Urnäsch

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Dieser Artikel behandelt die Gemeinde Urnäsch. Für den gleichnamigen, durch Urnäsch fliessenden Fluss siehe Urnäsch (Fluss).
Urnäsch
Wappen von Urnäsch
Staat: Schweiz
Kanton: Appenzell Ausserrhoden (AR)
Bezirk: ehemaliger Bezirk Hinterlandw
BFS-Nr.: 3006i1f3f4
Postleitzahl: 9107
Koordinaten: 739412 / 242326Koordinaten: 47° 19′ 1″ N, 9° 16′ 58″ O; CH1903: 739412 / 242326
Höhe: 832 m ü. M.
Fläche: 48,23 km²
Einwohner: 2247 (31. Dezember 2015)[1]
Einwohnerdichte: 47 Einw. pro km²
Website: www.urnaesch.ch
Urnäsch

Urnäsch

Karte
Kanton Appenzell Innerrhoden Kanton Appenzell Innerrhoden Kanton St. Gallen Kanton St. Gallen Bezirk Mittelland Bezirk Vorderland Herisau Hundwil Schönengrund Schwellbrunn Stein AR Urnäsch WaldstattKarte von Urnäsch
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Urnäsch ist die flächenmässig grösste politische Gemeinde des Schweizer Kantons Appenzell Ausserrhoden.

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urnäsch liegt südlich von Waldstatt am Flüsschen gleichen Namens und an der Bahnlinie, die Herisau mit Appenzell verbindet. Hier beginnt die Passstrasse über die Schwägalp nach Neu St. Johann. Der tiefste Punkt ist Murbach mit 722 m ü. M., der höchste Petersalp mit 1590 m ü. M.. Der bekannteste Berg auf dem Gemeindegebiet ist die Hochalp.

Nachbargemeinden sind im Uhrzeigersinn Waldstatt, Hundwil, Nesslau, Hemberg, Schönengrund und Schwellbrunn.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historisches Luftbild aus 200 m von Walter Mittelholzer von 1922

831 wurde der Weiler Färchen als Farrichun erwähnt und sein Fluss Urnasca. Unter der äbtischen Herrschaft bildete Urnäsch zuerst mit Herisau einen Verwaltungsbezirk, im 14. Jahrhundert war es eine Rhode des Amts Hundwil und gehörte mit diesem innerhalb des Reichsverbands zur Vogtei St. Gallen. Urnäschenes zeigte sein kommunales Eigenleben bereits 1344, und das Lendlyn trat 1377 dem Schwäbischen Städtebund, und 1401 dem Bund mit der Stadt St. Gallen bei. Das geschah noch unter dem Siegel Hundwils, mit dem es eine treibende Kraft in den Appenzeller Kriegen 1401 bis 1429 war. Vorerst war Urnäsch nach Herisau kirchgenössig, nach dem Bau der Antoniuskirche 1414 erlangten die Urnäscher 1417 die endgültige kirchliche und politische Selbstständigkeit. Innerhalb der Streusiedlung entwickelte sich um die Kirche ein Dorfkern. 1525 trat der Ort zur Reformation über, 1532 bis 1543 war der Hundwiler Pfarrer Walter Klarer evangelischer Pfarrer im Dorf. Die Kirche wurde nach dem Dorfbrand von 1641 wieder aufgebaut und 1866 bis 1868 renoviert. Die katholische Pfarrei Urnäsch-Hundwil-Waldstatt mit der Kirche im Weiler Zürchersmühle wurde 1911 gegründet.

1480 bereinigten Urnäsch und Hundwil nach der Trennung der gemeinsamen Alpen den Grenzverlauf. Seit der Landteilung 1597 gehört Urnäsch als erste der sechs äusseren Rhoden zum Land Appenzell Ausserrhoden und war regelmässig Tagungsort des Kleinen Rats. Die Gemeindeteile Tal und Dorf dehnten sich ab dem 18. Jahrhundert entlang der Route Waldstatt-Schwägalp aus und wuchsen allmählich zusammen. Die grösste Gemeinde Ausserrhodens umfasste bis ins frühe 18. Jahrhundert auch Schönengrund, das sich 1720 bis 1722 abtrennte. Urnäschs Bewohnerzahl schwankte vor allem aus klimatischen und wirtschaftlichen Gründen in den letzten Jahrhunderten: 1667 hatte es erst 1.772 Bewohner, 1794 2.798, 1818 1.917, 1850 2'464, 1900 3.087, 1950 2.579 und im Jahr 2000 2.336 Einwohner; die Tendenz ist leicht abnehmend.

Alpwirtschaft mit Vieh sowie Forstwirtschaft spielen seit je eine herausragende Rolle. Bis um 1900 war Holz- und Holzkohlenexport bedeutend. Trotz Schutzbestimmungen für die Gemeindewälder - erstmals 1533 erlassen - nahm die Abholzung ab 1820 zuerst für die Köhlerei und später auch für die Papierindustrie massiv zu. 1826 wurden neun Sägemühlen gezählt. Die Kantonsregierung erklärte 1901 die verbliebenen Waldungen zu Schutzwäldern.

Im 17. Jahrhundert bestand eine Pulvermühle, 1801 bis 1867 eine Ziegelei und bis ins frühe 19. Jahrhundert eine Salpetersiederei. Der von 1592 an gehaltene Jahrmarkt wurde ab 1726 durch zwei weitere ergänzt. Die Herstellung von Leinwandtuch ist bereits 1515 bezeugt, der Flachsanbau 1604. Die Weberei beschäftigte 1826 672 Weber, und die Stickerei prägten im 19. Jahrhundert die Gemeinde. In diesem Zeitraum entstanden mehrere Fabriken. Die Krise der Zwischenkriegszeit traf die Heimindustrie, während die Fabriken oft erfolgreicher diversifizierten. Die Textilindustrie blieb auch nach 1945 wichtigster Erwerbszweig, sie erfuhr erst in den 1980er Jahren einen teilweisen Einbruch. Eine Teppichfabrik nahm 1965 den Betrieb auf, eine Spinnerei 1978. Seit 1875 verfügt Urnäsch über eine Station an der Bahnlinie Herisau-Appenzell.

