Varnsdorf

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Varnsdorf
Wappen von Varnsdorf
Varnsdorf (Tschechien)
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Basisdaten
Staat: Tschechien
Region: Ústecký kraj
Bezirk: Děčín
Fläche: 2616,9134[1] ha
Geographische Lage: 50° 55′ N, 14° 37′ OKoordinaten: 50° 54′ 48″ N, 14° 37′ 8″ O
Höhe: 332 m n.m.
Einwohner: 15.611 (1. Jan. 2016)[2]
Postleitzahl: 407 47
Kfz-Kennzeichen: U
Verkehr
Bahnanschluss: Mittelherwigsdorf–Eibau
Rybniště–Varnsdorf
Struktur
Status: Stadt
Ortsteile: 3
Verwaltung
Bürgermeister: Stanislav Horáček (Stand: 2014)
Adresse: nám. E. Beneše 470
407 47 Varnsdorf
Gemeindenummer: 562882
Website: www.varnsdorf.cz
Lage von Varnsdorf im Bezirk Děčín
Karte

Varnsdorf (deutsch Warnsdorf) ist eine Stadt im Norden Tschechiens im Bezirk Děčín, Ústecký kraj. Sie liegt in 350 m üM im Böhmischen Niederland an der Mandau zwischen Seifhennersdorf und Großschönau. Die Stadt kann außerdem dem Schluckenauer Zipfel zugeordnet werden. Varnsdorf grenzt im Norden, Osten und Südosten an Sachsen, liegt an der Eisenbahnstrecke Zittau–Großschönau–Seifhennersdorf–Eibau und besitzt zwei Grenzübergänge in die sächsische Landstadt Seifhennersdorf (Zollstraße) und die Gemeinde Großschönau (Hauptstraße) sowie einen weiteren touristischen Übergang nach Seifhennersdorf (Warnsdorfer Str.).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dorf Warnsdorf wird 1352 erstmals erwähnt. 1642 wurde der Ort von den Schweden geplündert, 1778 und 1866 von den Preußen.

Im 18. Jahrhundert entwickelte sich in Warnsdorf, wie auch in der benachbarten Oberlausitz die Weberei. Es entstanden weitere Orte in der Umgebung:

  • 1689 Neu Warnsdorf
  • 1700 Floriansdorf
  • 1727 Karlsdorf
  • 1783 Alt Franzenthal
  • 1800 Neu Franzenthal

Im Jahre 1849 vereinigten sich diese Dörfer mit Alt Warnsdorf zu dem mit 13.000 Einwohnern größten Dorf des Kaiserthums Österreich. Es lag im Gerichtsbezirk Warnsdorf und war ab 1850 Sitz eines Bezirksgerichts sowie ab 1908 der Bezirkshauptmannschaft. 1868 erhielt der Ort, der nun auf 15.000 Einwohner angewachsen war und auch als Klein Manchester bezeichnet wurde, das Stadtrecht. 1914 lebten in Warnsdorf etwa 30.000 Einwohner. Bekanntestes Unternehmen waren die Kunert-Strumpfwerke.

Altkatholische Kirche Varnsdorf
Luftaufnahme von Marktplatz und Kirche in Varnsdorf

Gemäß dem Toleranzpatent des österreichischen Kaisers Josephs II. aus dem Jahr 1781 wurde Warnsdorf, neben Liberec ein Zentrum der altkatholischen Kirche in Böhmen. Heute befindet sich hier die Konkathedrale der tschechischen Altkatholischen Kirche.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Österreich-Ungarn der Vertrag von Saint-Germain diktiert. Das Selbstbestimmungsrecht der deutschsprachigen Bevölkerung im Sudetenland (Deutschböhmen und Deutschmährer), die im Oktober 1918 die eigenständigen Provinzen Deutschböhmen und Sudetenland gegründet hatten, blieb unberücksichtigt und die Tschechoslowakei wurde gegründet.

In der nachfolgenden Inflation der Geldwährung im benachbarten Deutschen Reich (1923) und durch die Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929 bis 1932 kam es in Warnsdorf zu hoher Arbeitslosigkeit und Armut. Der Schmuggel über die nahe Grenze nach Sachsen wurde für viele Einwohner zur Existenzgrundlage.

Laut Volkszählung 1930 hatte die Stadt 22.621 Einwohner (davon 19.963 Deutsche = 88 %, 1.617 Tschechen = 7 %, 988 Ausländer = 4 % und 53 andere)[3].

Warnsdorf entwickelte sich vor dem Zweiten Weltkrieg zu einer Hochburg der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins. Als Henlein 1938 in Warnsdorf sprach, kamen 12.000 Zuhörer und es wurde das Standrecht ausgerufen. 1939 lebten in der Stadt 21.000 Einwohner. Am 22. Mai 1947 waren es 15.661 Bewohner.

Vertreibung der Deutschen

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutschsprachige Bevölkerung von Warnsdorf vertrieben. Ihr Vermögen durch das Beneš-Dekret 108 konfisziert, das Vermögen der evangelischen Kirche durch das Beneš-Dekret 131 liquidiert und die katholischen Stadtkirchen in der kommunistische Ära enteignet. Seitens der Tschechischen Republik erfolgte keine Abgeltung für das eingezogene Vermögen.

