Universität Straßburg

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Universität Straßburg
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Gründung 22. März 1538 (Gymnasium)
1. Juni 1566 (Akademie)
14. August 1621 (Universität)
1. Januar 2009 (Vereinigung)
Trägerschaft staatlich
Ort Straßburg, Frankreich
Präsident Alain Beretz
Studenten 41.740
Mitarbeiter 6.021
davon Professoren 2.477
Jahresetat 406.072.916 € (2009)
Website www.unistra.fr

Die Universität Straßburg (französisch Université de Strasbourg) ist die Universität der Stadt Straßburg im Elsass. Sie ging aus einem lutherischen Gymnasium hervor, das 1538 gegründet wurde. Im Jahr 1566 wurde das Gymnasium in eine Akademie umgewandelt und diese erhielt 1621 den Status einer Volluniversität. Bis zur Französischen Revolution 1789 war die Universität trotz französischer Herrschaft ab 1681 im Wesentlichen eine deutsch geprägte Hochschule. Danach wurde sie in das französische Hochschulsystem integriert. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 kam sie mit dem Elsass erneut unter deutsche Herrschaft, wurde als Kaiser-Wilhelm-Universität 1872 neu gegründet und erlebte in den folgenden Jahrzehnten einen erheblichen Ausbau. Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges ist sie wieder eine französische Hochschule (mit einem kurzen Intermezzo als Reichsuniversität Straßburg 1941–1944). Im Jahre 2009 zählte sie 42.000 Studenten.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alte Universität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gymnasium[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Straßburg hatte die lutherische Reformation schon frühzeitig Anhänger gefunden.[1] Straßburg war ein Zentrum des Buchdrucks und die Drucker standen den neuen Ideen aufgeschlossen gegenüber und trugen zu ihrer Verbreitung bei. 1529 schaffte der Rat der Stadt die Heilige Messe endgültig ab und 1530 bekannte sich die Stadt auf dem Reichstag zu Augsburg zum neuen Glauben in der Form des „Vierstädte-Bekenntnisses“. Eine andere geistige Strömung, die in Straßburg und am Oberrhein Fuß gefasst hatte, war der von Italien ausgehende Humanismus, der eine Wiederentdeckung antiker Traditionen und Werke mit sich brachte. Im nahen Schlettstadt bestand schon seit Jahren eine bedeutende Humanistenschule, die vor allem durch Jakob Wimpfeling geprägt war. Von 1514 bis 1529 lebte und wirkte Erasmus von Rotterdam im nicht weit entfernten Basel. Vertreter beider Geistesströmungen – Reformatoren und Humanisten – legten großen Wert auf Bildung. Die Reformatoren hoben die Bedeutung der individuellen Bibellektüre und Schriftauslegung hervor, und die Humanisten versuchten, die Schriften antiker, vorchristlicher Autoren publik zu machen. In vielen lutherisch gewordenen Territorien nahm das allgemeine Schulwesen einen großen Aufschwung.

