Ulipristalacetat

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Strukturformel
Strukturformel von Ulipristalacetat
Allgemeines
Freiname Ulipristalacetat
Andere Namen

(8S,11S,13S,14R,17R)-17-Acetoxy-11-[4-(dimethylamino)phenyl]-19-norpregna-4,9-dien-3,20-dion (IUPAC)

Summenformel C30H37NO4
Kurzbeschreibung

weißer bis gelber Feststoff[1]

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 126784-99-4
EG-Nummer 682-170-1
ECHA-InfoCard 100.207.349
PubChem 130904
DrugBank DB05366
Wikidata Q975059
Arzneistoffangaben
ATC-Code
Wirkstoffklasse
Wirkmechanismus

Progesteron-Rezeptormodulator

Eigenschaften
Molare Masse 475,62 g·mol−1
Aggregatzustand

fest[1]

Löslichkeit
Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [2]
07 – Achtung 08 – Gesundheitsgefährdend

Gefahr

H- und P-Sätze H: 302​‐​360​‐​413
P: ?
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Ulipristalacetat (Handelsnamen ellaOne und Ella) wird in der Gynäkologie als Pille danach zur Notfallkontrazeption eingesetzt. In geringerer Dosis wird es unter dem Handelsnamen Esmya zur Behandlung von gutartigen Tumoren der Gebärmutter verwendet.[3] In den Ländern der EU ist ellaOne seit 2009,[4] Esmya seit 2012 zugelassen.

Wirkprinzip[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erwünschte Wirkung von Ulipristalacetat beruht auf der Hemmung der Bindung des körpereigenen Gestagens Progesteron an den zugehörigen Rezeptoren. Dadurch kann sowohl der Eisprung bei der Frau verhindert oder verzögert als auch die tumorfördernde Wirkung von Progesteron auf Uterusmyome unterdrückt werden.[1][3]

Ein Verdacht auf eine zusätzliche kontrazeptive Wirkung durch Hemmung der Einnistung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutterschleimhaut war Anfang 2014 diskutiert worden.[5]

Anwendungsgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Notfallkontrazeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ulipristalacetat kann bis zu 120 Stunden nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder dem Versagen angewandter Verhütungsmittel zur Notfallkontrazeption eingesetzt werden. Zur Vermeidung einer ungewollten Schwangerschaft wird eine Tablette EllaOne bzw. Ella zu 30 mg Ulipristalacetat frühestmöglich als Einmaldosis verabreicht. Die Wirksamkeit des Präparats ist unabhängig von der Einnahme zu oder außerhalb einer Mahlzeit gegeben. Kommt es innerhalb von drei Stunden nach der Einnahme zum Erbrechen, muss das Präparat nochmals eingenommen werden. Ulipristalacetat ist nicht zur routinemäßigen Schwangerschaftsverhütung zu verwenden.[6] Es ist für alle Frauen im gebärfähigen Alter einschließlich Jugendlicher geeignet. Hinsichtlich der Wirksamkeit und Sicherheit gegenüber der Anwendung durch Erwachsene wurden keine Unterschiede festgestellt.[7]

Behandlung gutartiger Gebärmuttertumore[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Myombehandlung wird erwachsenen Frauen vor der Menopause während einer Frist bis zu drei Monaten täglich eine Tablette Esmya zu fünf Milligramm Ulipristalacetat verabreicht; die Behandlung beginnt in der ersten Woche des Menstruationszyklus. Bei unzureichender Wirkung kann die Behandlung einmal wiederholt werden. Durch die Abschirmung der Progesteronaktivität werden die Tumorzellen abgetötet, was zur Schrumpfung des Myoms und einem Rückgang seiner Auswirkungen führt.[8] In entsprechenden Studien wurde Ulipristalacetat eine ähnlich hohe Wirksamkeit wie Leuprorelin bescheinigt.[3]

Nebenwirkungen und Anwendungsbeschränkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die am häufigsten berichteten Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Übelkeit mit und ohne Erbrechen, Unterleibsschmerzen, Muskel- und Rückenschmerzen, Müdigkeit und Menstruationsbeschwerden. Seltener traten unter der Behandlung mit Ulipristalacetat Stimmungsschwankungen, Appetitstörungen, Migräne, Sehstörungen, Akne, Juckreiz, Fieber oder Hitzewallungen auf.[6]

Die bisherigen Erfahrungen mit Überdosen von Ulipristalacetat sind begrenzt. In der Vergangenheit wurden Einzeldosen bis zu 200 mg ohne ernsthafte Folgen überstanden.[6]

Die gleichzeitige Anwendung mit Rifampicin, Phenytoin, Carbamazepin, Phenobarbital, Efavirenz, Phosphenytoin, Nevirapin, Oxcarbazepin, Primidon, Rifabutin, Ritanovir, Johanniskrautpräparaten und dem gleichfalls als Pille danach geeigneten Levonorgestrel wird nicht empfohlen. Ulipristalacetat kann die Wirkung anderer hormoneller Verhütungsmittel auf alleiniger Gestagen- und/oder Gestagen-Estrogen-Basis abschwächen.[6]

