True West

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True West ist ein Drama des amerikanischen Autors Sam Shepard, das am 10. Juli 1980 im Magic Theatre in San Francisco uraufgeführt wurde. Erste Druckfassungen des Stückes erschienen 1981 im New Yorker Samuel French und Londoner Faber & Faber Verlag.

Das Werk, das schon in seinen Anfangsszenen durch ein pintereskes Gefühl der Bedrohung und eine latente Atmosphäre der Gewaltsamkeit geprägt ist, thematisiert das widersprüchliche, duale Wesen der menschlichen Existenz in einer modernen Zivilisation und Konsumgesellschaft auf dem Hintergrund der menschlichen Urfähigkeit oder Urbereitschaft zur Gewaltsamkeit. Daneben behandelt es vor allem gegensätzliche Aspekte des American Dream wie Freiheit, Ungebundenheit oder künstlerische Kreativität einerseits und materieller Wohlstand sowie sozialer Fortschritt andererseits, und problematisiert die Möglichkeiten und Grenzen in der Auseinandersetzung mit den damit verbundenen Konzepten von Glück und Freiheit. Ebenso konfrontiert das Werk die Rezipienten mit anarchischen oder destruktiven menschlichen Charakterseiten unter einer angepassten sozialen Oberfläche.[1]

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Drama handelt von der Entwicklung zweier Brüder namens Lee und Austin, die sich in ihren Charakteristika nicht unähnlicher sein könnten. Während Austin ein erfolgreicher Drehbuchautor ist, der mitten im Leben steht, ein Haus und eine Familie hat und aufgrund eines guten finanziellen Hintergrundes ein unbekümmertes Leben führen kann, ist sein Bruder Lee ein kleinkrimineller Landstreicher, der sich auf das Diebeshandwerk spezialisiert hat und damit seinen Lebensunterhalt bestreitet.

Die Mutter der beiden Brüder ist zu Beginn des Dramas in Alaska im Urlaub. Sie hat ihrem Sohn Austin aufgetragen, sich um ihr eher konservativ eingerichtetes Haus zu kümmern und ihre geliebten Pflanzen zu gießen. Lee war erst 3 Monate in der Wüste unterwegs und hat den "old man" (Lees und Austins Vater) besucht, der sich vor langer Zeit für das Exil und die Abgeschiedenheit entschieden hat. Er kommt zum Haus seiner Mutter, um in die Anwesen der reichen Nachbarn einzubrechen. Ob die Eltern nun geschieden sind oder lediglich getrennt voneinander leben, geht aus dem Stück nicht hervor.

