Vaporwave

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Vaporwave

Entstehungsphase: um 2010
Stilistische Vorläufer
Synth PopLo-FiPlunderphonicsCity PopSmooth JazzNew AgeAmbientMuzakVideospielmusikOutsider Music
Pionierbands
Macintosh PlusBlank BansheeHong Kong Expresst e l e p a t h テレパシー能力者
Genretypische Instrumente
SynthesizerSamples
Stilistische Nachfolger
Future FunkHard VapourMeme Music
Subgenres
MallsoftEccojamsPipe DreamsComputer DreamsVaportrapVapor DubSeapunkVapordelicLaborwaveFashwave
Verwandte Genres
ChillwaveSeapunkHypnagogic PopBedroom PopA E S T H E T I C editsWitch House

Vaporwave ist eine Musik- und Kunstbewegung, die in den frühen 2010er Jahren als Internet-Phänomen der Netzkultur entsprang und bis heute in Teilen eine große Nähe zur dortigen Memekultur aufweist.

Musik-ästhetisch lässt sich das Genre in seinen Ursprüngen auf eine Retrokultur und Faszination durch die 1970er bis 1990er, insbesondere der 1980er, und teilweise auch der frühen 2000er Jahre zurückführen. Prägend für den Stil waren vor allem zu Beginn unter anderem Technologie, Videospiele, der Postmodernismus, die Konsumkultur sowie die Design-, Werbe- und Musikästhetik dieses Zeitraums. Zu den wichtigsten musikalischen Einflüssen zählen vor allem das Plunderphonics-Genre, aber auch Smooth Jazz, New Age, Ambient, Muzak und Videospielmusik. Viele Musiker und Kritiker sahen das Genre besonders zu seiner Entstehungszeit vor 2013 als eine Satire.[1][2] Später wurde Vaporwave vermehrt auch als eine eigene (satirische) Form der Kritik an Konsum,[3] Kapitalismus oder Zustand bzw. Entwicklung der Gesellschaft im Allgemeinen betrachtet. Wieder andere sehen in der Produktion von Vaporwave schlicht den Versuch der Erzeugung einer gewissen Stimmung beim Hörer; dieses spezielle „Vaporwave-Gefühl“ kann sich zum Beispiel infolge des Schwelgens in der Erinnerung an eine Vergangenheit, die in der dargestellten Unbeschwertheit nie existierte[4] bzw. nie selbst erlebt wurde, im Menschen ausbreiten. Dies zeigt sich vor allem an den neueren Veröffentlichungen, die im Vergleich zu denen der Anfangszeit des Vaporwave bspw. immer seltener auf Samples von Popsongs der 80er Jahre basieren.

Seit seiner Entstehung hat sich das Genre zu einer der Haupteinnahmequellen des Online-Plattenladens Bandcamp entwickelt.[5] Da sich das Genre weitestgehend auf Internet-Musikplattformen wie Bandcamp, Soundcloud, Reddit, 4chan oder Mixcloud und Internet-Videoplattformen wie YouTube abspielt und nur wenige „reale“ Veranstaltungen stattfinden,[6] handelt es sich bei Vaporwave um ein räumlich dezentralisiertes Musikgenre, für das kein klares Herkunftsland o. Ä. auszumachen ist.

