Unterpflasterbahn

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Offener Unterpflasterbahntunnel unter der Nürnberger Straße in Berlin, 1946

Unterpflasterbahn ist eine von Werner von Siemens[1] geprägte Bezeichnung für Tunnel einer U-Bahn, S-Bahn oder unterirdisch geführten Straßenbahn, die direkt unterhalb des Straßenpflasters verlaufen und in offener Bauweise hergestellt wurden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Charakteristisch für Unterpflasterbahnen sind die aus der Anfangszeit des U-Bahn-Baus stammenden unterirdischen Streckenteile der Linien U1, U2, U3 oder U4 in Berlin [2] oder die M1 der Budapester Metro. Erst später entwickelten sich die technischen Hilfsmittel, um auch bei schwierigen – beispielsweise sandigen – Bodenverhältnissen bergmännische Tunnel in tiefer gelegene Bodenschichten anlegen zu können. Erste Röhrenbahnen, die in einem mittels Schildvortrieb gebauten Tunnel verkehren, gab es in London allerdings schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Des Weiteren sind auch unterirdische Strecken von Stadtbahnen teilweise als Unterpflasterbahn ausgeführt, wie im Rhein-Ruhr-Gebiet oder in Köln. Manche dieser durch straßenbahnähnliche Fahrzeuge befahrenen Strecken wurden in den Betrieb als Voll-U-Bahn umgestellt, wie dies bei Linie U2 der Wiener U-Bahn der Fall ist.

Berliner Bauweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der U-Bahnhof Spittelmarkt in Berlin als Beispiel einer Station der Unterpflasterbahn

Unterpflasterbahnen erhalten zur Verringerung der notwendigen Bauhöhe in der Regel eine aus Stahl und Mauerwerk oder Beton gebildete flache Decke, deren Höhe unter Umständen durch Verwendung von Zwischenstützen weiter eingeschränkt wird, so die Bauweise der Berliner U-Bahn, bei der auch die Abdichtung gegen Grundwasser bemerkenswert ist. Bei sehr geringer Breite der Straße, in der die Unterpflasterbahn liegt, stellt man die Seitenwände des Unterpflastertunnels aus einer Verbindung von Stahl und Mauerwerk her, indem man die Stahlbauteile der Seitenwände und der Decke zu einem Ganzen verbindet. Die an den Stationen erforderliche Verbreiterung kann bei den Unterpflasterbahnen durch Auseinanderziehen der Seitenwände unter Verwendung einer stärkeren Deckenkonstruktion hergestellt werden.

Eine Unterpflasterbahn weist gegenüber einer bergmännisch aufgefahrenen U-Bahn spezifische Vorteile auf. Hierzu gehört der geringe Abstand zwischen Oberfläche und Tunneldecke, was eine schnellere Realisierung der zu bauenden Strecken sichert. Dies kommt auch bei Modernisierungen zum Tragen. Die Transferzeit von der Straßenoberfläche zum Bahnsteig ist wesentlich geringer als bei Bahnhöfen in tiefen Lagen mit ihren verzweigten Zugangsanlagen. Nachteilig ist, dass bei Unterpflasterbahnhaltestellen die Zugangstreppen in der Regel nur direkt vom Bahnsteig zur Oberfläche führen, so dass diese bei Mittelbahnsteigen meist inmitten der Straßenfahrbahn enden. Im Falle von Seitenbahnsteigen sind zwei voneinander getrennte Zugangsbauwerke erforderlich. Weitere Nachteile gegenüber einer tieferen Lage im Erdboden ergeben sich durch den Bau unmittelbar unterhalb der Straße, da witterungsbedingte Straßenschäden schneller zu Schäden auf den Gleisanlagen sowie Stromversorgungsinfrastruktur führen können.

