Uwe Böhnhardt

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Uwe Böhnhardt (* 1. Oktober 1977 in Jena; † 4. November 2011 in Eisenach) war ein deutscher Neonazi, Terrorist und mutmaßlicher Mörder. Mit Uwe Mundlos und Beate Zschäpe bildete er den Nationalsozialistischen Untergrund, der zwischen 2000 und 2010 für die Ermordung von zehn Menschen verantwortlich war. Böhnhardt beging 2011 zusammen mit dem Mittäter Mundlos Suizid.

Kindheit und Jugend[Bearbeiten]

Böhnhardt, Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs, kam als der jüngste von drei Brüdern zur Welt und wuchs in einer Plattenbausiedlung in Jena-Lobeda auf. 1988 starb Böhnhardts älterer Bruder Peter Böhnhardt wenige Monate vor seinem 18. Geburtstag unter ungeklärten Umständen. Passanten hatten ihn leblos vor der Haustür seiner Eltern in Jena gefunden. Böhnhardts Eltern geben an, der Tod des älteren Bruders habe den damals 11-jährigen Uwe Böhnhardt schwer traumatisiert.[1]

Nach der Deutschen Wiedervereinigung wurde Böhnhardt rechtsradikaler Skinhead. Schon im Teenageralter legte Böhnhardt eine rechtsradikale, antisemitische und ausländerfeindliche Gesinnung an den Tag und hielt sich im Umfeld der rechtsradikalen Partei NPD auf. 1992 wurde Böhnhardt mit einem Einbruch in einen Kiosk zum ersten Mal straffällig. Die siebte Schulklasse musste Böhnhardt wiederholen und wurde zum Schuljahr 1992/1993 in der Lernförderschule unterrichtet. Dort wurde er bei einem Diebstahl von Computern gestellt und der Schule verwiesen, die er ohne Abschluss verließ.[2]

Straftaten und Verurteilungen[Bearbeiten]

Im Februar 1993 wurde der 15-jährige Böhnhardt wegen mehrerer Diebstähle und Körperverletzungen zu vier Monaten Jugendhaft ohne Bewährung verurteilt, die er in der Jugendstrafanstalt Hohenleuben absaß. Im August 1993 folgte eine weitere Verurteilung wegen gemeinschaftlichen Diebstahls, Fahren ohne Fahrerlaubnis und Widerstand gegen einen Vollstreckungsbeamten zu einem Jahr und zehn Monaten Haft. Vier Monate später folgte die dritte Verurteilung: zwei Jahre Haft wegen Erpressung und Körperverletzung.[3] Im Gefängnis ließ er sich tätowieren und berichtete später seinen Eltern von Misshandlungen durch Mithäftlinge.[4]

Ab 1994 besuchte Böhnhardt den „Winzerclub“, einen Jugendclub in Jena-Winzerla. Dort lernte er den NPD-Funktionär Ralf Wohlleben und den zu dieser Zeit arbeitslosen Rechtsextremisten Uwe Mundlos kennen, der später sein Mittäter wurde. Mundlos und Böhnhardt erhielten später, wegen rechtsradikaler Äußerungen, Hausverbot in dem Jugendclub. Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz führte Böhnhardt bereits ab 1995 in einem internen Informationssystem als Rechtsradikalen. Der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König, der Böhnhardt kennenlernte, beschrieb ihn als Mitläufertyp, der Handlanger von Mundlos gewesen sei.[2]

1994 wurde Mundlos zur Bundeswehr eingezogen. Die in Jena zurückgebliebene Zschäpe begann daraufhin eine Beziehung mit Böhnhardt. Zu dritt besuchten Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt rechtsradikale Konzerte und nahmen mehrfach an rechtsradikalen Demonstrationen in Dresden und Worms teil.

1995 schändeten mutmaßlich Zschäpe und Böhnhardt das Mahnmal für die Opfer des Faschismus in Rudolstadt. Im selben Jahr provozierten Mundlos und Böhnhardt, indem sie die Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald in SA-ähnlichen, braunen Uniformen besuchten.

1995/1996 absolvierte Böhnhardt ein Berufsvorbereitungsjahr im Berufsbildungszentrum Jena, um eine Ausbildung zum Hochbaufacharbeiter zu beginnen, die er mit der Gesamtnote „gut“ abschloss.[2]

1996 hängte Böhnhardt eine menschengroße Puppe mit einem Davidstern und der Aufschrift „Vorsicht Bombe“ an einer Autobahnbrücke der Autobahn 4 auf. Das Drohen mit einer nicht vorhandenen Bombe führte dazu, dass die Puppe stundenlang nicht entfernt wurde.[2]

Im Frühjahr 1997 wurde Böhnhardt wegen des Vertriebs von Rechtsrock-CDs und Volksverhetzung zum fünften Mal verurteilt. Im selben Jahr folgte wegen der Puppe an der Autobahnbrücke die sechste Verurteilung, zu zwei Jahren und drei Monaten Haft. Trotz dieser erneuten Urteile musste Böhnhardt bis zu seinem Untertauchen 1998 nicht erneut ins Gefängnis.[3]

In den späten 1990er Jahren war Böhnhardt Mitglied der rechtsradikalen Organisation Thüringer Heimatschutz (THS), einem Sammelbecken für Neonazi-Gruppen. Mit Wohlleben und anderen gründeten Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe die Kameradschaft Jena, deren stellvertretender Vorsitzender Böhnhardt war. Bis 1997 werden in Jena mehrfach Bombenattrappen aufgefunden, die mutmaßlich von dem Trio gelegt wurden.

