Turgut Özal

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Turgut Özal (1986)
Unterschrift von Özal

Halil Turgut Özal (* 13. Oktober 1927 in Malatya; † 17. April 1993 in Ankara) war von November 1989 bis zu seinem plötzlichen Tod Staats- und Ministerpräsident der Türkei. Seine Ehefrau behauptete, er sei vergiftet worden; gleichwohl fand vor seiner Bestattung keine Autopsie zur Klärung der Todesursache statt. Im Oktober 2012 wurde sein Leichnam exhumiert; ein im Dezember 2012 erschienener Bericht nennt vier gefundene Giftstoffe.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Özal kam als Kind des Beamten Mehmet Sıddık Özal aus Yeşilyurt in Malatya und der Lehrerin Hafize Hanım aus Çemişgezek in Tunceli zur Welt. Aus beruflichen Gründen wechselten sie oft ihren Wohnort; Özal besuchte die Grundschule in Silifke, die Mittelschule in Mardin und das Gymnasium in Kayseri.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1950 schloss Özal sein Studium an der Technischen Universität Istanbul als Elektroingenieur ab. Im gleichen Jahr trat er eine Stelle beim Amt für Studien im Bereich Energiegewinnung (Elektrik İşleri Etüd İdaresi), einer nachgeordneten Behörde des Energieministeriums, an. Zwei Jahre später wurde er zur Weiterbildung in die USA geschickt; nach seiner Rückkehr arbeitete er in der gleichen Institution als stellvertretender Abteilungsleiter in der Generaldirektion.

Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1958 wurde Turgut Özal Leiter des Sekretariats der neu gegründeten staatlichen Planungskommission und half bei der Gründung des Staatlichen Planungsamtes. In dieser Zeit begann er 1960 seine Lehrtätigkeit an der Ortadoğu Teknik Üniversitesi (ODTÜ, engl. Middle East Technical University) in Ankara. 1966 wurde er zum technischen Berater des Ministerpräsidenten ernannt und ein Jahr später zum Leiter des staatlichen Planungsamtes. 1971 verließ Özal das staatliche Planungsamt und begann seine Tätigkeit als leitender Berater für Industrie- und Bergbauprojekte bei der Weltbank. Nach seiner Rückkehr in die Türkei 1973 war er in leitenden Positionen in verschiedenen Unternehmen des Privatsektors in den Sparten Eisen und Stahl, Automobilindustrie, Banken, Textilien, Lebensmittel und Gießereien tätig. 1977 wurde er in den Verwaltungsrat der Arbeitgebervertretung der metallverarbeitenden Industrie (MESS) und zu dessen Vorsitzenden gewählt. 1979 wurde er Berater des Ministerpräsidenten. Gleichzeitig war er Vizepräsident des staatlichen Planungsamtes.

Politische Ämter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Özal war nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 als stellvertretender Ministerpräsident in der Regierung von Bülent Ulusu verantwortlich für Wirtschaft. Er wurde am 20. Mai 1983 zum Vorsitzenden der von ihm gegründeten Anavatan Partisi (Mutterlandspartei, ANAP) gewählt und nach den Wahlen vom 6. November 1983 mit der Bildung der Regierung beauftragt, die er bis 1989 als Ministerpräsident führte. Die ANAP erhielt bei der Wahl am 29. Oktober 1987 36,3 % (minus 8,8 Prozentpunkte), erhielt aber wegen der 10-Prozent-Hürde gleichwohl 292 der 450 Parlamentssitze.[1]

Am 18. Juni 1988 misslang ein Attentat auf Özal bei einem Kongress der Regierungspartei. Die Große Nationalversammlung wählte Özal am 31. Oktober 1989 zum Staatspräsidenten (Amtsantritt am 9. November 1989).

Als Angehöriger des Sufi-Ordens der Naqschbandi betrieb Özal sowohl die wirtschaftliche Öffnung der Türkei als auch deren Re-Islamisierung. Nach dem zweiten Golfkrieg 1991 und der Flucht von Hunderttausenden Kurden an die türkische Grenze setzte sich Özal für die Schaffung einer internationalen Zone im Irak ein, um die Flüchtlinge humanitär zu versorgen. Er eröffnete auch den Dialog zwischen Ankara und den Kurdenführern Masud Barzani und Dschalal Talabani. Um auch in seinem eigenen Land die Kurdenproblematik zu entschärfen, verhandelte er mit der PKK über eine Waffenruhe. Zu der Zeit betonte er, dass seine Großmutter Kurdin gewesen sei.

Während seiner Amtszeit begnadigte er 21 Gefangene.[2]

Für die Türkei war der aus dem ostanatolischen Malatya stammende Özal, Vorsitzender der „Mutterlandspartei“, zunächst als Ministerpräsident und danach als Staatsoberhaupt die dominierende politische Figur der achtziger und der frühen neunziger Jahre. Mehrfach provozierte er in seiner Amtszeit das türkische Militär, das damals noch unangefochten die Richtlinien der Politik bestimmte. Er liberalisierte die türkische Wirtschaft energisch. Mit seiner Politik machte sich Özal auch viele Feinde.