Ab 1850 stieg die Bedeutung des Fremdenverkehrs, wobei das Dorf von seiner Lage als Ausgangsort für Ausflüge zur Schwägalp und zum Säntis profitierte. 1935 wurde die Säntis-Schwebebahn gebaut, 1944 der Skilift und die Sprungschanze. 2008 eröffnete ein Reka-Feriendorf mit etwa 300 Betten. Viele Einwohner arbeiten in der Region Herisau-Gossau-St. Gallen, trotzdem wurden in der Gemeinde 957 Stellen angeboten. Wichtigste Branchen waren Textilindustrie, Buchdruckerei, Milch- und Viehwirtschaft, Handwerk und Kleingewerbe. Das Appenzeller Brauchtumsmuseum öffnete 1976 seine Türen. 2009 wurde eine Käserei als erstes regionales Entwicklungsprojekt in der Schweiz eröffnet.[2][3]

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bevölkerungsentwicklung
Jahr 1667 1794 1818 1850 1859 1900 1910
Einwohner 1772 2798 1917 2464 2460 3087 3270
Jahr 1950 1965 1977 1990 1995 2000 2005
Einwohner 2579 2250 2300 2393 2437 2335 2282
Jahr 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2015
Einwohner 2262 2242 2278 2273 2250 2257 2247

Religionen/Konfessionen in Urnäsch (in Prozent) - 2013[4]

Dorferneuerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urnäsch kandidierte 2008 bei der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung um den Europäischen Dorferneuerungspreis 2008. Zusammen mit vier weiteren Gemeinden setzte die Jury Urnäsch hinter dem Siegerdorf Sand in Taufers im Südtirol auf den Ehrenplatz. Die Jury lobte besonders das Reka-Feriendorf, „das schlichtweg als Referenzprojekt für nachhaltige, qualitätvolle Architektur und Bautechnik im ländlichen Raum anzusehen ist“.[5]

Bahnhof und Post Urnäsch 2005

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urnäsch liegt an der Strecke Gossau SGWasserauen der Appenzeller Bahnen. Eine Busverbindung führt zur Schwägalp. Dort ist die Talstation der Luftseilbahn Schwägalp–Säntis.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Silvesterkläuse am Alten Silvester, 13. Januar 2010

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brauchtum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Urnäsch wird das Brauchtum rege gepflegt. Der am besten bekannte Brauch ist der Alte Silvester, an dem die Silvesterkläuse in Erscheinung treten. Dieser Brauch wird in Urnäsch gleich doppelt aufgeführt, nämlich am üblichen Silvestertag und auch am 13. Januar bzw. jeweils am Tag davor, falls dieser Tag auf einen Sonntag fällt.

Jeweils in den ungeraden Jahren wird am Fasnachtsmontag, dem sogenannten Blochmontag, ein spezieller Fasnachtsbrauch durchgeführt: Ein geschmückter Baumstamm, das Bloch, wird von den Männern der Blochgesellschaft auf einem Wagen von Urnäsch über Waldstatt nach Herisau und wieder zurückgezogen und zum Schluss auf dem Urnäscher Dorfplatz durch den Förster versteigert.[6]

Im Frühsommer, Mai und Juni, sind die Alpfahrten der Bauern. Der Weg vom Bauernhof zur Alp mit den Kühen wird zu Fuss zurückgelegt. Im September kehren die Bauern mit ihrem Vieh wieder von den Alpen zurück.

Urnäsch ist auch ein Begriff in der Appenzeller Musik, deren Vertreter die bekannte Streichmusik Alder ist. Alljährlich am Tag vor der Landsgemeinde findet der Appenzeller Streichmusiktag statt.

Appenzeller Brauchtumsmuseum

Heimatmuseum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dorfkern von Urnäsch befindet sich das Appenzeller Brauchtumsmuseum, das 1976 eröffnet wurde. Es zeigt einen repräsentativen Querschnitt über das Brauchtum, die Kultur und die Volkskunst des Appenzellerlandes.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Arnold Zehender und H. Spross: Aus der Geschichte der Kirchgemeinde Urnäsch, 1942
  • J. Jakob: Bausteine zu einer Heimatgeschichte von Urnäsch, 1955
  • Regina Bendix und Theo Nef: Silvesterkläuse in Urnäsch, 1984
  • Thomas Fuchs: Stromland Urnäsch. 100 Jahre Elektrizitätswerk Urnäsch, 2003
  • Hans Hürlemann, Oskar Keller, Robert Meier und Stefan Sonderegger: Urnäsch: Landschaft - Brauchtum - Geschichte, Appenzeller Verlag, Herisau 2006

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Urnäsch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ständige und nichtständige Wohnbevölkerung nach institutionellen Gliederungen, Geschlecht, Staatsangehörigkeit und Alter. In: bfs.admin.ch. Bundesamt für Statistik (BFS), abgerufen am 29. August 2016.
  2. Website Urnäscherkäse
  3. Thomas Fuchs: Urnäsch In: Historisches Lexikon der Schweiz
  4. Rechnung 2013. Gemeinde Urnäsch, 2014, abgerufen am 14. Februar 2016 (PDF).
  5. Website Reka-Feriendorf Urnäsch
  6. Das Urnäscher Bloch, ein alter Fasnachtsbrauch
  7. Website Appenzeller Brauchtumsmuseum Urnäsch