Uwe Sielert

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Uwe Sielert (* 3. November 1949 in Witten) ist ein deutscher Autor, Sexualpädagoge und Pädagoge. Er war bis 2017 Professor in Kiel.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben dem umstrittenen Helmut Kentler, der ihm väterlicher Freund war[1], hat Uwe Sielert die deutsche Sexualpädagogik entscheidend mitgeprägt.

Uwe Sielert studierte von 1970 bis 1974 an der Technischen Universität Dortmund und Ruhr-Universität Bochum Pädagogik, Psychologie und Soziologie und legte an der Universität Dortmund die Prüfung zum Diplom-Pädagogen ab. Im Jahr 1977 wurde Sielert dort mit einer Dissertation über Mitarbeiter in der außerschulischen Jugendarbeit promoviert.

Sielert arbeitete von 1974 bis 1989 an der TU Dortmund in dem von Siegfried Keil und Rita Süssmuth gegründeten Institut für Sozialpädagogik, 1980 unterbrochen von einer DAAD-Gastdozentur an der Freien Universität Amsterdam. Sielert habilitierte sich 1982 an der TU Dortmund über „Zwischen Basisdemokratie und staatlichem Zugriff – Soziale Arbeit in den Niederlanden“.

Er arbeitete von 1989 bis 1992 bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln und von 1992 bis 2017 als Professor für Pädagogik mit Schwerpunkt Sozialpädagogik am Institut für Pädagogik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Er war Mitglied in der Ad-hoc-Kommission „Sexualität, Gewalt und Pädagogik“ der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft und in der AG III „Forschung und Ausbildung“ des Runden Tischs gegen Sexuellen Kindesmissbrauch. Er war Mitglied in der Ad-hoc-Kommission „Sexualethik“ der Evangelischen Kirche in Deutschland und wissenschaftlicher Beirat des Instituts für Sexualpädagogik in Dortmund. Sielert ist Gründungsmitglied und im Vorstand der Gesellschaft für Sexualpädagogik und Mitglied im erweiterten Vorstand der Deutschen STI-Gesellschaft.

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sielerts Theorien gehen insbesondere auf triebmythologische und neomarxistische Theorien nach Wilhelm Reich zurück.[2] Er postuliert in seinem Konzept der Sexualpädagogik Sexualität als „Lebensenergie“, die sich über das Medium Körper maßgeblich gestalte[3] und das Kind als sexuelles Wesen von Anfang an.[4]

Sielert bezeichnet sein Konzept als „neo-emanzipatorisch“. Eine Abgrenzung zur Tradition des „emanzipatorischen Konzepts“ (nach Helmut Kentler)[3] trifft Sielert nicht.[5]

Sielert stärkte mit seinen Studien zur Jugendarbeit die Professionalisierungsbemühungen dieses außerschulischen Handlungsfelds und konzentrierte seine Forschung anschließend auf die geschlechtsbewusste Jungenarbeit. Er kommentiert den Theoriediskurs der 1990er Jahre bis heute im Praxishandbuch Jungenarbeit.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Positionen von Sielert werden in Wissenschaft und Medien kontrovers diskutiert und rezipiert. Sielerts Eintreten steht für eine lustfreundliche und vor sexueller Gewalt warnende sexuelle Bildung von Kindern, der Anerkennung vielfältiger sexueller Identitäten, der Betonung von Sexualpädagogik als Aufgabe öffentlicher Bildungseinrichtungen. Sobald auch Kleinkinder diese Sexualität mit Erwachsenen bejahen, verschaffe dies beiden Lebensenergie und Lebensfreude. Die sexuelle Erregung von Kindern solle in den Sexualkundeunterricht einbezogen werden, kritisierte der österreichische Psychiater und psychotherapeutische Mediziner Christian Spaemann.[6] Von der Psychotherapeutin Tabea Freitag wird kritisiert, dass „moderne“ Sexualpädagogik gemäß Sielert Kinder möglichst früh zu sexuell lustvollen Erfahrungen anregen solle.[2] Ungeklärt bliebe dabei, ob die Lust der Kinder oder die Lust der Professionellen an der Lust der Kinder im Vordergrund stehe und stehen solle.

