Nesselsucht

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Klassifikation nach ICD-10
L50 Urtikaria
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Nesselsucht oder Nesselfieber (Urtikaria von lat. Urtica, Brennnessel) ist eine krankhafte Reaktion der Haut auf Nahrungsmittel oder Medikamente (Allergien), auf Einwirkungen von Wärme oder Kälte, Licht, Druck oder Wasser, auf immunologische Phänomene oder auch auf psychischen Stress. Kennzeichen sind Quaddeln oder Erytheme. Die akute Urtikaria besteht − im Gegensatz zur chronischen Verlaufsform − zumeist nur einige Tage, in jedem Fall aber kürzer als sechs Wochen; oft kann ein Auslöser nicht bestimmt werden (idiopathische Urtikaria).[1]

Die akute Urtikaria ist sehr häufig. Es wird angenommen, dass etwa jeder vierte bis fünfte Mensch einmal in seinem Leben eine urtikarielle Episode durchlebt[2]. Die chronische Urtikaria ist seltener, in Deutschland soll es ca. 800.000 Betroffene geben. 2014 wurde für den 1. Oktober erstmals der Welt-Urtikaria-Tag ausgerufen.[3]

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Erkrankung beginnt mit zunächst blassroten bis roten Erhebungen der Haut, ähnlich Mückenstichen. Die Veränderungen werden größer, bilden Quaddeln oder Erytheme und jucken stark – ähnlich der Reaktion bei der Berührung mit Brennnesseln (Urtica), daher der Name. Die Quaddeln können wenige Millimeter Durchmesser haben oder so groß wie die gesamte Handfläche sein. Bei einer disseminierten Urtikaria können große Teile der Körperoberfläche betroffen sein. Rund um die Quaddeln bildet sich oft ein rötliches Reflexerythem. Gelegentlich bleibt der Ausschlag nicht durchgehend an einer bestimmten Stelle, sondern er wandert über den Körper. Der Ausschlag wechselt dann seine Position innerhalb kurzer Zeit und am Ursprungsort ist nichts mehr davon zu erkennen. Die Rückbildung dauert in der Regel 3 bis 4 Stunden, maximal nach 12 Stunden ist für gewöhnlich kein Erscheinungsbild mehr sichtbar.[4]

Quaddeln sind ödematöse Erhabenheiten der Lederhaut von hellroter Farbe (Urticaria rubra), die bei ausgeprägten Ödemen hautfarben bzw. blass-weiß (Urticaria porcellanea) erscheinen können. Auslöser der Schwellungen ist oft die Freigabe des Botenstoffes Histamin aus Mastzellen, welcher die Durchlässigkeit der dermalen Blutgefäße erhöht und somit zu Wassereinlagerungen in der Lederhaut führt. Die Gründe für die Freisetzung dieses Stoffes sind verschieden, allerdings ist selten eine Allergie die Ursache. So existiert vielmehr eine große Anzahl an Auslösern und Ursachen; meist handelt es sich um folgende Möglichkeiten:

  • Autoreaktivität (körpereigene Stoffe werden nicht vertragen; siehe Autoimmunerkrankungen)
  • Überempfindlichkeit gegen Medikamente oder Nahrungsmittelzusätze (Konservierungs-, Farb- und Aromastoffe)
  • chronische Infekte, die bis auf die Urtikaria beschwerdefrei verlaufen können (z. B. im Verdauungstrakt)[5]
  • eine Histaminabbaustörung, die eine vermehrte Histaminausschüttung aus den Mastzellen verursacht
  • Urtikaria auf Druck auf die Hautoberfläche, als Druckurtikaria
  • Urtikaria durch lokale Wärme- oder Kälteeinwirkung, als Wärmeurtikaria oder Kälteurtikaria

Eventuell kann es zur Bildung eines Angioödems kommen; Schwellungen in Gesichtsregionen, im Bereich der Mund- und Rachenschleimhaut sowie am Kehlkopf können zu einer lebensbedrohlichenerfläche Atemnot führen. Es gibt jedoch auch Formen der Urtikaria, die ohne Quaddelbildung und nur mit einem schmerzhaften Stechen der Haut einhergehen.

Eine chronische Urtikaria kann auch organische Ursachen haben, z. B. Störungen in der Nebennierenrinde oder der Schilddrüse bzw. versteckte Entzündungsherde im Körper (z. B. im Mund- oder Hals-Nasen-Ohrenbereich). Ein Bakterium im Magen, Helicobacter pylori, kann Auslöser der Nesselsucht sein. Auch andere bakterielle Infekte als Auslöser der Nesselsucht sind bekannt.[6] Stress kann die Urtikaria verstärken, wird jedoch auch als Auslöser diskutiert.[7][8]

Physikalische Urtikaria[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Physikalische Urtikaria werden nicht durch chemische Substanzen, sondern durch äußere Einwirkung von Druck, Hitze oder Kälte ausgelöst. Sie gehören zu den Pseudoallergien, sind also keine Allergie im medizinischen Sinn. Vermutlich aufgrund einer Fehlsteuerung des histaminergen Systems bewirkt der Reiz die Freisetzung von Histamin, einer körpereigenen Mediatorsubstanz, die wiederum die Symptome auslöst.

