Transportbehälterlager Gorleben

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Blick auf das Transportbehälterlager Gorleben für hochradioaktiven Atommüll (Lagerhalle links)

Das Transportbehälterlager Gorleben (TBL Gorleben, TBL-G, Castor-Lager) ist ein Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente und hochradioaktive Abfälle („Glaskokillen“) deutscher Herkunft aus der Wiederaufarbeitung. Es befindet sich im Landkreis Lüchow-Dannenberg etwa 2 km südlich des Ortes Gorleben. Das Lager wird von der Gesellschaft für Nuklear-Service mbH (GNS) betrieben. Auf dem Gelände befindet sich auch das Abfalllager Gorleben des gleichen Betreibers für schwach- und mittelradioaktive Abfälle sowie die Pilot-Konditionierungsanlage Gorleben. Es ist Teil des Atommülllagers Gorleben, direkt nebenan befindet sich das Betriebsgelände des Salzstocks Gorleben.

Die meisten Menschen glauben fälschlich, dass die radioaktiven Abfälle unterirdisch gelagert werden.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund einer ersten Genehmigung wurde das Transportbehälterlager Gorleben 1983 nach knapp zweijähriger Bauzeit fertiggestellt. Diese Genehmigung ließ eine Einlagerung von 1.500 Tonnen abgebrannter Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken zu. Die ersten Einlagerungen fanden 1995 nach langjährigen juristischen Prozessen statt. Im Juni 1995 wurde die Genehmigung so erweitert, dass nun bis zu 3.800 Tonnen eingelagert werden konnten. Zudem wurde die Lagerung in Glaskokillen zugelassen.[2] 1996 wurden die ersten HAW-Glaskokillen aus der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente in Frankreich in das Castorlager transportiert. Die Genehmigung des Lagers ist bis zum 31. Dezember 2034 befristet.

Aufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das zentrale Gebäude auf dem Zwischenlagergelände ist die 182 m lange, 38 m breite und 20 m hohe Lagerhalle, in der die Transportbehälter stehend aufbewahrt werden. Die Behälter sind permanent an ein elektronisches System zur Überwachung ihrer Dichtheit angeschlossen. Zum Transport der Behälter in der Halle dient ein Brückenkran. Die Halle ist so gebaut, dass die Behälter durch natürliche Luftkonvektion gekühlt werden.

Die Halle selbst besteht aus 0,5 m dicken Stahlbetonwänden und einem Betonplattendach. Dieses Gebäude bewirkt zusätzlich zu den Behältern selbst eine Abschirmung zwecks Einhaltung des gesetzlich vorgegebenen Strahlungsgrenzwertes für Einzelpersonen der Bevölkerung außerhalb des Betriebsgeländes von 1 mSv im Kalenderjahr.[3]

Im TBL Gorleben dürfen laut Genehmigung[4] (Stand 2010) maximal 3800 Tonnen Schwermetall mit 2 × 1020 Bq Aktivität und 16 MW Wärmeleistung in Form bestrahlter Brennelemente aus Leichtwasserreaktoren oder Glaskokillen (verglaste hochradioaktive Abfälle aus der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente) in Behältern auf 420 Stellplätzen gelagert werden.

Inhalt des Lagers[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum 31. Dezember 2002 befanden sich 32 Behälter mit abgebrannten Brennelementen und mit Glaskokillen im Lager, Ende 2004 waren es 56 Behälter. Mit dem Transport vom November 2010 erhöhte sich die Anzahl auf nunmehr 102, davon 97 mit Glaskokillen. Mit dem Transport vom November 2011 erhöhte sich die Zahl auf 113 Behälter.[5]

Transport
Nummer
Ursprung der Castor-Behälter Anzahl
Behälter
Ankunft im
Transportbehälterlager
Anzahl der Behälter
im Transportbehälterlager
1 Kernkraftwerk Philippsburg 1 25. Apr. 1995[6]
2 Wiederaufarbeitungsanlage La Hague 1 08. Mai  1996[7]
3 Kernkraftwerk Neckarwestheim 3 05. Mär. 1997[6]
Kernkraftwerk Gundremmingen 1
Wiederaufarbeitungsanlage La Hague 2
4 Wiederaufarbeitungsanlage La Hague 6 29. Mär. 2001[8]
5 Wiederaufarbeitungsanlage La Hague 6 14. Nov. 2001[9]
6 Wiederaufarbeitungsanlage La Hague 12 14. Nov. 2002[10] 33
7 Wiederaufarbeitungsanlage La Hague 12 12. Nov. 2003[11]
8 Wiederaufarbeitungsanlage La Hague 12 09. Nov. 2004[12] 57
9 Wiederaufarbeitungsanlage La Hague 12 22. Nov. 2005[13]
10 Wiederaufarbeitungsanlage La Hague 12 13. Nov. 2006[14]
11 Wiederaufarbeitungsanlage La Hague 11 11. Nov. 2008[15]
12 Wiederaufarbeitungsanlage La Hague 10 09. Nov. 2010[16] 102
13 Wiederaufarbeitungsanlage La Hague 11 28. Nov. 2011[17] 113