Johannes Sturm – erster Rektor des Straßburger Gymnasiums

Auch in Straßburg fühlte man die Notwendigkeit, eine Schule zur höheren Bildung einzurichten. Seit dem Jahr 1528 gab es in der Stadt drei höhere Schulen, die von Alt St. Peter, mit den Unterrichtsfächern Griechisch, Latein, Musik und Religion, die im Karmelitenkonvent und die im Dominikanerkloster. Im höchsten Ansehen stand die letztgenannte, weil hier auch öffentliche Lektionen in Latein, Griechisch und Hebräisch stattfanden.[2] Der Stadtrat Jakob Sturm von Sturmeck und der Reformator Martin Bucer gründeten Anfang der 1530er Jahre eine höhere theologische Schule, die durch zahlreiche Zuwendungen und Stiftungen aus dem süddeutschen Raum finanziert wurde. An der Schule lehrten unter anderen Martin Bucer, Wolfgang Capito und Caspar Hedio. Da die drei oben genannten Schulen nicht immer die angestrebte Ausbildungsqualität gewährleisten konnten wurde im Jahr 1536 mit dem Einverständnis der drei Schulleiter (Scholarchen) Jakob Sturm von Sturmeck, Nicolaus Kniebs und Jacob Meier der Plan gefasst, die höheren Schulen von Straßburg zu einer gemeinsamen Institution, einem Gymnasium zusammenzuführen. Zum Rektor des künftigen Gymnasiums wurde Johannes Sturm erwählt, der darauf 1536, von der Universität Paris kommend in Straßburg eintraf. Im folgenden Jahr wurde über den künftigen Lehrplan der Schule beraten. In einer kleinen Schrift De litterarum ludis recte aperiendis („Über die rechte Eröffnung der Schulen“) legte Sturm seine Vorstellungen im Februar 1538 dar und der Rat der Stadt ermächtigte am 7. März 1538 die Scholarchen, die Schule nach diesen Vorstellungen einzurichten. Als Schulgebäude wurde das verlassene Dominikanerkloster (später: Kollegium zu St. Wilhelm, Collegium Wilhelmitanum) bestimmt und die offizielle Eröffnung der Schule erfolgte am 22. März 1538.[2] Den Kern der Lehrerschaft bildeten die Kanoniker von St. Thomas, wodurch die Schule von Anfang an einen konfessionellen (lutherischen) Charakter erhielt. Der Lehrplan sah im ersten Abschnitt (meist 10 Jahre) Unterricht in Grammatik, Rhetorik und Dialektik vor (das klassische Trivium). In zweiten Abschnitt (vier Jahre) folgten als Fächer Griechisch, Hebräisch, Logik, Ethik, Mathematik, Physik, Geschichte, Jurisprudenz, Theologie und Musik.[2]

Der Rektor Sturm kümmerte sich mit großer Sorgfalt um die Ausbildung seiner Schüler. Jedoch zeigte sich von Anbeginn an, dass insbesondere die Schulklassen des zweiten Lehrabschnitts, die von Sturm als besonders wertvoll geschätzt wurden, an einem chronischen Mangel an Schülern litten. Viele Schüler zogen es vor, anstelle des Besuchs dieser Schulklassen, lieber gleich in eine andere Stadt auf eine Universität zu gehen um dort einen echten akademischen Grad (z. B. Magister) zu erwerben. Im Rückblick beklagte sich Sturm 1566 „... dass die Schul nicht, wie uff Universitäten, die gerechtigkeit hatt, wie mans nennt, Studenten, Bacealaureos und Magistros zu machen, und solche gradus allererst uff andern hochen Schulen erholen und zuweg bringen“ müssen.[3].

Akademie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Akademiesiegel, wahrscheinlich von 1567
Frontispiz des Vorlesungs­verzeichnisses der Akademie Straßburg aus dem Jahr 1578 (Holzschnitt, unsigniert).[4] Der Aufstieg in die akademische Welt ist allegorisch als die Erstürmung einer Festung (Arx palladis, „Zitadelle der Gelehrsamkeit“) dargestellt. Außerhalb finden sich die Laster und Sünden (Furchtsamkeit, Ignoranz, Wollust, Arroganz, Vergnügungs­sucht, Faulheit, etc.). In den äußeren Festungsring (Baccalaureati) führen die drei Stufen des Trivium (Rhetorik, Dialektik, Grammatik). In den inneren Ring (Magistri) führen die Stufen Mathematik, Physik, Ethik. Im Inneren befinden sich die drei Türme Jurisprudenz, Medizin und Theologie. Bei letzterem sitzt eine Herrscherperson auf dem Thron mit der Fahne Gloria („Ruhm“).

Die führenden Lehrer des Gymnasiums stellten 1566 einen Antrag an die Stadt, die Schule nach Schulklassen aufzutrennen. Die ersten 8 Klassen sollten weiter als Partikularschule existieren. Die Absolventen der oberen Klassen sollten dagegen nicht mehr „Schüler“, sondern „Studenten“ genannt werden und nach dem erfolgreichen Abschluss die Grade eines Bakkalaureus und Magisters erwerben. Sturm hatte ursprünglich die Umwandlung der oberen Schulklassen in eine Volluniversität angestrebt, konnte sich hier aber nicht gegen die anderen Lehrer durchsetzen, so dass man sich auf die Einrichtung einer Akademie einigte. Auf dem Reichstag in Augsburg 1566 stellten die Vertreter der Stadt Straßburg einen Antrag auf die Erteilung eines kaiserlichen Privilegs zur Gründung einer Akademie. Nach Verhandlungen mit dem kaiserlichen Vizekanzler Ulrich Zasius und Zahlung einer Gebühr von 500 Gulden setzte Kaiser Maximilian II. am 1. Juni 1566 seine Unterschrift unter die entsprechende Urkunde.[2] Sturm legte in einem Memorandum genau seine Vorstellungen über die einzelnen Akademieämter dar. Über die Position des Rektors schrieb er:

„Es soll aber der Rector ein solcher man sein, der mit usswendiger fürtrefflicher lher und erfahrung der Sprachen, auch mit ernst und gravitet doch mit freundlichkeit nicht allein bei den Schülern, sondern auch bei den professoribus seine autoritet künne erhalten, und der nicht zugebe das einige barbaries durch böse gewonheitt und unduchtige Bucher in die schul einreisse, das nicht Aristoteles, Plato, Cicero, Demosthenes als die rechten ursprung und brunnen der Philosophen und wohlredenheit in die winkel geworffen und dagegen die newen gestimpelten und zusammengeraspelten Epitomici und newe scriptores hefurgezogen werden.“

Johannes Sturm: Memorandum nach Gründung der Akademie 1566[2]

Im Gegensatz zu den Vorstellungen Sturms blieb die neue Akademie allerdings immer noch mit den unteren Klassen des Gymnasiums organisatorisch verbunden.

Das Lehrjahr dauerte von Juni bis Mai, unterbrochen durch die Weinleseferien (Feriae vindemiales) im Oktober. Im April jeden Jahres fanden akademische Titelverleihungen (Baccalaureaten und Magister der Philosophie und freien Künste) statt.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde die Akademie von den Streitigkeiten um die lutherische Orthodoxie erfasst. Ab 1578 kam es zum Streit um die Konkordienformel. Der Akademie-Rektor Sturm hing weiterhin dem offeneren Bekenntnis nach der Prägung Martin Bucers an, während der Theologe Johannes Marbach einen lutherisch-orthodoxen Standpunkt einnahm. Marbach wurde in dem Streit durch Johannes Pappus unterstützt. Der Streit nahm zusehends persönliche Züge an und schließlich erreichten die Gegner Sturms, dass dieser von seinem Rektorenamt abgesetzt wurde. Sturm strengte daraufhin einen Prozess vor dem Hofgericht zu Speyer an, konnte aber bis zu seinem Tod 1589 nicht seine Wiedereinsetzung erreichen. Zum Nachfolger Sturms im Rektorenamt wurde Melchior Junius gewählt.[2]

Für die Akademie zeigte sich zunehmend das Problem, an dem auch schon ihr Vorgänger, das Gymnasium gelitten hatte. Viele Studenten der Akademie wechselten in andere Universitätsstädte um an den dortigen Universitäten eine Promotion zum Doktor der Theologie, Jurisprudenz oder Medizin durchzuführen, was an der Akademie nicht möglich war. Schließlich folgte der Rat der Stadt einer Bitte der Akademie-Professoren und reichte auf dem Reichstag zu Regensburg 1594 das Gesuch ein, dass die Akademie künftig das volle Promotionsrecht erhalten solle. Der streng römisch-katholische Kaiser Rudolph II. gewährte dieses Privileg teilweise auch, schloss dabei jedoch die lutherisch-theologische Fakultät davon aus. Aus Protest beschlossen die anderen Fakultäten, nicht von den ihnen neu gewährten Rechten Gebrauch zu machen. Nach längeren Verhandlungen erreichte die Stadt, dass Kaiser Ferdinand II. am 5. Februar 1621 das Privileg gewährte, die Akademie in eine Volluniversität umzuwandeln. Das Privileg war Teil eines größeren Verhandlungspakets, in dessen Rahmen sich die Stadt Straßburg zur Zahlung einer größeren Geldsumme, sowie zum Austritt aus der Protestantischen Union und zur Beendung der Unterstützung Friedrichs V. von der Pfalz verpflichtete. Im Gegenzug sagte Ferdinand zu, dass er die Privilegien Straßburgs erhalten und die Stadt nicht durch Garnisonen oder Truppendurchzüge beschweren werde. In einem feierlichen Akt in Anwesenheit von zahlreichen Gästen wurde die Universitätsgründung am 14. August 1621 offiziell begangen.[2]

