Ulpian

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Domitius Ulpianus († 223 oder 228 n. Chr. in Rom), meist kurz Ulpian genannt, war ein spätklassischer römischer Jurist und hoher Staatsbeamter, der unter anderem die Funktion des Prätorianerpräfekten ausübte. Rund ein Drittel der Digesten Kaiser Justinians sind seinen Werken entnommen. Dennoch ist über ihn nur wenig bekannt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es existieren nämlich nur spärliche Quellen zu seinem Leben. Immerhin lassen einige Erwähnungen in literarischen Quellen sowie Angaben in seinen Werken oder den Schriften anderer Juristen einige Rückschlüsse zu. Bereits sein vollständiger Name ist unbekannt. Lediglich dass er den Gentilnamen Domitius trug ist gesichert. Wolfgang Kunkel identifiziert ihn jedoch mit einem Gnaeus Domitius Annius Ulpianus, der durch eine Inschrift auf einem Bleirohr bezeugt ist, das in einer Villa in Centumcellae, nordwestlich Roms gefunden wurde.[1] Zur Begründung verweist er darauf, dass die Villa einem reichen und einflussreichen Mann gehört habe, der in den historischen Quellen bezeugt sein müsse. Da jedoch nur der Jurist "Domitius Ulpianus" bezeugt ist, komme vor allem er als Eigentümer der Villa in Frage. Als sein Herkunftsort gilt gemeinhin die Stadt Tyros in der Provinz Syria, die er selbst als seine origo (Herkunft, Abstammung) bezeichnet.[2] Ob aus dieser Bezeichnung gefolgert werden kann, dass Tyros sein Geburtsort war, wurde wiederholt angezweifelt. Allerdings wurde bisher auch kein Alternativvorschlag vorgelegt und immerhin bezeichnet der Jurist Tyros auch als splendidissima (leuchtendste), was gemeinhin als Ausdruck seiner Heimatliebe verstanden wird.[3] Vereinzelte Versuche, diese Annahme durch die Identifikation von Semitismen in seiner Sprache und Verweis auf detaillierte Kenntnisse der Verhältnisse im östlichen Mittelmeerraum abzustützen,[4] konnten sich nicht durchsetzen. Auch über Ulpians Familie ist wenig bekannt. Als am wahrscheinlichsten gilt, dass er der einheimischen hellenistischen Bevölkerung Tyros entstammt. Denn italische Militärkolonisten wurden erst unter Septimius Severus in Tyros und damit zu spät stationiert, als dass Ulpian von ihnen abstammen könnte.[5] Zum Teil wurde im Sophisten Ulpianos sein Vater gesehen, was sich jedoch weder begründen, noch widerlegen lässt. Sofern Kunkels Rekonstruktion seines Namens zutrifft, ließe er sich mit dem unter Nero in Syrien eingesetzten Statthalter Gnaeus Domitius Corbulo in Verbindung bringen lassen. Dessen Tochter war zudem mit einem Angehörigen des Hauses der Annier verheiratet. Hätte Ulpians Familie unter Corbulo das römische Bürgerrecht verliehen bekommen, würde das die Übereinstimmung in drei Namen erklären.[6]

Auch über die Anfänge seines Wirkens sind nur Spekulationen möglich. Aus einem Verweis auf die Entscheidung eines Stadtprätors[7] wird gefolgert, dass er seine Karriere in dessen Diensten begonnen habe. Allerdings datiert die Entscheidung des Prätors in die Alleinregierung des Kaisers Caracalla, unter dem Ulpian zusammen mit dem etwas älteren Paulus als Assessor im consilium des namhaften Juristen Papinian wirkte und daher bereits in seiner Karriere fortgeschritten sein musste.[8] Ulpian wurde zwar maßgeblich von Papinian beeinflusst. Als sein alleiniger Lehrer kommt er aber nicht in Betracht,[9] sofern nicht angenommen wird, Papinian habe einen Anfänger und Laien in sein consilium berufen. Stattdessen versuchte man Ulpian und Paulus dem Auditorium des Scaevola zuzuordnen.[10] Doch bleibt auch dies weitgehend spekulativ.

208 n. Chr. nahm er an einer Kampagne des Kaisers Septimius Severus nach Britannien teil. Sein literarisches Schaffen fällt dann fast ausnahmslos in die Regierungszeit von dessen Nachfolger Caracalla 211-217. Unter ihm soll er die für Bittschriften zuständige Kanzlei a libellis geleitet haben. Dies widerspräche zwar historischen Quellen,[11] gilt jedoch als chronologisch wahrscheinlicher und allgemein anerkannt.[12] In dieser Funktion hätte er Zugang zu den Archiven der Kanzlei gehabt, was sein reiches Schaffen in gerade diesem Zeitraum erklären könnte. Tony Honoré vertritt darüber hinausgehend die These, dass Ulpian das Amt bereits nach dem Sturz des Libellsekretärs Aelius Coeranus, von Anfang 205 bis Mai 209 ausgeübt haben soll. Jedenfalls überstand Ulpian die Palastrevolution Ende 211, in deren Zuge Papinian zu Tode kam, unbeschadet. Offenbar war Ulpian rechtzeitig Parteigänger Caracallas geworden. Möglicherweise war sogar die constitutio Antoniniana, die allen Reichseinwohnern das römische Bürgerrecht verlieh, aus dem Jahre 212 seine Idee.

