Ulpiana

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Ulpiana, auch Ulpianum, ist eine römische Stadt auf dem Gebiet der ehemaligen Provinz Moesia superior (Obermösien). Flächenmäßig handelt es sich heute um das größte Bodendenkmal der Republik Kosovo. Innerhalb der Anlage können zeitlich wie auch räumlich zwei Siedlungsareale unterschieden werden. Das 36 ha messende, mittelkaiserzeitliche Stadtareal (Gradina) sowie die mit 16,5 ha deutlich kleinere, spätrömisch-frühbyzantinische Anlage Iustiniana Secunda (Bedem) im Osten. Ulpiana war in römischer Zeit das verwaltungstechnische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum im Amselfeld. Verantwortlich für die Gründung, sowie den Reichtum des Municipiums düften die reichen im Hinterland gelegenen (Edel)Metall vorkommen gewesen sein.

Ulpiana (Kosovo)
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Lage der Fundstelle

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Doppelanlage von Ulpiana befindet sich auf dem Gebiet der heutigen Republik Kosovo, etwa 8 km südlich der Hauptstadt Priština in der Nähe des Ortes Gračanica. Nördlich der Ruinen fließt der Fluss Gračanka, welcher einstmals die beiden Anlagen voneinander trennte.[1]

Forschungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich wurde die Doppelstadt Ulpiana-Justiniana Secunda von der Forschung mit der ebenfalls auf dem Gebiet des heutigen Kosovo gelegenen Kleinstadt Lipjani/Lipljan gleichgesetzt. Eine Fehlannahme welche erstmals 1927 angezweifelt wurde, als man 7 km von Pristina entfernt bei Straßenbauarbeiten ein ausgedehntes Ruinenfeld entdeckte. Dieses liegt auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Gracanica/Gracanice. Erste systematische Ausgrabungen in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, unter dem Begründer der Provinzialrömischen Archäologie im Kosovo Emil Čerškov, bestärkten den Verdacht dass es sich hierbei um das urbane Zentrum des dardanischen Bergbaubezirkes handelte. Die Ausgrabungen konzentrierten sich auf einzelne Grabbauten wie die frühchristliche Basilika, eines der Stadttore sowie die nördlichen und westlichen Nekropolen. Ein vorübergehendes Ende der Arbeiten im Bereich der Doppelstadt wurde durch den Kosovokrieg ausgelöst. Wären der Kriegsjahre, sowie in der Nachkriegszeit nahmen mutwillige Beschädigungen und Raubgrabungen zu. So wurden beispielsweise im Bereich der nördlichen Nekropole die marmorne Sarkophage stark beschädigt.

Gerade aufgrund dieser beunruhigenden Situation der Nachkriegszeit wurde im Jahr 2008 unter Beteiligung des Deutschen Archäologischen Institutes Deutschen Archäologischen Institutes (DAI) und dem Archäologischen Institut des Kosovo (IAK) ein Pilotprojekt ins Leben gerufen, welches die wissenschaftliche Erforschung und die denkmalpflegerische Sicherung der Anlage zur Aufgabe hatte. In einem ersten Schritt erfolgte eine systematische Auswertung der hochauflösenden Satellitenbilder sowie verschiedene Luftaufnahmen aus militärischen Quellen. Die daraus gewonnen, ersten Daten, konnten durch verschiedene geomagnetische Messungen ergänz werden. Diese Messungen bildeten die Grundlage für die zwischen 2009 und 2012 stattfindenden Grabungen des Deutschen Archäologischen Instituts unter Leitung von Friedrich Lüth und Felix Teichner.

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorrömisch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Grabungen der Jahre 2009 bis 2011 konnten neben den Funden der römischen Kaiserzeit, der Spätantike und der byzantinischen Epoche erstmals auch Objekte geborgen werden, welche darauf hindeuten dass der Ort bereits in vorrömischer Zeit besiedelt war. So wurden beispielsweise im Fundamentbereich des Podiumstempels Reste einer spätbronzezeitlichen und früheisenzeitlichen Besiedlung nachgewiesen.

