Umstrittene Gebiete des Nordiraks

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  • Offizielle Grenzen der Autonomen Region Kurdistan gemäß Manifest von 1970
  • Nicht anerkannte annektierte Gebiete unter kurdischer Kontrolle
  • Von der kurdischen Regionalregierung beanspruchte Gebiete
  • Rest des Irak
  • Die umstrittenen Gebiete des Nordiraks sind Regionen im Irak, deren verwaltungsrechtliche Zuordnung zwischen Bagdad und der kurdischen Regionalregierung umstritten ist. Betroffen sind vor allem die Ninawa- und die Kirkuk-Provinz sowie kleine Teile der Provinzen Salah ad-Din und Diyala. Artikel 140 der irakischen Verfassung sieht eine Volksabstimmung der dort lebenden Bevölkerung zu diese Frage vor. Die Gebiete werden sowohl von der Autonomen Region Kurdistan als auch von der irakischen Zentralregierung beansprucht.[1][2][3][4] Die Entscheidung sollte spätestens zum 31. Dezember 2007 erfolgen.[5][6] Zu dieser Abstimmung kam es jedoch nie.[7][8]

    Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Seit dem Sturz Saddam Husseins 2003 wurden die Gebiete von Kurden kontrolliert.[9][10] 2014 hatte der Islamische Staat weite Teile der umstrittenen Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht.[11][12] Seit 2017 werden die Gebiete von der irakischen Armee kontrolliert.[13]

    Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Siedlungsgebiete der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der irakischen Provinz Ninawa

    Zu den Bevölkerungsgruppen der umstrittenen Gebiete des Nordiraks zählen Kurden, Araber und die Minderheiten im Irak wie Turkmenen, Assyrer, Jesiden und Schabak.

    Gebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    In der Ninawa Provinz ist der Distrikt Sindschar, der Distrikt Tal Afar, der Distrikt Akrê, sowie in der Ninive-Ebene liegende Distrikte Schaichān, al-Hamdaniya und Tel Kaif betroffen. In diesen Gegenden befinden sich zahlreiche Städte und Dörfer von Minderheiten wie beispielsweise die assyrischen Dörfer Alqosh und Bartella und die jesidischen Dörfer Baschiqa und Bahzani. In der Provinz Kirkuk in der ein besonderes Vorkommen von Erdöl besteht und in der ein Großteil der Turkmenen lebt, sind die Distrikte al-Hawidscha (Hawija), Daquq, Kirkuk und ad-Dibis betroffen.

    Die assyrische Stadt Baghdeda in der Ninive-Ebene

    Das Dahuk Gouvernement in der Autonomen Region Kurdistan besteht offiziell aus vier Distrikten: Dohuk, Amediye, Zaxo und Semile.[14][15] Die Distrikte Shekhan und Akrê des Gouvernement Ninawa sowie ein neu erstellter Distrikt namens Bardarash und Teile der Distrikte Tel Kaif und al-Hamdaniya wurden dem Dahuk Gouvernement angeschlossen.[15][16] (Siehe Karten) Diese Gebiete befinden sich auf umstrittenes Territorium und gehören offiziell zum Gouvernement Ninawa.

    Karte des Dahuk Gouvernement (dunkelrot offizielles Gebiet, hellrot umstrittenes Gebiet)
    Karte des Dahuk Gouvernement mit den offiziellen vier Distrikten: Dohuk, Amediye, Zaxo, Semile und die drei angeschlossenen Distrikte: Shekhan, Akrê und Bardarash
    Karte des Gouvernement Ninawa mit den Distrikten: Shekhan, Akrê, Tel Kaif, al-Hamdaniya, al-Ba‘adsch, Hatra, Mossul, Sindschar und Tal Afar

    Im Erbil Gouvernement wurde der Distrikt Machmur neu hinzugefügt, obwohl der Distrikt ursprünglich zum Gouvernement Ninawa gehörte und von Mossul verwaltet wurde.[17][18][19] Heute hat Mossul keine Verwaltung mehr über Machmur. Der Distrikt gehört de facto zur Autonomen Region Kurdistan und wurde vom Ninawa Gouvernement getrennt. Auch dieses Gebiet befindet sich auf umstrittenes Territorium.

