Tumult. Vierteljahresschrift für Konsensstörung

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TUMULT – Vierteljahresschrift für Konsensstörung

Beschreibung Zeitschrift
Verlag Freunde der Vierteljahresschrift TUMULT e. V. (Deutschland)
Erstausgabe 11. März 2013
Erscheinungsweise quartalsweise
Herausgeber Frank Böckelmann
Weblink www.tumult-magazine.net
Artikelarchiv Werkreihe
ISSN (Print)

Tumult. Vierteljahresschrift für Konsensstörung (Eigenschreibweise: TUMULT) ist eine 2013 gegründete Zeitschrift, herausgegeben von Frank Böckelmann.[1]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Schriftenreihe unter dem Titel Tumult existiert seit 1979. Das Titelwort „Tumult“ benennt einen unbeabsichtigten, unwillkürlichen Aufruhr und spielt mit seiner zweiten Silbe auf das lateinische Wort für „viel“ bzw. „Vieles“ an. Es steht für kein politisches oder literarisches Programm, sondern hat empirische Bedeutung: Unsere Lage offenbart sich als ungesteuertes Durcheinander, als Konfusion ohne Urheber. „Tumult“ distanziert sich vom Machbarkeitswahn: von der Hybris, dass man die Welt „erfinden“ und die eigene Identität nach Belieben „konstruieren“ könne.

In den neunziger Jahren und nach der Jahrhundertwende wurde meist nur ein Band pro Jahr fertiggestellt, die verkaufte Auflage stagnierte in einer Spanne zwischen 200 und 400 Exemplaren. Die Schriftenreihe krankte von Anfang an unter der Schwerfälligkeit einer kopfstarken Redaktion, deren – weit überwiegend in Hochschulen angestellte – Mitglieder die Fertigstellung der geplanten Bände aus Gründen des Zeit- und/oder Kompetenzmangels häufig verzögerten. Die Schriftenreihe litt auch darunter, dass die Interessen und Erwartungen des jeweiligen Verlegers und die der Redaktion gewöhnlich divergierten und die unvermeidlich eintretenden Enttäuschungen beiderseits eskalierten.

Die Redakteure Frank Böckelmann und Horst Ebner konzentrierten ihre Arbeitskraft ab Anfang 2013 auf die Entwicklung eines neuen TUMULT-Projekts – eines themenübergreifenden Periodikums, der "Vierteljahresschrift für Konsensstörung". Böckelmann trat im Februar 2016 als Mitherausgeber der Schriften zur Verkehrswissenschaft zurück. Diese nunmehr von Ivo Gurschler, Andreas Leopold Hofbauer und Walter Seitter herausgegebene und im Sonderzahl Verlag (Wien) fortgesetzte Reihe legte im Oktober 2018 den Titelnamen „Tumult“ ab.

Gründung, Inhalt, Auflage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erste Ausgabe der Vierteljahresschrift erschien im Frühjahr 2013. Aber erst seit der zweiten Ausgabe (Frühjahr 2014) erscheint sie quartalsweise. Als Verleger und Inhaber der Zeitschrift fungiert ein gemeinnütziger Verein (Freunde der Vierteljahresschrift Tumult e. V.) mit Sitz in Dresden. Redigiert und verantwortet wurde sie bis einschließlich Ausgabe Winter 2015/16 gemeinsam von Frank Böckelmann, Dresden, und Horst Ebner, Wien. Im Dezember 2015 entbrannte im weiteren Mitarbeiterkreis der Vierteljahresschrift ein heftiger Disput über die Beiträge von Frank Böckelmann, Reinhard Jirgl, Wolfgang Hetzer, Rudolf Burger, Rolf Peter Sieferle und Ulrich Schacht (in Ausgabe Winter 2015/16) zum Thema der Massenimmigration aus Vorderasien und Afrika nach Europa, insbesondere Deutschland. Im Verlauf dieser Auseinandersetzung erklärten etwa 20 Autoren, dem ca. 100 Köpfe umfassenden „Mitarbeiterstamm“ nicht mehr angehören zu wollen. Gleichzeitig traten ebenso viele neue Autoren bei. Horst Ebner gab seine Funktion als Mitherausgeber auf. Er begründete diesen Schritt „mit der Art und Weise, wie in einer Stimmung kollektiver Überforderung vor allem Autoren aus dem engeren Umfeld der Zeitschrift auf das epochale Thema Massenwanderungen nach Europa reagierten: Weniger im argumentativen Widerspruch als vielmehr mit moralisierender Erregungsrhetorik wurden plötzlich wieder alte ideologische Frontlinien gezogen.“[2]