Angeblich wurde Ulpian von Elagabal aus Rom verbannt.[13] Nachdem dieser am 11. März 222 ermordet war, stieg Ulpian unter dessen Nachfolger Severus Alexander in höchste Staatsämter auf. Bereits am 31. März desselben Jahres ist er als praefectus annonae bezeugt. Als Inhaber dieses Amtes war er für die Lebensmittelversorgung zuständig. Offenbar spielte er zudem eine wesentliche Rolle als Berater der Kaiserfamilie. Noch im selben Jahr übertrugen ihm Julia Mamaea und Julia Maesa, die für den 13-jährigen Kaiser die Regierungsgeschäfte führten, das Oberkommando über die Prätorianergarde. In dieser Truppe konnte sich Ulpian jedoch nicht fest etablieren, wohl auch, da er ihren Einfluss beschränken sollte.[14] Cassius Dio berichtet von dreitägigen Straßenkämpfen zwischen den Prätorianern und der Stadtbevölkerung, die zu chaotischen Verhältnissen in der Stadt führten. Erst als die bedrängten Prätorianer Häuser in Brand setzten und eine allgemeine Feuersbrunst drohte, gaben ihre Gegner nach.[15] Seine Mitpräfekten Julius Flavianus und Geminius Chrestus ließ er hinrichten.[16] Entweder im Folgejahr oder 228 n. Chr.[17] kam es zu einer Meuterei, die Ulpian zur Flucht aus dem Kaiserpalast zwang und in deren Zuge er schließlich vor den Augen des Kaisers und seiner Mutter ermordet wurde. Der Hauptverantwortliche für den Mord, Epagathus, konnte wegen der Gefahr neuer Unruhen nicht in Rom bestraft werden. Er wurde deshalb unter dem Vorwand seiner Ernennung zum Statthalter von Ägypten aus der Hauptstadt entfernt und von Ägypten nach Kreta gebracht, wo er hingerichtet wurde.[18]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ulpians wichtigste Werke sind Ad Sabinum, ein Kommentar zum ius civile in 51 Büchern und Ad edictum, ein Kommentar zum prätorischen Edikt in 83 Büchern. Daneben stammen von ihm Sammlungen von Meinungen, Erwiderungen und Disputationen, Bücher über Richtlinien und Institutionen, Abhandlungen über die Funktionen der verschiedenen Magistrate. Die bedeutendste der letztgenannten ist De officio proconsulis libri decem und enthält eine umfassende Exposition des Strafrechts. Hinzu treten Monographien über verschiedene Statuten, Nachlassstiftungen sowie viele weitere Werke. Justinians Digesten verdanken etwa ein Drittel ihres Inhalts den Schriften Ulpians. Allein sein Ediktskommentar füllt ein Fünftel der Digesten. Vor allem in der älteren Fachliteratur wurde der Wert seiner Arbeiten angezweifelt,[19] da er im Vergleich zu Papinian wenig neues gebracht habe. Dies ist gleichwohl dem Umstand geschuldet, dass sich Ulpians Werk insgesamt eher durch eine Zusammenfassung und Systematisierung der Schriften klassischer Juristen auszeichnet als durch neue dogmatische Entwicklungen.[20] Die große Autorität von Ulpians Schriften belegt auch das 426 von den Kaisern Theodosius II. und Valentinian III. erlassene Zitiergesetz, nach dem seine Rechtsauffassung neben der von Gaius, seinem Lehrer Papinian, Modestinus und seinem Kollegen Paulus bei juristischen Entscheidungen maßgeblich sein sollte.

Bis heute wirkt die von Ulpian entwickelte sog. Interessentheorie nach,[21] anhand derer sich öffentliches Recht und Privatrecht abgrenzen lassen. Ihr zufolge ist eine Rechtsfrage stets dem öffentlichen Recht zuzurechnen, wenn staatliche Interessen (re publica) betroffen sind, während das Privatrecht Individualinteressen betrifft. Die heutige herrschende Meinung greift gleichwohl auf andere Abgrenzungskriterien zurück.

Die Domitii Ulpiani fragmenta, aus 29 Titeln bestehend, wurden erstmals von Tilius (Paris 1549) herausgegeben. Andere Ausgaben stammen von Hugo (Berlin 1834), Eduard Böcking (Bonn 1836), die auch Fragmente des ersten Buchs der Institutiones enthält, die 1835 von Stephan Ladislaus Endlicher in Wien entdeckt wurden. Auch in Girards Textes de droit romain (Paris 1890) sind sie enthalten.

Textausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eduard Böcking (Hrsg.): Liber singularis regularum codicis Vaticani exemplum. Hirzel, Leipzig 1855
  • Rudolf von Gneist: Institutionum et regularum juris Romani syntagma exhibens [...] Ulpiani librum singularem regularum [...]. Leipzig 1880
  • Fritz Schulz (Hrsg.): Die Epitome Ulpiani des Codex Vaticanus Reginae 1128. Marcus & Weber, Bonn 1926

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Robert Lee Cleve: Severus Alexander and the Severan Women. Los Angeles 1982, S. 211–236 (Dissertation, University of California)
  • Tony Honoré: Ulpian. Pioneer of Human Rights. 2. Auflage, Oxford University Press, Oxford 2002, ISBN 0-19-924424-3
  • Franz Wieacker: Römische Rechtsgeschichte, Abschnitt 2. Beck, München 2006, ISBN 978-3-40633928-8, S. 130–138
  • Detlef Liebs: Jurisprudenz. In: Klaus Sallmann: Handbuch der lateinischen Literatur der Antike, Band 4: Die Literatur des Umbruchs. Von der römischen zur christlichen Literatur 117 – 284 n. Chr. Beck, München 1997, S. 176ff.
  • Detlef Liebs: Hofjuristen der römischen Kaiser bis Justinian, Bayerische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, München 2010, C.H. Beck, ISBN 978-3-7696-1654-5, Ulpian.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kunkel, Die Römischen Juristen – Herkunft und soziale Stellung, Köln 2001, S. 252.
  2. Ulp. Dig. 50, 15, 1 pr.
  3. Jörs, RE 1905, Sp. 1438; Krüger, Geschichte der Quellen und Litteratur des römischen Rechts, Leipzig 1888, S. 215; Wenger, Die Quellen des römischen Rechts, Wien 1953, S. 519.
  4. Bremer, Die Rechtslehrer und Rechtsschulen im Römischen Kaiserreich, Berlin 1868, S. 83–85.
  5. Kunkel, Die Römischen Juristen – Herkunft und soziale Stellung, Köln 2001, S. 247.
  6. Kunkel, Die Römischen Juristen – Herkunft und soziale Stellung, Köln 2001, S. 253.
  7. Dig. 4, 2, 9, 3
  8. Jörs, RE 1905, Sp. 1438.
  9. Jörs, RE 1905, Sp. 1438.
  10. Bremer, Die Rechtslehrer und Rechtsschulen im Römischen Kaiserreich, Berlin 1868, S. 53 f.
  11. Nach Historia Augusta, Vita Pescennii Nigri 7, 4 erhielt er dieses Amt erst unter Elagabal.
  12. so schon Krüger, Geschichte der Quellen und Litteratur des römischen Rechts, Leipzig 1888, S. 215, Jörs, RE 1905, Sp. 1436; Kunkel, Die Römischen Juristen – Herkunft und soziale Stellung, Köln 2001, S. 246; anderer Auffassung aber Robert Lee Cleve: Severus Alexander and the Severan Women, Los Angeles 1982, S. 212–216.
  13. Historia Augusta, Vita Heliogabali 16,4.
  14. Jörs, RE 1905, Sp. 1438; Krüger, Geschichte der Quellen und Litteratur des römischen Rechts, Leipzig 1888, S. 215; Wenger, Die Quellen des römischen Rechts, Wien 1953, S. 519.
  15. Cassius Dio 80,2,3. Vgl. Julia Sünskes Thompson: Aufstände und Protestaktionen im Imperium Romanum, Bonn 1990, S. 41, 81, 128 f.
  16. Nach der in der Forschung vorherrschenden Auffassung waren die beiden Präfekten Ulpian unterstellt. Zu einer abweichenden Hypothese, der zufolge Ulpian alleiniger Prätorianerpräfekt war, siehe Lukas de Blois: Ulpian’s Death. In: Pol Defosse (Hrsg.): Hommages à Carl Deroux, Bd. 3, Bruxelles 2003, S. 135–145, hier: 135–139.
  17. Jörs, RE 1905, Sp. 1438; Krüger, Geschichte der Quellen und Litteratur des römischen Rechts, Leipzig 1888, S. 215; Wenger, Die Quellen des römischen Rechts, Wien 1953, S. 519.
  18. Cassius Dio 80,2,4. Vgl. Julia Sünskes Thompson: Aufstände und Protestaktionen im Imperium Romanum, Bonn 1990, S. 41, 81–83. Zur Datierung der Vorgänge siehe Cécile Bertrand-Dagenbach: Alexandre Sévère et l’Histoire Auguste, Bruxelles 1990, S. 16 Anm. 6.
  19. Krüger, Geschichte der Quellen und Litteratur des römischen Rechts, Leipzig 1888, S. 223.
  20. Krüger, Geschichte der Quellen und Litteratur des römischen Rechts, Leipzig 1888, S. 203; 223 f.
  21. Ulp. Dig. 1, 1, 1, 2