    Karte des Erbil Gouvernement (dunkelrot offizielles Gebiet, hellrot umstrittenes Gebiet)
    Distrikte des Erbil Gouvernement mit dem umstrittenen und neu hinzugefügten Distrikt Machmur

    Im Sulaimaniyya Gouvernement wurden die Distrikte Khanaqin und Kifri neu hinzugefügt, obwohl die Distrikte offiziell zum Gouvernement Diyala gehören.[20]

    Karte des Sulaymaniyyah Gouvernement (dunkelrot offizielles Gebiet, hellrot umstrittenes Gebiet)
    Distrikte des Sulaymaniyyah Gouvernement mit den umstrittenen und neu hinzugefügten Distrikten Khanaqin und Kifri
    Karte des Gouvernement Diyala mit den Distrikten: Kifri, Khanaqin, al-Khalis, al-Muqdadiyya, Baquba und Baladruz

    Das Kirkuk Gouvernement gehört offiziell nicht zur Autonomen Region Kurdistan, wird aber von den Kurden beansprucht. Von 1976 bis 2006 hieß das Gouvernement at-Taʾmīm.

    Karte des Kirkuk Gouvernement in den umstrittenen Gebieten des Nordiraks
    Karte des Kirkuk Gouvernement mit den Distrikten al-Hawidscha (Hawija), Daquq, Kirkuk und ad-Dibis

    Im Salah ad-Din Gouvernement, welches offiziell zur irakischen Zentralregierung gehört, ist hauptsächlich der Distrikt Tuz (auch Tooz) betroffen.[21][22][23] Das Distrikt ist multi-ethnisch. In der Stadt Tuz Khurmatu leben Turkmenen, Araber, Kurden und Assyrer.

    Karte des Salah ad-Din Gouvernement
    Karte des Salah ad-Din Gouvernement mit den Distrikten Ad-Dawr, Al-Faris, Asch, Schirqat, Baidschi, Balad, Samarra, Tikrit und Tuz

    Selbstverwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Die Minderheiten im Irak, denen laut der irakischen Verfassung besondere Rechte zustehen[24], bestehen größtenteils darauf diese Gebiete selbst zu verwalten und haben teilweise eigene Streitkräfte (auch als Milizen bekannt) wie beispielsweise die Turkmen Brigades (Turkmenische Miliz), Nineveh Plain Protection Units (Assyrische Miliz) und die Hêza Parastina Êzîdxan (Jesidische Miliz) gegründet.[25][26] Die Minderheiten fühlen sich von den irakischen und kurdischen Streitkräften im Stich gelassen.[27][28] Als der IS 2014 in diese Gebiete einmarschierte, flüchteten die irakische Armee und die kurdischen Peschmerga aus diesen Gebieten.[29][30][31] Einige Bewohner streben trotzdem die Angliederung an die irakische Zentralregierung oder an die Autonome Region Kurdistan an. Die größte Mehrheit der Minderheiten hat aber ihre eigenen Vorstellungen von der Zukunft der Gebiete und streben teilweise sogar eigene Autonomieverwaltungen an.[4] Die Turkmenen bezeichnen ihre Siedlungsgebiete als „Türkmeneli“ (Land der Turkmenen), die Jesiden bezeichnen ihre Siedlungsgebiete als „Ezidikhan“ (Land der Jesiden) und die Assyrer bezeichnen ihre Siedlungsgebiete als „Assyrien“. Die Minderheiten haben auch eigene Parteien gegründet, die im irakischen Parlament tätig sind und ihre Interessen vertreten, wie beispielsweise die Turkmenenfront des Irak, die Jesidische Bewegung für Reform und Fortschritt oder die Assyrische Demokratische Bewegung.

    Assimilation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Laut einem Bericht der nicht-staatlichen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch werden die Bewohner der umstrittenen Gebiete teilweise gezwungen, sich als Kurden zu identifizieren und sich für die Angliederung an die Autonome Region Kurdistan zu entscheiden.[9] Das Außenministerium der Vereinigten Staaten berichtet darüber, dass die Schulen der Minderheiten in diesen Gebieten gezwungen werden, in der kurdischen Sprache zu unterrichten.[32]

    Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

    1. Sean Kane: Iraqs disputed territories. In: PeaceWorks. United States Institute of Peace, 2011, abgerufen am 13. Oktober 2018 (englisch).
    2. Infographic: Control Over Iraq's Disputed Territories. Abgerufen am 13. Oktober 2018 (englisch).
    3. Iraqi Kurds 'withdraw to 2014 lines'. In: BBC News. 18. Oktober 2017 (bbc.com [abgerufen am 13. Oktober 2018]).
    4. a b Christen und Jesiden im Irak: Aktuelle Lage und Perspektiven. In: Konrad-Adenauer-Stiftung. Abgerufen am 13. Oktober 2018.
    5. Brendan O'Leary: How to Get Out of Iraq with Integrity. University of Pennsylvania Press, 2011, ISBN 0-8122-0608-8 (google.de [abgerufen am 21. Oktober 2018]).
    6. Benjamin Isakhan: Legacy of Iraq: From the 2003 War to the 'Islamic State'. Edinburgh University Press, 2015, ISBN 978-1-4744-0500-3 (google.de [abgerufen am 21. Oktober 2018]).
    7. Mohammed M. A. Ahmed: Iraqi Kurds and Nation-Building. Springer, 2016, ISBN 978-1-137-03408-3 (google.de [abgerufen am 21. Oktober 2018]).
    8. Insight Turkey 2017 - Summer 2017 (Vol. 19, No.4): Reclaiming the Region: Russia, the West and the Middle East. SET Vakfı İktisadi İşletmesi (google.de [abgerufen am 21. Oktober 2018]).
    9. a b On Vulnerable Ground. In: Human Rights Watch. November 2009, abgerufen am 13. Oktober 2018 (englisch).
    10. Sergio Peçanha: How the Kurdish Quest for Independence in Iraq Backfired. (nytimes.com [abgerufen am 13. Oktober 2018]).
    11. Rikar Hussein: Islamic State Regrouping in Iraqi, Kurdish Disputed Territories. In: VOA. (voanews.com [abgerufen am 13. Oktober 2018]).
    12. Rikar Hussein: IS Terror Group Surges in Iraq's Disputed Territories. In: VOA. (voanews.com [abgerufen am 13. Oktober 2018]).
    13. Iraks Oberstes Gericht: Kurdenreferendum war verfassungswidrig - derStandard.at. Abgerufen am 19. Oktober 2018.
    14. Dohuk Governorate Profile. (PDF) Abgerufen am 13. Januar 2019 (englisch).
    15. a b Dohuk Governorate Profile Overview. (PDF) Abgerufen am 13. Januar 2019 (englisch).
    16. GOVERNORATE ASSESSMENT REPORT DAHUK GOVERNORATE. (PDF) In: UNHCR. September 2007, abgerufen am 13. Januar 2019 (englisch).
    17. Cengiz Gunes: The Kurds in a New Middle East: The Changing Geopolitics of a Regional Conflict. Springer, 2018, ISBN 978-3-03000539-9 (google.de [abgerufen am 15. Januar 2019]).
    18. Hania Mufti: Iraq: Forcible Expulsion of Ethnic Minorities. Human Rights Watch, 2003 (google.de [abgerufen am 15. Januar 2019]).
    19. Kenneth Katzman: Kurds in Post-Saddam Iraq. DIANE Publishing, 2010, ISBN 978-1-4379-3805-0 (google.de [abgerufen am 15. Januar 2019]).
    20. Sebastian Maisel: The Kurds: An Encyclopedia of Life, Culture, and Society. ABC-CLIO, 2018, ISBN 978-1-4408-4257-3 (google.de [abgerufen am 16. Januar 2019]).
    21. Welance com-a Freelancers Collective: Iraq after ISIL: An Analysis of Local, Hybrid, and Sub-State Security Forces. Abgerufen am 18. Januar 2019 (amerikanisches Englisch).
    22. Iraq: Fighting in Disputed Territories Kills Civilians - Iraq. Abgerufen am 18. Januar 2019 (englisch).
    23. Kurdish militant group re-emerges in northern Iraq under new name. 14. Dezember 2017, abgerufen am 18. Januar 2019 (englisch).
    24. Die Lage jesidischer Schutzsuchender. Deutscher Bundestag, abgerufen am 13. Oktober 2018.
    25. María Ximena Rondón: Hoffnung für Kirche im Irak: Tausende Christen kehren in Ninive-Ebene zurück. (catholicnewsagency.com [abgerufen am 13. Oktober 2018]).
    26. Robert Tannenberg: Nordirak: Deutscher Jesiden-Kommandeur verhaftet. In: DIE WELT. 7. April 2015 (welt.de [abgerufen am 13. Oktober 2018]).
    27. Deutsche Welle (www.dw.com): Jesiden: "Sie haben uns im Stich gelassen" | DW | 08.08.2015. Abgerufen am 13. Oktober 2018.
    28. Aachener Nachrichten: Erbil: Die Christen im Irak fühlen sich im Stich gelassen. Abgerufen am 13. Oktober 2018.
    29. Reuters Editorial: Irakische Armee flieht aus Kirkuk - Kurdische Truppen übernehmen. In: DE. (reuters.com [abgerufen am 13. Oktober 2018]).
    30. SPIEGEL ONLINE, Hamburg, Germany: Irak: Armee auf Flucht vor Isis aus Mossul nach Arbil - SPIEGEL ONLINE. Abgerufen am 13. Oktober 2018.
    31. Elke Dangeleit: Nordirak: Christen und Eziden unter Druck. Abgerufen am 13. Oktober 2018 (deutsch).
    32. Iraq. In: U.S. Department of State. (state.gov [abgerufen am 13. Oktober 2018]).