Ulf Schmidt (Dramatiker)

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Ulf Schmidt 2015

Ulf Schmidt (* 1966 in Braunschweig) ist ein deutscher Theaterautor, Theaterwissenschaftler, Blogger und Dramaturg. Zentrale Themen seiner Schreibarbeit sind die gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung sowie die Ökonomisierung der Gesellschaft.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ulf Schmidt studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Philosophie in München, Paris und Frankfurt am Main. Während des Studiums arbeitete er nebenberuflich, anschließend mehrere Jahre hauptberuflich als Rettungsassistent in Frankfurt, war dort auch im Betriebsrat aktiv.

Ab 1998 arbeitete er an einer Dissertation mit dem Titel Platons Schauspiel der Ideen. Das „geistige Auge“ im Medien-Streit zwischen Schrift und Theater bei Hans-Thies Lehmann, wofür er ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung erhielt. Nach der Promotion 2002 bildete das Arbeitsamt ihn zum Werbetexter fort. 2003 startete Ulf Schmidt in einer Digitalagentur als Texter, später Creative Director und gewann zahlreiche nationale und internationale Kreativpreise. Seit 2012 arbeitet er als selbständiger Autor und Dramaturg in Berlin.

Arbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über Ulf Schmidts Debütstück Heimspiel schrieb die taz: „Das Stück ist kurz, knackig und schmerzhaft. Es beginnt am Nullpunkt, am Ende der Kommunikation, dort, wo die Sprache in Beschimpfungen zurückgeschrumpelt ist.“[1] Der Text wurde 2002 zu den Werkstatttagen an das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, im Jahr 2003 zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens[2][3] und zu den Mannheimer Schillertagen sowie 2007 zum „Blickwechsel“ an das Staatstheater Karlsruhe eingeladen und war für den Lenz-Preis 2003 nominiert. Die Uraufführung fand 2008 am Zimmertheater Tübingen statt. Eine weitere Inszenierung fand 2009 am Frankfurter Autorentheater statt.[4]

Sein nächstes Stück Sich Gesellschaft leisten wurde – nach einer Voraufführung beim 9. Festival für neue Dramatik im Theater Halle7 in München – 2010 Theater Trier im Rahmen des Festivals „Maximierung Mensch“ uraufgeführt. Der Trierische Volksfreund fasst in der Kritik zusammen: „Statt Partnerschaften gibt es nur noch Kundenbeziehungen, Freunde und Familie werden zu wechselseitigen Dienstleistern, Sex und Hausarbeit sind per Leistungsverzeichnis nach Punktsystemen abzurechnen. Jeder Mensch eine kleine Ich-AG, optimiert durch Berater und Coaches, gnadenlos egoistisch im Kampf um die eigene Existenzsicherung.“[5][6] Der Dramaturg Olivier Garofalo verfasste darüber seine Masterarbeit mit dem Titel „Der regulierte Mensch in Ulf Schmidts Theatertext Sich Gesellschaft leisten“.[7]

Größere mediale Aufmerksamkeit erlange Ulf Schmidt im November 2012, als er seinen Text Schuld und Schein. Ein Geldstück. auf der Auktionsplattform ebay Theatern zur Ersteigerung der Uraufführungsrechte anbot.[8][9][10] Dafür baute Schmidt dem Stück eine eigene Internetseite, auf dem der Text kostenlos heruntergeladen und diskutiert werden kann.[11] Den Zuschlag erhielt das Metropoltheater München, wo Schuld und Schein am 4. Juli 2013 Premiere hatte und seither erfolgreich (über 35 Vorstellungen, Stand August 2014) läuft.[12]

Für das Stück Der Marienthaler Dachs, das auf der soziologischen Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ basiert, wählte Schmidt eine ungewöhnliche szenische und textliche Form: Es ist vom Autor vorgesehen, dass das Publikum sich frei zwischen verschiedenen, parallel bespielten Schauplätzen bewegt. Der Text ist auf einer über 20 Meter langen und 60 cm breiten Papierrolle mit Parallelhandlungen notiert. Für dieses Werk wurde Ulf Schmidt 2014 mit dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet.

