Truppenübungsplatz Altmark

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Lage des Truppenübungsplatzes im Norden von Sachsen-Anhalt
BW

Der Truppenübungsplatz Altmark (auch: Gefechtsübungszentrum Altmark, abgekürzt GÜZ) ist ein militärisches Trainingsgebiet der Bundeswehr in der Colbitz-Letzlinger Heide im Norden von Sachsen-Anhalt. Er befindet sich etwa 40 Kilometer nördlich von Magdeburg zwischen Haldensleben, Gardelegen und Stendal. Mit einer Fläche von rund 232 Quadratkilometern ist er der drittgrößte Truppenübungsplatz Deutschlands[1] und gilt als modernster Truppenübungsplatz Europas.

Seit 2012 protestieren Antimilitaristen regelmäßig vor Ort gegen das GÜZ und die dort eingeübten militärischen Konzepte.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1934 wurde unter anderem eine 30 Kilometer lange Artillerieschießbahn für die Heeresversuchsanstalt Hillersleben auf diesem Gelände angelegt. Ab 1936 testete die Wehrmacht dort Artilleriewaffen und später auch schwere Waffen wie das Dora-Geschütz.[2] Bis April 1945 baute die Wehrmacht die Infrastruktur und die technischen Anlagen zur Schießerprobung dort immer weiter auf das damalige Höchstmaß aus.

Ab Juli 1945 nutzte die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) die Kasernenanlagen im Süd- und Nordbereich des Geländes als Stationierungsorte und baute den Platz zum reinen Gefechtsschießplatz um. Für das Großmanöver „Waffenbrüderschaft 80“ (1980) wurden große Waldgebiete gerodet, um die nutzbaren Zielflächen zu vergrößern. Dabei erhielt der Übungsplatz seine heutigen Umrisse.[3] Zeitweise stationierte die Sowjetarmee auf diesem westlichsten Übungsplatz bis zu 20.000 Soldaten.[2]

Von 1990 bis 1994 wurden die sowjetischen Truppen aus dem Gebiet der früheren DDR abgezogen. Bis 1997 baute die Bundeswehr auf dem Gelände ein neues Gefechtsübungszentrum auf und nutzte dabei die Infrastruktur der Kasernenanlagen in Planken. 2001 wurde die neugebaute Kaserne in Letzlingen an die Bundeswehr übergeben.[3]

2004 brach die neue, von CDU und FDP geführte Landesregierung den „Heidekompromiss“ von 1997, wonach die Südhälfte des Gebiets zivil genutzt werden sollte, und erlaubte eine militärische Nutzung über 2006 hinaus.[4] Bis 2007 wurde Munition industriell vom Platz geräumt. Bis 2009 wurde der Südteil baulich angeschlossen. 2010 wurde eine etwa 1.700 m lange Behelfslandebahn im Nordteil fertiggestellt. 2011 begann eine aufwendige Entsorgung von Altlasten auf dem ehemaligen Dekontaminationsplatz der GSSD im Südteil.[3]

Seitdem wird das gesamte Gebiet für Militärübungen genutzt, besonders für Trainings zu Auslandseinsätzen. 2011 nahmen daran 12.750 Soldaten teil. Seit 2012 baut die Bundeswehr dort die Übungsstadt „Schnöggersburg“ und einen Militärflughafen.[5]

Gegenwärtige Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute nutzt das Gefechtsübungszentrum Heer (GefÜbZH) der Bundeswehr das Gelände für die simulationsgestützte Ausbildung und verschiedene Möglichkeiten, einen Gefechtsverband im Rahmen eines hochintensiven Gefechts oder einen Einsatzverband/Taskforce in Operationen niedriger bis mittlerer Intensität auszubilden. Von Kämpfen in Städten bis zum Gefecht von Panzergruppen werden hier militärische Interventionen von Luft- und Bodenmilitärtrupps simuliert. Zu den 23 Ausbildungs- und Übungsanlagen gehören unter anderem die Altmark-Kaserne östlich von Letzlingen, die Truppenlager Born (Westheide), Hottendorf und Planken sowie das Zentrum zur Entsorgung von Fundmunition (MLZB Hottendorf) ganz im Norden.[6]

Der industrielle Betreiber „Rheinmetall Dienstleistungszentrum Altmark“ ist Dienstleister und Verwalter der gesamten Technik und Logistik und leistet die Vorarbeit für die militärischen Analysen. Für 2014 bis 2018 erhält Rheinmetall dafür 70 Millionen Euro von der Bundeswehr. Im Juli 2014 stoppte die Bundesregierung den Export einer ähnlichen Anlage nach Russland. In der Übungsstadt Schnöggersburg sollen Soldaten unter anderem die Aufstandsbekämpfung in Städten trainieren.[1] Die Stadt soll mehr als 500 Gebäude, eine Hochhaussiedlung und eine U-Bahn-Station erhalten und bis zu 1500 Soldaten gleichzeitig das Training für Einsätze in Krisengebieten ermöglichen. Der Bau soll 2017 fertiggestellt sein und kostet rund 100 Millionen Euro. In Havelberg nördlich des GÜZ sind das Panzerpionierbataillon 803 und das Führungs- und Unterstützungsbataillon 382 stationiert.[7]

