Transsexualität bei Kindern und Jugendlichen

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Die Transsexualität bei Kindern und Jugendlichen wird von der Sexualwissenschaft, genau wie die bei Erwachsenen, als eine Abweichung der Geschlechtsmerkmale vom wahrgenommen, gelebten Identitätsgeschlecht bezeichnet. Anders als im Falle von Erwachsenen stehen hier die von einer „Geschlechtsidentitätsstörung“ Betroffenen noch vor bzw. unmittelbar in der Pubertät. Auf Grund dieser Tatsache weisen einige Psychologen die Patienten und damit die Diagnose „transsexuell“ zurück, obwohl die künftige Neufassung der ICD, Version 11 (Diagnose 6A30) die Möglichkeit einer Diagnose Transsexualität auch bei Jugendlichen mit dem neuen, nicht pathologisierenden Begriff „gender incongruence“ ermöglicht. Bei einem Gesamtvorkommen von 1:800 transsexueller Menschen in der Bevölkerung[1] und einem sich abzeichnenden 1:1-Verhältnis von transsexuellen Männern und Frauen[2][3] gehen die Schätzungen von etwa 100 betroffenen Jugendlichen in Deutschland aus, die sich (Stand 2007) in Behandlung befinden.[4] Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti e.V.) beziffert den Anteil Jugendlicher aus Anfragen auf derzeit (2014) 15 %. Dies entspricht etwa 200 betroffenen Jugendlichen bezogen auf Anträge nach §4(3) TSG (Bundesjustizamt, Geschäftsbelastung der Amtsgerichte), die jedes Jahr hinzukommen.

Diagnose nach DSM und ICD[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Diagnosekatalogen ist es ein Teilbereich der Geschlechtsidentitätsstörung mit einem eigenen Unterpunkt für Kinder.

Nach DSM, dem Handbuch der psychischen Störungen, wird definiert, dass sich bei den Betroffenen bereits in frühester Kindheit, etwa im Alter von zwei bis vier Jahren die ersten Merkmale äußern. Als Diagnosekriterium gilt das Tragen von Kleidung des Geschlechts, dem sie nicht zugewiesen werden, was bei älteren Kindern auch in Form von Spielen mit Verkleidung getarnt werde. Weitere Diagnosekriterien seien geschlechtsatypische Verhaltensweisen wie das Spielen mit dem „falschen“ Spielzeug, oder das Spielen mit Spielkameraden des „anderen Geschlechts“. Die Betroffenen versuchten ihre als „biologische Geschlechtsmerkmale“ bezeichneten Körpermerkmale durch möglichst androgyne Kleidung und Auftreten im „anderen“ Geschlecht zu kaschieren. Die Kriterien werden von Menschenrechtsorganisationen weltweit als ungeeignet und oft als Versuch reparativer Therapie angesehen.

Das Auftreten der Merkmale im frühen Kindesalter wird durch die Studienlage[3] erhärtet und ist ein Indiz für einen angeborenen Zustand (und keine psychische Störung). Die weiteren Kriterien sind damit in Frage gestellt, weil sie gesellschaftliche Normen darstellen, die auf eine von solchen Normen unabhängige Geschlechtsidentität angewendet werden.

Während der Pubertät und der einsetzenden Geschlechtsreife verändern sich die Körper zum nicht der seelischen Zugehörigkeit entsprechenden Geschlecht. Transjungen drücken sich durch Brustkorsetts oder Verbände die Brüste ab und behelfen sich durch Attrappen eines männlichen Penis. Transmädchen lassen sich zum Beispiel die Haare lang wachsen oder bedienen sich diverser Kosmetik. Auch sie behelfen sich mittels Attrappen, wie ausgestopften Büstenhaltern, um sich besser dem Stereotyp des eigenen Geschlechtes anzunähern.

Die Neufassung der ICD-10, ICD-11 (Entwurfsstatus 3.2015)[5] bezeichnet Transsexualität künftig als „gender incongruence“ (6A30), Nichtübereinstimmung des Identitätsgeschlechts mit dem zugewiesenen Geschlecht in der Pubertät und als Erwachsener, eingeordnet in der neuen Kategorie 06, Zustände sexueller Gesundheit, die keine Kategorie psychischer Störungen oder Krankheiten ist. Die Diagnose kann mit Beginn der Pubertät gestellt werden. Für Kinder, vor der Pubertät, ist die Diagnose 6A31, „gender incogruence in childhood“, vorgesehen.