Das Drama beginnt mit Austin, der an Notizbuch und Schreibmaschine sitzt und an seinem Projekt, einem Drehbuch für einen Historienfilm, arbeitet. Er arbeitet schon seit längerer Zeit daran und hat sich aus diesem Grund bereits über Monate hinweg mit einem Produzenten namens Saul Kimmer getroffen, der vorgibt, von seinem Projekt durchaus begeistert zu sein. Lee, der über den gesamten ersten Akt einen betrunkenen Eindruck macht, ist ebenfalls anwesend und unterhält sich mit Austin. Beide sprechen aber eher aneinander vorbei, eine wirkliche Kommunikation findet nicht statt. Lee versteht es dabei, seinen Bruder mit abwertenden Fragen, Antworten und Aussagen zu provozieren; Austin geht aber nicht sonderlich darauf ein, da er Lee augenscheinlich körperlich unterlegen ist und Angst vor ihm hat. Er spricht in einer eher gehobenen Sprache, wohingegen Lee einen eher vulgären, teilweise beleidigenden Slang verwendet. Durch die stetigen Provokationen und die Gegensätze zwischen den beiden Brüdern kommt es unablässig zum Streit, der im Laufe des Theaterstückes noch weiter eskaliert. Um sich in Ruhe mit Saul Kimmer über das Geschäft unterhalten zu können, gibt Austin Lee, für den er sich schämt, seine Autoschlüssel und macht mit ihm eine Zeit ab, zu der dieser wieder zurück sein sollte. Während des Treffens erscheint Lee allerdings verfrüht und mit einem aus der Nachbarschaft gestohlenen Fernseher in den Händen. Er verwickelt Saul - anfänglich durch Geschick, später durch Bedrängen - in eine Diskussion. Lee und Saul entdecken dabei ihre gemeinsame Vorliebe für Golf und verabreden sich sogleich zu einer morgendlichen Partie. Weiterhin versucht Lee ihn von seiner eigens ausgedachten Geschichte zu überzeugen. Saul scheint zunächst desinteressiert, auf Lees Drängen verspricht er aber, sich den groben Handlungsverlauf durchzulesen, sobald Austin diesen aufgeschrieben hat. So wird Austin unfreiwillig zu Lees Schreiber. Beim Golftreffen (einer sogenannten "Off-Stage Scene", die man hier außerdem als Wendepunkt bezeichnen kann) schafft es Lee schließlich, den Produzenten von seiner von Klischees überhäuften Geschichte zu überzeugen und ihn durch eine Wette zur Produktion zu verpflichten. Da Lee aber kein begabter Schreiber ist, soll Austin die Geschichte zu Papier bringen. Er findet die Geschichte aber zu simpel, ja geradezu "dumm" und lehnt deshalb ab. Daraufhin bricht Saul seine Abmachung mit Austin und lässt dessen Geschichte fallen.

Die Protagonisten verändern sich daraufhin in die genau entgegengesetzte Richtung. Austin betrinkt sich nun fortlaufend und beleidigt seinen Bruder in einer für ihn ungewöhnlichen Sprachebene. Um Lee zu beweisen, dass er ebenfalls in der Lage ist zu stehlen, zieht er nun selbst durch die Nachbarschaft und stiehlt sämtliche Toaster. Lee versucht sich selbst als Autor an der Schreibmaschine, kann jedoch keinen klaren Gedanken fassen und ist auf Austin als Schreiber angewiesen. So treffen die beiden eine Abmachung: Austin soll Lees Gedanken aufbereiten und schreiben, Lee soll Austin dafür mit in die Wüste nehmen und ihm zeigen, wie man dort (über)lebt, denn ein Leben in der Wüste (zumindest auf Zeit) scheint schon immer Austins Traum gewesen zu sein. In der Folge haben Austin und Lee nur noch das Drehbuch im Kopf und vernachlässigen das Haus und die Pflanzen der Mutter total, sodass die Wohnung zu einer "Müllhalde" verkommt. In der letzten Szene formulieren Lee und Austin gerade eine Passage der Geschichte, als die Mutter, die früher von ihrem Urlaub zurückgekommen ist, auftaucht. Lee ändert blitzartig sein Verhalten, ist wieder beleidigend gegenüber Austin und will sofort das Haus verlassen (und nebenbei etwas Silberbesteck und Porzellan mitnehmen); er sagt, dass man den Deal verschieben müsse, aber es ist klar, dass er seinen Teil der Vereinbarung überhaupt nicht einzuhalten beabsichtigt. Austin wird deswegen sehr wütend und stranguliert Lee mit dem Telefonkabel; die Mutter scheint davon wenig beeindruckt, ihre Sorge gilt viel mehr ihren mittlerweile abgestorbenen Pflanzen. Sie verlässt das Haus, um später in einem Motel zu übernachten. Schließlich liegt Lee am Boden und gibt vor, tot zu sein, woraufhin Austin das Kabel löst und - anscheinend etwas benommen - versucht, seinen Bruder anzusprechen. Dieser rührt sich nicht - Austin will das Haus verlassen, aber plötzlich springt Lee auf und blockiert den Ausgang. Die Geschichte endet hier, mit der Konfrontation der beiden Brüder vor dem Haus im Hintergrund der Wüste.