Für die Entscheidung, TUMULT als Organ aktueller Auseinandersetzung neu zu gründen, nannten Böckelmann und Ebner vor allem zwei Gründe: „die auffällige Zurückhaltung der Intellektuellen angesichts der Konvulsion globaler Mächte und Märkte und der wachsende Konsensdruck in der öffentlichen Meinung online und offline“. Dieser Konsensdruck werde erzeugt von „global vernetzten Wirklichkeitspächtern“ (mächtigen Sinnproduzenten in Wirtschaft, Politik und Medien), von weltweit geknüpften Elite-Netzwerken, der „Reformierung der Hochschulen nach Maßgabe der Effizienzsteigerung“ und von einer in den „Gemeinschaften“ und Foren des Internets geschürten „hochkonformen Verständnisinnigkeit“. In der heute selbstgefällig zur Schau gestellten „Pluralität“ und „Weltoffenheit“ sahen die beiden damaligen Herausgeber „die Gleichschaltung (Einebnung) von heute“. Die Zeitschrift solle ein „unabhängiges Organ der Gegenwartserkundung fernab akademischer und volkspädagogischer Sprachregelungen“ sein und erklärtermaßen „keine wissenschaftliche Zeitschrift“.

Die Vierteljahresschrift für Konsensstörung präsentiert sich auf jeweils 96, neuerdings 112 Seiten als themenübergreifendes Forum, gegliedert in zwei Basisrubriken („Schneisen“ – in Heft Winter 2015/16 stattdessen „Die große Einwanderung“ – und „Belichtungen“), vier Sachrubriken („Räume des Politischen“, „Die Bewirtschaftung der Zukunft“, „Das Gespenst Sexualität“ und „Lebenswelt Netz“) und Seiten für Poesie („Landschaften“), redigiert von Alexander Schuller. Die Ausgaben in den Jahren 2014 und 2015 widmeten sich überdies jeweils dem Werk eines bestimmten Denkers mit vorzugsweise unveröffentlichten Texten, in denen sich Erhellendes zur gegenwärtigen Lage findet. Vorgestellt wurden auf diese Weise Walter Benjamin, Panajotis Kondylis, Georges Bataille, Carl Schmitt, Otto Gross, Richard Lewinsohn und Herbert Marcuse.

Dem Mitarbeiterstamm gehören ca. 100 Autoren an.[3] Zum engeren Kreis von Autoren, die in der Vierteljahresschrift jeweils mit mehreren Beiträgen vertreten waren, gehören u. a. Parviz Amoghli, Jörg Bernig, Michael Böhm, Rudolf Brandner, Peter J. Brenner, Martin Burckhardt, Rudolf Burger, Meinhard Creydt, Sophie Dannenberg, Johannes Eisleben, Michael Esders, Santiago Ewig, Egon Flaig, Lothar Fritze, Jörg Gerke, Siegfried Gerlich, Albrecht Goeschel, Jürgen Große, Christian J. Grothaus, Bettina Gruber, Sebastian Hennig, Horst G. Herrmann, Thomas Hoof, Lorenz Jäger, Reinhard Jirgl, Hervé Juvin, Thomas Kapielski, Sibylle Klefinghaus, Helmut Kohlenberger, Adorján Kovács, Josef Kraus, Martin Kurthen, Armin Langroudi, Manfred Lauermann, Dörthe Lütjohann, Sonja Margolina, Matthias Matussek, Alexander Meschnig, Jonathan Meynrath, Alexander Michailowski, Marc Pommerening, Ulrich Schacht, Bernd Schick, Wolfgang Schivelbusch, Alexander Schuller, Jürgen Paul Schwindt, Walter Seitter, Eberhard Sens, Rolf Peter Sieferle, Werner Sohn, Wolfgang H. Spindler, Yannic Weber, Michael Zeller und Benjamin Jahn Zschocke. Einige Autoren wie Michael Böhm, Siegfried Gerlich, Bettina Gruber, Ulrich Schacht u. a. werden der „Neuen Rechten“ zugeordnet. Gerlich und Gruber (unter dem nom de plume Sophie Liebnitz) publizieren regelmäßig in der neurechten Zeitschrift Sezession; andere wie z. B. Lorenz Jäger haben sich von der „Rechten“ distanziert bzw. bestreiten die Zugehörigkeit zu einer politischen Strömung.

Die Vierteljahresschrift erscheint in einer Druckauflage von 3800 Exemplaren (Stand 6/2019) und wird in den deutschsprachigen Ländern vor allem im Zeitschriftenhandel angeboten. Der Trägerverein der Zeitschrift betreibt einen eigenen Lieferdienst. Die redaktionelle Linie der Zeitschrift findet im Beitrag über Frank Böckelmann besondere Erwähnung.