Bis 2012 bot das GÜZ 1.200 Arbeitsplätze, davon 500 zivile, in Bereichen wie der Soldatenkantine, Instandhaltung, Werkfeuerwehr und beim Betreiber Rheinmetall Defence. Vor allem deshalb unterstützen viele Bewohner und Kommunalpolitiker der Umgebung das GÜZ und den Bau von Schnöggersburg.[8]

Öffentlicher Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch das Gelände des Truppenübungsplatzes führt die Kreisstraße 1142 in West-Ost-Richtung von Hütten in die Nähe von Colbitz.[9] Gelegentlich ist sie wegen militärischer Übungen gesperrt.

Proteste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 begannen Proteste gegen die militärische Nutzung der Heide, aus der Magdeburg sein Grundwasser bezieht. Ab September 2012 rief das Aktionsbündnis War starts here – let’s end it here erstmals zu einem Protestcamp auf. Die Stadt Gardelegen bot den Organisatoren zunächst Plätze in einem 20 Kilometer entfernten Industriegebiet an. Dagegen fand eine Dauermahnwache auf dem Gardelegener Marktplatz statt.[5] Nach einem Aufruf zur Blockade des Militärbetriebs auf dem GÜZ verboten die Behörden in Sachsen-Anhalt am 8. September 2012 für eine Woche alle Kundgebungen in dem Gebiet.[10] Das Demonstrationsverbot betraf das größte Gebiet in der Geschichte der Bundesrepublik. Das Aktionsbündnis reagierte mit juristischen Schritten.[11]

Die Bürgerinitiative „Offene Heide“ demonstriert seit 2012 jeden ersten Sonntag im Monat für die zivile Nutzung und touristische Erschließung des Gebiets, um vom Militär unabhängige Arbeitsplätze zu schaffen. Ab 12. September unterstützten Wendland-Bewohner die Proteste mit Traktoren, Wohnwagen und Zelten auf dem Marktplatz von Letzlingen. Die Ortsverwaltung verbot daraufhin auf allen Zufahrtsstraßen das Parken, außer für Polizeifahrzeuge. Die Fahrzeuge der Protestler durften den Markt nicht verlassen. Um das gesamte GÜZ wurde eine Bannmeile verhängt. Ein Landwirt bei Potzehne stellte eine Wiese für das Protestcamp zur Verfügung. Die Teilnehmer wollten das Demonstrationsverbot notfalls missachten; manche kündigten an, auf den Truppenübungsplatz vorzudringen und die Ausbildung zu stören. Die dortige Bundeswehr erhöhte die Alarmbereitschaft und Zahl der Feldjäger.[8] Rund 1000 Polizisten vollzogen nach Polizeiangaben 700 Personenkontrollen, 137 Platzverweise, 24 Festnahmen und 64 Anzeigen gegen Teilnehmer, die in Kleingruppen auf das Militärgelände zu gelangen versucht hatten. Einige davon besprühten einen Panzer mit Farbe und warfen mit Glassplittern gefüllte Farbbeutel auf ein Gebäude. Andere blockierten zeitweise die B 71 mit einer spontanen Sitzblockade. An der einzigen erlaubten Demonstration nahmen rund 100 Menschen teil.[12]

2013 hob ein Gericht das erneut verhängte Demonstrationsverbot auf. Daraufhin demonstrierten rund 30 Anwohner in Letzlingen für die Bundeswehr. Die Polizei setzte bis zu 600 Beamte gegen Proteste ein und verdächtigte Campteilnehmer öffentlich als Täter eines Brandanschlags auf ein 90 km entferntes Fahrzeuglager der Bundeswehr in Havelberg. Die Organisatoren des Camps betonten die Gewaltfreiheit ihrer Aktionen und wiesen die Verdächtigung als Kriminalisierungsversuch zurück, begrüßten auf ihrer Webseite aber auch Aktionen gegen Militärgerät, die keine Menschen schädigen:[7] „Es ist in unseren Augen nachvollziehbar, wenn sich Menschen für Sabotage als antimilitaristisches Mittel entscheiden und Abrüstung selbst in die Hand nehmen.“ Nach Polizeiangaben nahmen 250 Personen am Camp teil. 58 Strafverfahren wurden eingeleitet, meist wegen Sachbeschädigungen an Bahngleisen, Schildern und einem Kriegerdenkmal.[13]

