Umlaufgeschwindigkeit (Geld)

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Die Umlaufgeschwindigkeit (auch Umschlagshäufigkeit) des Geldes ist die Häufigkeit, mit der die vorhandene Geldmenge innerhalb eines Jahres durchschnittlich umgesetzt wird. Die Umlaufgeschwindigkeit umfasst dabei sämtliche Zahlungsarten, wobei Barmittel relativ langsamer umlaufen als Sichtguthaben, die wesentlich häufiger für Zahlungen eingesetzt werden als das Bargeld – mit zunehmender Tendenz.

Die Umlaufgeschwindigkeit steht in einem engen Zusammenhang mit der für die Wirtschaftstätigkeit notwendigen Geldmenge und spielt daher eine wichtige Rolle in der Quantitätstheorie.

Mikroökonomisches Beispiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Betrachten wir eine kleine Volkswirtschaft bestehend aus einem Bauern, einem Sägewerk und einem Mechaniker, die zusammen eine Geldmenge von 200€ besitzen. Der Mechaniker möchte sich ein Regal bauen, und der Bauer möchte seinen defekten Traktor reparieren lassen. Es ergeben sich innerhalb eines Jahres folgende Transaktionen:

Umsatz Bauer Sägewerk Mechaniker BIP
Geldmenge am Anfang 50 € 50 € 100 €
Bauer fällt einen Baum und verkauft ihn dem Sägewerk für 50 € 50 € 100 € 0 € 100 € 50 €
Das Sägewerk zersägt den Baum und verkauft die Bretter dem Mechaniker für 100 € 100 € 100 € 100 € 0 € 50 €
Mechaniker repariert Traktor für 100 € 100 € 0 € 100 € 100 € 100 €
Summen 250 € 200 €

In der Mikroökonomik kann die Umlaufgeschwindigkeit als bestimmt werden.

Die Umlaufgeschwindigkeit beträgt also in diesem Beispiel . Das Geld läuft also mehr als einmal um pro Jahr.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt in diesem Beispiel nur 200 €, da in den Brettern für 100 € schon die Vorleistung des Baumes (50 €) enthalten ist und daher nur 50 € Wertschöpfung durch das Sägewerk stattfand. Diese Beobachtung ist wichtig für die Beurteilung der makroökonomischen Berechnungsmöglichkeiten der Umlaufgeschwindigkeit.

Würde der Bauer seinen Baum selbst zu Brettern verarbeiten und diese direkt an den Mechaniker verkaufen, betrüge der Gesamtumsatz nur 200 € und damit die Umlaufgeschwindigkeit nur . Daran sieht man, dass eine höhere Fertigungstiefe die Umlaufgeschwindigkeit reduziert.

Makroökonomische Sicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter der Umlaufgeschwindigkeit versteht man das Verhältnis der gesamtwirtschaftlichen Summe aller in Geld bewerteten realen Transaktionen (Käufe) oder einer gesamtwirtschaftlichen Einkommensgröße zum gesamtwirtschaftlichen Geldbestand. Die Umlaufgeschwindigkeit ist der Kehrwert des Kassenhaltungskoeffizienten, d. h. der durchschnittlichen Haltedauer des Geldes.

Heute betrachtet man meist eine vereinfachte Form der Umlaufgeschwindigkeit, die Einkommensumlaufgeschwindigkeit, bei der eine gesamtwirtschaftliche Einkommensgröße – wie insbesondere das nominale Bruttoinlandsprodukt – auf die Geldmenge bezogen wird.[1] Da es verschiedene Konzepte der gesamtwirtschaftlichen Geldmenge gibt, unterscheiden sich die verschiedenen Formen der Umlaufgeschwindigkeit auch nach dem benutzten Maß für die Geldmenge.

Mit als Abkürzung für das nominale Bruttoinlandsprodukt, , und für die verschiedenen Arten der Geldmenge und mit , und für die zugeordneten Umlaufgeschwindigkeiten gilt jeweils

Die Einkommensumlaufgeschwindigkeit vernachlässigt folgende Gesichtspunkte:

  • Transaktionen mit Vermögenswerten, z. B. Kauf von Wertpapieren und Immobilien, sind nicht Teil des Bruttoinlandsproduktes, können aber mehr als die Hälfte der Geldmenge benötigen[2]. In Volkswirtschaften mit einem hohen Anteil an Vermögenstransaktionen ist das Maß der Einkommensumlaufgeschwindigkeit erheblich niedriger als die tatsächliche Umlaufgeschwindigkeit des Geldes.
  • Das Bruttoinlandsprodukt misst nur den Wert der Endprodukte, nicht aber den Wert der entlang der Wertschöpfungskette umgesetzten Zwischenprodukte. Bei geringer Fertigungstiefe werden auch viele Zwischenprodukte auf dem Weg zum Endprodukt gehandelt, was eine höhere Anzahl an Transaktionen zur Folge hat und damit die Umlaufgeschwindigkeit erhöht.
  • Relevant für das Bruttoinlandsprodukt ist nur eine Teilmenge des Geldes, die Transaktionskasse. Die Spekulationskasse dient der Wertaufbewahrung und dem Sparen und ist nur selten am Inlandsprodukt beteiligt. Wenn also ein hoher Anteil des Geldes gehortet wird, ergibt sich ein niedriger Wert für die wie oben berechnete Einkommensumlaufgeschwindigkeit. Ohne eine klare Trennung der Geldmenge nach ihrer Verwendung ist es schwer zu sagen, ob die Geldmenge der Wirtschaftstätigkeit angemessen ist. Ein niedriger Wert für die Einkommensumlaufgeschwindigkeit kann darauf hindeuten, dass ein großer Teil der Geldmenge gehortet wird.