Den Text Media Divina, ein Ein-Personen-Stück für eine/n Darsteller/in und einen defekten Fernseher, hat Ulf Schmidt 2014 im Internet zum kostenlosen Download veröffentlicht.[13]

Für die auf dem Othello von William Shakespeare basierenden Produktion „Das Prinzip Jago“ wurde erstmals an einem öffentlichen Theater im deutschsprachigen Raum mit dem Modell des „Writers Room“[14] gearbeitet, wie er bei TV-Produktionen insbesondere in den USA zum Einsatz kommt. In gemeinsamer Arbeit konzipierte Schmidt mit seinen Ko-Autoren, dem Regisseur Volker Lösch, der Dramaturgin Vera Ring und dem Theaterautor Oliver Schmaering die Stückidee, sowie Handlung und Figuren bevor dann – auch in enger Zusammenarbeit mit den Darstellern des uraufführenden Schauspiel Essen – der eigentliche Stücktext geschrieben wurde.[15][16]

Seit 2009 bloggt Ulf Schmidt auf postdramatiker.de über „Arbeit und Medien, Gesellschaftliches, Politisches, Postdramatisches“.[17] Artikel von ihm sind auf dem Theaterportal nachtkritik.de erschienen, so zur Blackfacing-Debatte,[18] zum Stadttheater der Zukunft,[19] sowie zuletzt die Vorschläge für „Writers Rooms“[20] an Stadttheatern und für ein „Agiles Theater“,[21] die er während der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Mannheim am 25. Januar 2014 der versammelten Stadttheater-Öffentlichkeit vorstellte.[22][23] Darin argumentiert er für ein Theater, das sich der durch die Vernetzung und Digitalisierung herbeigeführten gesellschaftlichen Veränderungen kritisch stellt. Theater sei, so der zentrale Satz in Schmidts Vortrag, "ein Ort der Gesellschaft in der Gesellschaft, an dem sich in Gesellschaft über Gesellschaft ästhetisch reflektieren lässt." 2013 und 2014 konzipierte, organisierte und moderierte er zusammen mit nachtkritik und der Heinrich-Böll-Stiftung die Konferenz Theater und Netz in Berlin.[24][25] Als Lehrbeauftragter ist Ulf Schmidt unter anderem an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig und an der Universität der Künste tätig. Ulf Schmidt wird vom Verlag der Autoren in Frankfurt vertreten.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theaterstücke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ulf Schmidt: Metaphysischer Stillstand. Die Schrift, die Idee und der Tod bei Platon. In: Andreas Gelhard, Tanja Schulz, Ulf Schmidt (Hrsg.): Stillstellen. Medien – Aufzeichnung – Zeit. Schliengen 2003, ISBN 3-931264-72-6.
  • Platons Schauspiel der Ideen. Das »geistige Auge« im Medien-Streit zwischen Schrift und Theater. Bielefeld 2006, ISBN 3-89942-461-1.
  • Zeitform und Bewegungsform. Eine Metaphysik des rhythmos bei Platon. In: Patrick Primavesi, Simone Mahrenholz (Hrsg.): Geteilte Zeit. Zur Kritik des Rhythmus in den Künsten. Schliengen, 2005, ISBN 3-931264-71-8.
  • Das Politische zurück ins Theater. Vortrag gehalten im Frankfurter Autorentheater am 3. Mai 2009.[28] PDF-Datei; 150 kB.
  • It’s not the economy, stupid. In: Brennen ohne Kohle. Theater zwischen Niedergang und Aufbruch. (= Bildung und Kultur. Band 12). 2014, ISBN 978-3-86928-125-4, S. 9–17. (PDF-Datei; 1,9 MB)
  • Warum so brutal - Tom Fontanas TV-Serie OZ und Dantes Göttliche Komödie. In: Polar #16: Kunst der Drastik. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-593-50108-6, S. 120–126. (PDF-Datei; 250 KB)
  • Politisches und polytisches Theater. In: Theatrium 2/2017, Herausgegeben vom Thüringer Theaterverband, Seite 22–26. PDF-Download; 7,6 MB