Medienecho[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Charakter und die politische Ausrichtung der Vierteljahresschrift Tumult waren seit deren Gründung häufig Gegenstand von Kommentaren in den Feuilletons der Tages- und Wochenpresse. Sie wurden, den Sympathien der Rezensenten entsprechend, sehr unterschiedlich eingeschätzt. Heribert Seifert hob in der Neue Zürcher Zeitung „die entschiedene Wendung zu Eigensinn und Eigenrecht des Besonderen“, die große „thematische Spannweite“ und das Nebeneinander „linker“ und „rechter“ Publizisten hervor, während die Frankfurter Allgemeine Zeitung die VJS Tumult zur „Avantgarde der Neuen Rechten“ ernannte und in mehreren Artikeln – wie Der Spiegel – das Interesse der VJS an der Einführung antiuniversalistischer Begrifflichkeit („Hypermoral“, „Indifferenz“, „Positionslosigkeit“ u. a.) in den Mittelpunkt stellte. In der New York Times bezeichnete Christopher Caldwell Tumult als „contrarian quarterly“ (eine „widersprechende“ oder „eigensinnig-querdenkerische Vierteljahresschrift“). Harry Nutt resümierte in der Frankfurter Rundschau, „das Projekt Konsensstörung besinnt sich auf die subversiven Energien früherer Tage“.

Auf der Frankfurter Buchmesse räumten unbekannte Täter in der Nacht vom 12. zum 13. Oktober 2017 den Gemeinschaftsstand der Manuscriptum Verlagsbuchhandlung und der VJS Tumult nahezu vollständig leer und hinterließen Schmutz und obszöne Zeichnungen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte unmittelbar vor Messebeginn in einer Presseerklärung „zur aktiven Auseinandersetzung“ mit „rechten Verlagen“ aufgerufen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete am 14. Oktober über den Vorfall und erwähnte, Frank Böckelmann „lehnte die Bezeichnung seines Hauses als ‚rechter Verlag‘ ab; dies sei eine Zuschreibung, gegen die man sich nicht wehren könne“. Die Sächsische Zeitung teilte am selben Tag mit, dass Herausgeber Frank Böckelmann nicht über Verantwortlichkeiten spekuliere und „wegen des möglichen politischen Hintergrundes auch nicht moralisch entrüstet“, allerdings „auch nicht erstaunt“ sei. In der Literarischen Welt kam Marc Reichwein am 16. Oktober 2017 zu dem Schluss: „Dass sich die Zeitschrift, in der ehrbare Publizisten wie Wolfgang Schivelbusch publizieren, im Untertitel ‚Vierteljahresschrift für Konsensstörung‘ nennt, könnte uns alle darüber nachdenken lassen, ob der Konsensdiskurs repressive Züge angenommen hat.“ In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. Dezember 2017 widmet sich Simon Strauss dem in der TUMULT-Winterausgabe 2017/18 erschienenen Betrag „Was ist der Künstler in der Welt von heute“ des polnischen Autors und Theaterregisseurs Antoni Libera und fragt mit ihm „Wo ist die künstlerische Lust am Befremden, am Gegensätzlichen, Geheimnisvollen, Unerklärlichen, hin?“ Den von Libera ausgesprochenen Wunsch, bald Zeuge der Entstehung einer neuen ästhetisch orientierten Kulturbewegung jenseits von Kommerz und künstlerisch verbrämtem Exhibitionismus zu werden, entspricht Strauss’ Gedanke, „einer Renaissance des Ästhetischen den Boden zu bereiten“.

Die Werkreihe von TUMULT[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herausgegeben von Frank Böckelmann, erscheint seit Anfang 2017 in der Manuscriptum Verlagsbuchhandlung (Lüdinghausen/Berlin) eine Reihe von Monographien, „empirisch fundierten Lageanalysen aus dem Autoren- und Themenkreis der Vierteljahresschrift“. Pro Jahr werden drei bzw. vier Bände vorgelegt. Erschienen sind im Jahr 2017 Arbeiten von Rolf Peter Sieferle (Das Migrationsproblem), Dimitrios Kisoudis (Was nun? Vom Sozialstaat zum Ordnungsstaat), Wolfgang Hetzer (Bankendämmerung) und Peter J. Brenner (Fremde Götter. Religion in der Migrationsgesellschaft), im Jahr 2018 Schriften von Parviz Amoghli und Alexander Meschnig (Siegen oder vom Verlust der Selbstbehauptung) und Josef Kraus (50 Jahre Umerziehung. Die 68er und ihre Hinterlassenschaften) und im Jahr 2019 bislang Schriften von Werner Sohn (Ausländerkriminalität, Rechtsextremismus, Krawall. Eine Kritik der politisierten Kriminologie) und Siegfried Kohlhammer (Auf Kosten der Dritten Welt?).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. ISSN 2363-9911.
  2. Zit. n. Frank Böckelmann: In eigener Sache. Horst Ebner, Mitbegründer der Zeitschrift, zieht sich zurück. In: Tumult – Vierteljahresschrift für Konsensstörung. Ausgabe Frühjahr 2016, S. 7 (PDF; 1,3 MB).
  3. Zum Mitarbeiterstamm. In: tumult-magazine.net, abgerufen am 18. April 2016.