Belgische Bauweise an der Pariser Métrostation Raspail der heutigen Linie 6

Des Weiteren kann in den auf dem Tunnel liegenden Straßenräumen nur begrenzt eine Begrünung erfolgen (z. B. in Kübeln oder Hochbeeten) oder können nachträglich Versorgungsmedien (Kabel, Trink- oder Abwasserleitungen) eingebracht werden. Auch wirkt sich die räumliche Nähe bzw. die direkte Verbindung zwischen Tunnel und Gebäuden auf die Übertragung von Erschütterungen durch fahrende U-Bahn-Züge aus, die deutlicher wahrgenommen werden.

Belgische Bauweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gewölbte Unterpflasterbahn der Pariser Métro, Station Notre-Dame-des-Champs

Die Métro Paris wurde weitgehend ebenfalls als Unterpflasterbahn errichtet. Die 1900 in Betrieb genommene Linie 1 wurde überwiegend in „Berliner Bauweise“ mit offenen Baugruben erstellt. Um die Behinderungen des Oberflächenverkehrs künftig in Grenzen zu halten, erprobte man den Schildvortrieb, der sich aber nicht durchsetzte.[3] Stattdessen fand fortan vorwiegend die „Belgische Bauweise“[4] Anwendung, die von der Berliner abwich. Um offene Baugruben zu vermeiden, wurde bergmännisch, meist in geringer Tiefe unter der Straßenoberfläche, ein Pilotstollen geschaffen. Dieser wurde nach beiden Seiten erweitert und zugleich ein stabiles Gewölbe gemauert. Erst dann vertiefte man den Tunnel, wodurch sich das typische Querprofil vieler Pariser Strecken erklärt. Ein Teil der Stationen, beispielsweise der 1909 eröffnete Bahnhof Porte d’Orléans, wurde aber nach wie vor in offener Bauweise erstellt.[5]

Unterpflasterbahnen im europäischen Ausland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

London Underground: Züge unterschiedlicher Profile, links Unterpflasterbahn, rechts Röhrenbahn

In London werden vier U-Bahn-Linien zu den Unterpflasterbahnen (Sub-surface lines) gerechnet, darunter mit der Metropolitan Railway (Abschnitt der heutigen Metropolitan Line) die erste U-Bahn der Welt. Der überwiegende Teil der Londoner Strecken wurde jedoch als Röhrenbahnen (Tube lines) gebaut. Die beiden Systeme weisen ein deutlich unterschiedliches Lichtraumprofil auf.

Auch die die zweitälteste U-Bahn in der Welt, die von Siemens & Halske gebaute und 1896 in Betrieb genommene Földalatti in Budapest war eine Unterpflasterbahn. Die U-Bahn von Glasgow entstand 1896 teilweise als Unterpflaster- und zum Teil als Röhrenbahn.

In Wien sind die Strecken der ab 1898 eröffneten ehemaligen Wiener Dampfstadtbahn, die 1925 in der Wiener Elektrischen Stadtbahn aufging und heute Teil der U-Bahn Wien ist, partiell als Unterpflasterbahn ausgeführt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sabine Bohle-Heintzenberg: Architektur der Berliner Hoch- und Untergrundbahn / Planungen – Entwürfe – Bauten. Verlag Willmuth Arenhövel, Berlin 1980, ISBN 3-922912-00-1, S. 20
  2. Biagia Bongiorno: Die Bahnhöfe der Berliner Hoch- und Untergrundbahn. Herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin. Imhof Petersberg 2007, ISBN 978-3-86568-292-5, S. 22
  3. Jean Tricoire: Un siècle de métro en 14 lignes. De Bienvenüe à Météor. 2. Auflage. La Vie du Rail, Paris 2000, ISBN 2-902808-87-9, S. 39.
  4. Christoph Groneck: Metros in Frankreich. 1. Auflage. Robert Schwandl, Berlin 2006, ISBN 3-936573-13-1, S. 54.
  5. Jean Tricoire: Un siècle de métro en 14 lignes. De Bienvenüe à Météor, S. 39 ff