Strahlungsgrenzwerte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aufbewahrungsgenehmigung für das Transportbehälterlager Gorleben sieht einen Eingreifrichtwert von 0,270 mSv/Jahr vor. Der Genehmigungswert liegt bei 0,300 mSv/Jahr und darf nicht überschritten werden. Dieser Wert muss am „ungünstigsten Aufpunkt“ am Zaun des Lagers gemessen werden. Für die Messungen ist die sogenannte „unabhängige Messstelle“ zuständig. Für das Transportbehälterlager in Gorleben ist der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) die zuständige unabhängige Messstelle.[18] Am 26. August 2011 wurde bekannt, dass laut Strahlenprognose für das Jahr 2011 mit einem Überschreiten des Genehmigungswertes zu rechnen ist. Vom 30. November 2010 bis zum 6. Juni 2011 wurde vom NLWKN am Zaun eine Neutronenstrahlung von 0,141 mSv gemessen. Daraus ergibt sich ein Jahreswert für die Neutronenstrahlung von 0,273 mSv. Nach Abzug des Neutronenhintergrunds von 0,05 mSv/Jahr und Addition des Netto-Gammawertes von 2010 (0,120 mSv) bzw. der Netto-Gammaprognose von 2011 (0,100 mSv) ergibt sich ein Jahreswert von 0,340 mSv/Jahr bzw 0,320 mSv/Jahr. Der Eingreifrichtwert und der Genehmigungswert ist damit eindeutig überschritten. Die Nebenbestimmung A20 der Aufbewahrungsgenehmigung fordert vor jeder Einlagerung eine Abschätzung der Jahresdosis an dem Aufpunkt P1 auf der Basis der realen Dosismesswerte an P1 und der Dosisleistung der neu einzulagernden Behälter.

Als Referenzmesspunkte zur Messung der natürlichen Hintergrundstrahlung von Neutronen- und Gammastrahlung betreibt das NLWKN zwei Messhäuser im weißen Moor und in der Ortschaft Gorleben.

Gesetzeslage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aufbewahrungsgenehmigung für das TBL Gorleben enthält unter anderem folgende Nebenbestimmungen:

  • A 1. Vorgesehene Änderungen an Anlagenteilen und Einrichtungen, von Maßnahmen im Transportbehälterlager sowie an den Festlegungen in den Technischen Annahmebedingungen und den zugehörigen Ausführungsbestimmungen sind gemäß Schreiben des Niedersächsischen Umweltministeriums vom 19. April 1994 der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde anzuzeigen. Diese entscheidet über das weitere Vorgehen.
  • MA 8. Im Hinblick auf die von der BLG beantragte maximale Dosis am ungünstigsten Aufpunkt am Zaun des Betriebsgeländes von 0,30 mSv pro Jahr ist, sobald dort eine Dosis von umgerechnet 0,27 mSv pro Jahr gemessen wird, der Einlagerungsbetrieb so lange zu unterbrechen, bis die Zustimmung der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde zu den vorgesehenen Maßnahmen zur Einhaltung des Wertes von 0,30 mSv pro Jahr vorliegt.
  • A 20. Die Einlagerung der Transport- und Lagerbehälter hat nach dem in den Genehmigungsunterlagen festgelegten Einlagerungsplan zu erfolgen, der fortzuschreiben und der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde in halbjährlichen Abständen vorzulegen ist. Für die zur Einlagerung vorgesehenen Behälter ist dabei die Einhaltung der Randbedingungen für die Wärmeleistung des Lagers nachzuweisen und die Strahlenexposition des Personals und die Jahresdosis am ungünstigsten Aufpunkt am Zaun des Betriebsgeländes abzuschätzen.

Am 29. Januar 2010 ist die 4. Änderungsgenehmigung zur Aufbewahrungsgenehmigung erteilt worden, die die Lagerung von HAW-Glaskokillen der AREVA NC auch in Behältern der neuen Bauart CASTOR HAW28M gestattet. Die Castorbehälter können bei Beladung mit 28 Kokillen eine maximale Wärmeleistung von 56 kW erreichen. Darüber hinaus schließt die 4. Änderungsgenehmigung eine veränderte Aufstellung der vormals genehmigten Transport- und Lagerbehälter der französischen Bauart TN85 ein. Der Belegungsplan im Castorlager ist Bestandteil der Aufbewahrungsgenehmigung.