Die Substanz darf nicht bei bekannter Allergie gegen Ulipristalacetat angewendet werden. Ein Übertritt in die Muttermilch mit der Gefahr des Auftretens von Wirkungen beim Säugling findet statt, weshalb die Notfallverhütung mit Ulipristalacetat in der Stillzeit nicht empfohlen ist. In der Therapie gutartiger Gebärmuttertumoren ist Ulipristalacetat in der Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert. Vorsichtshalber sollten während der Behandlung Kraftfahrzeuge nicht geführt und Maschinen nicht bedient werden, auch wenn die Auswirkung auf die Reaktionsfähigkeit als geringfügig bis moderat eingeschätzt wird und nur selten über Sehstörungen berichtet wurde.[6]

Der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat am 1. Dezember 2017 ein Risikobewertungsverfahren für das Medikament Esmya eingeleitet, um vier Berichte über schwere Leberschäden bei Patientinnen, die mit Ulipristalacetat behandelt wurden, und mögliche Konsequenzen für den Einsatz des Medikaments zu prüfen. Von einer Anwendung des Arzneimittels riet der Ausschuss zunächst nicht ab.[9]
Seit dem 9. Februar 2018 wird eine regelmäßige engmaschige laborchemische Überwachung der Patientinnen empfohlen.
Es sollten zudem keine Patientinnen neu auf das Medikament eingestellt werden und auch kein neuer Behandlungszyklus begonnen werden.
Nach Angaben des PRAC gibt es bisher keine Berichte über Leberschäden durch die Einnahme von Ulipristalacetat als Notfall-Empfängnisverhütungsmittels, weshalb dieses Medikament derzeit auch nicht auf dem Prüfstand steht.[10][11]

Verkaufsabgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rechtslage bis 2015[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Ländern der Europäischen Union unterlag Ulipristalacetat seit seiner Einführung der Verschreibungspflicht. Der Europäischen Arzneimittelbehörde lag im Februar 2014 ein Antrag über die EU-weite Entlassung des Ulipristalacetat-haltigen Medikamentes EllaOne aus der Rezeptpflicht vor.[12] Eine Rezeptfreistellung von neueren Präparaten durch die EU ist auch gegen den Willen der einzelnen Mitgliedsstaaten möglich, da die Zulassung (anders als im Fall Levonorgestrel) auf gesamteuropäischer Ebene erfolgt ist.[13] In Großbritannien und Nordirland wurde Ulipristalacetat im Rahmen eines Versuchs als apothekenpflichtiges Arzneimittel rezeptfrei abgegeben (Stand vom 25. Juli 2014).[14]

Wegfall der Rezeptpflicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 8. Januar 2015 beschloss die EU-Kommission die EU-weite Aufhebung der Rezeptpflicht für die Pille danach. Als in Polen die Rezeptpflicht daraufhin aufgehoben war, war ellaOne nach kurzer Zeit ausverkauft.[15]

Mit Entlassung aus der Rezeptpflicht[16] zum 14. März 2015 wurde auch die Kostenübernahme durch die Krankenkasse für Patientinnen unter 20 Jahren verordnet.[17] Die Abgabe im Versandhandel ist nicht erlaubt. Die direkte Bewerbung des Präparats ist verboten.[18] Die Abgabe an Jugendliche ab 14 Jahren ist auch ohne Einwilligung der Erziehungsberechtigten zugelassen.[19]

In Form des Präparats Esmya bleibt Ulipristalacetat weiterhin verschreibungspflichtig.

Rechtslage in den USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Vereinigten Staaten sind Apotheken rechtlich zur Abgabe ärztlich verordneten Ulipristalacetats als Notfallkontrazeptivum verpflichtet. Einzelne Apotheker, deren religiöse Überzeugungen der Abgabe widersprechen, dürfen letztere nur dann verweigern, wenn ein anderer Mitarbeiter derselben Apotheke das Präparat zeitnah an die Patientin aushändigt. Dies entschied der Oberste Gerichtshof verbindlich im Juli 2016. In den meisten anderen Fällen können Apotheker in den USA selbst entscheiden, welche Produkte sie führen.[20]

Rechtslage in Polen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Polen wurde das 2015 rezeptfrei gestellte Ulipristalacetat auf Bestreben der rechtsgerichteten Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit im Juni 2017 wieder der Rezeptpflicht unterstellt.[21]

