnachtliches Chorwerk eines unbekannten Komponisten. Der in lateinischer Sprache gesungene Text basiert auf der biblischen Weihnachtsgeschichte im Evangelium nach Lukas und erzählt den Entschluss der Hirten, nach Bethlehem zu gehen –, begleitet vom „Gloria“ der Engel.

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Pastorella ist in Stimmenmaterial aus dem Breslauer Dom überliefert, das der letzte deutsche Domkapellmeister Paul Blaschke während des Zweiten Weltkrieges aus dem belagerten Breslau nach Westdeutschland retten konnte.

Die Komposition wurde lange Zeit dem Domkapellmeister Joseph Ignaz Schnabel (1767–1831) zugeschrieben, doch konnte Blaschke schon 1931 nachweisen, dass sich Schnabels Anteil auf die Bearbeitung der instrumentalen Begleitung beschränkte.[1] In den Breslauer Chor- und Orchesterstimmen, die wohl von Schnabels Hand stammen, ist kein Komponist namentlich angegeben, jedoch findet sich in einer Stimme der Vermerk Ignoto (lat. ‚von einem Unbekannten‘).[2]

Franz Witt hatte bereits 1870 erwähnt, die Komposition sei „nach einer alten Weise arrang. von J. Schnabel“.[3]

Paul Krutschek vermutet, Schnabel habe die Komposition in einem schlesischen Kloster gefunden.[4]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Komposition dürfte ihren Anlass in einem liturgischen Krippenspiel gehabt haben. Möglicherweise enthielt sie ursprünglich noch weitere Sätze und stellte damit eine kleine Kantate dar. Die Entstehungszeit dürfte aus stilistischen Gründen in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts anzusetzen sein. Elemente des Rokoko sind nicht enthalten, vielmehr weist der Formverlauf auf eine starke Verwurzelung des Komponisten in der Volksmusik. Eine in Textierung, Instrumentation und melodisch-rhythmischer Führung von der Breslauer Fassung etwas abweichende Ausgabe wurde Mitte des 19. Jahrhunderts im Benediktinerkloster Braunau in Nordböhmen aufgefunden.

Der Text des Werks beruht auf der biblischen Weihnachtsgeschichte (Lk 2,10–16 Vul). Das Stück ist im Original für einen dreistimmigen Chor (Sopran, Alt, Bass) mit Orchesterbegleitung (8 Bläser, 5 Streicher und Orgel) gesetzt. Weitverbreitet sind Bearbeitungen für vierstimmigen Chor, die Instrumentalbegleitung wird oft von der Orgel allein ausgeführt.

Das Stück setzt mit einem Rezitativ ein, dessen Text in der Breslauer Fassung nicht überliefert ist, und das in vielen Bearbeitungen weggelassen wird. Stimmenabschriften aus dem Glogauer Dom zeigen, dass das Rezitativ mit dem Text Lk 2,10–12 Vul unterlegt war.[5] Die anschließende Pastorella ist in dreiteiliger Liedform mit einem umrahmenden Ritornell aufgebaut. Die Bassstimmen (quasi in der Rolle der Hirten) singen die erste Strophe allein, dann setzen die Frauenstimmen (quasi als Engelschor) ein und begleiten schließlich als Kontrapunkt die von den Bässen vorgetragene zweite Strophe. Zum Schluss singen die Bässe nochmals allein.

In der harmonischen Analyse erweist sich das Stück als bemerkenswert schlicht; die Harmonien gehen nicht über die drei Hauptstufen der Kadenz hinaus, wobei die Subdominante mit einer einzigen Ausnahme immer nur auf den schwachen Taktzeiten erreicht wird. Die Frauenstimmen werden größtenteils als Terzparallele geführt, auch diese simple Form der Mehrstimmigkeit ist ein für Volksmusik charakteristisches Stilmittel. Die Formgestaltung ist zwar mit ihrer mehrfachen Wiederholung redselig und weitschweifig, weist jedoch eine klare Steigerung mit einem Höhepunkt an der Textstelle multitudinem militiae caelestis auf. Bei aller Schlichtheit der Komposition ist das Stück von der Freude über die Menschwerdung Gottes geprägt, die in volkstümlicher musikantischer Unbekümmertheit ausgeführt wird.

Text[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Latein Deutsche Übersetzung

Recitativo
Angelo
Nolite timere:
ecce enim evangelizo vobis gaudium magnum, quod erit omni populo:
quia natus est vobis Salvator hodie, qui est Christus Dominus in civitate David.
Et hoc vobis signum:
Invenietis infantem pannis involutum, et positum in praesepio.

Pastorella
Basso multiplicato
Transeamus usque Bethlehem
et videamus hoc verbum quod factum est.
Mariam et Joseph et Infantem positum in praesepio.

Coro
Gloria in excelsis Deo,
et in terra pax hominibus
bonae voluntatis.

Basso multiplicato
Transeamus, et videamus multitudinem
militiae caelestis laudantium Deum,
Mariam et Joseph et Infantem positum in praesepio.

Transeamus et videamus quod factum est.

Rezitativ
Engel [Knabensopran]
Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk gilt:
Heut wurde in der Stadt Davids der Heiland geboren, welcher ist Christus.
Und dies soll euch zum Zeichen sein:
Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.

Pastorelle
Bass
Lasst uns hinüber nach Bethlehem gehen
und sehen dieses Wort, das geschehen ist.
Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe liegt.