Universität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1621 hatte Straßburg eine Volluniversität. Im Frieden von Münster 1648 nach dem Dreißigjährigen Krieg kamen Teile des Elsass unter französische Herrschaft. 1681 sah sich auch Straßburg gezwungen, sich den französischen Armeen zu ergeben. König Ludwig XIV. sicherte den Elsässern erhebliche Privilegien zu. Nicht nur durften sie ungehindert die deutsche Sprache verwenden, sondern sie erhielten auch Religionsfreiheit – und dies zu einer Zeit, als in Zentralfrankreich die Hugenotten heftig verfolgt und drangsaliert wurden. Letztlich wurde das Elsass wie eine Art deutsche Provinz des Königs von Frankreich behandelt. Die Stadt Straßburg erhielt ihre Privilegien weitgehend garantiert und die Verfassung der Universität blieb unangetastet. Die Studenten kamen weiterhin ganz überwiegend aus dem Reich. Einer der prominentesten war Johann Wolfgang von Goethe, der hier 1770/71 Rechtswissenschaft studierte, nachdem sein Vater befunden hatte, dass er in Leipzig zu viel Zeit in Auerbachs Keller verbrachte. Insbesondere in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nahm aber der kulturelle französische Einfluss in Straßburg und die katholische Einwohnerschaft in Straßburg allmählich zu. Im Jahr 1761 hatte die Universität 14 Ordinariate, je 3 für Theologie, Jurisprudenz und Medizin, sowie 5 für Philosophie. Bedeutende Universitätslehrer im 18. Jahrhundert waren der Historiker Johann Daniel Schöpflin und der Staatsrechtslehrer Christoph Wilhelm Koch. 1738 gründete die Universität die erste theoretische und praktische Schule für Geburtshilfe. 1773 wurde die Universitätssternwarte eröffnet. Zumindest zum Teil wohl bedingt durch die politische Abtrennung vom Reich rekrutierte die Universität ihr Personal stark aus dem heimischen Umfeld. Von der Universitätseröffnung 1621 bis zur Revolution 1789 waren von insgesamt 129 Professoren 105 Straßburger. Großer Beliebtheit erfreute sich die Straßburger Universität bei den Söhnen adeliger Familien aus ganz Europa. In den Jahren 1785–1787 waren von 125 adeligen Studenten 17 Deutsche, 16 Franzosen, 23 Engländer und Schotten, 3 Italiener, 11 Dänen und Schweden, 5 Kurländer und Polen, 14 Russen und Livländer (Deutsch-Balten).[2]

Die Vorlesungen fanden vor der Französischen Revolution noch in deutscher Sprache statt – und natürlich in lateinischer.

Von der Französischen Revolution bis 1871[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die großen politischen Umwälzungen, die im Rahmen der Französischen Revolution ab dem Jahr 1789 von Paris ausgingen, wurden von den Straßburgern und Elsässern anfangs vorsichtig abwartend beobachtet. Angesichts der politischen Veränderungen waren die elsässischen Honoratioren zunächst darauf bedacht, ihre althergebrachten Sonderrechte im Königreich nicht zu verlieren. Mit den fortschreitenden Ereignissen erreichte jedoch die Begeisterung für das Pathos und den Elan der Revolution auch das Elsass. Dadurch wurde die Existenz der ganzen Universität, die bei vielen Revolutionären im Ruf stand, eine Institution des Ancien régime zu sein, infrage gestellt. Die meisten Studenten verließen die Universität und ihre Zahl reduzierte sich zwischen 1788 und 1790 von 182 auf 73. Zwar bestätigte die französische Nationalversammlung im Dekret vom 26. September 1791 zunächst grundsätzlich die Weiterexistenz der alten Bildungseinrichtungen[5] jedoch wurde die Universität zur Zeit der jakobinischen Terrorherrschaft zu einem Hauptangriffspunkt. Mehrere Professoren wurden inhaftiert, darunter die Theologen Isaak Haffner und Johann Lorenz Blessig und der Philologe Jeremias Jakob Oberlin. Die Besitztümer der Stiftungen von St. Thomas wurden auf Anordnung der nach Straßburg entsandten Revolutionskommissare Louis Antoine de Saint-Just und Philippe-François-Joseph Le Bas konfisziert und die darunter befindlichen zahlreichen Edelmetallarbeiten (z. B. silberne Pokale) zum Zwecke der Finanzierung des Revolutionskrieges eingeschmolzen. Die aristokratische Universitätsverfassung und die ständische Autonomie der Stadt Straßburg entsprachen in keiner Weise den neuen Vorstellungen eines zentralistischen revolutionären Staatswesens, nach denen auch die alten Bindungen an das benachbarte Deutschland eliminiert werden sollten.[6] Im Mai 1794 erklärte der jakobinische Maire von Straßburg Pierre-François Monet, dass alle Anstrengungen unternommen werden müssten, um die „Hydra des Deutschtums“ aus der Stadt zu eliminieren („… detruire l’hydre du germanisme et toutes les institutions qui lui assurent encore une existence …“). Dies betraf vor allem die Universität, die Monet als „ein Schauspiel von Servilität und Deutschtum in einem freien und französischen Land“ charakterisierte („spectacle etonnant de servilité et de germanisme dans un pays français et libre“).[2][7] Angesichts der Pressionen stellte die Universität schließlich ganz ihren Lehrbetrieb ein.

