Tschechischer Film

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Das Internationale Filmfestival Karlovy Vary

Der Tschechische Film spielt im europäischen Kino eine herausragende Rolle. So ist Tschechien und früher die Tschechoslowakei die Heimat bedeutender Filmregisseure und Filmproduktionen. In Prag befinden sich die Filmstudios Barrandov – eines der größten und ältesten Filmstudios Europas. Die Ateliéry Bonton Zlín sind für ihre Animationsfilme bekannt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viktor Ponrepo, Zauberkünstler und Gründer des ersten Prager Kinos

1896, ein Jahr nachdem die Gebrüder Lumière die ersten Filme vorführten, wurden in Karlsbad und Prag die ersten Filme gezeigt.[1] 1897 entstand der erste in den böhmischen Ländern gedrehten Film, als die Amerikaner Marc Klaw und Abraham Erlanger die Höritzer Passionsspiele aufzeichneten.[2] Ein Pionier des tschechischen Stummfilms war Jan Kříženecký. Den erste Kinosaal in Prag eröffnete Viktor Ponrepo 1904. Jiří Menzels Komödie Die wunderbaren Männer mit der Kurbel aus dem Jahr 1978 handelt von den Anfängen des tschechischen Films.[1]

Zwischenkriegszeit und Besatzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Plakat für den Tonfilm Noahs Arche von Michael Curtiz, der 1930 in Prag Premiere feierte
Anny Ondra

Mit der Gründung der Tschechoslowakei nach dem Ersten Weltkrieg begann sich ein starker eigenständiger Filmsektor zu entwickeln. Mit dem Beginn des Tonfilms Regisseure Martin Frič, Karel Lamač, Gustav Machatý, dessen Film Ekstase (1933) ob seiner für damalige Begriffe gewagten Erotik internationales Aufsehen erregte. Der erste tschechische Filmstar auf der internationalen Bühne war Anny Ondra, in der heimischen Filmwelt wurde Vlasta Burian als „König der Komiker“ gefeiert. 1933 nahmen die mit modernster Technik ausgestatteten Filmstudios Barrandov ihren Betrieb auf. Bekannte Regisseure und Schauspieler und der Zeit waren Josef Rovenský, Hugo Haas, Adina Mandlová.[1]

Die deutsche Besatzung nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei brachte für den hochentwickelten tschechischen Film deutliche Einschränkungen. Tschechische Filme wurden zensiert und ihre Produktionsmittel stark eingeschränkt. 1941 wurde die Produktionsgesellschaft Prag-Film gegründet, die die nationalsozialistische Filmpolitik betrieb.[3] Regisseure wie Frič und František Čáp waren unter der Besatzung tätig, der tschechische Schauspielstar der 1940er Jahre ist Oldřich Nový.

Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1946 wurde die Filmfakultät der Prager Akademie der musischen Künste gegründet und das Filmfestival in Marienbad, das 1950 nach Karlsbad verlegt wurde, eröffnet. Nach dem Februarumsturz der Kommunistischen Partei war die Filmproduktion erneut durch Zensur und ideologische Vorgaben eingeschränkt. Es ist die Zeit zahlreicher ausergewöhnlicher Trickfilme, ein unverfängliches Genre. Jiří Trnka gilt als Meister des Puppenfilms. Karel Zemans Reise in die Urzeit, ein Fantasyfilm für Kinder, und Die Erfindung des Verderbens zeichnen sich durch für ihre Zeit außergewöhnliche Spezialeffekte aus.[1] Die Laterna magika ist ein 1958 von Alfréd Radok ins Leben gerufenes multimediales Projekt, das Filmprojektionen und Darbietungen auf der Bühne miteinander kombiniert.

Tschechoslowakische Neue Welle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jiří Menzel, ein bis heute aktiver Vertreter der Neuen Welle