Chor
Ehre sei Gott in der Höhe,
und auf Erden Friede den Menschen
guten Willens.

Bass
Lasst uns hinübergehen, und schauen
die himmlischen Heerscharen, die Gott loben.
Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe liegt.

Lasst uns hinübergehen und sehen, was geschehen ist.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Chorwerk ist Thema der Erzählung Transeamus … des Priors der Abtei Grüssau Nikolaus von Lutterotti OSB (1892–1955). Die Handlung der Erzählung ist im Jahr 1738 angesiedelt. Die Komposition wird in der Erzählung einem wohl fiktiven Pater Nivard zugeschrieben.[6]

Auch der Schriftsteller Joseph Wittig machte Transeamus usque Bethlehem zum Titel einer weihnachtlichen Erzählung, in der die Geschichte eines schlesischen Glashüttenarbeiters in Analogie zu dem Lied erzählt wird.[7]

Das Transeamus wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs von heimatvertriebenen Schlesiern auch im Westen Deutschlands zunehmend bekannt gemacht und hat seither in vielen christlichen Gemeinden Eingang in die musikalische Gestaltung der Weihnachtsgottesdienste gefunden. Für die entwurzelten Vertriebenen der Nachkriegszeit bildete das Lied ein integratives Element. Manche Publikationen erwähnen es wie eine „Ersatzhymne“ der Schlesier.[8][9][10][11][5]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paul Blaschke: Transeamus. Schlesischer weihnachtlicher Hirtengesang. In: Schlesien. Organ der Freunde und Förderer der Stiftung Kulturwerk Schlesien e.V. Band 6 (1961), Heft 4, S. 200–201.
  • Alois Schnabel: Die Transeamus-Kantate. In: Schlesien. Organ der Freunde und Förderer der Stiftung Kulturwerk Schlesien e.V. Band 9 (1964), Heft 4, S. 239–241.
  • Rudolf Walter (Hrsg.): Transeamus usque Bethlehem. Urtextausgabe [Partitur]. Silesia cantat, Heft 5. Edition Laumann 30205. Laumann, Dülmen 1973, DNB 997809825.
  • Rudolf Walter: Zur liturgischen Einordnung und geschichtlichen Überlieferung der Pastorella „Transeamus“. In: Schlesien. Organ der Freunde und Förderer der Stiftung Kulturwerk Schlesien e.V. Band 18 (1973), Heft 4, ISSN 0036-6153, S. 209–212 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Transeamus usque Bethlehem – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Paul Blaschke in: Caecilia, Kirchenmusikzeitschrift, Neisse, Jg. 1931. Zitiert nach: Rudolf Walter: Zur liturgischen Einordnung und geschichtlichen Überlieferung der Pastorella „Transeamus“. In: Schlesien. Organ der Freunde und Förderer der Stiftung Kulturwerk Schlesien e.V. Band 18 (1973), Heft 4, S. 209–212, hier S. 211 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Paul Blaschke: Beiblatt zur Schallplatte Transeamus (Breslauer Originalfassung) des Rheinischen Kammerchores, Leitung Hermann Schroeder, harmonia mundi HM 17 077, o.J. [ca. 1965].
  3. Franz Witt: Graduale und Offertorium zur Pastoralmesse von Anton Diabelli (148. Werk) und ein Pastorale von einem Unbekannten. In: Musica sacra, 3. Jg., Regensburg 1870, S. 13 f. (online).
  4. Paul Krutschek: Die Kirchenmusik nach dem Willen der Kirche. Regensburg, 5. Auflage 1901. Zitiert nach: Rudolf Walter, Vorwort zur Partiturausgabe Dülmen 1973.
  5. a b Alois Schnabel: Die Transeamus-Kantate. In: Schlesien. Organ der Freunde und Förderer der Stiftung Kulturwerk Schlesien e.V. Band 9 (1964), Heft 4, S. 239–241.
  6. Nikolaus von Lutterotti: Transeamus … In: Ambrosius Rose (Hrsg.): Grüssauer Gedenkbuch. Brentano, Stuttgart 1949, DNB 451455894. Abgedruckt in: Gundel Paulsen (Hrsg.): Weihnachtsgeschichten aus Schlesien. Husum Verlag, Husum 1982, ISBN 3-88042-172-2, S. 53–59.
  7. Joseph Wittig: Transeamus usque Betlhehem. In: ders.: Kommt, wir gehn nach Bethlehem. Weihnachtliche Geschichten. 3. Auflage. Salzer, Heilbronn 1990, ISBN 3-7936-0479-9.
  8. Kurt Dröge: Alltagskulturen in Grenzräumen (= Mitteleuropa – Osteuropa. Oldenburger Beiträge zur Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas, Band 4). Lang, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-631-38957-4, S. 125 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. Michael Hirschfeld: Katholisches Milieu und Vertriebene. Eine Fallstudie am Beispiel des Oldenburger Landes 1945–1965 (= Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands. Band 33). Böhlau, Köln/Weimar 2002, ISBN 3-412-15401-6, S. 107 f. (zugleich Dissertation Hochschule Vechta 2001; eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  10. Norbert-Dietmar Dziallas: Erinnerungen an die Flucht. Literareon, München 2005, ISBN 3-8316-1225-0, S. 14 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  11. Peter Pragal: Wir sehen uns wieder, mein Schlesierland: Auf der Suche nach Heimat. Piper, München 2012, ISBN 978-3-492-95867-7 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).