Unzeitgemäße Betrachtungen

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Titel der Erstausgabe 1874

Die Unzeitgemäßen Betrachtungen bestehen aus vier Abhandlungen von Friedrich Nietzsche, die zwischen 1873 und 1876 erschienen: Erstes Stück: David Strauss, der Bekenner und der Schriftsteller, 1873; Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874; Drittes Stück: Schopenhauer als Erzieher, 1874; Viertes Stück: Richard Wagner in Bayreuth, 1876. Nietzsche hatte zunächst vor, den Unzeitgemäßen Betrachtungen die ganzen 30er Jahre seines Lebens zu widmen. In seinen Plänen tauchen bis zu 13 Arbeitstitel auf mit Themen wie „Staat“, „Religion“, „Naturwissenschaft“, „Arbeit und Eigentum“ und „Wir Philologen“. Realisiert wurden nur vier der Betrachtungen.[1]

Inhalt der vier Unzeitgemäßen Betrachtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstes Stück: David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schrift ist eine Polemik gegen den „Bildungsphilister“ David Strauß, den Nietzsche mit derben Worten zu verhöhnen sucht. Nietzsche lehnt die sich gegen Schopenhauer wendende säkularisierte Frömmigkeit von Strauß ab und unterstellt ihm ein parasitäres Verhältnis zu den deutschen Klassikern. Strauß bediene sich einer korrupten deutschen Sprache, und so übt Nietzsche denn auch Sprachkritik im Stile Schopenhauers.[1]

Das Gelegenheitswerk, das 1873 erschien, war ein gesellschaftlicher Skandal, nicht zuletzt wegen des Gebrauchs des Kampfbegriffes "Bildungsphilister" für den damals gefeierten Schriftsteller David Strauß.

Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Zweite Stück ist eine Kritik an der Geschichtswissenschaft seiner Zeit, ober besser an dem falschen Verhältnis, das man zu ihr aufgebaut und tradiert habe. Nietzsche ist durchaus der Meinung, dass von der historischen Betrachtung etwas Heilsames ausgehen könnte, wenn das Verhältnis denn ein richtiges wäre, aber er bescheinigt seiner Zeit eine kolossale Überbewertung alles Historischen und der historischen Bildung überhaupt. Nietzsche ist also nicht nur der Meinung, dass man die Historie völlig falsch versteht, sondern auch, dass sie bei Weitem überbewertet wird.[1]

Der Text, der 1874 veröffentlicht wurde, hatte eine große Wirkungsgeschichte, zumindest in der Zeit ihres ersten Erscheinens. Er war wohl der wirkmächtigste der vier Unzeitgemäßen Betrachtungen.

Drittes Stück: Schopenhauer als Erzieher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese dritte Unzeitgemäße Betrachtung ist eine Hommage an Nietzsches philosophischen Lehrer Arthur Schopenhauer, in dem Nietzsche einen Erzieher erkennt und anerkennt. Einen Erzieher nennt Nietzsche jene großen Menschen und Genies, die helfen, die Menschen von äußeren und äußerlichen Nebensächlichkeiten und Identitäten zu befreien und zu sich selbst zu finden. Was Nietzsche an Schopenhauer besonders schätzt, ist dessen Wahrhaftigkeit – auch im Leiden – und dessen Liebe zur Wahrheit. Im Spiegel dieser Wahrheitsliebe findet Nietzsche zu sich selbst.[1]

Der Text erschien 1874.

Viertes Stück: Richard Wagner in Bayreuth[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wagners Pläne zu den Festspielen in Bayreuth schienen 1874 zu scheitern und die erste Fassung von Richard Wagner in Bayreuth geht auf Gründe für Wagners mögliches Scheitern ein. Es sind überraschend kritische Befunde über Wagners moralische und künstlerische Eigenschaften, in denen Nietzsche zunächst den Grund für Wagners drohendes Scheitern erblickt. Als der Text 1875 fertig ist, verwirft Nietzsche ihn aber. Inzwischen waren die Bayreuther Festspiele für 1876 angesetzt und Nietzsche griff den Plan für die Unzeitgemäße Betrachtung wieder auf, jetzt aber als Würdigung von Wagners Lebensleistung im Moment des größten Erfolges. Und trotzdem offenbart der Text ernüchternde Einblicke in Wagners Natur: von Wagners Dilettantismus ist die Rede, aber auch von dessen schauspielerischem Unvermögen. Der Text ist über weite Strecken eine geschickte Collage von Wagnerzitaten, die versuchen, den alten revolutionären Geist von Wagner zu beschwören.[1]

Wirkungsgeschichtlich blieb der Text, der 1876 erschien, hinter den beiden späteren Wagnerkritiken Der Fall Wagner und Nietzsche contra Wagner zurück.

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe Nietzsche-Ausgabe für allgemeine Informationen.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Artikel Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen in: Kindlers Neues Literaturlexikon