Römische Kaiserzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben den Kleinfunden deutet vor allem das Toponym Ulpiana auf eine Gründung des municipiums unter Kaiser Trajan oder spätestens unter seinem Nachfolger Hadrian an.[2]

Stadtanlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das eigentliche Stadtareal des kaiserzeitlichen municipiums befindet sich südwestlich von Gracanica und erstreckt sich über eine Fläche von 36 ha. Das trapezoide Areal des municipium verfügt über ein regelmäßiges Straßenraster, sowie verschiedene für die römische Kaiserzeit typische, öffentliche Großbauten. Umschlossen ist die gesamte Anlage von einer Wehrmauer mit mehreren Toren und hervorspringenden, halbkreisförmigen Türmen. Für das heute bald der Anlage prägend ist vor allem das Nordtor, welches bereits während der Grabungen der 1950er Jahre freigelegt wurde. Im direkten Vorfeld des Tores, also nördlich des eigentlichen Stadtgebietes, extra muros, erstreckte sich ein Handwerkerviertel welches sich auf die Verarbeitung von Eisen und Buntmetall spezialisiert hatte.

Gräberfeld[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nördliche Nekropole von Ulpiana (Kosovo).

Bereits in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden nördlich und westlich des Stadtareals von Emil Čerškov and Ljubiśa Popović zwei Nekropolen freigelegt.[3] Die frühe Musealisierung im Anschluss an die Grabungen führten dazu, dass einige der Grablegen im Verlauf des Kosovokrieges beschädigt und zerstört wurden.[4] Nach der Sanierung und Erneuerung der Anlage in den letzten Jahren, ist die Nekropole Besuchern heute wieder zugänglich. Besonders hervorzuheben sind vor allem die imposanten Marmorsarkophage aus dem Mittelmeerraum, welche für die Region einzigartig sind.

Tempel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den religiösen Fokus bildet während der Kaiserzeit ein unweit des Nordtores gelegener Podiumstempel. Während der Temenosbereich (45,5 × 55 m) von einer mit Mosaikböden ausgestatteten Portikus umfasst war, bildet ein Marmorstylobat mit 11,6 × 18,3 m das imposante Zentrum der Anlage. Die Errichtung des klassisch-römisches Heiligtums im Verlauf der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts, auf den Resten der vorhergegangen, durch ein Schadfeuer zerstörten, Bebauung kann als beeindruckendes Zeugnis für die fortschreitende Übernahme mediterraner Architektur und Glaubensvorstellungen in Dardanien gesehen werden. Zwar liegen noch keine konkreten Hinweise auf die hier verehrte Gottheit vor. Eine 2011 gefundene Inschrift[5] belegt jedoch ein ansässiges Kultkollegium, dem ausschließlich weibliche Mitglieder des aufstrebenden municipalen Bürgertums angehörten.

Spätrömisch-frühbyzantinische Epoche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die spätantike und frühbyzantinische Epoche Ulpianas ist von zwei verheerenden Ereignissen geprägt. Zum einen Handel es sich um die Gotenkriege zum anderen um verheerendes Erdbeben. Mit beiden Ereignissen gingen schwere Zerstörungen einher. Die im Folgenden beschriebenen Anlagen können mit einem umfänglichen Wiederaufbauprogramm des Kaisers Justinian in Verbindung gebracht werden.[6]

Stadtanlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Östlich des kaiserzeitlichen municipiums Ulpiana mit 16,5 ha deutlich kleinere Anlage Bedem. Das rechteckige Areal war von von einer fast 3 m breiten Befestigungsmauer aus wiederverwendeten Bruchsteinen und Spolien umgeben.[7] Verstärkt wurde die Wehrmauer zusätzlich durch rund 44 regelmäßig angeordnete halbkreisförmige und fünfeckige Türme. Mittels geophysikalischer Prospektionen konnten verschiedene Gebäude im Inneren nachgewiesen und durch Sondagegrabungen in die frühbyzantinische Epoche datiert werden. Aufgrund der Größe sowie der erkennbaren Innenbeaung handelt es sich sicherlich nicht ausschließlich um eine Militärgarnison. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei der Neu gegründeten Anlage um eine frühbyzantinische Modellstadt, welche die iustinianischen Schwesterstadt Iustiniana Prima (Čaričin Grad, Serbien) zum Vorbild hatte, und den Namen Iustiniana Secunda trug.

