Trinkglasserie mit rubinroten Füßen

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Teile der Trinkglasserie mit rubinroten Füßen in der Ausstellung zum 150. Geburtstag von Peter Behrens im Museum für Angewandte Kunst Köln (2018)

Die Trinkglasserie mit rubinroten Füßen (gelegentlich auch als Zarathustra-Gläser bezeichnet)[1] ist eine 1900 von Peter Behrens entworfene Trinkglasserie für das Haus Behrens in der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem Peter Behrens sich Ende des 19. Jahrhunderts mit Holzschnitten und Gemälden in der Kunstszene einen Namen gemacht hatte, stellte er ab 1898 Trinkglasserien, Porzellan und Bestecke für einen gedeckten Tisch auf Ausstellungen vor. Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein wurde bei einer dieser Ausstellungen auf Behrens aufmerksam und lud ihn ein, an der Künstlerkolonie Mathildenhöhe mitzuwirken. Ab November 1899 entwarf Peter Behrens ein Musterhaus samt kompletter Inneneinrichtung der Künstlerkolonie, das im Mai 1901 zur Eröffnung der Ausstellung Ein Dokument Deutscher Kunst präsentiert wurde.[2]

Für das Speisezimmer im Haus Behrens schuf er neben einem Geschirrservice und einer Besteckserie, die die Muster der Tischwaren, Teppiche und Tapeten aufnahm,[3] eine schlichte Trinkglasserie mit rubinroten Füßen. Mit dem Entwurf ganzer Trinkglasserien beschritt Behrens einen ganz neuen Weg in der Tafelkultur. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es üblich, mit Einzelgläsern oder farblich variierenden Gläsern den Tisch zu decken.[4]

Trinkglasserie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Madeiraglas

Die Trinkglasserie wurde 1900/01 in der Rheinische Glashütten-Actien-Gesellschaft in Köln-Ehrenfeld hergestellt. Dem Direktor der Rheinischen Glashütten-Actiengesellschaft, Oskar Rauter, gelang es, 1888 die Produktion von Goldrubingläsern zu perfektionieren und sehr farbreine Gläser herzustellen. Für diese Leistung erhielt die Glashütte auf der Deutsch-Nationalen Kunstgewerbeausstellung in München ein Diplom.[5] Ende des 19. Jahrhunderts galt die Ehrenfelder Glashütte als einer der führenden Hersteller von dunkelroten Goldrubingläsern. Nach dem Ausscheiden von Oskar Rauter übernahm Eduard von Kralik die Leitung der Glashütte und ermöglichte auch auswärtigen Künstlern, eigene Entwürfe zu realisieren.[6]

Peter Behrens wählte aufgrund der Qualität der Rubingläser für die Herstellung der Trinkglasserie für das Haus Behrens die Ehrenfelder Manufaktur aus. Bei der Gestaltung der Trinkglasserie mit den rubinroten Füßen verbindet Behrens harmonisch altdeutsche, hohle Trompetenfüße, ausgeführt in dem wiederentdeckten Rubinglas, mit einer farblosen, venezianischen Glockenkuppa. Durch Materialuntersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass sowohl Gläser mit einem in der Masse goldrubin durchgefärbten als auch mit Goldrubinfarbe überfangenen Stiel hergestellt wurden, wobei die durchgefärbten Gläser wesentlich seltener zu finden sind.[7][8]

Einzelgläser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ursprüngliche Trinkglasserie umfasste vermutlich zunächst sechs Glasformen.[9] Aus zahlreichen Sammlungen sind jedoch mindestens fünf weitere Glasformen bekannt.[8][10][11] Die Zuschreibung war schwierig, da es durchaus üblich war, die Trinkglasserien auf Kundenwunsch zu modifizieren und individuell zu erweitern.[12] Ob alle Glasformen bereits 1901 in Ehrenfeld hergestellt wurden oder zu einem späteren Zeitpunkt in der Glasmanufaktur Benedikt von Poschinger im Bayerischen Wald, kann aufgrund des häufigen Fehlens einer Manufakturgravur nur vereinzelt festgestellt werden. Die Gläser der Kölner Manufaktur waren größtenteils nicht signiert, wurden jedoch mit einem Etikett aus Papier ausgezeichnet, welches sich jedoch nur selten erhalten hat.

