Völklinger Hütte

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Völklinger Hütte*
UNESCO-Welterbe
UNESCO-Welterbe-Emblem

Eingangsbereich des Weltkulturerbes Völklinger Hütte
Eingangsbereich des Weltkulturerbes Völklinger Hütte
Staatsgebiet: DeutschlandDeutschland Deutschland
Typ: Kultur
Kriterien: (ii), (iv)
Referenz-Nr.: 687
Region: ª Europa
Geschichte der Einschreibung
Einschreibung: 1994  (Sitzung 18)

* Der Name ist auf der Welterbe-Liste aufgeführt.
ª Die Region ist von der UNESCO klassifiziert.

49.2505555555566.8452777777778Koordinaten: 49° 15′ 2″ N, 6° 50′ 43″ O

Karte: Saarland
marker
Völklinger Hütte

Die Völklinger Hütte ist ein 1873 gegründetes ehemaliges Eisenwerk in der saarländischen Stadt Völklingen. Es wurde 1986 stillgelegt.

1994 erhob die UNESCO die Roheisenerzeugung der Völklinger Hütte als Industriedenkmal in den Rang eines Weltkulturerbes der Menschheit. 2007 wurde sie für die Auszeichnung als Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland nominiert. Sie ist ein geschütztes Kulturgut nach der Haager Konvention.

Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte ist heute ein wichtiger Standort der Industriekultur in Europa und Ankerpunkt der Europäischen Route der Industriekultur (ERIH). Es wurde von rund 310.000 Besuchern im Jahr 2013 aufgesucht.[1]

Geographische Lage[Bearbeiten]

Die Hütte befindet sich südwestlich der Innenstadt Völklingens, unmittelbar am Bahnhof Völklingen, dessen umfangreiche Gleisanlagen dem Rohstofftransport zur Hütte dienten und der heute als „Eingangstor“ gestaltet ist.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

1873 gründete der Hütteningenieur Julius Buch bei Völklingen an der Saar ein Puddel- und Walzwerk. Nach sechs Jahren musste er sein Werk schließen, da es sich wegen der hohen Zölle für das Roheisen nicht mehr für die Verhüttung rentierte.

Carl Röchling (1827-1910)

Im Jahr 1881 kam es unter Carl Röchling zu einem Neuanfang. Er kaufte die stillgelegten Anlagen, und zwei Jahre später konnte der erste Hochofen in Betrieb gehen. 1890 waren die „Röchling’schen Eisen- und Stahlwerke“ der größte Eisenträgerhersteller Deutschlands.

Ein Jahr später wurde das Thomas-Stahlwerk der Völklinger Hütte eröffnet. Das Thomas-Verfahren wurde relativ spät eingeführt, zeigte jedoch bald Erfolge. Nun konnte auch die lothringische Minette, ein Eisenerz aus der benachbarten Grenzregion, in Völklingen verhüttet werden. Bis 1963 wurde Minette eingesetzt.

Die Winderhitzer der Völklinger Hütte

Um die zur Stahlherstellung notwendigen hohen Temperaturen zu erreichen, brauchte man außer Kohle vor allem auch Koks. Deshalb wurde 1897 die erste Koksbatterie direkt neben den Hochöfen errichtet. Drei Jahre später nahm die erste Gasgebläsemaschine ihren Betrieb auf. 1911 entstand eine Hängebahnanlage zur Beschickung der Hochöfen.

Als 1928 die Sintertechnik Einzug hielt, entstand in Völklingen eine der modernsten und größten Sinteranlagen Europas. Sie erlaubt das Recycling von Abfallprodukten wie Gichtstaub und Feinerz.

Während des Zweiten Weltkrieges arbeiteten etwa 70.000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in den Bergwerken, Hütten und Fabriken des Saarreviers. In der Völklinger Hütte waren bis zum Kriegsende etwa 14.000 Männer und Frauen unter anderem aus der Sowjetunion, Polen, Jugoslawien, Frankreich, Belgien und Luxemburg unter schwersten Bedingungen beschäftigt.[3]

Gesamtansicht ca. 1948-1955, amerikanische Archivaufnahme

1952 erreichte die Hütte ihren Produktionshöchststand, bedingt durch den Bauboom in der Nachkriegszeit. Erst mit der Rückkehr des Saarlandes nach Deutschland Ende 1956 erhielten die alten Besitzer, die Industriellenfamilie Röchling, die Völklinger Hütte zurück.

