Travestie (Literatur)

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Als literarische Travestie (von ital. travestire, frz. travestir ‚verkleiden‘) bezeichnet man eine komisch-satirische Gattung.

Form[Bearbeiten]

Travestie ist eine Form parodistischen Schreibens, bei welchem der Stoff eines Werkes beibehalten, der Stil aber verändert wird. Die Beibehaltung des Inhalts unter gleichzeitiger stilistischer Transformation führt zu einer Aktualisierung, die beispielsweise Gesellschaftsformen und Tradition kritisieren kann.

Die Veränderung des Stils kann in beide Richtungen geschehen. So kann ein elaborierter Stil (genus sublime) zu einem niederen Stil (genus humile) werden – etwa wenn ein literarischer Klassiker wie etwa Shakespeares Othello in ein Werk der Umgangssprache travestiert wird, so geschehen in Karl Meisls Othellerl, der Mohr von Wien oder Die geheilte Eifersucht von 1806. Umgekehrt kann etwa ein Werk der Trivialliteratur sprachlich so verändert werden, dass die erlesene Wortwahl mit dem einfachen Inhalt kontrastiert.

Die Übergänge zur Parodie sind fließend, besonders in reinen Literatur-Travestien, die häufiger zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert geschrieben wurden. Beispiele für solche Travestien sind etwa die Vergil-Travestien, so Paul Scarrons Le Virgile travesti (1648-52) und Aloys Blumauers Virgils Aeneis (1783).

Etymologie[Bearbeiten]

Das Wort Travestie für eine komische Dichtung wurde im 18. Jahrhundert vom gleichbedeutenden englischen travesty entlehnt[1]. Im Englischen bedeutet dieses Wort heute als Substantiv die Travestie, wie sie hier beschrieben wird, und figürlich auch Zerrbild oder Karikatur. Als Verb bedeutet travestieren neben dem wie hier ausgeführten scherzhaften Umgestalten figürlich auch entstellen, verzerren und lächerlich machen.[2][3]

Das englische Wort travesty wiederum wurde im 17. Jahrhundert aus dem französischen Verb travestir gebildet, veranlasst durch Paul Scarrons Stück Le Virgile travesti (1648, engl.: Virgile travesty)[1]. Im Französischen bedeutet das Verb travestir verkleiden, figürlich auch das Verkleiden eines literarischen Werkes. Das Substantiv travestie bedeutet Vermummung, aber manchmal auch lächerliche Rolle. Der bal travesti ist der Maskenball. Im Bereich des Theaters bezeichnet es auch die schauspielerische Travestie und die Hosenrolle. Das Substantiv travestissement bezeichnete um 1900 ebenfalls die Verkleidung oder Vermummung und in zweiter Bedeutung auch die hier besprochene Travestie.[4][5] Im Jahre 1910 erschuf Magnus Hirschfeld den Begriff Transvestitismus zunächst als Oberbegriff für alle gegengeschlechtlichen Verkleidungen, egal aus welchem Grund. Inzwischen hat sie die mehrheitliche Bedeutung von travestissement außerhalb des Theaters auf dieses Gebiet eingeengt[6].

Das französische travestir wurde im 16. Jahrhundert dem italienischen travestire nachgebildet, welches ebenfalls die Bedeutung verkleiden hat[1]; travestire hatte sich zuvor aus den lateinischen Wörtern trans („hinüber“) und vestire („kleiden“) entwickelt.[7]

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b c Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 16 Bde. [in 32 Teilbänden]. Leipzig: S. Hirzel 1854-1960, Bd. 21, Sp. 1567, Travestie
  2. Langenscheidt Großes Schulwörterbuch Englisch-Deutsch, Langenscheidt, 1977, ISBN 3-468-07123-X
  3. Cassel's German & English Dictionary, Cassel, London, Second edition September 1958
  4. Sachs-Villatte. Enzyklopädisches französisch-deutsches und deutsch-französisches Wörterbuch. Hand- und Schul-Ausgabe, Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung (Prof. G. Langenscheidt), Berlin-Schöneberg 1909
  5. Langenscheidts Schulwörterbuch Fr-Dt Dt-Fr, Neubearbeitung 1968 & 10. Auflage 1980
  6. Artikel Travestissement in der französischen Wikipedia, Aufruf: 12. Januar 2008
  7. Gerhard Wahrig: Deutsches Wörterbuch, Mosaik Verlag, Neuausgabe 1980, ISBN 3-570-00771-5