Gesichert ist jedoch, dass sich in den Musterbüchern des Jahres 1929 der Glasmanufaktur von Poschinger Entwürfe finden, die sich in Formensprache und Farbgestaltung auf den Entwurf der Glasserie von Peter Behrens beziehen. Die Musterentwürfe 140/1-5 zeichnen sich durch einen nach unten offenen, trompetenförmigen, rosa Glasfuß aus, der eine glockenförmige, farblose Kuppa trägt. Als Entwerfer dieser Kuppa ist in die Musterbücher die Signatur V. Hoffmann, Dortmund, 6. 6. 1929 eingetragen.[13]

Zu der Trinkglasserie mit rubinroten Füßen zählen folgende Gläser, wobei die Größenangaben geringfügig variieren können:

Glas Höhe (cm) Durchmesser
der Kuppa (cm)
Champagnerschale 21,3 11
Moselweinglas 20,3/20,7 08,5
Rotweinglas 15,2/15,3/15,7 07,6
Rotwein-/Weißweinglas 14 0
Weißweinglas 13,3 08,5
Bierglas 15 08,5
Wasserglas 13,5 07,7
Madeiraglas 13,1 0
Portwein-/Süßweinglas 0
Sherryglas 12,2 08
Likörglas 11 0

Kritik und Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Behrens fertigte die im Ausstellungskatalog Dokument Deutscher Kunst 1901 bezeichnete Trinkglasserie mit rubinroten Füßen ursprünglich für das Haus Behrens in der Künstlerkolonie Mathildenhöhe an. Der zeitgenössische Kritiker Alfred Lichtwark beschrieb die Wirkung des gedeckten Tisches von Behrens wie folgt:

„Und dann die Speisezimmer. Daß es so viel Behagen, so viel Heiterkeit und Anmuth auf der Welt geben kann, wo ein künstlerischer Geschmack die Wege weist, war ersichtlich den Allermeisten ganz neu. Diese Speisezimmer waren stets belagert, und die jungen Mädchen und Frauen konnten von ihren männlichen Begleitern, deren Auge noch nicht so viel empfindet, nur nach wiederholten Bemühungen weiter geschleppt werden, und ich habe wiederholt gesehen, daß sie auf der Treppe noch einmal umkehrten, um im Husch noch einmal den Anblick des gedeckten Tisches mit seinem zierlichen Damast, den neuen Gläserformen, den neuen Servicen und dem lieblichen Blumenschmuck zu genießen.“

Alfred Lichtwark: Brigitte Rechberg: Die Künstlerkolonie-Ausstellung 1901 in zeitgenössischer Kritik. In: Hessisches Landesmuseum (Hrsg.): Ein Dokument Deutscher Kunst 1901, Band 5, Darmstadt 1977, S. 180

Die modernen Gläser wurden auch nach dem Niedergang der Ehrenfelder Glashütte in der Glasmanufaktur von Poschinger sporadisch weiter produziert.

Das Trinkglasservice mit den rubinroten Füßen wird heute in verschiedenen Glas- und Designmuseen ausgestellt, unter anderem im Museum für Angewandte Kunst Köln, im British Museum und im Corning Museum of Glass.[14]

Im Frühjahr 2018 wurden fünf Gläser der Trinkglasserie während der Sonderausstellung Peter Behrens #Alleskönner gezeigt. Ein vollständiger Gläsersatz wurde 2013 im Rahmen der Sonderausstellung Peter Behrens. Vom Jugendstil zum Industriedesign in der Kunsthalle Erfurt ausgestellt.[15]

Einzelne Gläser aus dem bei Sammlern begehrten Gläsersatz erreichen auf internationalen Kunstauktionen Preise von 7.000 bis 10.000 Euro.[16]

Repliken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute fertigt die Glasmanufaktur von Poschinger, die sich in den letzten Jahren fast ausschließlich auf qualitativ hochwertige Repliken von Glasobjekten und Trinkglasserien spezialisiert hat, fünf Gläser aus dem Trinkglassatz von Peter Behrens als nummerierte Sammlerobjekte. Neben einer hochstieligen Champagnerschale, einem Weißwein- und einem Bierglas werden auch ein Sherry- und ein Madeiraglas wieder hergestellt. Die Form der Kuppa weicht geringfügig von den Gläsern ab, die 1901 in Köln-Ehrenfeld angefertigt wurden.[17]

Würdigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Briefmarkenblock „Design in Deutschland“ mit Motiv der Glasserie von Peter Behrens