Das Hôtel d’Académie in Straßburg im Jahr 1836 (Federzeichnung von L. A. Perrin). Das Gebäude war Sitz der Fakultät für Naturwissenschaften bis zum Umzug in das neu errichtete Gebäude des Physikalischen Instituts im Jahr 1882.

Nach dem Ende der terreur lebten die akademischen Traditionen langsam wieder auf.[2] Die ehemalige medizinische Fakultät wurde am 16. Frimaire des Jahres III (6. Dezember 1794) als medizinisch-chirurgische Spezialschule wieder eröffnet, da aufgrund der ständigen Kriegssituation ein großer Bedarf an Militärärzten bestand.[8] Am 15. Brumaire XII (7. November 1803) wurde eine protestantische Akademie (ab 1808 Seminaire protestant) in Straßburg feierlich eröffnet. Die Professorenschaft setzte sich größtenteils aus der ehemaligen theologischen Fakultät zusammen. Mit dem Gesetz vom 2. Germinal XII (23. März 1804) wurde die Einrichtung einer Rechtsschule in Straßburg und in 11 weiteren Städten Frankreichs angeordnet. Diese Rechtsschule nahm am 1. Juni 1806 ihren Lehrbetrieb auf. Später kamen eine Faculté des sciences und eine Faculté des lettres hinzu. Eine formale Neueröffnung der Universität fand jedoch nicht statt. An ihre Stelle trat die napoleonische Université de France, die zentralistisch gelenkte Organisation des höheren Unterrichtswesens, die das französische Universitätswesen fast das ganze 19. Jahrhundert prägte. Die neue Lehreinrichtung in Straßburg nannte sich danach Académie mit Fakultäten für Theologie, Medizin, Geisteswissenschaften, Recht und Pharmazie. Die alte universitäre Autonomie und der Zusammenhalt der einzelnen Fakultäten ging dadurch weitgehend verloren. Insgesamt führte diese Zentralisierung des Hochschulwesens dazu, dass sich die besten Köpfe des Landes konstant nach Paris orientierten, was der akademischen Entwicklung vor Ort nicht zuträglich war. Die bedeutendste Wissenschaftler-Persönlichkeit aus dieser Zeit war Louis Pasteur, der 1848 bis 1854 in Straßburg wirkte. Von Bedeutung war auch Charles Frédéric Gerhardt, gebürtiger Straßburger und Schüler Liebigs, der gemeinsam mit dem in Paris wirkenden Charles-Adolphe Würtz – ebenfalls Straßburger und Liebig-Schüler – die Theorie des Atomismus vertrat.[9]

Während der Zeit des Vormärz lebten viele deutsche Emigranten in Straßburg, da hier eine größere politische Freiheit herrschte. Georg Büchner begann in Straßburg 1831 sein Medizinstudium (und beendete es dort nach der Flucht aus Hessen-Darmstadt infolge der Beschlagnahme des „Hessischen Landboten“). Zu dieser Zeit, nach Revolution, napoleonischer und Restaurationszeit, waren insbesondere die Naturwissenschaften vollkommen in französischer Hand. Allenfalls in Theologie und Geisteswissenschaften blieb noch ein („alt-“)elsässischer und deutscher Einfluss.