Form und Dramenstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Drama ist in zwei Akte aufgeteilt. Der erste Akt umfasst die Szenen 1 bis 4, der zweite Akt die Szenen 5 bis 9. Alle 9 Szenen spielen in der Küche des Hauses von Austins und Lees Mutter.

Nach der Exposition in der ersten Szene liefern die Szenen 4 bis 7 mit ihrer steigenden Handlung die Komplikation und den Anstieg der dramatischen Spannung mit den zunehmenden Auseinandersetzungen, wechselseitigen Streitigkeiten und Provokationen der Brüder, nach dem klassischen Dramenverständnis Freytags eine Art von Katastase.

Die Szene 5 im zweiten Akt kann strukturell als erste Peripetie begriffen werden, in der mit der Annahme von Lees Drehbuch dieser die Kontrolle übernimmt und Austins bisheriger Erfolg sich wendet.

Die Szene 6 zeigt eine erste klimaktisches oder vorläufig kulminierende Unterredung, in der Saul und Lee Austin drängen, das Drehbuch für Lees Geschichte zu schreiben, dieser sich jedoch zunächst weigert. Lee besitzt nicht länger allein die Kontrolle über die Handlungssituation und das Geschehen, sondern teilt sich diese nunmehr wiederum mit Austin.

Nach einem weiteren Anstieg der Handlungsspannung mit der wachsenden Konfrontation der Brüder und einem kurzen retardierenden Moment in dem gemeinsamen Gespräch über die miserable Lage ihres Vaters zeigt die achte Szene eine weiterhin steigende Handlung mit einem klimaktischen Moment am Ende der Szene, als Lee die Bedingungen darlegt, unter denen er bereit ist, Austin mit in die Wüste zu nehmen.

Die neunte Szene, in der Austin zunächst das Drehbuch für Lees Geschichte zu schreiben beginnt und die über das Chaos und die Verwüstung entsetzte Mutter in das Haus zurückkehrt, führt mit ihrer fallenden Handlung zu schließlichen Katastrophe, ohne dass es jedoch wie im klassischen Regeldrama zu einer Auflösung des Konflikts bzw. einem Dénouement kommt.[2]

Deutungsansatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dualität der menschlichen Existenz und Kontrastierung von „Altem und Neuem Westen“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Shepard selbst äußerte sich zu seinem Werk folgendermaßen: „I wanted to write a play about double nature, [...] I wanted to give a taste of what it feels like to be two-sided“ (deutsch etwa: „Ich wollte ein Stück über das doppelte (menschliche) Wesen schreiben, [...] ich wollte einen Geschmack davon vermittelt, wie es sich anfühlt, doppelseitig zu sein“)[3]

Diese grundlegende Dualität oder Widersprüchlichkeit des menschlichen Wesens wird in dem Stück exemplarisch dargestellt und nachhaltig konkretisiert in der Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Inhalten und Motiven des American Dream.

Mit den Leitmotiven "From rags to riches" und der Freiheit des Wilden Westens zeigt es die Entwicklung zweier Brüder, die als typische Vertreter der jeweiligen Aspekte des American Dream, nämlich einerseits grenzenlose Freiheit und Ungebundenheit und andererseits sozialer Aufstieg und beruflicher Erfolg, auftreten, aber sich das Leben des jeweils anderen erträumen und einander darum beneiden.

Weitere wichtige Aspekte hängen mit dem Schauplatz und der Umgebung zusammen. Die Umgebung wird eingehend beschrieben; die umfangreichen, detaillierten Bühnenanweisungen zeigen einen realistischen Schauplatz in einer charakteristischen Mittelschicht-Küche bzw. Wohnung in einer südkalifornischen Vorstadt als Ort der Bühnenhandlung. An späterer Stelle erfährt der Rezipient, dass die Mutter ihre Mittelschicht-Wohnung äußert sauber hält und besonderen Wert darauf legt, dass ihre Pflanzen genügend Wasser erhalten( S. 11/15). Das grüne synthetische Grass auf dem Boden der Alkove oder Mauernische („green synthetic grass“, S. 8 und 20) suggeriert demgegenüber zugleich die Künstlichkeit der dominanten kalifornischen Kultur und Zivilisation.[4]

