Venus von Tursac

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Die Venus von Tursac ist eine paläolithische Venusfigurine, die 1959 von Robert Antoine-Charles und Henri Delporte bei einer Grabung im Abri du Facteur, Gemeinde Tursac, im französischen Département Dordogne gefunden wurde.

Die Figurine ist acht Zentimeter hoch, wiegt 57,5 Gramm und besteht aus Kalzit. Dargestellt ist der kopflose Körper einer vermutlich weiblichen Person. Der Oberkörper endet in einem abgerundeten Zapfen, Arme sind nicht vorhanden. Die Beine der Frau sind unter dem Unterkörper angewinkelt und das Gesäß scheint emporgereckt. Diese Haltung, die medizinisch als Lumballordose (Lendenwirbelhohlkreuz) anzusehen ist [1], wird von Russel Dale Guthrie als Aufforderung zum Geschlechtsakt interpretiert.[2] Zwischen den Beinen, aus dem Becken nach unten bzw. hinten herausragend, befindet sich ein zapfenförmiges Gebilde. Der Zapfen wird sowohl von Gerhard Bosinski als auch von Wolf Günter Haensch als Geburtsvorgang gedeutet.[3]

Aufgrund der gut dokumentierten Stratigraphie lässt sich die Venus von Tursac zeitlich genau einordnen. Gemäß den Untersuchungen von Henri Delporte ergibt sich ein Radiocarbonalter der Fundschicht zwischen 24.720 ± 600 und 24.210 ± 500.[4] Dies entspricht 27.535 ± 746 cal. BCE und 27.115 ± 610 cal. BCE und fällt somit ins Gravettien.

Auffällige Ähnlichkeiten in Form und Materialwahl lassen vermuten, dass die Venus von Tursac und die Venus von Sireuil entweder vom selben Künstler erschaffen wurden oder aber aus derselben künstlerischen Tradition/Schule hervorgegangen sind. [5]

Die Figur befindet sich im Musée d'Archéologie nationale in Saint-Germain-en-Laye.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Henri Delporte: Une nouvelle statuette paléolithique: la Vénus du Tursac. In: L’Anthropologie. Band 63, Nr. 3–4, 1959, S. 232–245
  • Henri Delporte: Observations paléo-topographiques sur la Vénus de Tursac (« La belle et la bête »). In: Bulletin de la Société préhistorique de France. Band 59, Nr. 11–12, 1962, S. 813–818 (Online).
  • Jean-Pierre Duhard: Étude comparative des statuettes féminines de Sireuil et Tursac (Dordogne). In: Gallia préhistoire. Band 35, 1993, S. 283–291 (Online).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolf Günter Haensch: Die menschlichen Statuetten des mittleren Jungpaläolithikums aus der Sicht der somatischen Anthropologie (= Antiquitas. Reihe 2, Band 12). Habelt, Bonn 1982, S. 64.
  2. Russel Dale Guthrie: The Nature of Paleolithic Art. University of Chicago Press, Chicago 2005, S. 352.
  3. Gerhard Bosinski: Kunst in jeder Form. Von Höhlenbildern und Frauenfiguren im Gravettien. In: Eiszeit, Kunst und Kultur. Begleitband zur Ausstellung Eiszeit – Kunst und Kultur im Kunstgebäude Stuttgart, 18. September 2009 – 10. Januar 2010. Thorbecke, Ostfildern 2009, S. 272–277, hier S. 277; Wolf Günter Haensch: Die menschlichen Statuetten des mittleren Jungpaläolithikums aus der Sicht der somatischen Anthropologie (= Antiquitas. Reihe 2, Band 12). Habelt, Bonn 1982, S. 64.
  4. Randall White: Une nouvelle statuette phallo-féminine paléolithique: «La Vénus de Milandes» (commune de Castelnaud-la-Chapelle, Dordogne). In: PALEO. Band 14, 2002, S. 177–198, hier: S. 190.
  5. Jean-Pierre Duhard: Étude comparative des statuettes féminines de Sireuil et Tursac (Dordogne). In: Gallia préhistoire. Band 35, 1993, S. 283–291.