Die einzelnen Formen sind Urticaria factitia oder urtikarieller Dermographismus (Quaddeln im Muster einer mechanischen Einwirkung wie nach Kratzen, Drücken, Bestreichen oder Schreiben auf der Haut), Wärmeurtikaria, Sonnenurtikaria, Vibrationsurtikaria und die relativ häufige Kälteurtikaria – umgangssprachlich auch oft als „Kälteallergie“ bezeichnet.

Kontakt mit (Sonnen)licht löst bei einigen Formen der Stoffwechselstörung Erythropoetische Protoporphyrie (EPP) eine urtikaria-ähnliche Reaktion aus (EPP vom Urtikaria-Typ).

Weitere Formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seltenere Formen sind die cholinergische und adrenergische Urtikaria, wobei die Bezeichnungen ausdrücken, dass eine Aktivierung des vegetativen Nervensystems (durch Acetylcholin oder Adrenalin) dabei eine Rolle spielt. Ausgelöst werden können sie durch psychische Reize oder aber auch primäre organische Erkrankungen beispielsweise der Schilddrüse (z. B. Hashimoto-Thyreoiditis). Eine weitere Form ist die äußerst seltene aquagene Urtikaria, bei der juckende Quaddeln und Hautrötung selbst beim Kontakt mit destilliertem Wasser ausgelöst werden. Es gibt nur einzelne Fallbeschreibungen in der Literatur. Der Pathomechanismus dieser Störung ist noch unbekannt; Spekulationen vermuten, dass lösliche Substanzen der Haut mit dem Wasser in die Poren eingeschwemmt werden. Ebenso wie bei den physikalischen Auslösern ist es auch hier nicht korrekt, von einer Allergie oder gar „Wasserallergie“ zu sprechen.

Behandlungsmöglichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der akuten Urtikaria richtet sich die Therapie nach der Ausprägung der Beschwerden. Die Standardtherapie ist die Gabe von Antihistaminika, bei sehr schweren Verläufen kann eine Behandlung mit Kortison intravenös im Krankenhaus notwendig sein[1][9].

Zur Therapie der chronischen Urtikaria wird den aktuell gültigen Leitlinien zufolge abhängig vom Therapieansprechen ein dreistufiges Vorgehen empfohlen: Zuerst ein modernes Antihistaminikum in Standarddosierung; falls darauf noch immer Beschwerden bestehen folgt in der zweiten Stufe die Aufdosierung des Antihistaminikums bis auf die vierfache Tagesdosis und, falls noch immer Beschwerden bestehen, in der dritten Stufe die zusätzliche Therapie mit Omalizumab, Ciclosporin A oder Montelukast[10][11]. Die einzigen für die Therapie der chronischen Urtikaria zugelassenen Therapien jedoch sind Antihistaminika in Standarddosierung und, wenn diese Therapie nicht ausreicht, die Gabe von Omalizumab[10].

Abbildungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Marcus Maurer, Jürgen Grabbe: Urtikaria – gezielte Anamnese und ursachenorientierte Therapie. In: Deutsches Ärzteblatt. Bd. 105, 2008, S. 458–466, doi:10.3238/arztebl.2008.0458.
  2. K. Weller, S. Altrichter, E. Ardelean, K. Krause, M. Magerl: Chronische Urtikaria. In: Der Hautarzt. Band 61, Nr. 9, 1. September 2010, ISSN 0017-8470, S. 750–757, doi:10.1007/s00105-010-1933-8 (springer.com [abgerufen am 14. Juni 2017]).
  3. nesselsuchtinfo.de
  4. Peter Fritsch: Dermatologie und Venerologie für das Studium. Springer Medizin, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-540-79302-1.
  5. Allergieportal von ECARF zu den Ursachen der Urtikaria
  6. Bettina Wedi, Alexander Kapp: Evidenzbasierte Therapie der chronischen Urtikaria. In: Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. Bd. 5, Nr. 2, 2007, S. 146–155, doi:10.1111/j.1610-0387.2007.06074_supp.x.
  7. Urtikaria.net
  8. Urtikaria – Leiden ohne Ende?
  9. Urtikaria akute - P.Altmeyer - Enzyklopädie der Dermatologie, Venerologie, Allergologie, Umweltmedizin. Abgerufen am 15. Juni 2017 (deutsch).
  10. a b Christian Termeer, Petra Staubach, Hjalmar Kurzen, Klaus Strömer, Rolf Ostendorf: Chronische spontane Urtikaria – Ein Behandlungspfad für die Diagnosestellung und Therapie in der Praxis. In: JDDG: Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. Band 13, Nr. 5, 1. Mai 2015, ISSN 1610-0387, S. 419–429, doi:10.1111/ddg.12633_suppl (wiley.com [abgerufen am 15. Juni 2017]).
  11. T. Zuberbier, W. Aberer, R. Asero, C. Bindslev-Jensen, Z. Brzoza: The EAACI/GA2LEN/EDF/WAO Guideline for the definition, classification, diagnosis, and management of urticaria: the 2013 revision and update. In: Allergy. Band 69, Nr. 7, 1. Juli 2014, ISSN 1398-9995, S. 868–887, doi:10.1111/all.12313 (wiley.com [abgerufen am 15. Juni 2017]).
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