Darüber hinaus findet sich symbolhaft im Sub- oder Nebentext der Bühnenanweisungen bereits in den Anfangsszenen des Stückes ein mehrfacher Verweis auf das im Hintergrund zu hörende Zirpen der Grillen und das Heulen der Koyoten, der im gesamten Verlauf des Dramas an zahlreichen Stellen wieder aufgenommen und durch die Wiederholungen verstärkt wird. Als symbolische Andeutung auf die Wüste außerhalb des geschlossenen Raumes des eigentlichen Bühnengeschehens zeigt dies damit nicht nur den konstanten Ruf der wilden Natur im Hintergrund der eigentlichen Bühnenhandlung, sondern schafft zudem ein andauerndes Gefühl der Bedrohung nicht allein von innen, sondern auch von außen.[5]

Während die kalifornische Wüste als Verkörperung des Alten Westens („Old West“) mit Vorstellungen wie etwa Freiheit, Abenteuer, Naturverbundenheit, Authentizität, Männlichkeit, Vitalität, jedoch auch Einsamkeit, Gefahren, Eintönigkeit und Entbehrungen verknüpft wird, ist das Leben in der modernen Großstadt Los Angeles („New West“) demgegenüber mit Momenten wie (materieller) Erfolg, Modernität, Ruhm, Annehmlichkeiten, Lebensqualität oder Unterhaltung verbunden, steht aber ebenso in negativer Hinsicht für Hektik, Stress, Umweltverschmutzung, Zerstörung, Gefangensein und Ähnliches mehr. In True West stellt Shepard auf diese Weise das Thema der Dualität der menschlichen Natur am Schnittpunkt von Altem und Neuem Westen in Gestalt der beiden Brüdern dar, die sich im Grunde gegenseitig um ihre konträre Lebensweise beneiden. Das Ende des Dramas mündet schließlich in deren Rollentausch.[6]

Ausgangssituation zu Beginn des Dramas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den einführenden Bühnenanweisungen entsprechend wird das Publikum zu Beginn des Stückes mit einem atmosphärischen Tableau konfrontiert, in dem bereits der Kontrast des äußeren Erscheinungsbildes der Brüder deren Gegensätzlichkeit verdeutlicht. Austin verfügt über die charakteristischen Mittel oder Geräte eines Journalisten oder Schriftstellers („writing notebook, pen ..., cigarette burning in an ashtray, cup of coffee, typewriter ... stacks of papers“, S. 11/2-4). Offensichtlich verkörpert er den Konformisten, der erfolgreich ist, während Lee anscheinend den typischen Rebellen oder Herumtreiber darstellt („beer in hand, sixpack on counter ..., mildly drunk“, S. 11/5-7). Weitere Details unterstreichen diese Atmosphäre im Bühnenbild und in der Szenerie, wie beispielsweise die nächtliche Arbeit Austins in einer durch das Zirpen der Grillen angedeuteten warmen Nacht oder das Flackern der Kerze, das Schatten auf die Zimmerwände wirft.

Während Austin Ruhe und Frieden in der Wohnung seiner Mutter sucht, um sein Manuskript fertigzustellen, wird er mit den belästigenden Fragen seines Bruders konfrontiert und in seiner Ruhe gestört. Zusehends wird ihm bewusst, dass sein Bruder nicht nur mit seinen unhöflichen und unverschämten, rüden Fragen seine eigene Ruhe und Arbeit stört, sondern ihn durch sein zunehmend konfrontatives und aggressives Verhalten durch seine bloße Anwesenheit bedroht.