Soziale Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch den gesellschaftlichen Druck sind die Jugendlichen gezwungen, ihre Sexualität zu unterdrücken und ein geheimes Doppelleben zu führen. Dies kann zu Depressionen und, im schlimmeren Verlauf, zum Suizid führen. Durch das unterdrückte Verlangen, dem anderen Geschlecht anzugehören, entwickelt sich ein gestörtes Sozialverhalten. Instabile Partnerschaften und ein gestörtes Sexualleben bis hin zur völligen Isolation vor der Außenwelt können die Folge sein. Die Verzweiflung wegen des als unpassend wahrgenommenen Körpers entwickelt sich oft zu Hass auf den eigenen Körper. Dem folgt meist die Selbstverstümmelung, in seltenen Fällen, bei Transmädchen, die Amputation des eigenen Penis. Eine Transsexualität bei Kindern hat oft in der Schule anhaltendes Mobbing des betroffenen Kindes zur Folge. Dadurch kann es zu schweren psychischen Schäden kommen.

Auch bei einem Outing als transsexuell kommt es oft zur Ausgrenzung des Betroffenen durch sein Umfeld wie im Kindergarten oder in der Schule. Spannungen innerhalb der Familie können auftreten. Oft wird versucht, durch therapeutische Maßnahmen oder religiös motivierte „reparative“ Therapien das betroffene Kind in die für sein biologisches Geschlecht typischen Verhaltensweisen zu zwingen. Solche so genannten Zwangssozialisierungsmaßnahmen sind u. a. die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder Beteiligung an Veranstaltungen, die für das körperliche Geschlecht typisch sind. Im Falle eines Transmädchens kann dies zum Beispiel die Mitgliedschaft in einem Fußballverein sein, der das männliche stereotype Verhalten des Kindes fördern soll.

Studien[3] belegen, dass Depressionen und Suizidgefahr in erster Linie von einem unterstützenden (aus Sicht der betroffenen Jugendlichen) oder ablehnenden familiären Umfeld und Verfügbarkeit einer qualifizierten Versorgung bestimmt werden.

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt zwei verschiedene Wege. Diese sind von den jeweils behandelnden Fachärzten und Psychologen abhängig.

Beim ersten Weg, der im eigentlichen Sinne keine Therapie ist, durchlebt der betroffene Patient seine biologisch/hormonell determinierte Pubertät. Die zu großen Teilen auf den Arbeiten von Kenneth Zucker [6][7][8] beruhende Annahme ist, dass nach dem Beginn der biologisch-hormonellen Pubertät die Sicherheit der Diagnose, ob Transsexualität vorliege oder nicht, erheblich größer sei: im Kindesalter bestehender Verdacht auf Transsexualität halte nur bei einem Viertel der Fälle bis zum Beginn der Pubertät an.[9] Ein größerer Teil dieser Kinder würde sich später als cisgender und homosexuell identifizieren. Mit dem Beginn der Pubertät steigt der Anteil der Personen erheblich, die an ihrer Selbstidentifikation transsexuell festhalten, so die Standards of Care der WPATH, und lt. Dr. Meyenburg KGU Frankfurt am Main auf mehr als 66 %.[10] Der Nachteil eines Weges ohne eine Hormontherapie besteht deshalb genau in dieser durchlebten Pubertät. Die Körper sind teilweise unwiderruflich hin zum Typ des biologisch-hormonellen Geschlechts verändert. Bei etwaigen Transmädchen ist durch Knochenbau, Bartwuchs und Stimmbruch eine große Veränderung eingetreten. Bei etwaigen Transjungen müssen Brüste später operativ entfernt werden. Erst nach der Pubertät wird dann eine Hormontherapie begonnen. Eine genitalangleichende Operation (GaOP) wird üblicherweise nach dem vollendeten 18. Lebensjahr durchgeführt, je nach Definition der Einwilligungsfähigkeit (z. B. Niederlande 16 Jahre) auch früher. Dieser Weg, der Verzicht auf eine medizinische Intervention, wird von einer Gruppe von Ärzten wie Alexander Korte und Klaus M. Beier propagiert.[11] [12]

Nach den Standards of Care v7 der WPATH S. 26–27 ist die Vorenthaltung einer pubertätsunterdrückenden und anschließenden feminisierenden oder maskulinisierenden Hormontherapie keine neutrale Option für Jugendliche. Nach der Entlassung von Kenneth Zucker aus dem Centre for Addiction and Mental Health in Toronto[13] stehen Standards und Herangehensweisen, die sich auf dessen Arbeiten berufen, verstärkt in der Kritik.