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Vaporwave ist eine Kombination aus den Worten Vaporware – also Soft- oder Hardware, die der Öffentlichkeit angekündigt wurde und verspätet, oder niemals auf den Markt kam – und -wave, einer häufigen Wortendung in den Bezeichnungen von Musikgenres.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als die ersten Releases des Musikgenres werden meist die im Jahr 2010 veröffentlichten Far Side Virtual von James Ferraro[7] und Daniel Lopatins, unter seinem Pseudonym Chuck Person veröffentlichtes, Chuck Person’s Eccojams Vol. 1[8] genannt. Es dauerte jedoch noch bis Ende 2011, als Ramona Andra Xavier ihr Album Floral Shoppe unter ihrem Alias Macintosh Plus veröffentlichte, dass das Musikgenre Popularität in der breiteren Bevölkerung erlangte, und auch den Grundstein für die ästhetische Entwicklung der bildenden Kunst innerhalb des Vaporwave-Genres legte. Das Album gilt bis heute als eine der wichtigsten und stilbildendsten Veröffentlichungen des Genres. Nach und nach entwickelte sich auf verschiedenen Online-Plattformen eine größere Community an Hörern und Produzenten. Der Musikkritiker Adam Harper schrieb in seinem Artikel im Dummy Mag, Vaporwave könne als ein post-lo-fi und oftmals sogar post-retro-Genre beschrieben werden. Weiter heißt es in dem Artikel, das Genre spiegle die Tatsache wider, dass die heutige hochentwickelte Technologie bereits morgen veraltet und bloßes Lo-fi sein könne.[9] Andere Kritiker taten das Genre wiederum nur als bloße Randerscheinung ab und setzten, wie Michelle Lhooq von VICE oder Leon Gilal des Chicago Readers, Vaporwave auf eine Ebene mit dem, zu der Zeit bereits toten Musikgenre Seapunk.[10][11]

Im Jahr 2013 begann ein neuer Umbruch innerhalb des Musikgenres. Mehrere Sub-Genres, die sich nicht mehr nur thematisch, sondern nun auch wirklich stilistisch vom klassischen Vaporwave-Klang unterscheiden, begannen sich herauszukristallisieren. Hierzu zählen als wichtigste Vertreter das, von Blank Banshee begründete Sub-Genre des Vaportrap, sowie das, hauptsächlich auf Muzak basierende Genre Mallsoft, zu dessen wichtigsten Vertretern Disconscious zählt.[12]

Ein weiterer stilistischer Umbruch innerhalb des Genres fand im Jahre 2015 statt. Ein weiteres Mal weiteten verschiedene Musiker die Grenzen des Vaporwave-Genres. Diesmal geschah dies jedoch radikaler als je zuvor; das Duo 2 8 1 4, bestehend aus den beiden Musikern T e l e p a t h テレパシー能力者 und Hong Kong Express veröffentlichte ihr Album 新しい日の誕生 (Geburt eines neuen Tages), das das Musikgenre unter starke Einflüsse aus dem Ambient-Genre setzte.[13] Viele der darauffolgenden Releases lassen eine Veränderung bzw. Entwicklung, hin zu einem eher atmosphärischeren Stil erkennen. Ein weiterer einflussreicher Release aus dem Jahr 2015 ist I’ll Try Living Like This von Death’s Dynamic Shroud.wmv, das sehr moderne Samples verwendet, im Gegensatz zu den meist aus dem Zeitraum zwischen den 1970er und frühen 2000er Jahren stammenden Samples vieler anderer Veröffentlichungen. Das Album erhielt gute Kritikerbewertungen und erzielte eine Platzierung in den Top 50 der Jahres-Albumcharts des FACT Magazines.[14] Es entstand eine große Diskussion in der Community über die Zugehörigkeit der Veröffentlichungen zum Vaporwave-Genre. Im November des Jahres veröffentlichte Wolfenstein OS X sein Album End of the World Rave, das als der erste Release des Hard-Vapour-Sub-Genres gezählt wird. Das Sub-Genre, das stilistisch nur wenig mit Vaporwave zu tun hat, ist aus einer Emanzipationsbewegung von Samples entstanden, die von einigen Musikern des Labels Dream Catalogue angeführt wurde.