Vorwiegend geht es Sielert um ein Aufbrechen gesellschaftlich heterosexuell normierender Dominanzkultur (Heteronormativität),[7] wozu er postuliert, dass „Heterosexualität, Kernfamilie und Generativität zu entnaturalisieren“ seien, was mitunter Kritik in den Medien auslöste.[8]

Sielerts wissenschaftliches und gesellschaftliches Engagement fand auch positive Resonanz auf verschiedenen Fachebenen.[9] Sielert hat die so genannte „Sexualpädagogik der Vielfalt“ im deutschsprachigen Raum maßgeblich etabliert.[10][6]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zwischen Basisbewegung und staatlichem Zugriff – Sozialpädagogik und Sozialarbeit in den Niederlanden. Campus-Verlag, Frankfurt 1985, ISBN 3-593-33489-5.
  • Jugendsexualität zwischen Lust und Gewalt. Peter Hammer, Wuppertal 1990, ISBN 3-87294-418-5.
  • mit Frank Herrath: Lisa & Jan. Ein Aufklärungsbuch für Kinder und ihre Eltern. 1991, ISBN 3-407-83111-0.
  • Sexualpädagogische Materialien für die Jugendarbeit in Freizeit und Schule. Beltz, Weinheim 1993, ISBN 3-407-55761-2.
  • Sexualpädagogik lehren: Didaktische Grundlagen und Materialien für die Aus- und Fortbildung. Beltz, Weinheim 2000, ISBN 3-407-55835-X.
  • Jungenarbeit – Praxishandbuch für die Jugendarbeit Teil 2. Juventa, Weinheim 2005, ISBN 3-7799-0261-3.
  • Sexualpädagogik weiter denken. Postmoderne Entgrenzungen und pädagogische Orientierungsversuche. Juventa, Weinheim 2004, ISBN 3-935596-59-6.
  • Einführung in die Sexualpädagogik. Beltz, Weinheim 2005, ISBN 3-407-25372-9.
  • Kompetenztraining Pädagogik der Vielfalt. Juventa, Weinheim 2009, ISBN 978-3-7799-2137-0.
  • E-Learning und Sexualpädagogik. Köln 2010, ISBN 978-3-937707-69-3.
  • Handbuch Sexualpädagogik und Sexuelle Bildung. Juventa, Weinheim 2013, ISBN 978-3-7799-0791-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Frank Herrath: Freundliche Begleitung. Wie man ein Pädagogikfeld bestellt (PDF), In: Vielfalt wagen. Festschrift für Uwe Sielert, hrsg. von Renate-Berenike Schmidt, Elisabeth Tuider, Stefan Timmermanns. Berlin 2009.
  2. a b Tabea Freitag: Statement Anhörung im Nationalrat Bern 01/15 – Sexualpädagogik der Vielfalt (PDF), S. 1 f.
  3. a b Yvonne Bauer: Sexualität — Körper — Geschlecht. Befreiungsdikurse und neue Technologien. Opladen 2003, S. 47.
  4. „Die ‚Befreiung der kindlichen Sexualität‘ wurde zum Erziehungsziel erkoren [...] schließlich musste im Anschluss an Wilhelm Reich der gesellschaftlichen Revolution eine Veränderung des Individuums vorausgehen. [...] Für die Sexualerziehung bedeutete dies, dass Kinder nun um jeden Preis zur Lustfähigkeit erzogen werden sollten.“ (Christin Sager: Zeig Mal! – aber wie viel?! In: Sexuelle Revolution? Zur Geschichte der Sexualität im deutschsprachigen Raum seit den 1960er Jahren, S. 78).
  5. Frank Herrath: Freundliche Begleitung. Wie man ein Pädagogikfeld bestellt. (PDF) In: Vielfalt wagen. Festschrift für Uwe Sielert (Hg. Renate-Berenike Schmidt, Elisabeth Tuider, Stefan Timmermanns). Berlin 2009
  6. a b Christian Spaemann (2015): Stellungnahme zum Entwurf einer Aktualisierung des Grundsatzerlasses „Sexualerziehung“ des Bundesministeriums für Bildung und Frauen (PDF), S. 9.
  7. Sielert: Sexualität und Diversifizierung sexueller Lebenswelten und Identitäten
  8. Lehrpläne. Aufklärung oder Anleitung zum Sex? Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2014
  9. Renate-Berenike Schmidt u. a. (Hrsg.): Vielfalt wagen: Festschrift für Uwe Sielert. 2009, S. 5–6.
  10. Standards für die Sexualaufklärung in Europa (Memento vom 9. März 2018 im Internet Archive) (PDF)