Von Potzehne aus finden weiter regelmäßige Kundgebungen gegen das GÜZ statt. Beim jährlichen Sommercamp im August 2014 protestierten etwa 300 Personen gegenüber 500 Polizeibeamten, die den eigens erweiterten Sicherheitsbereich schützen sollten. Nach Polizeiangaben kam es zu kleineren Sachbeschädigungen und Graffiti, nach Angaben der Campteilnehmer auch zu Festnahmen. Die Bürgermeisterin von Letzlingen verhinderte eine Demonstration, indem sie am selben Tag auf dem Marktplatz einen Familientag anmeldete. Ein Sprecher des Camps erklärte, das Training in Schnöggersburg zeige eine Neuausrichtung der Sicherheitspolitik und lasse die Grenzen zwischen Polizei und Militär verschwimmen. Der dort trainierte Häuser- und Straßenkampf diene nicht nur für Auslandseinsätze der Bundeswehr wie den in Afghanistan, sondern könne auch eine künftige Aufstandsbekämpfung in Europa vorbereiten. Die Europäische Union rechne bereits mit sozialen Unruhen und habe daher erlaubt, Armeen der Mitgliedstaaten unter Umständen in anderen EU-Staaten einzusetzen. Darum trete man für Verhältnisse ein, „die Krieg gar nicht erst hervorbringen. Letztlich ist Krieg immer Ausdruck der Staatenkonkurrenz – und damit des Kapitalismus.“[1] Bundeswehrgegner betraten zeitweise das Gelände, schlugen dort Zelte und hängten Transparente auf. Sie verließen es großenteils aber freiwillig, als Polizei anrückte. Die Räumung der übrigen verlief friedlich. Alle erhielten einen sechstägigen Platzverweis für einen bis zu sieben Kilometer breiten Gürtel um das GÜZ.[14]

2016 griff das Camp die aktuelle Debatte um Migration und Flucht auf; ein ausführlich begründeter Aufruf trug den Titel „Krieg. Macht. Flucht.“ Referenten aus Südsudan, Nigeria und Tunesien hielten Vorträge im Camp über den Zusammenhang von Fluchtursachen, Wirtschaftsinteressen, Krieg und Gewalt. Das Aktionsbündnis lud die Bewohner umliegender Dörfer in das Camp zu einem Kaffeenachmittag und Konzert ein. Am 30. Juli fand der jährliche „Aktionstag“ mit vier angemeldeten Mahnwachen in umliegenden Ortschaften statt. Erwartet wurden auch vereinzelte Begehungen des Truppenübungsplatzes.[15] Es nahmen zwischen 85 und 150 Personen teil. Die Proteste verliefen friedlich.[16]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Christian Jakob (taz, 24. August 2014): Proteste auf dem Übungsplatz
  2. a b Thomas Gerlach (taz, 29. Juli 2013): Geisterstadt Schnöggersburg
  3. a b c Streitkräftebasis.de: Truppenübungsplatz Altmark: Chronik (pdf)
  4. Mitteldeutsche Zeitung, 30. September 2004: Verteidigung Geänderter Heidekompromiss unter Dach und Fach
  5. a b Anja Maier (taz, 6. September 2012): Schnöggersburg unter Beschuss
  6. Radio Utopie, 11. Mai 2012: Bau einer Stadt zum Training der Aufstandsbekämpfung durch Sonderkommandos der Bundeswehr
  7. a b Rochus Görgen (MZ, 27. Juli 2013): Havelberg: Millionenschaden bei Brandanschlag auf Bundeswehr
  8. a b Hendrik Kranert-Rydzy (MZ, 12. September 2012): Truppenübungsplatz Krieg und Frieden - Ausnahmezustand in Letzlingen
  9. Beschreibung von Born bei elbe-heide.de, abgerufen am 9. August 2017
  10. Mitteldeutsche Zeitung (MZ), 8. September 2012: Altmark: Proteste gegen Bundeswehr-Übungszentrum verboten
  11. MZ, 10. September 2012: Truppenübungsplatz: Mahnwache läutet Proteste ein
  12. Katrin Löwe (MZ, 16. September 2012): Bundeswehr: Katz und Maus in der Altmark
  13. Jan-Ole Prasse (MZ, 29. Juli 2013): Anschlag auf Kaserne Führt Spur ins Protestcamp?
  14. MZ, 19. August 2014: Colbitz-Letzlinger Heide: Polizei räumt besetzten Truppenübungsplatz
  15. Altmark Zeitung, 27. Juli 2016: Protest in Potzehne gegen Bundeswehr; War starts here (2017): Krieg. Macht. Flucht.
  16. Altmark Zeitung, 1. August 2016: Militärproteste: Kaum Zwischenfälle

Koordinaten: 52° 25′ 48″ N, 11° 34′ 12″ O