Im Jahr 1965 zählten die gesamten Produktions- und Verwaltungsbereiche der Völklinger Hütte insgesamt 17.000 Mitarbeiter. Die weltweite Stahlkrise erfasste 1975 auch die Völklinger Hütte. Während der luxemburgische Stahlkonzern Arbed bis 1971 im Saarland den Standort Burbach betrieb, fusionierte die Völklinger Hütte mit den „Vereinigten Hüttenwerken Burbach-Eich-Düdelingen“ zur gemeinsam mit Röchling betriebenen „Stahlwerke Röchling-Burbach GmbH“. Mit der Integration des Neunkirchener Eisenwerks wurde 1982 die Arbed Saarstahl GmbH geschaffen, bei der die Familie Röchling (1978) ausschied. Seit 1986 heißt das Unternehmen Saarstahl.

Völklinger Hütte

Nach der Stilllegung der Roheisenphase (1986) wurde dieser Teil als Industriedenkmal unter Denkmalschutz gestellt.[4] Nach kontinuierlicher Instandsetzung und Begehbarmachung folgte die Nutzung als musealer Betrieb.

1994 erklärte die UNESCO die Roheisenerzeugung der Völklinger Hütte zum Weltkulturerbe.

Umgangssprachlich wird auch das gesamte Völklinger Werksgelände der Saarstahl AG als Völklinger Hütte bezeichnet. Das heutige Weltkulturerbe Völklinger Hütte umfasst mit 7,46 Hektar Grundfläche nur einen Bruchteil des rund 260 Hektar großen Völklinger Saarstahl-Areals.

Weltkulturerbe Völklinger Hütte[Bearbeiten]

Deutsche Version des Welterbe-Emblems

Seit Mitte der 1990er Jahre finden auf dem Gelände des Weltkulturerbes Völklinger Hütte Kulturveranstaltungen statt. Das Spektrum reicht vom Open-Air-Rockkonzert über Kammermusik bis hin zu Ausstellungen über Mensch, Natur und Technik.

Im Juli 1999 gründete das Saarland die Trägergesellschaft Weltkulturerbe Völklinger Hütte - Europäisches Zentrum für Kunst und Industriekultur GmbH und berief den in Saarbrücken geborenen Direktor des Historischen Museums der Pfalz (Speyer), Meinrad Maria Grewenig, zum Generaldirektor und Leiter der Geschäftsführung.

Seit 1999 wird die Hüttenlandschaft durch eine Lichtinstallation von Hans-Peter Kuhn illuminiert. Im Jahr 2001 wurde die nächtliche Szenerie um eine Lichtinstallation von Michael Seyl erweitert.

Seit 2004 ist das Ferrodrom zu besichtigen, das erste Science Center im Saar-Lor-Lux-Raum, eine multimediale Erlebniswelt rund um Eisen und Stahl. Es gibt Exponate zur Kulturgeschichte des Eisens, Eisen zum Anfassen, Filme, aber auch Gespräche mit Zeitzeugen und Führungen durch frühere Hüttenarbeiter, die plastisch von der Arbeit am Hochofen berichten.

2012 war das Areal erstmals Veranstaltungsort des electro magnetic. Im Rahmen der „European Festival Awards“ im holländischen Groningen wurde es als „Bestes Neues Festival Europas 2012“ ausgezeichnet.[5]

Betriebsanlagen der Völklinger Hütte[Bearbeiten]

Sinteranlage der Völklinger Hütte

Folgende Bereiche des ehemaligen Eisenwerkes können besichtigt werden:

  1. Sinteranlage: Sie diente der Nutzung von Feinerzen. Sintern bedeutet die Stückigmachung von staubförmigen bis feinkörnigen Stoffen. Beim Sintern von Eisenerzen geschieht dies durch ihre Erhitzung bis zur Schmelztemperatur. Die Erze werden zusammen mit Koks oder Anthrazit auf ein Band gegeben und dieses durch heißen Wind angezündet. Der Koks glüht die Erzmasse durch. Am Ende des Sinterbandes wird der Sinterkuchen in kleine Stücke gebrochen, anschließend abgekühlt und gesiebt. In der Sinteranlage der Völklinger Hütte befindet sich das Besucherzentrum.
  2. Erzhalle: Sie diente zur Lagerung von Eisenerzen und wird heute für Ausstellungen genutzt. Vom Dach der Erzhalle kann man das Stahlwerk der Saarstahl AG sehen.
  3. Möllerhalle: Sie diente zur Lagerung von Eisenerzen, Sinter, Schrott und Kalk. Aus diesen Zutaten wurde der Möller, also das Gemisch für den Hochofen, zusammengestellt. Die Rohstoffe wurden mit der Bahn in die Möllerhalle gefahren und von oben abgekippt. Die Bunkertaschen laufen unten spitz zu und sind mit Schiebern versehen. So konnte der Möller in die Hängebahnwagen gefüllt werden. Diese werden dann auf die Gichtbühne gefahren und von oben in die Hochöfen gekippt. Teile der Möllerhalle werden heute für Ausstellungen genutzt. In ihrem Untergeschoss befindet sich das Science-Center Ferrodrom. Hier wird die Geschichte der Eisenverarbeitung dargestellt.
  4. Hochofengruppe: Sie darf nur mit einem Schutzhelm betreten werden.
    1. Die Winderhitzer sind 30 bis 40 Meter hoch. Außen haben sie einen Stahlmantel, im Inneren sind sie zu zwei Dritteln des Querschnittes mit gelochten Steinen ausgemauert. Die Ausmauerung bildet den Wärmespeicher. Für jeden Hochofen existieren drei Winderhitzer. Ein Winderhitzer war immer auf Wind eingestellt, er heizte also den Wind auf. Der zweite war auf Gas eingestellt und wurde aufgeheizt, der dritte stand in Reserve. Nach 90 Minuten, wenn die Wärme der Steine verbraucht war, wurde von Wind auf Gas umgeschaltet. Zu jeder Winderhitzergruppe gehört ein Kamin, der bis zu 80 Meter hoch war. Der heiße Wind wurde von unten in die Hochöfen eingeblasen.
    2. Gichtbühne auf 27 m Höhe: Sie dient dem Befüllen der Hochöfen von oben mit 15 Hängebahnwagen pro Befüllvorgang (Charge): Abwechselnd wurden eine Lage Koks sowie eine Mischung aus Eisenerz, Sinter, Schrott und Zusatzstoffen in den Ofen gekippt. Der Abstich des flüssigen Eisenerzes erfolgte von unten mit einer Abstichmaschine. Schlacke wurde gesondert abgestochen. Die Gicht wurde abgefangen und nach Reinigung von Staubpartikeln zur Gebläsehalle geleitet, wo sie die Luftpumpen antrieb, die den Kaltwind erzeugten und in die Winderhitzer leiteten. Von der Gichtbühne und einer Gruppe von drei zugänglichen Winderhitzern hat man eine hervorragende Aussicht auf Völklingen.
    3. Hochöfen i.e.S.: Höhe 27 m, Durchmesser 10 m. Sie sind von Gerüsten umgeben und von außen nicht zu sehen. Die Wände des Hochofens wurden mit Wasser gekühlt.
    4. Hängebahnwagen versorgten alle sechs Hochöfen zusammen. Sie wurden mit einem Schrägaufzug auf die Arbeitsbühne befördert.
  5. Die Kokerei diente der Umwandelung von Kohle in Koks, der im Hochofen eingesetzt wurde. Die beim Kokereiprozess anfallenden Wertstoffe wie Teer, Ammoniak, Benzol, Schwefel und Kokereigas wurden aufgefangen und weiterverarbeitet. Das Kokereigas war ein wichtiger Bestandteil des Stadtgases.
  6. Vom ehemaligen Kohlengleis aus kann man alle sechs Hochöfen zusammen sehen.
  7. Handwerkergasse. Hier hatten die Betriebshandwerker ihre Werkstätten. Besonders wichtig waren Maurer, die die Hochöfen innen ausmauern mussten, wenn die feuerfesten Steine nach 10 bis 15 Jahren abgenutzt waren.
  8. Die Gasometer dienten der Zwischenspeicherung des Hochofengases (Gicht) und des Kokereigases. Sie gehören heute zur Saarstahl AG.
  9. In der Gebläsehalle stehen riesige Gasmaschinen. Sie wurden mit Gichtgas angetrieben und erzeugten den Wind für die Hochöfen. Teile der Gebläsehalle werden heute für Ausstellungen genutzt.