Besonders in den Jahren 2015 und 2016 entstand eine analytischere Herangehensweise an die Produktion der Musik, da sich viele der Musiker, und dadurch auch der Kritiker, mit der inhaltlichen Frage konfrontiert sahen, was Vaporwave an sich nun ausmache, bzw. von anderen Musikgenres unterscheidet. Grafton Tanner beschrieb hierbei in seinem Buch Babbling Corpse: Vaporwave and the Commodification of Ghosts, dass Vaporwave die Beziehung zwischen dem Menschen und der allgegenwärtigen Technologie erkundet, und weiterhin die Musik der Nicht-Orte und Nicht-Zeiten sei, da es sich skeptisch auf den Umgang der Menschen mit der, durch die Konsumkultur beeinflussten Orte und Zeit, bezieht. In seiner Theorie zu Vaporwave, handelt es sich bei dem Genre somit um eine Erkundung der Beziehung zwischen dem Menschen, und der, durch diesen geschaffenen Welt.[15] Auch Musikkritiker Dylan Kilby von Sunbleach Media bezieht eine ähnliche Stellung wie Grafton Tanner im Hinblick auf das Genre. In seinem Artikel zu Disconscious Album Hologram Plaza schreibt er, das frühe Vaporwave, und besonders das Sub-Genre Mallsoft seien eine musikalische Erforschung der seelenlosen Einkaufszentren, während die derzeitige Entwicklung des Genres eher in Richtung der Erforschung des reinen Klangs geht.[16] Hong Kong Express erklärte in seinem Interview mit der Red Bull Music Academy, dass Vaporwave eine so große Anziehungskraft habe, da das Genre so offen für klangliche und konzeptuelle Erforschung sei. Weiter erklärt er, dass die utopischen und konsumkritischen Elemente in Vaporwave nur einen kleinen Teil der Möglichkeiten des Genres ausmachen würden.[17] Mit dieser Aussage steht der Musiker immer noch in klarem Gegensatz zum Großteil der Musikkritiker, die das antikapitalistische Moment des Genres als einen essentiellen Inhalt von Vaporwave sehen.

Vaporwave als Kunstform[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gestaltungsbeispiel für Vaporwave

Die aesthetics (Ästhetik) genannte Kunstform bzw. Gestaltung des Musikgenres zeichnet sich vorrangig durch griechische Büsten (oder Statuen), verschiedene Elemente aus den 1980er und frühen 1990er Jahren (unter anderem (Teile von) Computeroberflächen und USA- oder Japan-typische Konsumgegenstände und Werbung) und "Urlaubsmotive" wie Palmen, Strände und Sonnenuntergänge aus. Farblich sind die Bilder oft in Neon- oder Pastellfarben gehalten. Künstler- und Liednamen bestehen zu einem großen Teil aus japanischen Schriftzeichen oder Monospace-Schrift.

Einige Gestaltungselemente, wie eben antike Büsten, Rastertexturen oder perfekte Glaskörper, lassen sich auf Begleitgrafiken früher Forschungsarbeiten im Bereich der 3D-Computergrafik zurückverfolgen. Die dreidimensionalen Szenen wurden von Forschern wie John Turner Whitted vorrangig konzipiert, um die Eigenschaften der untersuchten Technologien zu demonstrieren. Neben der bizarren Ästhetik ist es auch die inhaltliche Nähe zu den Motiven des Vaporwave (beispielsweise Echtzeitgrafik in Videospielen), weshalb Genrevertreter auf diese Bildsprache zurückgreifen.

Vaporwave-Ästhetik in den Massenmedien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das internationale Fernsehnetzwerk MTV ersetzte im Jahr 2015 durch ein Rebranding sein altes Design durch ein neues von den beiden Musik- und Kunstströmungen Vaporwave und Seapunk inspiriertes Design, welches groß durch die MTV Video Music Awards 2015 promotet wurde.[18][19]

Auch die Blogging-Plattform Tumblr durchlief 2015 ein Rebranding, bei dem die Seite durch ein klar von Vaporwave und anderen von den 1990er Jahren inspirierten Musik- und Kunstrichtungen ausgehenden Design erneuert wurde.[19]