Kaiser-Wilhelms-Universität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelminisches Hauptgebäude der Universität Straßburg am Universitätsplatz

1871, nach der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg und der Abtretung des Elsass im Frieden von Frankfurt, wurde sie am 1. Mai 1872 als deutsche Universität[10] im Deutschen Reich neu gegründet und erhielt ihren Namen erst anlässlich ihres fünfjährigen Stiftungsfestes. Ein großer Teil der Bildungs-, Wirtschafts- und Verwaltungselite der Region verließ das Elsass, um in Frankreich zu bleiben, so dass viele Bereiche des öffentlichen Lebens, und somit auch die Universität, von Grund auf mit Material und Zuzug aus dem „Altreich“ neu organisiert werden mussten – und konnten. Bei der Belagerung und deutschen Bombardierung Straßburgs – der Stadt des Buchdrucks – war die städtische Bibliothek in der ehemaligen Dominikanerkirche getroffen worden und somit eine der größten und ältesten humanistischen Bibliotheken des gesamten Kontinents verbrannt. Diesen Verlust wollte man mit Buchspenden aus dem ganzen (neu gegründeten) Reich ausgleichen; allein das Preußische Staatsarchiv Königsberg überließ der Bibliothek 70.000 Dubletten. Das führte dazu, dass die Bibliothek der Universität (BNUS – Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg) heute noch eine der größten und bestbestückten deutschsprachigen Bibliotheken ist.

Nach dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 besetzte französisches Militär Ende November Straßburg; Anfang Dezember untersagten französische Behörden den Universitätsbetrieb.[11] Die 1872 deutschen Mitarbeiter und Professoren mussten die Kaiser-Wilhelm-Universität verlassen, der Pharmakologe Oskar Schmiedeberg blieb als letzter bis zum Jahresende 1918. Insgesamt rund 200.000 Deutsche waren von dieser Umsiedelung im Elsass betroffen. In Deutschland wurde die Tradition der Universität Straßburg von der Universität Frankfurt am Main fortgeführt.

Französische Universität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aula des Hauptgebäudes, in der 1949 die erste Tagung des Europarats stattfand.[12]

Am 22. November 1919, nach dem Ersten Weltkrieg und dem Versailler Vertrag, mit dem das Elsass und Straßburg wieder Teil Frankreichs geworden waren, nahm die französische "Université de Strasbourg" den Betrieb offiziell auf.[13] Der Lehrbetrieb wurde nunmehr vollständig auf Französisch umgestellt. Um Lucien Febvre und Marc Bloch entstand in dieser Zeit in Straßburg die Annales-Schule der Geschichtswissenschaft.

Sie wurde nach Kriegsausbruch Anfang September 1939 nach Clermont-Ferrand evakuiert und dort mit Lehr- und Forschungsbetrieb unter gleichem Namen weitergeführt.[14]

Reichsuniversität Straßburg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Waffenstillstand zwischen Frankreich und Deutschland im Juni 1940 und der Besetzung des Elsass sowie von Teilen Frankreichs durch deutsche Truppen und Sicherheitskräfte wurde eine Zivilverwaltung für das Elsass eingerichtet. Der Chef der Zivilverwaltung im Elsass, Robert Wagner, der zugleich auch als Reichsstatthalter für Baden agierte, ließ schon ab Juli 1940 Entwürfe und Planungen zur Gründung einer Universität in Straßburg erstellen.[15] Eröffnet wurde die Reichsuniversität Straßburg mit einem Festakt am (Sonntag) 23. November 1941 im Lichthof des Universitätshauptgebäudes. Französisches wie amerikanisches Militär rückten am 23. November 1944 in Straßburg ein, wobei die Universitätsangehörigen größtenteils flüchteten und damit der Universitätsbetrieb endgültig zum Erliegen kam. Offiziell wurde die Reichsuniversität erst am 18. Dezember 1944 auf Anordnung des Reichwissenschaftsministerium nach Tübingen verlegt.[16]

Neuere Zeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Denkmalgeschütztes Hauptgebäude der Université Robert Schuman

Nach 1945 kehrten die französischen Abteilungen der Universität nach Straßburg zurück.