Austin reagiert zunächst mit kaum verhohlener Furcht, entnimmt den Bemerkungen seines Bruders, der offenbar nur Verachtung für seine Arbeit zu empfinden scheint, jedoch schon bald die Anzeichen eines Gefühls von Neid, obwohl dieser darum bemüht ist, seine eigenen Bedürfnisse und Neidgefühle zu verbergen, um sich als gleichwertiger Partner in der Situation zu positionieren.

Offensichtlich aus Furcht vor der wachsenden Aggressivität seines Bruders versucht Austin diesen zu besänftigen, in dem er das Thema wechselt und das Gespräch auf den Vater lenkt, zu dem Lee eine engere Beziehung zu haben scheint. Statt seinen Bruder zu beruhigen, stachelt Austin mit seiner Frage nach dem Vater jedoch den Ärger seines Bruders nur weiter an.

Schockiert über die wachsende Feindseligkeit Lees wird ihm deutlich, dass er seinen Bruder dazu bewegen muss, die Wohnung sobald wie möglich wieder zu verlassen, um nicht weiter dessen aggressivem Verhalten und seinen störenden Fragen ausgesetzt zu sein. Auf eine vorsichtige Frage Austins hin gibt Lee jedoch keinen bestimmten Zeitpunkt für seine Abreise an; Austin bleibt nur der Rückzug mit seiner Feststellung, dass sie sich ja in der Wohnung ihrer Mutter befänden, was jedoch wiederum den Neid und die Eifersucht Lees weckt.

Als Austin schließlich den Grund für die unerwartete Ankunft seines Bruders erfährt, der als eine Art von western bandit die arglose wohlhabende Nachbarschaft als Ziel für seine geplanten Einbrüche ausgesucht hat, versucht er ein weiteres Mal, seinen Bruder loszuwerden, indem er diesem Geld anbietet. Damit provoziert er jedoch nur eine wütende, gewaltsame Reaktion seines Bruders, dessen bislang psychologische Form der „Kriegsführung“ gegen Austin nunmehr eskaliert und in physische Gewaltanwendung umschlägt.

Lee verdeutlicht seinem Bruder, dass er kein bloßes Abbild des Vaters sei, der während seines Aufenthaltes im wilden Westen der kalifornischen Wüste anscheinend die finanzielle Unterstützung seines erfolgreichen Sohnes angenommen hat. Aus dieser Reaktion und Bemerkung Lees lässt sich entnehmen, dass Lee den Vater allem Anschein nach als Schwächling begreift, der sich selbst durch seinen übermäßigen Alkoholkonsum zerstört hat. Als Austin mit seiner Frage, ob Lee schlafen gehen möchte, eine zumindest zeitweilige Deeskalation der angespannten Situation anstrebt, starrt sein Bruder ihn allerdings nur an, ohne eine Antwort zu geben. Die dramatische Spannung in der Anfangsszene erreicht damit ihren ersten Höhepunkt.

Die Spannungen und Rivalität in der Beziehung der beiden Brüder finden ihren Ausdruck vor allem in der Form der Ausgestaltung des Dialogs, die sich an die Dialogführung in den Stücken Pinters anlehnt und durch die fehlende Reziprozität oder Wechselseitigkeit der Äußerungen ebenso wie in den Werken Pinters ein durchgehendes Gefühl der unterschwelligen Bedrohung erzeugt. Die Verständigung zwischen den Brüdern muss schon in der Ausgangssituation des Stückes zwangsläufig scheitern, da Lee durch ein verstärkt monologisches Sprachverhalten einseitig die Kommunikation dominiert.

