Varnsdorf

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Varnsdorf
Wappen von Varnsdorf
Varnsdorf (Tschechien)
Paris plan pointer b jms.svg
Basisdaten
Staat: Tschechien
Region: Ústecký kraj
Bezirk: Děčín
Fläche: 2616,9134[1] ha
Geographische Lage: 50° 55′ N, 14° 37′ OKoordinaten: 50° 54′ 48″ N, 14° 37′ 8″ O
Höhe: 332 m n.m.
Einwohner: 15.477 (1. Jan. 2017)[2]
Postleitzahl: 407 47
Kfz-Kennzeichen: U
Verkehr
Bahnanschluss: Mittelherwigsdorf–Eibau
Rybniště–Varnsdorf
Struktur
Status: Stadt
Ortsteile: 3
Verwaltung
Bürgermeister: Stanislav Horáček (Stand: 2014)
Adresse: nám. E. Beneše 470
407 47 Varnsdorf
Gemeindenummer: 562882
Website: www.varnsdorf.cz
Lage von Varnsdorf im Bezirk Děčín
Karte

Varnsdorf (deutsch Warnsdorf) ist eine Stadt im Norden Tschechiens im Bezirk Děčín, Ústecký kraj.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geographische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Warnsdorf und nähere Umgebung

Die Stadt liegt in 350 m üM im Böhmischen Niederland an der Mandau zwischen Seifhennersdorf und Großschönau. Die Stadt kann außerdem dem Schluckenauer Zipfel zugeordnet werden. Nördlich erhebt sich der Spitzberg (539 m) mit lohnender Aussicht. Varnsdorf grenzt im Norden, Osten und Südosten an Sachsen.

Gemeindegliederung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stadt Varnsdorf besteht aus den Ortsteilen Studánka (Schönborn), Světliny 1.díl (Lichtenhain – Schönborner Anteil) und Varnsdorf (Warnsdorf).[3] Grundsiedlungseinheiten sind Gerhus, Hraniční Buk (Bei der Grenzbuche), Pěnkavčí vrch (Finkendorf), Pod Hrádkem, Pod nádražím, Pod Špičákem, Střed I, Střed II, Střed III, Studánka, Světliny, Špičák, U cihelny, U divadla, U hranic, U hřbitova, U kostela bez věže, U koupaliště, U lomu, U Mandavy, U Mělníka, U nemocnice, U Podluží (Schneckendorf), U polikliniky, U skály und Varnsdorf-u kostela.[4]

Das Gemeindegebiet gliedert sich in die Katastralbezirke Studánka u Rumburku und Varnsdorf.[5]

Nachbarorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rumburk (Rumburg) Seifhennersdorf Leutersdorf
Krásná Lípa (Schönlinde) Nachbargemeinden Hainewalde, Großschönau
Rybniště (Teichstatt) Horní Podluží (Obergrund), Dolní Podluží (Niedergrund)

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Luftaufnahme von Marktplatz und Kirche in Varnsdorf
Webe- und Druckwarenfabrik G. A. Fröhlich's Sohn (um 1870)
Dampffärberei Anton Worm
Altkatholische Kirche Varnsdorf
Kirche Peter und Paul
Borromäuskirche
Evangelische Kirche

Das Dorf Warnsdorf wird 1352 erstmals erwähnt. Der Historiker Bohuslav Balbín nannte den Ort Wernardivilla. Unter den einheimischen Familien, die hier im 16. und 17. Jahrhundert siedelten, waren auch die Nostitz. Im Laufe der Gegenreformation verließen hier viele Bewohner ihre Gehöfte und Grundstücke und wanderten nach Sachsen aus.[6] Während des Dreißigjährigen Kriegs wurde Warnsdorf in der Osterwoche 1643 von den Schweden geplündert.[7] Ab 1871 war Warnsdorf ein politisches Zentrum der altkatholischen Reformbewegung gegen den Ultramontanismus, deren Organ, die Wochenzeitschrift ‚Abwehr‘,[8] hier bis 1938 erschien.