Gang in den Untergrund[Bearbeiten]

In den späten 1990er Jahren wurde das Trio vom Thüringer Verfassungsschutz beobachtet. Am 26. Januar 1998 durchsuchte die Polizei mehrere Objekte in Jena, darunter die Wohnung der Eltern von Uwe Böhnhardt und deren Garage. Böhnhardts Computer wurde beschlagnahmt. Böhnhardt persönlich brachte die Polizeibeamten zu einer weiteren Garage, die von Beate Zschäpe angemietet war und fuhr, noch bevor die Beamten die Garage öffneten, mit seinem Auto davon.[5] In der Garage wurden Rohrbomben, Sprengstoff und rechtsradikales Propagandamaterial aufgefunden. Im Zimmer Böhnhardts fanden Polizisten 11 kopierte Seiten von Vernehmungsprotokollen, die im Jahr 1997 angefertigt wurden. Die Protokolle belasteten Böhnhardt, André Kapke und andere. Aus den Unterlagen wurde auch klar, dass Tino Brandt V-Mann war. Offiziell enttarnt wurde dieser erst im Jahr 2001.[6]

Den später erlassenen Haftbefehlen entzogen sich Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos durch Flucht nach Chemnitz und Abtauchen in den Untergrund. Der Blood & Honour Aktivist Thomas R. soll Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos die erste Zeit in Chemnitz, in der Friedrich-Viertel-Straße 85, beherbergt haben.[7] Mit Hilfe diverser Mittäter, die bis 2013 nicht vollständig ermittelt werden konnten, lebte das Trio in den folgenden Jahren unter falschen Identitäten in mehreren Städten. Bis 2002 traf sich Böhnhardt mehrfach konspirativ mit Familienmitgliedern.

Verbrechen des NSU[Bearbeiten]

Hauptartikel: NSU-Morde

Zwischen dem 9. September 2000 und dem 6. April 2006 ermordeten mutmaßlich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt acht türkischstämmige, einen griechischen Kleinunternehmer, eine Polizistin und verübten zwei Bombenattentate in Köln. Zwischen 1999 und 2011 verübten sie mutmaßlich 14 Banküberfälle in verschiedenen, deutschen Städten.[8] Ab 2007 machte das Trio mehrfach Urlaub auf der Insel Fehmarn. Im Mai 2008 zogen sie in eine konspirative Wohnung in Zwickau.

Suizid[Bearbeiten]

Am 4. November 2011 verübten Böhnhardt und Mundlos einen Banküberfall auf eine Filiale der Wartburg-Sparkasse in Eisenach. Sie wurden von der Polizei verfolgt und versteckten sich in einem angemieteten Wohnmobil. Nachdem sie zuerst einen Schuss auf die Polizei abgaben, töteten sie sich selbst. Die Rekonstruktion der Polizei ergab, dass Mundlos Böhnhardt mit einem aufgesetzten Schuss in die Schläfe tötete.[9]

Literatur[Bearbeiten]

  • Maik Baumgärtner, Marcus Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio. Ereignisse, Szene, Hintergründe. Das Neue Berlin, Berlin 2012. ISBN 978-3-360-02149-6.
  • Christian Fuchs, John Goetz: Die Zelle. Rechter Terror in Deutschland. Rowohlt, Reinbek 2012, ISBN 978-3-498-02005-7.
  • Patrick Gensing: Terror von rechts. Die Nazi-Morde und das Versagen der Politik. Rotbuch Verlag, Berlin, 2012. ISBN 978-3-86789-163-9.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bruder des NSU-Killers lag einst tot vor der Haustür, In: Focus vom 2. Dezember 2012
  2. a b c d "Unser Sohn" Uwe Böhnhardt, der Terrorist, In: Die Welt vom 26. Dezember 2011
  3. a b „Ermittler haben Böhnhardt instrumentalisiert“, Christian Bommarius, In: Frankfurter Rundschau vom 10. April 2013
  4. Die drei Mitglieder der Terrorzelle, In: politische-bildung-brandenburg.de vom Februar 2012
  5. Das Wer-ist-Wer des Terrorismus, faz.net vom 3. März 2013
  6. Böhnhardt besaß Ermittlungsakte der Polizei, mdr.de vom 31. Januar 2013
  7. Ruheraum für Rechtsextreme taz.de vom 5. September 2012
  8. Regierungserklärung des Thüringer Innenministers. Landtag Thüringen, 22. Juni 2012, abgerufen am 4. Oktober 2012 (PDF; 90 kB).
  9. Mundlos erschoss Böhnhardt. Hamburger Abendblatt, 21. November 2011, abgerufen am 4. Oktober 2012.