Zugleich verdeutlicht die besondere Form der Dialogführung die unterschiedlichen Möglichkeiten der Bedeutungsvermittlung, wie etwa durch die Verwendung verschiedenster Sprachregister oder Veränderungen in der Lautstärke und Intonation bzw. Pausen und Schweigen sowie Mimik und Gesichtsausdruck und die Verwendung nonverbaler Kommunikation durch Körpersprache.[7]

Ebenso werden durch die dialogische Ausgestaltung die zwischenmenschlichen Spannungen der Brüder und ihre Unfähigkeit zu gegenseitiger Verständigung und Kommunikation hervorgehoben. Während Less Sprachverhalten durch informelle Aussprache und die Verwendung vulgärer Ausdrücke gekennzeichnet ist, die seine fehlende Bildung spiegeln, ist das Sprachverhalten seines Bruders durch häufige Pausen wie auch emotionale Ausbrüche geprägt, die den Konflikt akzentuieren. Der sprachliche Austausch zwischen den Beiden ist zumeist ohne tatsächlich bedeutungsvolle Substanz; beide zeigen überwiegend wenig oder kein Interesse an gegenseitiger Verständigung und sind kaum bemüht, adäquate Antworten auf die Beiträge des jeweils anderen zu finden. Ein Gesprächsthema wird eingeführt, aber sofort wieder fallen gelassen; der Dialog ist in der Regel oberflächlich, wenngleich mitunter amüsant, und wird ebenfalls an verschiedenen Stellen statt sprachlicher Ausführungen durch gutturale Geräusche wie „huh“ bestimmt. Zu Beginn versucht Austin seinen Bruder zu ignorieren, indem er ihm zu zeigen versucht, dass er mit seiner Arbeit beschäftigt ist. Lee reagiert darauf mit feindseligem Sarkasmus; Austins Verwirrung oder Ablenkung von seiner Arbeit äußert sich daraufhin in gewissen Details seines gestischen Verhaltens, wie etwa dem Reiben seiner Augen oder dem durch die Haare Fahren mit der Hand.

Auflösung der Familie und Zusammenbruch der häuslichen Beziehungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem ersten Spannungshöhepunkt am Schluss der ersten Szene beginnt die zweite Szene am nächsten Morgen mit einer unerwartet entspannten und angenehmen Atmosphäre. Die vorangegangenen Spannungen und Konflikte scheinen vorerst zu ruhen; der Konversationston ist plauderhaft und in Lees Beiträgen durchaus humorvoll. Allerdings erweckt die Situation den Anschein einer Ruhe vor dem Sturm; trotz der entspannten Atmosphäre liegt in der zweiten Szene ebenso fortwährend ein Gefühl der Bedrohung durch physische Gewalttätigkeit in der Luft.

In Anknüpfung an Lees letzte Äußerungen zu seinem Schlafverhalten am Ende der ersten Szene begreift Lee Austins nachfolgende Äußerung, er schlafe wohl nicht („Well, you don’t sleep anyway, do you?“, S. 20/10)als unverhüllte Anspielung auf seine nächtlichen diebischen Aktivitäten und als abwertende Bemerkung über seinen Lebensstil. Er starrt Austin an und reagiert mit einem vorwurfsvollen Gegenangriff auf die gesellschaftlich herausragende, prominente Lebensweise seines Bruders, um seine eigene in Bedrohung geratene Überlegenheit wiederherzustellen. Er spielt damit auf die fehlende soziale und moralische bzw. gesellschaftliche Ungebundenheit seines Bruders und dessen Abhängigkeit von sozialen Konventionen an, ohne dass dieser der Kritik Lees widerspricht.[8]

