Ultraorthodoxes Judentum

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das ultraorthodoxe bzw. charedische Judentum (hebr. יַהֲדוּת חֲרֵדִית jahadut charedit) ist die theologisch und sozial konservativste Richtung innerhalb des Judentums.

Fremd- und Selbstbezeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die in nichtjüdischen Medien gängige Bezeichnung „ultraorthodox“ wird von den Anhängern selbst zumeist abgelehnt; sie bezeichnen sich als „streng orthodox“ oder „charedisch“. Die im Hebräischen gebräuchliche Bezeichnung für einen Anhänger dieser Richtung ist ebenfalls Charedi (חֲרֵדִי, Mehrzahl Charedim חֲרֵדִים (im Englischen auch: Haredim), von charada חֲרָדָה „Furcht“, deutsch etwa „Gottesfürchtiger“).

Geschichte und Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chassidische Knaben, Polen, Postkarte ca. 1915

Das ultraorthodoxe Judentum entstand im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die jüdische Aufklärung und die Emanzipationsbestrebungen der Juden in Mittel- und Osteuropa.

Ultraorthodoxe Juden gibt es sowohl unter den aschkenasischen wie unter den sephardischen Juden, Letztere machen jedoch nur rund 20 Prozent aus.[1] Die aschkenasischen ultraorthodoxen Juden teilen sich in chassidische und litauisch-jeschiwische, auch Mitnagdim genannte Gruppen. Äußerlich an ihrem Kleidungsstil erkennbar, unterscheiden sie sich von den übrigen orthodoxen Juden, die oft als „modern orthodox“ bezeichnet werden, dadurch, dass sie weltlichem Wissen ablehnend gegenüberstehen und ein streng reguliertes, meist auf ein rabbinisches Oberhaupt ausgerichtetes Leben abseits der Mainstream-Gesellschaft, sowohl der jüdischen wie nichtjüdischen, führen.[2]

Die Zahl der ultraorthodoxen Juden wird weltweit auf ca. 1,3 bis 1,5 Millionen geschätzt. Davon lebt der größte Teil, ca. 700.000, in Israel. In den USA und Kanada leben etwa 500.000 ultraorthodoxe Juden,[3] in Europa gibt es im Vereinigten Königreich, in Frankreich, Belgien, Österreich und der Schweiz größere ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaften, die größte davon in England, wo im Jahr 2007 rund 46.500 ultraorthodoxe Juden lebten.[4]

Zentren des ultraorthodoxen Judentums befinden sich unter anderem in New York, besonders in Brooklyn, in London, Manchester und Gateshead, in Antwerpen, in Straßburg, in Wien und in Zürich.

Die Charedim in Israel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ultraorthodoxe jüdische Männer beim Einkauf, Bnei Brak 2010

In Israel machen die Charedim etwa 10 Prozent der Bevölkerung aus.[5] Allerdings verlässt seit den 2010er Jahren eine wachsende Zahl junger Erwachsener, sogenannte „XOs“ (Ex-Orthodoxe), die ultraorthodoxen Gemeinden, nicht zuletzt weil die bisherige Abschottung der Charedim von der säkularen israelischen Gesellschaft sich in Zeiten des Internet nicht mehr wie gewohnt durchsetzen lässt.[5] Die meisten charedischen Einwohner hat Jerusalem, dort prägen sie ganze Stadtviertel, wie etwa Me'a Sche'arim. Auch die Städte Bnei Brak und Bet Schemesch gehören zu den Orten mit großer ultraorthodoxer Bevölkerung. Manche Charedim leben auch in Siedlungen in der Westbank, so etwa in Betar Illit und Modi’in Illit.[6]