Die verbrauchten Brennelemente und Glaskokillen befinden sich hauptsächlich in Großbehältern der Castor-Familie, die in der oben beschriebenen Halle aufrecht stehend gelagert werden. Bei der Einlagerung hat der Atommüll eine Kerntemperatur von etwa 400 Grad Celsius. Erst wenn der Müll nach einer Dauer von 20 bis 30 Jahren durch die nachlassende Aktivität auf etwa 200 Grad abgekühlt ist, wäre eine eventuelle Einlagerung in einem Salzstock überhaupt möglich.[19]

Mögliche Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 5. September 2011 hat das Niedersächsische Landesgesundheitsamt (NLGA) Berechnungen des Helmholtz-Zentrums München bestätigt, die im Landkreis Lüchow-Dannenberg eine signifikante Verschiebung im Verhältnis der Jungen-Geburten zu den Mädchen-Geburten ergeben hatten. Der Effekt tritt nach Berechnungen des NLGA in einem Umkreis von 40 km in Niedersachsen und den östlichen Nachbarländern um das Transportbehälterlager auf. Das Verhältnis der Jungen-Geburten zu den Mädchen-Geburten betrug demnach in Niedersachsen von 1971 bis 1995 (J:M) 102:100 und von 1996 bis 2007 (J:M) 109:100. In den östlichen Nachbarländern betrug das Verhältnis der Jungen-Geburten zu den Mädchen-Geburten von 1991 bis 1995 (J:M) 101:100 und von 1996 bis 2007 (J:M) 109:100.[20][21] Ein direkter Zusammenhang zwischen Geschlechterverteilung und TBL wurde bisher nicht nachgewiesen.[22][23] Das NLGA stellt dazu fest, es liege zwar mit hoher statistischer Sicherheit ein verändertes sekundäres Geschlechterverhältnis um das TBL Gorleben vor, jedoch sei eine Diskussion um mögliche Ursachen rein spekulativ. Deutschlandweit zeigt sich ein solcher Effekt nicht. Es gibt vielmehr einen gegenläufigen, leicht abwärts gerichteten Trend des Geschlechterverhältnisses in Europa und speziell in Deutschland seit 1995.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritiker äußern Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der Anlage und weisen insbesondere auf den nicht vorhandenen Schutz vor Flugzeugabstürzen hin. Dagegen vertreten die Betreiber den Standpunkt, der Abfall sei in den Behältern ausreichend geschützt (vgl. hierzu Kritik an der Sicherheit der Castor-Behälter).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. zeit.de: Die Legende vom Salzstock
  2. NDR Regional: Hintergrund zum TBL Gorleben (Memento vom 11. September 2010 im Internet Archive) Veröffentlichung vom 28. Oktober 2010, abgerufen am 29. November 2011
  3. Niedersächsisches Ministerium für Umwelt und Klimaschutz (Memento vom 24. Oktober 2005 im Internet Archive)
  4. Bundesamt für Strahlenschutz: 4. Änderungsgenehmigung TBL Gorleben. Abgerufen am 9. September 2011 (PDF; 115 kB).
  5. Info auf der Homepage der Gesellschaft für Nuklear-Service mbH! abgerufen am 28. November 2011
  6. a b Spiegel Online 9. November 2001:"Die bisherigen Transporte"
  7. Spiegel.TV Filmbericht:"1996: Erste Ladung aus La Hague"
  8. Spiegel Online 29. März 2001:"Alles rund um den Castor"
  9. Spiegel Online 14. November 2001:"Atommüll in Gorleben angekommen"
  10. Spiegel Online 14. November 2002:"Atommüll am Ziel"
  11. Spiegel Online 12. November 2003: "Castor-Transport in Gorleben angekommen"
  12. Spiegel Online 9. November 2004: "Castor-Transport erreicht Gorleben"
  13. Spiegel Online 22. November 2005: "Castortransport erreicht Gorleben"
  14. Spiegel Online 13. November 2006:"Polizei räumt Weg für Castor frei"
  15. Spiegel Online 11. November 2008:"Castor-Transport erreicht Endlager nach heftigen Protesten"
  16. Spiegel Online 9. November 2010:"Der Castor gelangt ans Ziel"
  17. Spiegel Online 28. November 2011:"Castor-Transport erreicht Gorleben"
  18. Loseblattsammlung FS-78-15-AKU (PDF online; 90 kB)
  19. „Das Atommüll-Zwischenlager in Gorleben“ auf NDR.de (Memento vom 11. September 2010 im Internet Archive)
  20. Niedersächsisches Landesgesundheitsamt (NLGA): Veränderungen beim sekundären Geschlechterverhältnis in der Umgebung des Transportbehälterlagers Gorleben ab 1995 (Download)
  21. Niedersächsisches Landesgesundheitsamt (NLGA): Sekundaeres Geschlechterverhaeltnis in der Umgebung des Transportbehaelterlagers TBL Gorleben ‐ Fachgespräch am 12. Maerz 2012 (Download; PDF; 12,2 MB)
  22. Hamburger Abendblatt vom 9. April 2014: Rätsel um "verlorene Mädchen" – In der Nähe von Atomkraftwerken werden mehr Jungen geboren. Unklar ist, ob radioaktive Strahlung daran schuld ist.
  23. Die Welt vom 8. April 2014: Das Rätsel der "verlorenen Mädchen" – In der Nähe von Kernkraftanlagen, Forschungsreaktoren und Endlagern werden mehr Jungen als Mädchen geboren. Ob das mit erhöhten Strahlungswerten zusammenhängt oder andere Gründe hat, ist unklar.

Koordinaten: 53° 2′ 1″ N, 11° 20′ 27″ O