Beobachtungen und Theorien über die Umlaufgeschwindigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Umstritten ist die Frage, welchen langfristigen Trend die Einkommensumlaufgeschwindigkeit des Geldes zeigt. Die Beantwortung dieser Frage hängt unter anderem von dem gewählten Geldmengenkonzept ab. In vielen entwickelten Volkswirtschaften zeigt heute einen fallenden Trend, für einzelne Nationen (etwa Großbritannien) gab es aber früher Perioden längerfristiger Stabilität. Für wurde für eine Reihe von OECD-Ländern ein langfristig U-förmiger Verlauf nachgewiesen. zeigt teilweise einen steigenden Trend.

Die Art der Bestimmung und die jeweils daraus folgende Umlaufgeschwindigkeit sind Gegenstand von Kontroversen zwischen verschiedenen Wirtschaftstheorien. Da angenommen wird, dass Zahlungsgewohnheiten (z. B. Löhne, Gehälter, Steuern) keinen kurzfristigen Schwankungen unterliegen, neigen Anhänger der Quantitätstheorie dazu, zu glauben, dass die Umlaufgeschwindigkeit technologisch bestimmt und stabil ist, solange weder Inflation noch Deflation zu erwarten sind und dass derartige Erwartungen nicht entstehen, solange keine Anzeichen erkennbar sind, dass sich das allgemeine Preisniveau ändert.

Real ist in Deutschland ein langfristiger Abwärtstrend zu verzeichnen:[3] Der Wert von fiel von 2,5 im Jahr 1970 auf ~1,2 im Jahr 2010[2] bzw. im Schnitt 0,5 % bis 1 % pro Jahr.[4] Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass die in Umlauf befindliche Geldmenge jährlich stärker steigt als das Bruttoinlandsprodukt.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ludwig von Mises sagte: „The main deficiency of the velocity of circulation concept is that it does not start from the actions of individuals but looks at the problem from the angle of the whole economic system. This concept in itself is a vicious mode of approaching the problem of prices and purchasing power. It is assumed that, other things being equal, prices must change in proportion to the changes occurring in the total supply of money available. This is not true.“ – „Das Hauptproblem des Konzepts der Umlaufgeschwindigkeit ist, dass es nicht bei individuellen Handlungen beginnt, sondern das Problem aus Sicht des gesamten ökonomischen Systems betrachtet. Dieses Konzept selbst ist eine teuflische Art, sich dem Problem der Preise und Kaufkraft zu nähern. Es wird angenommen, dass sich Preise entsprechend der Gesamtgeldmenge verhalten, wenn anderes gleich bleibt. Das ist nicht wahr.“ [5]

Knut Wicksell stimmt den Erklärungen der Quantitätstheorie zu, hält diese jedoch durch die Kritik ihrer Voraussetzungen für angreifbar. Er bezweifelt die Konstanz der Umlaufgeschwindigkeit bzw. der Kassenhaltungsdauer, als eine der „luftigsten und am wenigsten greifbaren Faktoren der Volkswirtschaft“. Er kritisiert außerdem den quantitätstheoretischen Geldbegriff, da Edelmetalle und Münzen im Zahlungsverkehr durch Banknoten, Wechsel oder Schecks austauschbar seien. Dadurch verkomme die Geldmenge zu einer endogenen Größe. Außerdem könne ein Anstieg der Edelmetallmenge, einen Rückgang des Wechselumlaufs bewirken, sodass die Geldmenge gleich bliebe. Auch bezweifelt er, dass der Realkassenbestand das Ausgabeverhalten der Wirtschaftssubjekte maßgeblich beeinflusst.[6]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Deutsche Bundesbank: Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Abgerufen am 2. Oktober 2016.
  2. a b Statistisches Bundesamt, zitiert nach Thomas von der Vring: Geldmenge und Geldpolitik – Kritische Anmerkungen zu den gängigen Interpretationen, 2012
  3. Deutsche Bank Research, 1999
  4. Wolfgang Eichmann: Sinkt die Geldumlaufgeschwindigkeit? In: Wirtschaftsdienst. Bd. 82, Nr. 2, 2002, S. 99–101, (Digitalisat (PDF; 282 KB)).
  5. Ludwig von Mises: Human Action (New Haven: Yale University Press, 1949) und The Theory of Money and Credit (London: Jonathan Cape, Limited, 1934, and New Haven: Yale University Press, 1953).
  6. Knut Wicksell: Geldzins und Güterpreise. 1898, zitiert nach Felderer, Homburg: Makroökonomik und neue Makroökonomik, 9. Auflage, Springer, 2005, S. 82