Vertriebsweg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Anwendung von Ulipristalacetat gilt nach deutschem Recht nicht als Schwangerschaftsabbruch (§ 218 Abs. 1 Satz 2 StGB), da kein nachweislicher Ausstoß der befruchteten Eizelle aus der Gebärmutterschleimhaut stattfindet und die Schwangerschaft rechtlich erst mit der Einnistung der Eizelle in der Gebärmutter beginnt. Dementsprechend ist ein Sondervertriebsweg nach § 47a AMG nicht vorgesehen und das Präparat wird in der Apotheke direkt an die Patientin abgegeben.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter Berufung auf die unbewiesene Behauptung, Ulipristalacetat verhindere die Einnistung befruchteter Eizellen in der Gebärmutter oder führe zur Abstoßung bereits eingenisteter Eizellen, schreiben Teile der Lebensrechtsbewegung und der römisch-katholischen Kirche dem Mittel eine „frühabtreibende Wirkung“ und ein der „Abtreibungspille“ Mifepriston ähnliches Wirkprinzip zu (siehe hierzu auch behauptete Wirkung).[22] Die zuständige Europäische Arzneimittelagentur gibt hingegen an, dass die Substanz nicht als Mittel zum Schwangerschaftsabbruch geeignet ist.[6]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f CHMP ASSESSMENT REPORT (PDF)
  2. Vorlage:CL Inventory/nicht harmonisiertFür diesen Stoff liegt noch keine harmonisierte Einstufung vor. Wiedergegeben ist eine von einer Selbsteinstufung durch Inverkehrbringer abgeleitete Kennzeichnung von (1R,3aS,3bS,10R,11aS)-1-acetyl-10-[4-(dimethylamino)phenyl]-11a-methyl-7-oxo-1H,2H,3H,3aH,3bH,4H,5H,7H,8H,9H,10H,11H,11aH-cyclopenta[a]phenanthren-1-yl acetate im Classification and Labelling Inventory der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA), abgerufen am 13. März 2019.
  3. a b c European Medicines Agency: Esmya, INN-Ulipristal. Abgerufen am 23. Juni 2014. (PDF).
  4. Wirkmechanismus der Pille danach. Pro Familia, undatiert. (PDF).
  5. B. Mozzanega, S. Gizzo, S. Di Gangi, E. Cosmi, G. B. Nardelli: Ulipristal acetate: critical review about endometrial and ovulatory effects in emergency contraception. Department of Woman and Child Health, University of Padua, Padova, Italy In: Reproductive sciences (Thousand Oaks, Calif.). Band 21, Nummer 6, Juni 2014, S. 678–685, doi:10.1177/1933719113519178, PMID 24440997 (abstract).
  6. a b c d e f European Medicines Agency: Summary of Product Characteristics: EllaOne. (PDF-Datei; englisch).
  7. Europäische Arzneimittelagentur: Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels, EllaOne 30 mg. In: ema.europa.eu, S. 3.
  8. Guillaume E. Courtoy, Jacques Donnez, Etienne Marbaix, Marie-Madeleine Dolmans: In vivo mechanisms of uterine myoma volume reduction with ulipristal acetate treatment. In: Fertility and Sterility. Band 104, Nr. 2, August 2015, S. 426–434.e1, doi:10.1016/j.fertnstert.2015.04.025, PMID 26003270.
  9. Esmya® zur Behandlung von Uterusmyomen: Risikobewertungsverfahren wegen Leberschäden gestartet. vom 1. Dezember 2017.
  10. EMA starts review of Esmya for uterine fibroids.
  11. Esmya® (Ulipristalacetat) zur Behandlung von Uterusmyomen: PRAC verabschiedet vorläufige Maßnahmen zum Schutz der Patientinnen. (Memento des Originals vom 12. Februar 2018 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.bfarm.de vom 9. Februar 2018.
  12. EU erwägt Aufhebung der Rezeptpflicht für „Pille danach“. In: Ärzteblatt, 24. Februar 2014.
  13. Pille danach: Europäische Arzneimittelbehörde prüft Freigabe von "Ellaone". In: Spiegel online, 24. Februar 2014.
  14. Emergency Contraception Availability in Europe. European Consortium for Emergency Contraception, undatiert, abgerufen am 25. Juli 2014.
  15. Julia Szyndzielorz: Polen streitet über die Pille danach. In: Welt online, 2. Februar 2015.
  16. BGBl. I S. 278
  17. Bundesrat stimmt rezeptfreier "Pille danach" zu. In: Süddeutsche Zeitung, 6. März 2015.
  18. § 10 Heilmittelwerbegesetz.
  19. Bundesapothekerkammer: Rezeptfreie Abgabe von Notfallkontrazeptiva („Pille danach“), S. 10. Stand vom 28. Januar 2015, abgerufen am 27. Februar 2015.
  20. Gläubige Apotheker müssen „Pille danach“ abgeben. In: Apotheke Adhoc, 3. Juli 2016.
  21. Julia Borsch: Polens Alleingang bei der „Pille danach“. Deutsche Apotheker-Zeitung vom 28. Juni 2017.
  22. Neue ‚Pille danach‘: IMABE-Institut warnt vor Freigabe. In: kath.net, 12. April 2014.
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