Vater Staat

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Vater Staat als Personifikation des Staates ist eine politische Metapher. Als Fortentwicklung der traditionellen Vaterlands-Metapher setzte sie seit dem 19. Jahrhundert neue Akzente in der politischen Kultur. Sie wird meist liebevoll-ironisch gebraucht und schreibt dem Staat die – väterliche – Rolle einer fürsorglichen und gerechten auch zeitweise strengen Obrigkeit zu, welche die soziale Ordnung und damit letztlich das Leben jedes einzelnen Menschen mehr oder weniger weitreichend regelt.

Die Wendung vom Vater Staat wurde ein verbreiteter stehender Begriff in der politischen Debatte.[1]

Gebrauch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bild entspricht tendenziell dem Staatsverständnis der sozialistischen und teilweise auch konservativen Strömungen des politischen Spektrums. Die einen sehen den Staat in erster Linie als Sozialstaat (Sozialisten) die anderen eher als Garanten der Ordnung (Konservative).

Dem Liberalismus scheint eine solche Betrachtungsweise fremd und sie verwenden die Metapher vom Vater Staat daher auch abwertend-polemisch als Begriff gegen ein „etatistisches“ Staatsverständnis, das in ihren Augen die Eigenverantwortung des Individuums auf den Staat abwälzt.

Die unterschiedlichen, ideologisch motivierten Vereinnahmung des „Vater Staat“ bringt der Gewerkschafter Heinrich Stühmer (1863–1945), dem 1899 der bürgerliche deutsche Staat als Hort des Kapitalismus eine klar übermächtige und als solche fragwürdige Vaterfigur war, wie folgt auf den Punkt:

„Da liegt den deutschen Unternehmern, welche den Vater Staat als den Nachtwächter und Beschützer ‚ihres sauer erworbenen Eigenthums‘ betrachten, doch nichts näher, als nach Polizeihilfe zu rufen gegen diese ‚ewig unzufriedenen‘, von ‚gewissenlosen Agitatoren aufgestachelten‘ Arbeiter, die sich vermessen, von dem Ertrage ihrer geleisteten Arbeit einen höheren Antheil zu fordern.“

Der Begriff wird manchmal komplementär zu Mutter Natur genutzt.[3]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Daniela Dahn: Wir sind der Staat! Warum Volk sein nicht genügt. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2013, ISBN 978-3-498-01333-2.
  • Alexander Neubacher: Total beschränkt. Wie uns der Staat mit immer neuen Vorschriften das Denken abgewöhnt. Deutsche Verlags-Anstalt u. a., München u. a. 2014, ISBN 978-3-421-04655-0.
  • Rolf Winter: Wer, zur Hölle, ist der Staat? Geständnisse, Fragen und Empörungen eines Pazifisten. Rasch und Röhring, Hamburg 1992, ISBN 3-89136-450-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. z. B.: Parlamentsrede (Tschechoslowakei) vom 15. Dezember 1922
  2. Heinrich Stühmer: Gewerkschaften, Genossenschaften, Politik. In: Sozialistische Monatshefte. Bd. 3 = 5, Heft 3, 1899, S. 524–530, hier S. 524].
  3. Siehe z. B. Eva Lang (Hrsg.): „Mutter Natur und Vater Staat“. Zukunftsperspektiven und Gestaltungsansätze einer schwierigen Beziehung im Zeichen der Nachhaltigkeit (= Vereinigung für Ökologische Ökonomie. Beiträge & Berichte. 4). Vereinigung für Ökologische Ökonomie, Karlsruhe 2003, ISBN 3-00-011297-9; Gerhard Wolf: Im deutschen Dichtergarten. Lyrik zwischen Mutter Natur und Vater Staat. Ansichten und Portraits (= Sammlung Luchterhand. 626). Luchterhand, Darmstadt u. a. 1985, ISBN 3-472-61626-1; Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger: Aphorismen & Zitate über Natur und Wissenschaft. Wiley-VCH-Verlag, Weinheim 2013, ISBN 978-3-527-33613-5.