Genauere Informationen über die Familiengeschichte oder den familiären Hintergrund der beiden Brüder finden sich nicht; aus Lees Äußerung, dass er die Häuser, in die er einbricht, mit einem Paradies vergleicht, in dem er selbst auch gerne aufgewachsen wäre, lassen allerdings den Schluss zu, dass die beiden Brüder in einem weniger privilegierten Haushalt aufgewachsen sind (S. 22/19ff.) Ebenso bleibt die Beziehung der Eltern zueinander unklar. Der Vater lebt mittlerweile irgendwo in der Wüste; um seinen heruntergekommenen Vater nicht völlig im Stich zu lassen, hat Lee selber drei Monate in der Mojave-Wüste verbracht. Obwohl er Austin gegenüber mit deutlichen Worten betont, keine bloße Imitation ihres Vaters zu sein, ist er offensichtlich nach dem Vater geraten, während Austin sich ihres Vaters schämt und alles unternommen hat, dem Einfluss des Vaters zu entgehen und dessen normadischen Lebensweg zu meiden. Er hat eine der elitären Ivy League Universitäten besucht und sich als erfolgreicher Hollywood-Autor etabliert. Dies verdeutlicht seine Bestrebungen, in seinem eigenen Leben das Familienerbe zu verdrängen; dementsprechend befürchtet er auch das Ende seiner Karriere, falls sein Bruder das Haus der Mutter nicht vor der Ankunft des Hollywood-Produzenten Saul Kimmers verlässt. Austin möchte diesem gegenüber seine familiäre Herkunft und Verwandtschaft mit einer Person wie Lee und damit auch seinem Vater verbergen. Lee empfindet dies als eine eindeutige Abwertung und eklatante Bekundung seiner eigenen Minderwertigkeit. Zwar akzeptiert er Austins eher widerwillig unterbreitetes Angebot, sein Auto für eine Ausfahrt zu nutzen, kehrt jedoch wesentlich früher als vereinbart zurück - höchstwahrscheinlich um den Produzenten noch zu treffen und seinen Bruder in Verlegenheit zu bringen. Austin muss seinerseits erkennen, dass er seine Familie nicht verleugnen kann, und gesteht Kimmer, dass Lee sein Bruder ist. Die über ihr gemeinsames Interesse am Golf sich anbahnende Beziehung zwischen Kimmer und Lee missfällt ihm; während der entspannten und teilweise scherzhaften Unterhaltung zwischen Kimmer und Lee bleibt er ernst und wortkarg. Mit Kimmers Versprechen, sich mit Lees Geschichte eingehender zu beschäftigen, beginnt der eigentliche Kampf zwischen den beiden Brüdern, da Lee nunmehr beginnt, die Kontrolle über das Leben und den bisherigen Erfolg seines Bruders zu erlangen und dessen Karriere fortan zu gefährden droht. Er ist nicht einmal bereit, die Autoschlüssel zurückzugeben, sondern starrt am Ende der zweiten Szenen seinen Bruder nur lächelnd an, gleichsam als eine Art von Herausforderung.[9]

Spezielle Aufführungen im deutschsprachigen Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Stück wurde in einer Koproduktion des Theatre National de Luxembourg, der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des Renaissance-Theaters Berlin im Jahr 2008 u. a. von Oktay Özdemir (Lee) und Eralp Uzun (Austin) aufgeführt. Die beiden türkischstämmigen Schauspieler versuchen hierbei aktuelle Bezüge zum Leben in Berlin-Kreuzberg darzustellen.

Verfilmungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 31. Januar 1984 erschien als 110-minütiger Fernsehfilm die Filmaufaufzeichnung einer Aufführung von Shepards Stück unter der Regie von Allan A. Goldstein mit John Malkovich und Gary Sinise in den Hauptrollen der Brüder Lee und Austin.[10]

Am 12. August 2002 wurde erstmals eine auf Shepards Werk basierende 107-minütige Fernsehfassung unter der Regie von Gary Halvorson mit Bruce Willis als Lee und Chad Smith als Austin ausgestrahlt.[11]

Textausgaben (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sam Shepard: True West. Faber and Faber, London 1981.
  • Sam Shepard : Seven Plays (Buried Child, Curse of the Starving Class, The Tooth of Crime, La Turista, Tongues, Savage Love, True West). Dial Press Trade Paperback, New York 2005, ISBN 978-0553-346114.
  • Sam Shepard: True West. Cornelsen, Berlin 2005, ISBN 978-3060311866.