Zwischen 1946 und 1949 war in Varnsdorf die erste Sorbische Oberschule untergebracht. Nach der Machtergreifung der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei wurde diese in Übereinkunft mit den Behörden der SBZ geschlossen und die Schüler fortan in Bautzen unterrichtet. Einige Dutzend Sorben blieben jedoch in Varnsdorf und kehrten nicht in die Lausitz zurück.

Studánka und Světliny 1.díl wurden 1980 eingemeindet.

Heute lebt in Varnsdorf eine große Bevölkerungsgruppe der Roma, deren Anteil im Vergleich zur übrigen Bevölkerung wächst. Hierbei kam es wiederholt zu Konflikten.[4]

Gemeindegliederung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stadt Varnsdorf besteht aus den Ortsteilen Studánka (Schönborn), Světliny 1.díl (Lichtenhain – Schönborner Anteil) und Varnsdorf (Warnsdorf).[5] Grundsiedlungseinheiten sind Gerhus, Hraniční Buk (Bei der Grenzbuche), Pěnkavčí vrch (Finkendorf), Pod Hrádkem, Pod nádražím, Pod Špičákem, Střed I, Střed II, Střed III, Studánka, Světliny, Špičák, U cihelny, U divadla, U hranic, U hřbitova, U kostela bez věže, U koupaliště, U lomu, U Mandavy, U Mělníka, U nemocnice, U Podluží (Schneckendorf), U polikliniky, U skály und Varnsdorf-u kostela.[6]

Das Gemeindegebiet gliedert sich in die Katastralbezirke Studánka u Rumburku und Varnsdorf.[7]

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Borromäuskirche
Ausflugsrestaurant auf dem Hrádek
Evangelische Kirche

Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Varnsdorf besitzt eine Reihe von Kulturdenkmälern. In der 1774 am Markt neu errichteten Kirche St. Peter und Paul erfolgte am 29. Juni 1830 die erste vollständige Aufführung von Ludwig van Beethovens Missa solemnis. 1872 wurde hier die erste altkatholische Gemeinde Österreich-Ungarns gegründet.

Ein Kuriosum stellt die Borromäuskirche aus dem Jahre 1911 dar. Sie ist besser bekannt als die Kirche ohne Turm, da der Turmbau wegen Geldmangels abgebrochen werden musste.

Auf dem 429 m hohen Hrádek an der Landesgrenze bei Seifhennersdorf errichtete der Architekt Möller 1904 ein luxuriöses Ausflugsrestaurant. Dieses markante Objekt auf dem Hausberg von Varnsdorf und Seifhennersdorf verfiel nach 1945 immer mehr. In den letzten Jahren erfolgte durch einen grenzüberschreitenden Förderverein eine Sanierung des zur Ruine verkommenen Bauwerkes, das bereits zu einem großen Teil wiederhergestellt werden konnte.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Personen, die mit dem Ort in Zusammenhang stehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ambros Opitz (1846–1907), Theologe und Verleger, lebte und starb hier
  • Bjarnat Krawc (1861–1948) sorbischer Komponist und Dirigent, lebte ab 1945 in Varnsdorf.
  • Peter Weiss (1916–1982), Schriftsteller, Maler und Experimentalfilmer, lebte von 1936 bis 1937 in Varnsdorf.

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bahnhof Varnsdorf liegt an der Strecke aus Rybniště und der Bahnstrecke Mittelherwigsdorf–Varnsdorf–Eibau. Es existieren an letztgenannter Verbindung außerdem die Haltepunkte Varnsdorf Staré Nádraží und Varnsdorf-Pivovár Kocour.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Varnsdorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Detlef Brandes: Der Weg zur Vertreibung 1938-1945. Pläne und Entscheidungen zum „Transfer“ der Deutschen aus der Tschechoslowakei und aus Polen, 2. Aufl., Oldenburg/München 2005. ISBN 978-3486567311
  • Jan Šícha, Eva Habel, Peter Liebald, Gudrun Heissig: Odsun. Die Vertreibung der Sudetendeutschen. Dokumentation zu Ursachen, Planung und Realisierung einer „ethnischen Säuberung“ in der Mitte Europas 1945/46. Sudetendeutsches Archiv, München 1995, ISBN 3-930626-08-X.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Obec Varnsdorf: podrobné informace. In: Územně identifikační registr ČR. Abgerufen am 2. September 2014 (tschechisch).
  2. Český statistický úřad – Die Einwohnerzahlen der tschechischen Gemeinden vom 1. Januar 2016 (PDF; 371 KiB)
  3. Rudolf Hemmerle: Sudetenland Lexikon Band 4, Seite 470. Adam Kraft Verlag, 1985. ISBN 3-8083-1163-0.
  4. Karl-Peter Schwarz: Roma in Tschechien: Zwist im Zipfel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. September 2011.
  5. Části obcí. In: Územně identifikační registr ČR. Abgerufen am 2. September 2014 (tschechisch).
  6. Základní sídelní jednotky. In: Územně identifikační registr ČR. Abgerufen am 2. September 2014 (tschechisch).
  7. Katastrální území. In: Územně identifikační registr ČR. Abgerufen am 2. September 2014 (tschechisch).
  8. Centrum Panorama Varnsdorf. In: www.centrumpanorama.cz. Abgerufen am 10. Juni 2016.