Im 18. Jahrhundert entwickelte sich in Warnsdorf, wie auch in der benachbarten Oberlausitz die Weberei. Es entstanden weitere Orte in der Umgebung:

  • 1689 Neu Warnsdorf
  • 1700 Floriansdorf
  • 1727 Karlsdorf
  • 1783 Alt Franzenthal
  • 1800 Neu Franzenthal

Im Jahre 1849 vereinigten sich diese Dörfer mit Alt Warnsdorf zu dem mit 13.000 Einwohnern größten Dorf des Kaiserthums Österreich. Es lag im Gerichtsbezirk Warnsdorf und war ab 1850 Sitz eines Bezirksgerichts sowie ab 1908 der Bezirkshauptmannschaft.

Bereits 1839 hatte der Fabrikant Anton Runge († 31. Dezember 1843), Inhaber der Leinen-, Baumwoll- und Druckwaren-Fabrik Anton Runge & Co., den Bau einer Gewerbe- und Handelsschule angeregt und hierfür einen Teil der Baukosten gestiftet; das neue Schulgebäude wurde 1844 eingeweiht und der Unterricht 1845 aufgenommen.[9]

1868 erhielt Warnsdorf, das nun auf 15.000 Einwohner angewachsen war und auch als Klein Manchester bezeichnet wurde, das Stadtrecht. Um 1900 war Warnsdorf ein bedeutender Standort der Textilindustrie.[10] 1914 lebten in Warnsdorf etwa 30.000 Einwohner. Bekanntestes Unternehmen waren die Kunert-Strumpfwerke.

Gemäß dem Toleranzpatent des österreichischen Kaisers Josephs II. aus dem Jahr 1781 wurde Warnsdorf, neben Liberec (Reichenberg) Zentrum der altkatholischen Kirche in Böhmen. Heute befindet sich hier die Konkathedrale der tschechischen Altkatholischen Kirche.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Österreich-Ungarn der Vertrag von Saint-Germain diktiert. Das Selbstbestimmungsrecht der deutschsprachigen Bevölkerung im Sudetenland (Deutschböhmen und Deutschmährer), die im Oktober 1918 die eigenständigen Provinzen Deutschböhmen und Sudetenland gegründet hatten, blieb unberücksichtigt, und die Stadt wurde der neu gegründeten Tschechoslowakei zugeschlagen.

In der nachfolgenden Inflation der Geldwährung im benachbarten Deutschen Reich (1923) und durch die Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929 bis 1932 kam es in Warnsdorf zu hoher Arbeitslosigkeit und Armut. Der Schmuggel über die nahe Grenze nach Sachsen wurde für viele Einwohner zur Existenzgrundlage. Laut Volkszählung 1930 hatte die Stadt 22.621 Einwohner (davon 19.963 Deutsche = 88 %, 1.617 Tschechen = 7 %, 988 Ausländer = 4 % und 53 andere).[11]

Nach dem Münchner Abkommen gehörte Warnsdorf von 1938 bis 1945 zum Landkreis Warnsdorf, Regierungsbezirk Aussig, im Reichsgau Sudetenland des Deutschen Reichs.

In Warnsdorf fand vor dem Zweiten Weltkrieg die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins viel Zuspruch. Als Henlein 1938 in Warnsdorf sprach, kamen 12.000 Zuhörer, und es wurde das Standrecht ausgerufen. 1939 lebten in der Stadt 21.000 Einwohner.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutschsprachige Bevölkerung von Warnsdorf vertrieben, ihr Vermögen unter Berufung auf das Beneš-Dekret 108 konfisziert, das Vermögen der evangelischen Kirche liquidiert und die katholischen Stadtkirchen wurden in der kommunistische Ära enteignet. Seitens der Tschechischen Republik erfolgte keine Abgeltung für das eingezogene Vermögen.