In Israel gehen rund 60 bis 70 Prozent der charedischen jüdischen Männer keiner Arbeit nach, sondern verbringen ihre Zeit ausschließlich in religiösen Lehranstalten (Jeschiwot) mit dem Studium religiöser Schriften. Sie werden manchmal vom Staat finanziell unterstützt und waren bis 2014 vom obligatorischen Militärdienst befreit. Am 12. März 2014 beschloss die Knesset die Aufhebung der in der Bevölkerung als ungerecht wahrgenommenen Befreiung vom Militärdienst, da die Zahl der ultraorthodoxen Juden in den Jahren zuvor stark gewachsen war. Diese Entscheidung wurde jedoch 2015 wieder aufgehoben, so dass Ultraorthodoxe auch weiterhin keinen Militärdienst leisten müssen.[7]

Manchmal sind die Frauen berufstätig, die mitunter eine bessere Berufsausbildung haben als die theologische Studien betreibenden Männer. In der Regel heiraten sie im Alter von 18 bis 20 Jahren und haben im Durchschnitt sieben Kinder. Etwa 60 Prozent der ultraorthodoxen Familien in Israel leben in Armut.[8]

In seiner Haltung zum Staat Israel ist das ultraorthodoxe Judentum, sowohl in Israel wie außerhalb, gespalten. Manche Gruppierungen lehnen den Staat Israel in seiner heutigen Form ab, da ihrer Ansicht nach nur der Messias einen jüdischen Staat wiedererrichten darf; hierzu gehören u. a. Neturei Karta und die in der Organisation Edah HaChareidis zusammengeschlossenen Gruppen. Andere beteiligen sich trotz ihrer Ablehnung des Zionismus aktiv an der israelischen Politik; Beispiele hierfür sind Agudat Jisra’el und Degel haTora als Vertretung ultraorthodoxer Aschkenasim. Eine dritte Gruppe, besonders sephardische Juden, die von der Partei Schas vertreten werden, befürwortet den Zionismus.

In Israel haben ultraorthodoxe Gruppierungen und Parteien, sowohl zionistische wie nicht-zionistische, seit der Staatsgründung einen bedeutenden politischen Einfluss, da ohne ihre Unterstützung oft keine Regierungsmehrheiten zustandekommen.[9] Einen ebenfalls großen Einfluss auf die israelische Gesellschaft übt das Oberrabbinat aus, dem zwei Oberrabbiner, ein aschkenasischer und ein sephardischer, vorstehen.

Es gibt Überlegungen des israelischen Staates, eine von nichtjüdischen Zeitungen als ultraorthodox bezeichnete Gruppe, Lev Tahor, zu verbieten, da es Gerüchte über Zwangsheiraten in dieser Gruppe gibt.[10]