Basilika und Quadriburgium[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die frühchristliche Basilika von Ulpiana (Kosovo) während der Freilegung.

Immer noch das religiöse Zentrum, wenn auch in veränderter Form, bildet der Bereich südlich des Nordtores. Über dem mittelkaiserzeitlichen Tempel wird in der Spätantike eine frühchristliche Basilika errichtet, welche möglicherweise den beiden Märtyrern Florus und Laurus gewidmet war. Eine dritte bauliche Veränderung datiert in die byzantinische Epoche. Der Zentralbau wird mit einer Umwehrung mit Ecktürmen umgeben. Die Errichtung eines solchen Quadriburgium mit runden Ecktürmen unterstreicht die steigende Bedeutung des Märtyrerkultes.

Baptisterium[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein weiterer Sakralbau wurde bereits 2011 mit Hilfe 3D-tomographischer Geoelektrikmessungen untersucht. Der im westlichen Stadtgebiet gelegene Zentralbau mit acht halbrunden Konchen kann als Baptisterium angesprochen werden. In Zusammenhang mit anschließenden Portiken und Hallenbauten deutet sich hier ein episkopaler Bezirk an.

Umland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Besonderem Interesse für die Entstehung, sowie den Reichtum Ulpianas düften die reichen im Hinterland gelegenen (Edel)Metall vorkommen gewesen sein. Neben den bereits erwähnten Bergwerksmünzen geben vor allem Mundlöcher und ausgedehnte Abraumhalden Auskunft über Abbau und Verhüttung der Erze. Diese standen im Oktober 2012 im Fokus eines montanarchäologisches Surveys.

Montanarchäologisches Survey im Hinterland Ulpianas (Kosovo).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • S. Dušanić, Aspects of Roman Mining in Noricum, Pannonia, Dalmatia and Moesia Superior. ANRW II 6 (Berlin 1977) 52–94.
  • S. Fidanovski, Rimska keramika Ulpijane (Belgrad 1990).
  • E. Hoxhaj: Die frühchristliche dardanische Stadt Ulpiana und ihr Verhältnis zu Rom. In: Dardanica 8, 7, 1999, S. 21-33 Digitalisat (PDF; 190 kB).
  • M. Parović-Pešikan, Neka Zapažanja o urbanom razvoju Ulpijane. Ispitivanje ulica [Some observations of the development of Ulpiana. Research of the street]. Лихнид 7, 1989, 117–132.
  • F. Teichner, ULPIANA – IUSTINIANA SECUNDA (KOSOVO): DAS URBANE ZENTRUM DES DARDANISCHEN BERGBAUBEZIRKS. EPHEMERIS NAPOCENSIS XXV, 2015, S. 81–93 academia.edu.
  • F. Teichner, Ulpiana/Iustiniana Secunda (Kosovo) – Die Arbeiten des Jahres 2012 (e Bericht 2016) academia.edu.
  • B. Woytek: Die Metalla-Prägungen des Kaisers Traian und seiner Nachfolger. Num. Zeitschr. 111/112, 2004, S. 35–68.
  • B. Woytek: Die Metalla-Prägungen des Kaisers Traian und seiner Nachfolger. Supplementum. Mitt. Österr. Num. Gesell. 44 (4), 2004, S. 134–139.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Teichner 2015, 88.
  2. Hoxhaj 2001/2002.
  3. PAROVIĆ-PEŠIKAN 1989 – FIDANOVSKI 1990.
  4. Fotos der Ausgrabungsstätte, Zustand 2005
  5. HD057543
  6. Procopius, De aedificiis IV 1, 29–30.
  7. Teichner 2015, 86.

Koordinaten: 42° 36′ N, 21° 11′ O