Sekundärliteratur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Krekel: «Von Cowboys bis True West»: Sam Shepards Drama: Dokumente einer amerikanischen Phantasie. Europäische Hochschulschriften / European University ... Universitaires Européennes, Band 25, Peter Lang Verlag, Berlin 1986, ISBN 978-3820-491470.
  • Rainer Jacob: Interpretationen Englisch - Shepard: True West. Stark Verlag, Hallbergmoos 2008, ISBN 978-3866-680340.
  • Albert Glaap: “America’s New West - Dreamspace and Reality”. Zu Sam Shepards Drama True West. In: Lothar Bredella (Hrsg.): Die USA in Forschung und Unterricht. Kamp Verlag, Bochum 1984, ISBN 9783-59236318-0, S. 202-211.
  • Tucker Orbison: Mythic Levels in Shepard’s True West. In: Modern Drama, Downsview, ON, Canada (MD). 27, Dezember 1984, s. 506-519.
  • William Kleep: Sam Shepard’s True West. In: Theater, Yale, 12 (1980), S65-71.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Arthur Kutsch: Sam Shephard True West, Teacher’s Manual, Cornelsen Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-06-031187-3, S. 3. Siehe auch Wiltrud Frenken, Angela Luz und Brigitte Prischtt: Sam Shepard - True West, Unterrichtsmodell, Schöningh Verlag, Paderborn 2005, ISBN 3-14-041210-X, S. 9.
  2. Vgl. Wiltrud Frenken, Angela Luz und Brigitte Prischtt: Sam Shepard - True West, Unterrichtsmodell, Schöningh Verlag, Paderborn 2005, ISBN 3-14-041210-X, S. 44-47.
  3. Vgl. die Kritik von Pat Launer: Review on the True West-production, Sledgehammer Theatre, San Diego, June 1999. Abgedruckt u. a. in: Wiltrud Frenken, Angela Luz und Brigitte Prischtt: Sam Shepard - True West, Unterrichtsmodell, Schöningh Verlag, Paderborn 2005, ISBN 3-14-041210-X, S.48-50, hier S. 48 (hier genannte Quelle: http://www.fb10.uni-bremen.de/anglistik/kerkhof/ContempDrama/Shepard.htm). Das vollständige Shepard-Zitat findet sich ebenso online auf dessen Seite zu True West unter Shepard's 'West' Revived and Restored, abgerufen am 23. Juni 2018.
  4. Vgl. Arthur Kutsch: Sam Shephard True West, Teacher’s Manual, Cornelsen Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-06-031187-3, S. 8.
  5. Vgl. Arthur Kutsch: Sam Shephard True West, Teacher’s Manual, Cornelsen Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-06-031187-3, S. 5.
  6. Wiltrud Frenken, Angela Luz und Brigitte Prischtt: Sam Shepard - True West, Unterrichtsmodell, Schöningh Verlag, Paderborn 2005, ISBN 3-14-041210-X, S. 20.
  7. Vgl. zu der Analyse hier ausführlicher Arthur Kutsch: Sam Shephard True West, Teacher’s Manual, Cornelsen Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-06-031187-3, S. 6-7.
  8. Vgl. zu der Analyse hier ausführlicher Arthur Kutsch: Sam Shephard True West, Teacher’s Manual, Cornelsen Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-06-031187-3, S. 9.
  9. Vgl. zu der Analyse hier ausführlicher Arthur Kutsch: Sam Shephard True West, Teacher’s Manual, Cornelsen Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-06-031187-3, S. 9 f.
  10. Siehe Wiltrud Frenken, Angela Luz und Brigitte Prischtt: Sam Shepard - True West, Unterrichtsmodell, Schöningh Verlag, Paderborn 2005, ISBN 3-14-041210-X, S. 64. Vgl. auch die Angaben in der Internet Movie Database True West - A videotaped stage performance of Sam Shepard's play, abgerufen am 21. Juni 2018.
  11. Siehe Wiltrud Frenken, Angela Luz und Brigitte Prischtt: Sam Shepard - True West, Unterrichtsmodell, Schöningh Verlag, Paderborn 2005, ISBN 3-14-041210-X, S. 64. Vgl. auch die Angaben in der Internet Movie Database True West (2002), abgerufen am 21. Juni 2018.