Die Einhaltung des Sabbat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für ultraorthodoxe Juden (wie für alle orthodoxen Juden) ist der Sabbat eines der wichtigsten Ereignisse. Die Einhaltung des Sabbat ist so wichtig, dass gesagt wird: „Der Sabbat wiegt alle Gebote auf, wer den Sabbat vorschriftsmäßig hält, hat damit gleichsam die ganze Thora anerkannt; und wer ihn entweiht, ist, als ob er die ganze Thora abgeleugnet hätte.“[11] Dabei sind insbesondere die Sabbat-Regeln von besonderer Bedeutung. Am Sabbat gibt es 39 verbotene Hauptarbeiten (alles planvolle zielgerichtete Tun, das mit dem Werktag verbunden ist, fällt unter dieses Verbot).[12] Eine Ausnahme ist zum Beispiel, wenn ein Menschenleben gefährdet ist. Um diese Regeln einhalten zu können, ohne auf Annehmlichkeiten verzichten zu müssen, werden gewisse Hilfsmittel erdacht, welche die Regeln nicht verletzen: Für diese Fälle gibt es Erleichterungen, etwa spezielle Lichtschalter, bei denen sich nicht direkt der Stromkreis schließt. Der Strom beginnt, durch das Kabel zu fließen, stoppt aber auf dem Weg für einige Sekunden. Damit ist das Drücken des Lichtschalters nicht die direkte Ursache für dieses Licht.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Steffen Hagemann: Für Volk, Land und Thora. Ultra-Orthodoxie und messianischer Fundamentalismus im Vergleich (= Schriftenreihe Politik und Kultur. 8). Schiler, Berlin 2006, ISBN 3-89930-154-4.
  • Israel Shahak, Norton Mezvinsky: Jewish Fundamentalism in Israel. Pluto Press, Revidierte 2. Auflage, London & Ann Arbor 2004. ISBN 0-7453-2091-0 (Hardcover); ISBN 0-7453-2090-2 (Paperback) [Der polnische KZ-Überlebende (Arbeitslager Poniatowa und KZ Bergen-Belsen) und israelische Biochemiker Israel Shahak sowie der jüdische US-Historiker Norton Mezvinsky setzen sich kritisch mit den Ultraorthodoxen in Israel auseinander.]
  • Michael Blume: Die Haredim: Geschichte und Erfolg des ultraorthodoxen Judentums. sciebooks Verlag, 2013. ISBN 978-3-95690-005-1 (eBook)
  • Joseph Berger: The Pious Ones: The World of Hasidim and Their Battle with America. [Chassidismus in den USA]. Harper Perennial, 2014. ISBN 978-0-06-212334-3 (Print); ISBN 978-0-06-212335-0 (eBook)
  • Peter Lintl: „Ultraorthodoxe Politik in Israel: Auf dem Weg zu einem religiösen Staat?“ In: Birk, Michaela; Hagemann, Steffen. The only Democracy? Zustand und Zukunft der israelischen Demokratie. S. 209–237. Aphorisma Berlin, 2013. ISBN 978-3-86575-039-6.
  • Yaakov Ariel: Ultraorthodoxie, in: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK), Band 6. Metzler, Stuttgart/Weimar 2015, S. 211–216.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ultraorthodoxes Judentum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Isabel Kershner: Israel’s Ultra-Orthodox Protest Schools Ruling. In: The New York Times. 17. Juni 2010
  2. Nathaniel Deutsch: The Forbidden Fork, the Cell Phone Holocaust, and Other Haredi Encounters with Technology. In: Contemporary Jewry. Jg. 29 (2009), Heft 1, S. 3–19 (DOI:10.1007/s12397-008-9002-7).
  3. „Majority of Jews will be Ultra-Orthodox by 2050“. Website der University of Manchester. 23. Juli 2007 (englisch)
  4. Britain’s Jewish population on the rise. In: The Daily Telegraph. 20. Mai 2008
  5. a b Daniela Segenreich: «Ich kann nicht zurück in die Sklaverei». Jahr für Jahr verlieren die ultrareligiösen Gemeinden in Israel mehr Mitglieder – schuld daran ist vor allem das Internet. In: Neue Zürcher Zeitung vom 26. Juli 2016, S. 35.
  6. Dan Ephron: Israel's Ultra-Orthodox Problem. The Daily Beast, Newsweek Magazine. 2. Januar 2012
  7. Ultraorthodoxe müssen doch nicht zum Militär. Artikel der Tagesschau Online, abgerufen am 24. November 2015
  8. Nati Tucker: BoI: Only 39% of Haredi men work. In: Haaretz. 21. September 2010
  9. Peter Lintl: Die Ultraorthodoxen, die Armee und warum sich nichts ändern wird. In: fokus-nahost.de
  10. Peter Münch: Israel streitet um ultraorthodoxe Sekte, Süddeutsche.de, 10. Oktober 2011.
  11. Schulchan Aruch, 404.
  12. Religiöse Grundlagen: Sabbat auf der Webseite „Jüdische Geschichte und Kultur“ des Lessing-Gymnasiums in Döbeln, abgerufen am 5. September 2016.
  13. Sara Weber: Judentum und Digitalisierung. Darf ich am Sabbat mit meinem Lautsprecher reden?, 20. Juli 2016.