Preise und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ulf Schmidt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Verletzlichkeit des Menschen. In: taz. 13. Mai 2003.
  2. Merkwürdiges Verhalten in der Begattungszeit. In: Berliner Morgenpost. 13. Mai 2003.
  3. Tüfteln an Zerfleischungsmöglichkeiten. In: Berliner Zeitung. 10. Mai 2003.
  4. Kritiken zu den Heimspiel-Inszenierungen in der Übersicht auf der Webseite von Ulf Schmidt.
  5. Vom Mitmenschen zum Miet-Menschen. In: Trierischer Volksfreund. 9. Juni 2010.
  6. Weitere Kritiken zu den Sich Gesellschaft leisten-Inszenierungen in der Übersicht auf der Webseite von Ulf Schmidt.
  7. Volltext der Masterarbeit von Olivier Garofalo als Download.
  8. Meldung im Börsenblatt über die Versteigerung von Schuld und Schein.
  9. Meldung in der taz zum Beginn der Versteigerung.
  10. Meldung auf nachtkritik.de über die erfolgreiche Beendigung der Auktion.
  11. Webseite für das Stück "Schuld und Schein" mit Volltext-Download des Stückes, Blog, Hintergrundmaterialien und Diskussionsforum.
  12. Kritiken zu den Schuld und Schein-Inszenierungen in der Übersicht auf der Webseite von Ulf Schmidt.
  13. Volltext-Download als PDF-Datei; 1,5 Mb auf der Webseite von Ulf Schmidt.
  14. Serienjunkies - Team: Writers' Room | Lexikon der Fachbegriffe zu Serien. In: www.serienjunkies.de. Abgerufen am 5. Oktober 2016.
  15. » Writers Room Projekt am Schauspiel Essen: „Das Prinzip Jago“ Postdramatiker. In: postdramatiker.de. Abgerufen am 5. Oktober 2016.
  16. Kritik auf nachtkritik.de: Das Krokodil schnappt zu: Das Prinzip Jago – Volker Lösch inszeniert ein Othello-Spin Off des Writers' Room am Schauspiel Essen. Abgerufen am 5. Oktober 2016.
  17. Postdramatiker-Blog von Ulf Schmidt.
  18. nachtkritik vom 21. Februar 2012: Die Kunst der Unterschiede. Die Blackfacing-Debatte oder: Das Politische im Ästhetischen.
  19. nachtkritik vom 28. Juli 2011: Die Funktion des Stadttheaters. Debatte um die Zukunft des Stadttheaters II – Stadttheater ist nicht nur eine Organisation oder Institution, sondern eine kulturelle Form.
  20. nachtkritik vom 13. November 2013: Raus aus der Krabbelstube, rein in die Theater.
  21. nachtkritik vom 25. Januar 2014: Auf dem Weg zum agilen Theater. Debatte um die Zukunft des Stadttheaters VIII – Ulf Schmidts Vortrag zum "nächsten Theater.
  22. Tagungsprogramm der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Mannheim "Leben, Kunst und Produktion. Wie wollen wir arbeiten?" mit Abstract des Vortrags "Auf dem Weg zum agilen Theater". Zuletzt abgerufen August 2014.
  23. nachtkritik.de über die Tagung und den Vortrag.
  24. Webpräsenz der Konferenz 2013.
  25. Webseite der Konferenz 2014.
  26. Schauspiel Essen » Spielzeit » Stücke » Das Prinzip Jago. In: www.schauspiel-essen.de. Abgerufen am 5. Oktober 2016.
  27. http://www.theater-bonn.de/spielplan/gesamt/event/bonnopoly/vc/Veranstaltung/va/show/
  28. Ankündigung auf der Webseite des Frankfurter Autorentheaters.
  29. Meldung in der OVB Online.