Bei der zweiten Behandlungsart wird die einsetzende Pubertät durch Hormone pausiert. Dazu werden GnRH-Analoga verwendet. Diese wirken auf die Hirnanhangdrüse und verhindern die Produktion von Geschlechtshormonen in den Eierstöcken bzw. Hoden. Die Körper bleiben so im präpubertären Zustand. In dieser Zeit kann sich die Geschlechtsidentität weiter festigen. Je nach Ergebnis wird die Medikation geändert: entweder kann die Blockade der Pubertät beendet werden, so dass der Körper sich zum bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entwickelt, oder es wird durch zusätzliche Hormongaben eine Transition zum davon abweichenden Identitätsgeschlecht eingeleitet. Durch Estradiol beginnt so bei Transmädchen das Brustwachstum. Transjungen kommen durch das beigeführte Testosteron in den Stimmbruch, Bartwuchs entsteht, Muskelwachstum beschleunigt sich.

Dr. Meyenburg berichtet[14], dass ein Drittel der Jugendlichen, die eine Hormontherapie beginnen, diese nach kurzer Zeit und ohne bleibende Nachwirkung wieder abbricht. Diese Art der Therapie gilt daher als ergebnisoffen, da sie zu einem frühen Zeitpunkt in jede Richtung gute Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

In der Bundesrepublik Deutschland existieren keine Gesetze oder Verordnungen, die ein Mindestalter für die hormonelle oder operative Behandlung von Transsexualität vorschreiben. Die Verantwortung liegt stets bei den Sorgeberechtigten, den behandelnden Ärzten und Psychologen, sowie (je nach Alter) beim Patienten selbst.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerhard Schreiber (Hrsg.): Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaften. Ergebnisse, Kontroversen, Perspektiven. De Gruyter, Berlin und Boston 2016, ISBN 978-3-11-044080-5.
  • Mirjam Siedenbiedel: Selbstbestimmung über das eigene Geschlecht : rechtliche Aspekte des Behandlungswunsches transsexueller Minderjähriger. Nomos, 2016, ISBN 978-3-8487-3366-8.
  • Hans-Christoph Steinhausen: Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen: Lehrbuch der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie Elsevier Verlag, München 2006, ISBN 3-437-21562-0, S. 351–353 (online).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. bundesjustizamt.de, Fallzahlen des Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BmJV)
  2. Bernd Meyenburg, Karin Renter Schmidt, Gunter Schmidt: Begutachtung nach dem Transsexuellengesetz. In: Zeitschrift für Sexualkunde. 28/2015, S. 107–120. ISSN 0932-8114
  3. a b c Johanna Olson, Sheree M. Schrager, Marvin Belzer, Lisa K. Simons, Leslie F. Clark: Baseline Physiologic and Psychosocial Characteristics of Transgender Youth Seeking Care for Gender Dysphoria. In: Journal of Adolescent Health. 2015, doi:10.1016/j.jadohealth.2015.04.027.
  4. Gefangen im falschen Körper. Abgerufen am 29. Januar 2010.
  5. apps.who.int WHO ICD-11 Beta Draft (Joint Linearization for Mortality and Morbidity Statistics)
  6. Kenneth Zucker. Abgerufen am 24. März 2017.
  7. Kenneth J. Zucker on transsexualism. Abgerufen am 24. März 2017.
  8. Outcry prompts CAMH to review its controversial treatment of trans youth. Abgerufen am 24. März 2017.
  9. WPATH Standards of Care v7 Abschnitt VI. Abgerufen am 10. Mai 2010.
  10. Leben in zwei Geschlechtern, AZ Mainz, 16. Mai 2015.
  11. Reform des Transsexuellengesetzes, Zeitschrift für Sexualkunde, Ausgabe 1, 3/2016.
  12. GIS im Kindes- und Jugendalter, Deutsches Ärzteblatt 2008. Abgerufen am 24. März 2017.
  13. Outcry prompts CAMH to review its controversial treatment of trans youth. Abgerufen am 24. März 2017.
  14. Leben in zwei Geschlechtern, AZ Mainz, 16. Mai 2015.