Zwischen 1946 und 1949 war in Varnsdorf die erste Sorbische Oberschule untergebracht. Nach der Machtergreifung der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei wurde diese in Übereinkunft mit den Behörden der SBZ geschlossen und die Schüler fortan in Bautzen unterrichtet. Einige Dutzend Sorben blieben jedoch in Varnsdorf und kehrten nicht in die Lausitz zurück. Am 22. Mai 1947 wurden in der Stadt 15.661 Bewohner gezählt.

Studánka und Světliny 1. díl (Lichtenhain) wurden 1980 eingemeindet.

Heute lebt in Varnsdorf eine große Bevölkerungsgruppe der Roma, deren Anteil im Vergleich zur übrigen Bevölkerung wächst. Hierbei kam es wiederholt zu Konflikten.[12]

Demographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis 1945 war Warnsdorf überwiegend von Deutschböhmen besiedelt, die vertrieben wurden.

Bevölkerungsentwicklung bis 1945
Jahr Einwohner Anmerkungen
1820 02.546 in 385 Häusern[13][14]
1830 03.328 in 427 Häusern[15][16]
1843 04.137 in 463 Häusern[14]
1850 09.670
1857 11.977 am 31. Oktober[17]
1869 13.180
1880 15.162
1890 18.268
1900 21.150 deutsche Einwohner[10]
1930 22.621 davon 19.953 Deutsche und 1.617 Tschechen [18]
1939 21.179 davon 1.593 Evangelische, 14.644 Katholiken, 3.862 sonstige Christen und elf Juden[18]
Einwohnerzahlen seit Ende des Zweiten Weltkriegs[19]
Jahr 1970 1980 1991 2001 2003
Einwohner 14 512 16 356 16 266 16 040 15 895

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stadt liegt an der Eisenbahnstrecke Zittau–Großschönau–Seifhennersdorf–Eibau und besitzt zwei Grenzübergänge in die sächsische Landstadt Seifhennersdorf (Zollstraße) und die Gemeinde Großschönau (Hauptstraße) sowie einen weiteren touristischen Übergang nach Seifhennersdorf (Warnsdorfer Str.).

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Museum
Ausflugsrestaurant auf dem Hrádek

Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Varnsdorf besitzt eine Reihe von Kulturdenkmälern. In der 1774 am Markt neu errichteten Kirche St. Peter und Paul erfolgte am 29. Juni 1830 die erste vollständige Aufführung von Ludwig van Beethovens Missa solemnis. 1872 wurde hier die erste altkatholische Gemeinde Österreich-Ungarns gegründet.

Ein Kuriosum stellt die Borromäuskirche aus dem Jahre 1911 dar. Sie ist besser bekannt als die Kirche ohne Turm, da der Turmbau wegen Geldmangels abgebrochen werden musste.

Auf dem 429 m hohen Hrádek an der Landesgrenze bei Seifhennersdorf errichtete der Architekt Möller 1904 ein luxuriöses Ausflugsrestaurant. Dieses markante Objekt auf dem Hausberg von Varnsdorf und Seifhennersdorf verfiel nach 1945 immer mehr. In den letzten Jahren erfolgte durch einen grenzüberschreitenden Förderverein eine Sanierung des zur Ruine verkommenen Bauwerkes, das bereits zu einem großen Teil wiederhergestellt werden konnte.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Personen, die mit dem Ort in Zusammenhang stehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ambros Opitz (1846–1907), Theologe und Verleger, lebte und starb hier
  • Bjarnat Krawc (1861–1948) sorbischer Komponist und Dirigent, lebte ab 1945 in Varnsdorf.
  • Peter Weiss (1916–1982), Schriftsteller, Maler und Experimentalfilmer, lebte von 1936 bis 1937 in Varnsdorf.