Die Universität Straßburg ist in der Europäischen Konföderation der Universitäten am Oberrhein (EUCOR) mit der Universität Karlsruhe, der Universität Basel, der Universität des Oberelsass und der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg verbunden.[17] Sie verfügt wegen der kirchenrechtlichen Sonderstellung des ehemaligen Reichslandes Elsass-Lothringen als einzige in Frankreich über zwei staatlich finanzierte theologische Fakultäten (Katholizismus und Protestantismus).

Im Jahr 1971 wurde die Universität Straßburg dreigeteilt:[18]

  1. Strasbourg I (Université Louis Pasteur) – Naturwissenschaften
  2. Strasbourg II (Université Marc Bloch, 1998) – Sprachen und Geisteswissenschaften
  3. Strasbourg III (Université Robert Schuman, 1987) – Recht, Politik- und Sozialwissenschaften
Gedenktafel zur „Wiedervereinigung“ der Universität 2009

Die drei Universitäten wurden am 1. Januar 2009 wieder vereinigt. Hinzu kam das Institut universitaire de la formation des maîtres (IUFM) Straßburg. Erster Präsident nach der Wiedervereinigung wurde der Pharmakologe Alain Beretz, vormaliger Leiter der Université Louis Pasteur. Anfang 2009 zählte die Université unique de Strasbourg (Unistra) 42.000 Studenten und 5.200 Angestellte.

Studenten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gallia, ehemals Germania, Sitz des zentralen Studentenhilfswerks CROUS
Die National- und Universitätsbibliothek am Place de la République, dem ehemaligen Kaiserplatz

Lehrer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Institut Le Bel der Universität Louis Pasteur
Gebäude der Mathematischen Universität

