Ulf Poschardt

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Ulf Poschardt (* 25. März 1967 in Nürnberg) ist ein deutscher Journalist und Buchautor. Seit dem 6. September 2016 ist er Chefredakteur der Zeitung Die Welt.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1987 bis 1991 studierte Poschardt Journalistik an der Universität München und der Deutschen Journalistenschule, außerdem Philosophie an der Hochschule für Philosophie München. Im Jahre 1995 promovierte er bei Friedrich Kittler über DJ Culture an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Von 1996 bis 2000 arbeitete er als Chefredakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung. Im Skandal um Tom Kummer stellte sich heraus, dass Poschardt dessen gefälschte Interviews und Storys ungeprüft publiziert hatte.[2][3] Daraufhin wurde ihm von der SZ gekündigt und er wurde im Januar 2001 als Berater der Chefredaktion der Welt am Sonntag angestellt.[3] Im Juli 2001 wurde er dort „Creative Director“.[4]

Von 2005 bis 2008 war Poschardt Gründungs-Chefredakteur der im Februar 2007 erstmals erschienenen deutschen Ausgabe von Vanity Fair, die jedoch nur schlechte Absatzzahlen erreichte. Poschardt verließ das Magazin[5] und kehrte als stellvertretender Chefredakteur der Welt am Sonntag zur Axel Springer AG zurück.[6] 2009 wurde Poschardt neben seiner Funktion als stellvertretender Chefredakteur Herausgeber der Musikmagazine Rolling Stone (deutsche Lizenzausgabe), Musikexpress und Metal Hammer, die nach ihrem Umzug von München nach Berlin im Januar 2010 der Welt-Gruppe zugeordnet wurden.[7] Poschardt übernahm dort die stellvertretende Chefredaktion, 2016 wurde er Chefredakteur der Welt.

Publizistisches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannt wurde Poschardt 1995 durch eine Doktorarbeit zur Kulturgeschichte des Diskjockeys von 1904 bis in die 1990er Jahre. Das Buch traf ein populäres Thema und wurde ins Englische, Französische und Japanische übersetzt. Der Gutachter Diedrich Diederichsen bemängelte allerdings Poschardts Interpretation von Hegel. In zahlreichen weiteren Büchern befasste sich Poschardt mit sozialpsychologischen Themen der Gegenwartskultur.

Vor der Bundestagswahl 2005 rief er zur Wahl der FDP auf. Die mehrheitlich eher links orientierte Subkultur sollte Poschardt zufolge eine CDU/CSU/FDP-Regierung unter Merkel und Westerwelle als neues, revolutionäres Projekt begreifen. Das löste eine feuilletonistische Debatte aus: Bei der entfachten Diskussion gehe es weniger um die politische Dimension von Pop und Kultur, meinten Kritiker, als um Poschardt und seine Rolle in der Aufmerksamkeitsökonomie.

Mediale Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weihnachtstweet 2017[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Heiligabend 2017 sorgte Poschardt mit einem Tweet mit dem Text „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“ für einen Shitstorm. Poschardt hatte den von Pfarrer Steffen Reiche geleiteten Gottesdienst in der Kirche Nikolassee besucht.[8] Nachdem Jürgen Trittin daraufhin ein von Konstantin von Notz mit dem Text „AfDKrippe – ohne Juden, ohne Araber, ohne Afrikaner und frei von Flüchtlingen“ gepostetes Foto einer leeren Weihnachtskrippe ein „Supergeschenk“ für Poschardt nannte, kritisierte Sascha Lobo, dass die Kommentatoren sich ihre „Positionen und Begriffe von Nationalisten über Bande diktieren lassen“ würden: Wenn man aus Poschardts Kritik eine AfD-Nähe konstruiere, dann spiele man „das Spiel dieser Partei“. Dann folge man „nämlich der rechtsextremen Strategie, dass Kritik an ‚links‘ automatisch und zwingend bedeuten muss, man sei rechts“.[9] Die FAZ befragte Ricarda Lang unter dem provokativen Titel „Wie ‚links-grün-versifft‘ sind Weihnachtspredigten?“,[10] Julia Klöckner, CDU-Vize-Chefin und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, erklärte gegenüber der Bild-Zeitung, ihr sei wichtig „dass Kirchen nicht parteipolitische Programme übernehmen“. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki nannte den Vorwurf zu großer Parteinähe von Kirchen „Unfug“; die Botschaft der Evangelien habe Konsequenzen – wenn es etwa um den Erhalt der Schöpfung oder die Würde des Menschen gehe, wirke sich das auf den Umgang mit der Umwelt oder auf Migrationsfragen aus. Im ARD-Morgenmagazin erklärte er: „Wir können nicht von Gott sprechen, ohne vom Menschen zu sprechen“.[11]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2000 erhielt Poschardt den Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Axel Springer SE: Redaktionsspitze aufgestellt: Chefredakteur Jan-Eric Peters übernimmt Gesamtverantwortung für WeltN24, 18. September 2014
  2. "Frei erfunden, nie geführt", focus.de vom 15. Mai 2000
  3. a b Kummer über Kummer. Die Süddeutsche Zeitung bangt um ihren Ruf, oder: Wahr ist, was dem Publikum den größten Kick verschafft, heise.de vom 31. Mai 2000
  4. Personalie: Ulf Poschardt wird zum 1. Juli 2001 zum Creative Director der WELT am SONNTAG berufen, Pressemeldung der Axel Springer AG vom 18. Juni 2001
  5. „Medien: Ulf Poschardt verlässt den Vanity Fair“ Die Welt vom 11. Januar 2008
  6. Chefredaktion der WELT-Gruppe neu geordnet welt.de vom 13. März 2008
  7. Axel Springer AG: Neuordnung bei Frauen- und Musiktiteln von Axel Springer (PDF; 60 kB), 14. Juli 2009
  8. Ekkehard Rüger: So politisch war Steffen Reiches Predigt in der Christmette. In: Westdeutsche Zeitung. 28. Dezember 2017.
  9. Marvin Schade: #PoschardtEvangelium: Wie der Welt-Chefredakteur an Weihnachten mit einem Tweet einen absurden Shitstorm lostrat. In: Meedia. 27. Dezember 2017.
  10. Anna-Lena Ripperger: Wie „links-grün-versifft“ sind Weihnachtspredigten? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 25. Dezember 2017.
  11. Eva Quadbeck: „Kirchen sind nicht politischer als früher“. In: Rheinische Post. 28. Dezember 2017.