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bahnhof Varnsdorf liegt an der Strecke aus Rybniště und der Bahnstrecke Mittelherwigsdorf–Varnsdorf–Eibau. Es existieren an letztgenannter Verbindung außerdem die Haltepunkte Varnsdorf Staré Nádraží und Varnsdorf-Pivovár Kocour.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Detlef Brandes: Der Weg zur Vertreibung 1938–1945. Pläne und Entscheidungen zum „Transfer“ der Deutschen aus der Tschechoslowakei und aus Polen. Verlag Oldenbourg, München 2005, ISBN 3-486-56731-4.
  • Alois Palme: Warnsdorf und seine historischen Denkwürdigkeiten von dessen Gründung an bis zum Jahre 1850. Rumburg 1852 (E-Kopie).
  • Karl Hellmich: Adreßbuch und geographisch-statistische Beschreibung des Industrie-Ortes Warnsdorf im Jahre 1864/65, bestehend aus den Ortschaften: Alt- und Neu-Warnsdorf, Floriansdorf, Karlsdorf, Alt- und Neu-Franzensthal nach der geographischen Lage in 6 Bezirken. Warnsdorf 1866 (E-Kopie).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Varnsdorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Obec Varnsdorf: podrobné informace. In: Územně identifikační registr ČR. Abgerufen am 2. September 2014 (tschechisch).
  2. Český statistický úřad – Die Einwohnerzahlen der tschechischen Gemeinden vom 1. Januar 2017 (PDF; 371 KiB)
  3. Části obcí. In: Územně identifikační registr ČR. Abgerufen am 2. September 2014 (tschechisch).
  4. Základní sídelní jednotky. In: Územně identifikační registr ČR. Abgerufen am 2. September 2014 (tschechisch).
  5. Katastrální území. In: Územně identifikační registr ČR. Abgerufen am 2. September 2014 (tschechisch).
  6. Alois Palme: Warnsdorf und seine historischen Denkwürdigkeiten von dessen Gründung an bis zum Jahre 1850. Rumburg 1852, S. 37 ff.
  7. Alois Palme: Warnsdorf und seine historischen Denkwürdigkeiten von dessen Gründung an bis zum Jahre 1850. Rumburg 1852, S. 216–221.
  8. Abwehr. Organ für die altkatholische Reformbewegung. Warnsdorf, Nr. 607 vom 9. Juni 1877
  9. Gustav Adolf Asch: Die Real-Schule zu Warnsdorf. Rumburg 1852, S. 12 ff..
  10. a b Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage, Band 20, Leipzig und Wien 1909, S. 386.
  11. Rudolf Hemmerle: Sudetenland Lexikon. Band 4, Adam Kraft Verlag, 1985, ISBN 3-8083-1163-0, S. 470.
  12. Karl-Peter Schwarz: Roma in Tschechien: Zwist im Zipfel. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. September 2011.
  13. Alois Palme: Warnsdorf und seine historischen Denkwürdigkeiten von dessen Gründung an bis zum Jahre 1850. Rumburg 1852, S. 43–44.
  14. a b Karl Hellmich: Adreßbuch und geographisch-statistische Beschreibung des Industrie-Ortes Warnsdorf im Jahre 1864/65, bestehend aus den Ortschaften: Alt- und Neu-Warnsdorf, Floriansdorf, Karlsdorf, Alt- und Neu-Franzensthal nach der geographischen Lage in 6 Bezirken. Warnsdorf 1866, S. 29.
  15. Johann Gottfried Sommer: Das Königreich Böhmen. Band 1: Leitmeritzer Kreis, Prag 1833, S. 282, Ziffer 15.
  16. Jahrbücher des böhmischen Museums für Natur- und Länderkunde, Geschichte, Kunst und Literatur. Band 2, Prag 1831, S. 212 unten.
  17. Statistische Übersichten über die Bevölkerung und den Viehstand in Österreich. Wien 1859, S. 41, rechte Spalte.
  18. a b Verwaltungsgeschichte Landkreis Warnsdorf (M. Rademacher, 2006)
  19. Czeski Urząd Statystyczny
  20. Centrum Panorama Varnsdorf. In: www.centrumpanorama.cz. Abgerufen am 10. Juni 2016.