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Leonardo da Vinci – Maschine Mensch (1. November 2002 bis 30. März 2003)
  • magnum – 50 Jahre Weltgeschichte (13. April 2003 bis 2. November 2003)
  • GameArt (22. November 2003 bis 18. April 2004)
  • InkaGold – 3000 Jahre Hochkulturen – Meisterwerke aus dem Larco Museum Peru (17. Juli 2004 bis 3. April 2005)
  • Schätze aus 1001 Nacht – Faszination Morgenland (14. Mai 2005 bis 13. November 2005)
  • nackt – nu 1850–1900 (11. Dezember 2005 bis 23. April 2006; zeigte über 100 historische Aktfotografien aus der saarländischen Sammlung Uwe Scheid)
  • Macht&Pracht. Europas Glanz im 19. Jahrhundert (20. Mai 2006 bis 15. April 2007; über den Glanz Europas im 19. Jahrhundert)
  • Genius I. Die Mission: entdecken erforschen erfinden (13. Mai 2007 bis 30. März 2008; „eine spannende Reise zu den Sehnsüchten, Träumen und Visionen der Menschheit”)
  • Duane Hanson – Sculptures of the American Dream (20. Oktober 2007 bis 12. Mai 2008)
  • Staatsgeschenke – 60 Jahre Deutschland (16. Mai 2009 bis 5. September 2010)
  • Dein Gehirn. denken.fühlen.handeln. (16. Mai 2009 bis 25. Juli 2010)
  • Die Kelten – Druiden. Fürsten. Krieger. Das Leben der Kelten in der Eisenzeit (20. November 2010 bis 22. Mai 2011)
  • Mel Ramos – 50 Jahre Pop-Art (18. Juni 2011 bis 8. Januar 2012)
  • Allen Jones – Off the Wall – PopArt von 1957–2009 (13. Oktober 2012 bis 16. Juni 2013)
  • Mythos Ferrari – Fotografien Günter Raupp (22. September 2012 bis 24. März 2013)
  • UrbanArt Biennale 2013 (24. März 2013 bis 1. November 2013)
  • Generation Pop - hear me! feel me! love me! (15. September 2013 bis 15. Juni 2014)[6]
  • Ägypten - Götter. Menschen. Pharaonen. (25. Juli 2014 bis 22. Februar 2015, verlängert bis 12. April 2015) [7]
  • UrbanArt Biennale 2015 (29. März 2015 bis 1. November 2015)

Wissenswertes[Bearbeiten]

Galerie[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ralf Banken: Die Industrialisierung der Saarregion 1815-1914. Band 2: Take-Off-Phase und Hochindustrialisierung 1850-1914, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1997.
  • Lucius Burckhardt, Georg Skalecki, Johann-Peter Lüth: Alte Völklinger Hütte. Photographien Hans Meyer-Veden, Verlag Axel Menges, Stuttgart/London 1997 ISBN 3930698285
  • Initiative Völklinger Hütte (Hg.): Die Völklinger Hütte, Sutton Verlag, Erfurt 2008.
  • Harald Glaser: Die Völklinger Hütte, Kai Homilius Verlag, Berlin 1997.
  • Meinrad Maria Grewenig: Ägypten. Götter. Menschen. Pharaonen. Meisterwerke aus dem Museum Egizio Turin. Katalog zur Ausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte, Europäisches Zentrum für Kunst und Industriekultur. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2014, ISBN 978-3-88423-484-6.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Völklinger Hütte – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Presseseite Völklinger Hütte, abgerufen am 25. Januar 2014
  2. Alter Bahnhof Völklingen (PDF; 820 kB), abgerufen am 22. Februar 2012
  3. memotransfront: Fabian Lemmes: Ehemaliges Arbeitserziehungslager der Röchling’schen Eisen- und Stahlwerke. Abgerufen am 29. Mai 2010.
  4. Teildenkmalliste der Mittelstadt Völklingen. In: Denkmalliste des Saarlandes. 19. Mai 2010, abgerufen am 6. April 2011 (PDF; 419 kB). (PDF; 410 KB)
  5. The 2012 Winners In Full | Festival Awards Europe
  6. Webpräsenz Generation Pop, abgerufen am 25.1.2914
  7. Internetpräsenz Völklinger Hütter, aufgerufen am 1. August 2014