Einstellung zum Völkermord an Armeniern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Thematik des Völkermords an den Armeniern war Teil der Agenda von Turgut Özal, dessen Anliegen es war, mit den Armeniern eine Übereinkunft zu erzielen und das Problem durch Zugeständnisse schnellstmöglich zu lösen. Ein Grund hierfür war wohl seine erste Konfrontation mit dem Völkermord, die er in den 1950er Jahren während seines Studiums in den USA erlebte, als er eine stetig größer werdende armenische Lobby wahrzunehmen glaubte, deren primäres Ziel es zu sein schien, die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern in die politische Agenda der USA aufzunehmen.[3]

Im Jahr 1984 wurden Özals Berater beauftragt, mögliche Szenarien zu erarbeiten, wie die Türkei Kompromisse mit der armenischen Diaspora eingehen könnte und wie sie den Völkermord anerkennen könnte.[3] Im Jahr 1991 sagte Özal nach einem Treffen mit Vertretern der armenischen Gemeinschaft vor einer Gruppe von Journalisten und Diplomaten:

„Was passiert, wenn wir mit den Armeniern einen Kompromiss eingehen und dieses Problem beenden? Lasst uns die Initiative ergreifen und die Wahrheit finden. Wenn nötig, lasst uns den politischen und wirtschaftlichen Preis bezahlen.“[4][3][5]

Verschiedene Projekte sollten eine Lösung der Armenier-Frage herbeiführen. Durch das sogenannte „Van-Projekt“ sollten etwa Armeniern in Van Ländereien zurückgegeben werden. Die Mutterlandspartei (ANAP), Teile des türkischen Militärs und Teile der türkischen Bevölkerung opponierten teils vehement gegen Özals Absichten und bezeichneten diese Verhandlungen und Projekte als inakzeptabel oder undenkbar. Nach Özals Tod wurde seine Politik der Lösung des Konflikts bezüglich des Völkermords an den Armeniern eingestellt.[3][5]

Tod und Posthumes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Turgut Özal starb unerwartet und plötzlich am 17. April 1993. Er hinterließ seine Ehefrau Semra Özal und drei Kinder. Sein Tod löste in der Türkei große Bestürzung und Trauer aus. Als Todesursache wurde offiziell Herzversagen angegeben; es bestand und besteht der Verdacht, dass er vergiftet wurde. Auch Özals Witwe und sein Sohn Ahmet äußerten diesen Verdacht. Özal war seit längerem herzkrank und stand ständig unter ärztlicher Beobachtung.

In einem im Juni 2012 veröffentlichten Bericht bezeichneten Sonderermittler des Präsidialamtes seinen Tod als „verdächtig“. Am Todestag kam es zu einer „auffälligen Häufung von seltsamen Umständen; z. B. war der Leibarzt an diesem Tag nicht im Präsidentenpalast, wo es zudem an Ausrüstung zu erster Hilfe mangelte. Der Notarztwagen soll aufgrund von ‚mechanischen Schwierigkeiten‘ nicht sofort einsatzbereit gewesen sein.“[6] Anders als üblich wurde nach seinem Tod 1993 keine Autopsie angeordnet. Özals Arzt behauptete damals, die Familie des Verstorbenen habe keine Autopsie verlangt; die Familie bestreitet dies bis heute.

Im September 2012 – nach Veröffentlichung des Berichts der Sonderermittler – ordnete die Staatsanwaltschaft Ankara eine Obduktion an. Am 18. September 2012 gab sie bekannt, sie plane den Leichnam Özals exhumieren zu lassen, um Indizien für einen Giftmord zu suchen.[7] Mit der Exhumierung wurde am 2. Oktober begonnen.[8] Am 2. November 2012 berichtete die Zeitung Bugün, bei der Autopsie der sterblichen Überreste Özals seien „Spuren von Strychnin“ gefunden worden, unter anderem im Knochenmark der Leiche. Das Gift Strychnin bewirkt bereits in geringen Dosen eine Starre der Muskulatur; es wurde früher auch als Rattengift verwendet. Die Zeitung berief sich dabei auf amtliche Quellen.[6] Insgesamt fanden die Mitarbeiter des mit der Obduktion beauftragten Instituts für forensische Medizin „Adli Tip Kurumu“ vier Giftstoffe in Özals Überresten, darunter einen zehnfach erhöhten Wert des Giftes DDT und Spuren des radioaktiven Stoffes Polonium.[9]

Im April 2013 warf die Staatsanwaltschaft Ankara Ex-General Levent Ersöz vor, 1993 Özal mittels Gift ermordet zu haben. Am 16. April 2013 nahm ein Gericht die Klage an.[10]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Turgut Özal – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. es kamen nur drei Parteien ins Parlament, nämlich ANAP, SHP und DYP. DSP (8,5 %) und RP (7,2 %) scheiterten an der 10-Prozent-Hürde.
  2. List of Sezer amnesty recipients terror-based. Today’s Zaman Online, 4. April 2007; abgerufen am 10. Mai 2015.
  3. a b c d Mesut Çevikalp: Late President Turgut Özal worked to solve ‘Armenian genocide’ dispute. Today’s Zaman, 23. April 2012; abgerufen am 22. August 2013.
  4. Rasim Ozan Kutahyali: Who Poisoned Former Turkish President Ozal? Al Monitor, 22. August 2013; abgerufen am 22. August 2013.
  5. a b Turgut Özal’ın gizli planı ortaya çıktı. (Memento vom 3. Februar 2014 im Internet Archive) Star, 28. August 2012; abgerufen am 22. August 2013.
  6. a b FAZ.net / Michael Martens 2. November 2012: Spekulationen über Vergiftung Özals.
  7. Leiche des türkischen Ex-Präsidenten Özal wird exhumiert. APA-Meldung auf derstandard.at, 18. September 2012.
  8. Türkische Justiz exhumiert Leiche von Ex-Präsident Özal. Österreichischer Rundfunk, 2. Oktober 2012; abgerufen am 10. Mai 2015.
  9. Pia Heinemann: Giftmorde: Die Zeiten von Zyankali im Pudding sind vorbei. Die Welt, 2. Dezember 2012; abgerufen am 21. August 2013.
  10. Susanne Güsten: Fall Özal: Mordanklage gegen General. Die Presse, 17. April 2013; abgerufen am 10. Mai 2015.