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gustav C. Knod: Die alten Matrikeln der Universität Straßburg. 1621–1793. 2 Bände und Registerband. Trübner, Straßburg 1897–1902. (Digitalisate)
  • Stephan Roscher: Die Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg 1872–1902. Lang, Frankfurt am Main u. a. 2006, ISBN 3-631-31854-5 (= Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Band 1003, zugleich Dissertation Universität Frankfurt am Main 1991).
  • Ulrike Rother: Die theologischen Fakultäten der Universität Straßburg. Ihre rechtlichen Grundlagen und ihr staatskirchenrechtlicher Status von den Anfängen bis zur Gegenwart. Schöningh, Paderborn u. a. 2000, ISBN 3-506-73385-0 (= Rechts- und staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft, N. F., Band 84, zugleich Dissertation, Universität Freiburg im Breisgau 1996)
  • Herwig Schäfer: Juristische Lehre und Forschung an der Reichsuniversität Straßburg 1941–1944. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, ISBN 3-16-147097-4 (= Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 23, zugleich Dissertation Universität Freiburg im Breisgau 1997/98 unter dem Titel: Juristische Lehre und Forschung an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Reichsuniversität Straßburg 1941–1944).
  • Anton Schindling: Humanistische Hochschule und freie Reichsstadt. Gymnasium und Akademie in Straßburg 1538–1621. Steiner, Wiesbaden 1977 (= Veröffentlichungen des Instituts für europäische Geschichte Mainz, Band 77).
  • Bernd Schlüter: Reichswissenschaft. Staatsrechtslehre, Staatstheorie und Wissenschaftspolitik im Deutschen Kaiserreich am Beispiel der Reichsuniversität Straßburg. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-465-03299-3 (= Studien zur europäischen Rechtsgeschichte, Band 168, zugleich Dissertation HU Berlin 2001).
  • Otto Warth: Das Kollegien-Gebäude der Kaiser Wilhelms-Universität zu Strassburg. Kraemer, Kehl 1885, Digitalisat.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Universität Straßburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Reformation im Elsaß im 16. Jahrhundert. Musée virtuel du Protestantisme, abgerufen am 16. September 2016.
  2. a b c d e f g h i j Dr. August Schricker (Senats-Secretär): ZUR GESCHICHTE DER UNIVERSITÆT STRASSBURG – FESTSCHRIFT ZUR ERŒFFNUNG DER UNIVERSITÆT STRASSBURG am 1. Mai 1872. C. F. SCHMIDT’s Universitäts-Buchhandlung FRIEDRICH BULL 1872.
  3. Supplication und ansuchen sampt aussführlichem Bericht des Herrn Rectors, der Visitatoren und Professoren der Schuolen um aufbringung kaiserlicher Freiheit allhie Studenten, Baccalaureos und Magistros zu machen – Denkschrift, vorgetragen dem Magistrat der Stadt am 6. Mai 1566, unterschrieben von Johann Sturm (Rector), Johann Marbach, Cunradus Dasypodius (Visitator), Leonardus Hentschus, Melchior Speccerus – heute wohl aufbewahrt im Archiv von St. Thomas, Straßburg; frei in modernem Deutsch: „... dass die Schule nicht, wie die Universitäten, das Recht hat, akademische Grade zu verleihen (Bakkalaureus und Magister) und die Schüler daher solche Grade an anderen hohen Schulen erwerben“ müssen. Zitiert bei Schricker, S. 13.
  4. Steffen Siegel: Tabula: Figuren der Ordnung um 1600. Walter de Gruyter, 2009. ISBN 978-3-05-004563-4. S. 217 S. 217
  5. Journal des débats et des décrets, Band 24. Abgerufen am 21. August 2016 (französisch, L'Assemblee nationale décretè que tous les établissements d’instruction et d’éducation existans à présent dans le Royaume, continueront d'exister sous le régime actuel et suivant les mêmes lois qui les régissent. (Übersetzung: Die Nationalversammlung ordnet an, dass alle Lehr- und Ausbildungseinrichtungen, die derzeit im Königreich existieren, unter den jetzigen Regelungen und den für sie gemachten Gesetzen weiterbestehen sollen.)).
  6. Daniel Schönpflug: Der Weg in die Terreur: Radikalisierung und Konflikte im Straßburger Jakobinerclub (1790-1795). R. Oldenbourg-Verlag, München 2002, ISBN 3-486-56588-5.
  7. Sylvie Gueth: La constitution des bibliothèques publiques dans le Département du Bas-Rhin 1789–1803. Université des Sciences Sociales Grenoble II, Institut d’Etudes Politiques, 1991 PDF
  8. Décret portant établissement d'Ecoles de santé à Paris, à Montpellier et à Strasbourg. 16 frimaire an 3, abgerufen am 21. August 2016 (französisch, archiviert auf http://gallica.bnf.fr).
  9. René Voltz: L a Physique à Strasbourg : regards sur le passé (1621-1918): L’UNIVERSITE NAPOLEONIENNE (19ème siècle). Abgerufen am 21. August 2016 (PDF, französisch).
  10. Die Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg. Ihre Entstehung und Entwicklung. Im Auftrage der Straßburger Wissenschaftlichen Gesellschaft in Heidelberg dargestellt von Otto Meyer, Berlin u. Leipzig, 1922, S. 16 und insbesondere S. 28: „Die Stiftungsurkunde wurde ... abgeändert durch die Kaiserliche Verordnung vom 22. Juni 1877, die da bestimmt, dass die Universität fortan den Namen führen solle Kaiser-Wilhelms-Universität Straßburg.“
  11. Bernd Schlüter: Reichswissenschaft. Staatsrechtslehre, Staatstheorie und Wissenschaftspolitik im Deutschen Kaiserreich am Beispiel der Reichsuniversität Straßburg. Vittorio Klostermann, Frankfurt /M 2004. S. 497.
  12. Siehe Gedenktafel Palais Universitaire de Strasbourg-10 août 1949
  13. Bernd Schlüter: Reichswissenschaft. Staatsrechtslehre, Staatstheorie und Wissenschaftspolitik im Deutschen Kaiserreich am Beispiel der Reichsuniversität Straßburg. Vittorio Klostermann, Frankfurt /M 2004. S. 501.
  14. Herwig Schäfer: Juristische Lehre und Forschung an der Reichsuniversität Straßburg 1941–1944. Mohr Siebeck, Tübingen 1999. S. 17–18.
  15. Herwig Schäfer: Juristische Lehre und Forschung an der Reichsuniversität Straßburg 1941–1944. Mohr Siebeck, Tübingen 1999. S. 30–31.
  16. Schäfer, Juristische Lehre und Forschung an der Reichsuniversität Straßburg 1941–1944, S. 240–243.
  17. eucor.org
  18. Geschichte. Universität Straßburg, abgerufen am 21. August 2016.