U-Verlagerung

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Deutscher Rüstungsbetrieb unter Tage, ca. 1942/1944
Zugang zur ehemaligen U-Verlagerung Kauz im 722 m langen Schee-Tunnel der Bahnstrecke Hattingen–Wuppertal

U-Verlagerung (Untertage-Verlagerung) bezeichnet eine Vielzahl von unter die Erdoberfläche verlagerten, deutschen Rüstungs-Produktionsanlagen während des Zweiten Weltkriegs.

Bauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem die deutschen Rüstungsbetriebe in Peenemünde durch die britische Operation Hydra stark beschädigt worden waren, beschloss die NS-Regierung die Verlagerung von kriegswichtigen Fabriken unter Tage. Vor allem in alten Bergwerken, Eisenbahntunneln oder in neu angelegten Stollen fanden die Betriebe Platz. Neben der dargestellten Verbindung Hattingen-Wuppertal war auch die nahegelegene Bahnstrecke Witten–Schwelm betroffen: Hier nutzte man Silscheder Tunnel, Klosterholztunnel, Schwelmer Tunnel und Linderhauser Tunnel unter den Tarnnamen „Buchfink“, „Goldammer“ und „Meise“ (letzterer bezieht sich aufgrund der parallelen Lage sowohl auf den Schwelmer- als auch auf den Linderhauser Tunnel) für die Rüstung, in denen Zwangsarbeiter Waffen herstellen mussten. Der große Arbeitskräftebedarf in den U-Verlagerungen wurde durch Zwangsarbeiter und den Einsatz von KZ-Häftlingen neu errichteter Konzentrationslager gedeckt. Das größte der eigens für die U-Verlagerung gebauten Lager war das KZ Mittelbau-Dora, dessen Häftlinge in der Stollenanlage im Kohnstein bei Nordhausen eingesetzt wurden.

Insbesondere wurde die Herstellung synthetischen Benzins im sogenannten Geilenberg-Programm unter die Erde verlegt. Das Programm wurde nach Edmund Geilenberg, dem Generalkommissar für Sofortmaßnahmen beim Reichsministerium für Rüstung- und Kriegsproduktion benannt.

Unter der Regie des Jägerstabs wurde die deutsche Flugzeugindustrie dezentralisiert und in unterirdische Entwicklungs- und Produktionsanlagen verlegt. Hierzu gehörte auch der Rüstungsbunker mit dem Tarnnamen Weingut I bei Mühldorf am Inn.

Nachwirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch eine (unterirdische) Westverlagerung von Rüstungsindustrien konnten viele im Osten des Reiches angesiedelten Betriebe der Roten Armee und der sowjetischen Besatzungszone entgehen und somit nach Kriegsende ihre Produktion weiterführen.[1] Der erwartete totale Zusammenbruch der attackierten Rüstungsbetriebe konnte von den Alliierten nicht erreicht werden. Ein wesentlicher Grund war, dass die Luftangriffe zwar starke Schäden an Gebäuden anrichteten, aber die Maschinen selbst wesentlich geringer beschädigt wurden. Sie konnten daher oft geborgen und verlagert werden.[2] Dieses Überdauern der Maschinen stellt eine wichtige Voraussetzung für das in der Nachkriegszeit einsetzende Wirtschaftswunder dar.[2]

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das heutige Innere der ehemaligen U-Verlagerung Kauz. Erkennbar ist eine Reihe von mittlerweile wieder abgetrennten Stahlträgern, mit deren Hilfe eine Kranbahn mit einer Laufkatze in den Tunnel eingezogen wurde.
  • Hans Walther Wichert (Hrsg.): Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten, Ubootbunker, Ölanlagen, chemischer Anlagen und WiFo-Anlagen des zweiten Weltkrieges. 2. Auflage. Schulte, Marsberg 1999, ISBN 3-9803271-4-0.
  • Klaus W. Müller, Willy Schilling: Deckname Lachs. Die Geschichte der unterirdischen Fertigung der Me 262 im Walpersberg bei Kahla 1944/45. 4. Auflage. Jung, Zella-Mehlis / Meiningen 2002, ISBN 3-930588-30-7.
  • Frederic Gümmer: Die Rolle der Untertageverlagerung in der deutschen Rüstungsproduktion 1943–1945. GRIN-Verlag, München 2007, ISBN 978-3-638-92393-4.
  • Horst Hassel, Horst Klötzer: Kein Düsenjägersprit aus Schwalbe 1. Zimmermann Druck + Verlag, Balve 2011, ISBN 978-3-89053-127-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: U-Verlagerung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jens-Christian Wagner: Produktion des Todes - Das KZ Mittelbau-Dora. Hrsg.: Jens Christian Wagner. 1. Auflage. Wallstein, Göttingen 2001, ISBN 3-89244-439-0, S. 116–118.
  2. a b Perz, Bertrand: Das Projekt "Quarz" : der Bau einer unterirdischen Fabrik durch Häftlinge des KZ Melk für die Steyr-Daimler-Puch AG 1944-1945. 2. Auflage. Innsbruck 2014, ISBN 978-3-7065-4185-5, S. 140–173.