Im Jahr 1998 gab die Deutsche Bundespost den Briefmarkenblock Design in Deutschland heraus, auf dem neben der Wagenfeld-Leuchte, dem Tee-Extraktkännchen MT-49 von Marianne Brandt und dem Wassily-Stuhl Nr. B 3 von Marcel Breuer auch die Trinkglasserie mit den rubinroten Füßen von Peter Behrens dargestellt wurde.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Romana Rebbelmund: Harmonie der Gegensätze. Gebrauchsglas von Peter Behrens. In: Petra Hesse & Romana Rebbelmund: Peter Behrens 1868 / 2018, Band 1, Dortmund, Köln 2018. ISBN 978-3-86206-695-7
  • Peter Thomas Föhl & Claus Pese: Peter Behrens. Vom Jugendstil zum Industriedesign, Kunsthalle Erfurt (Hrsg.), Weimar 2013, ISBN 978-3-86539-686-0
  • Karl-Wilhelm Warthorst: Gebrauchsglas 1898–1924, Neuner, Freiburg 2001, ISBN 978-3-931931-02-5
  • Udo Schröder: Trinkgläser vom Jugendstil zum Art déco, Edition Schröder, Hamburg 1998, ISBN 978-3-00-002968-4

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Glass by Peter Behrens – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ursula Seibold-Bultmann: Festes Haus im Weltgebraus | NZZ. In: Neue Zürcher Zeitung. 24. Mai 2013, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 21. März 2018]).
  2. Eva Huber: Die Darmstädter Künstlerkolonie. Anspruch und Verwirklichung ihrer künstlerischen Zielsetzung. In: Hessisches Landesmuseum (Hrsg.): Ein Dokument Deutscher Kunst 1901–1976. Band 5. Eduard Roether, Darmstadt 1977, S. 60 ff.
  3. Isabell Brass: "Geschmack in größere Kreise tragen". Bestecke und Korpuswaren. In: Petra Hesse & Ramona Rebbelmund (Hrsg.): Peter Behrens 1868 / 2018. Band 3. Kettler, Köln, Dortmund 2018, ISBN 978-3-86206-695-7.
  4. Antje Neuner-Warthorst: Gebrauchsglas. In: Trödler & Sammler Journal. Oktober 2002. GEMI, Reichertshausen 2002, S. 29 f.
  5. Karl-Wilhelm Warthorst: Goldrubin. In: Trödler & Sammler Journal. August 2006. GEMI, Reichertshausen 2006, S. 35.
  6. Werner Schäfke (Hrsg.): Ehrenfelder Glas des Historismus. Die Preis-Courants der Rheinischen Glashütten-Actien-Gesellschaft in Ehrenfeld bei Cöln. Abtheilung für Kunsterzeugnisse. Walther König, Köln 1979, ISBN 3-88375-005-0, S. 24 ff.
  7. Karl-Wilhelm Warthorst: Glas auf Papier. In: Sammler Journal. Dezember 2008. GEMI, Reichertshausen 2008.
  8. a b Romana Rebbelmund: Harmonie der Gegensätze. Gebrauchsglas von Peter Behrens. In: Petra Hesse & Romana Rebbelmund (Hrsg.): Peter Behrens 1868 / 2018. Band 1. Kettler, Köln, Dortmund 2018, ISBN 978-3-86206-695-7, S. 6 ff.
  9. Annette Wolde: Peter Behrens. In: Hessisches Landesmuseum (Hrsg.): Ein Dokument Deutscher Kunst 1901. Band 4. Eduard Roether, Darmstadt 1977, S. 13.
  10. Set of Drinking Glasses with Ruby Glass Feet | Corning Museum of Glass. Corning Museum of Glass, abgerufen am 29. März 2018 (englisch).
  11. Hans-Joachim Kadatz: Peter Behrens. Architekt. Maler. Grafiker und Formgestalter 1868–1940. In: Künstlerkompendium. E.A. Seemann, Leipzig 1977, S. 28 f.
  12. Antje Neuner-Warthorst: Gebrauchsglas. In: Trödler & Sammler Journal. Oktober 2002. GEMI, Reichertshausen 2002, S. 30.
  13. Romana Rebbelmund: Harmonie der Gegensätze. Gebrauchsglas von Peter Behrens. In: Petra Hesse & Romana Rebbelmund (Hrsg.): Peter Behrens 1868 / 2018. Band 1. Kettler, Köln, Dortmund 2018, ISBN 978-3-86206-695-7, S. 8.
  14. British Museum: Wine-glass. Abgerufen am 28. Juni 2021 (britisches Englisch).
  15. Kunsthalle Erfurt präsentiert Ausstellung von Peter Behrens. (thueringer-allgemeine.de [abgerufen am 29. März 2018]).
  16. Dr. Fischer Kunstauktionen, 2010, https://www.auctions-fischer.de/: 196-I: Europäisches Glas & Studioglass – Dr. Fischer Kunstauktionen – Auktionshaus für Kunst, Glas und Antiquitäten. Abgerufen am 28. März 2018.
  17. Peter Behrens 1901 – Freiherr von Poschinger Glasmanufaktur. Abgerufen am 28. März 2018.