Bekannte Musiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus der Frühzeit des Genres[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Future Funk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Musiklabels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fortune 500 (geschlossen)
  • DMT[REC] (geschlossen)
  • Bedlam Tapes und Bedlam Digital
  • Business Casual
  • 首都 TAPES INC.
  • Cyber Dream Records
  • Beer Wizard
  • Ailanthus Recordings
  • Adhesive Sound
  • フューチャゴス「FUTUREGHOST」
  • The Vapour Library
  • Beer on the Rug (nicht ausschließlich Vaporwave)
  • Dream Catalogue (heute nach einer Umstrukturierung hauptsächlich Hard Vapour und verwandte Genres, viele ehemalige Alben finden sich auf dem Label Dream Graveyard)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Vaporwave – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Britton, Luke Morgan: MUSIC GENRES ARE A JOKE THAT YOU'RE NOT IN ON. Noisey, 26. August 2014, abgerufen am 30. August 2016 (englisch).
  2. Ward, Christian: Vaporwave: Soundtrack to Austerity. Stylus, 29. Januar 2014, abgerufen am 30. August 2016 (englisch).
  3. Wohlmacher, John: Was ist eigentlich Vaporwave? PULS, 16. April 2016, abgerufen am 30. August 2016.
  4. Reynolds, Simon: Retromania: Pop Culture's Addiction to Its Own Past. Faber and Faber Ltd., London 2011, ISBN 978-0-571-23208-6.
  5. Ratliff, Ben: Is Bandcamp the Holy Grail of Online Record Stores? New York Times, 19. August 2016, abgerufen am 30. August 2016 (englisch).
  6. Hong Kong Express: Dream Catalogue live at the Future Everything Festival in Manchester. (Nicht mehr online verfügbar.) 25. Januar 2015, archiviert vom Original am 8. Mai 2016; abgerufen am 22. Juli 2016 (englisch).  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/dreamcatalogue.net
  7. Blanning, Lisa: "James Ferraro – Cold". Pitchfork, 5. Mai 2013, abgerufen am 22. Juli 2016 (englisch).
  8. Bowe, Miles: "Band To Watch: Saint Pepsi". Stereogum, 26. Juli 2013, abgerufen am 22. Juli 2016 (englisch).
  9. Harper, Adam: Comment: Vaporwave and the pop-art of the virtual plaza. Dummy Mag, 12. Juli 2012, abgerufen am 30. August 2016 (englisch).
  10. Lhooq, Michelle: Is Vaporwave The Next Seapunk? VICE, 28. Dezember 2013, abgerufen am 30. August 2016 (englisch).
  11. Gallig, Leon: Vaporwave and the observer effect. Chicago Reader, 19. Februar 2013, abgerufen am 30. August 2016 (englisch).
  12. Harper, Adam: "Pattern Recognition Vol. 8.5: The Year in Vaporwave". Electronic Beats, 5. Dezember 2013, abgerufen am 22. Juli 2016 (englisch).
  13. "10 New Artists You Need to Know: November 2015". Rolling Stone, 25. November 2015, abgerufen am 22. Juli 2016 (englisch).
  14. "The 50 Best Albums of 2015". FACT Magazine, 9. Dezember 2015, abgerufen am 22. Juli 2016 (englisch).
  15. Tanner, Grafton: Babbling Corpse: Vaporwave and the Commodification of Ghosts. zero books, Alresford 2016, ISBN 978-1-78279-759-3.
  16. Kilby, Dylan: Disconscious – Hologram Plaza. Sunbleach Media, 7. August 2016, abgerufen am 30. August 2016 (englisch).
  17. Thomas, Russell: Interview: Dream Catalogue’s Hong Kong Express on Vaporwave’s Past, Present, and Future. Red Bull Music Academy, 8. September 2014, abgerufen am 30. August 2016 (englisch).
  18. Lange, Maggie: The Crowd-Sourced Chaos of MTV's Vaporwave VMAs. GQ. Condé Nast, 29. August 2015, abgerufen am 30. August 2016 (englisch).
  19. a b Pearson, Jordan: How Tumblr and MTV Killed the Neon Anti-Corporate Aesthetic of Vaporwave. Motherboard, 26. Juni 2015, abgerufen am 30. August 2016 (englisch).