In den späten 1950er Jahren begannen sich die Regisseure vom Einfluss des Stalinismus auf die Filmindustrie zu befreien. Die 1960er waren das goldene Zeitalter des tschechoslowakischen Films, das durch die Lockerung der restriktiven Kulturpolitik möglich wurde. Die Tschechoslowakische Neue Welle wird mit den frühen Arbeiten der Regisseure Miloš Forman, Věra Chytilová, Jiří Menzel in Verbindung gebracht, obwohl die Arbeiten älterer, bekannterer tschechoslowakischer Regisseure wie Karel Kachyňa und Vojtěch Jasný auch dieser Phase zugerechnet werden. Die Neue Welle schließt eine breite Palette an unverbrauchten und originellen Arbeiten ein und wurde vom Italienischen Neorealismus und der französischen Nouvelle Vague beeinflusst. Daher kann diese auch nicht auf einen bestimmten Stil oder eine bestimmte Haltung zum Filmemachen reduziert werden. Beispiele hierfür reichen von höchst stilisierten Filmen über Avantgardefilme, Literaturverfilmungen nach historischen Stoffen (z. B. Démanty noci von Jan Němec) bis hin zu halb improvisierten Komödien mit zeitgenössischen Themen und Laiendarstellern (z. B. Der Feuerwehrball (Hoří, má panenko) von Miloš Forman). Typische für Filme dieser Epoche ist ihr absurder, schwarzer Humor und ein Interesse an den Anliegen der einfachen Bevölkerung – insbesondere wenn sie mit großen historischen oder politischen Umbrüchen konfrontiert werden. Das Geschäft in der Hauptstraße (Obchod na korze) von Ján Kadár und Elmar Klos (1965) und Liebe nach Fahrplan (Ostře sledované vlaky) von Jiří Menzel (1966) gewannen den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahr 1968 emigrierten zahlreiche Filmschaffende und kritische Filme wurden erneut verboten, etwa Der Leichenverbrenner (1969) von Juraj Herz oder Menzels Lerchen am Faden. Diese von der Zensur weggesperrten Filme wurden als Tresorfilme („tresorové filmy“) bezeichnet.[1] Vojtěch Jasný, Jan Němec, Ivan Passer, Bernard Šafařík und andere emigrierten. Miloš Forman wurde im Exil in den USA mit zwei Oscars ausgezeichnet. Es überwiegen Komödien und Kriminalfilme, vor allem aber sind die 1970er- und 1980er-Jahre die Blütezeit des tschechischen Märchenfilms (Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, Wie man Dornröschen wachküßt, Der Furchtlose), ein Genre, das auch heute noch stark vertreten ist.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jan Svěrák gewann 1996 den Oscar für Kolya

Seit der Samtenen Revolution im November 1989 ist die freie Filmproduktion wieder möglich. Bis dahin verbotene Autoren und Regisseure traten gemeinsam mit Nachwuchskünstlern in Erscheinung. Kolja (1996) von Jan Svěrák gewann als dritter tschechischer Film den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Jan Hřebejks Filme Kuschelnester (1999) und Wir müssen zusammenhalten (2000) setzen sich auf tragikomische Weise mit der Zeitgeschichte auseinander. Ich habe den englischen König bedient (2006) ist eine Literaturverfilmung Jiří Menzels nach der Romanvorlage von Bohumil Hrabal. Weitere Produktionen unterschiedlicher Genres sind Das Jahr des Teufels (2002), Želary (2003), Leergut (2007) und Alois Nebel (2011). Die tschechische Infrastruktur wird häufig für internationale Produktionen genützt, eine Erscheinung der jüngeren Zeit sind kommerzielle Fernsehproduktionen.[4]

Filmpreise und Filmfestivals[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1993 wird jährlich der tschechische Filmpreis Böhmischer Löwe in 15 Kategorien vergeben. Der Preis hat die Form eines kristallenen Löwen. Das Internationale Filmfestival Karlovy Vary zählt zu den 13 weltweit führenden Festivals der „A-Kategorie“ (Filmfestivals mit internationalem Wettbewerb), die beim Filmproduzentenverband FIAPF akkreditiert sind. Das Film Festival Zlín ist ein internationales Kinder- und Jugendfilmfestival.

Bekannte tschechische Regisseure[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der tschechische Filmregisseur und zweifacher Oscar-Preisträger Miloš Forman (2009)
Věra Chytilová
Der Surrealist Jan Švankmajer

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Die Geschichte der KinematographieHallo! Tschechische Republik. Portal des Tschechischen Außenministeriums
  2. Pamela Grace: The Religious Rilm. Christianity and the Hagiopic. Wiley-Blackwell 2009. S. 17
  3. Tschechischer Film zwischen 1939 und 1945Radio Prag 2005
  4. Das moderne tschechische FilmschaffenHallo! Tschechische Republik.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Cinema of the Czech Republic – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien