Verbalphrase

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Eine Verbalphrase (VP) bezeichnet in der Linguistik eine Phrase, also eine abgeschlossene syntaktische Einheit, deren sogenannter Kopf oder Kern ein Verb ist. Zu einer vollständigen Verbalphrase gehören daneben noch Ergänzungen (= Argumente) des Verbs, optional können weitere freie Angaben (= Adjunkte) wie adverbiale Bestimmungen vorhanden sein. Verschiedene syntaktische Modelle unterscheiden sich darin, ob das Subjekt Bestandteil der Verbalphrase ist oder außerhalb steht, eventuell besteht hierin auch ein Unterschied zwischen den Grammatiken verschiedener Sprachen.

Finitheit und Infinitheit[Bearbeiten]

Grammatiktheorien unterscheiden sich darin, ob finite Verben der Kopf einer Verbalphrase sein können. Dependenzgrammatiken erkennen nur infinite Verbalphrasen als Konstituenten an.[1] In der generativen Grammatik (z.B. der Government-Binding Theorie) wird die Finitheit als eigener syntaktischer Kopf ausgelagert ("Aux" oder "Inflection"), die Verbalphrase ist daher weder finit noch infinit, sondern wird dies erst in der syntaktischen Komposition. Für das Deutsche wird in neueren Arbeiten meist vorgeschlagen, dass das finite Verb den Kopf einer dann finiten Verbalphrase darstellen kann, die im Feldermodell des deutschen Satzes das Mittelfeld mit der rechten Satzklammer umfasst.[2]

Beispiele für infinite Verbalphrasen[Bearbeiten]

Das infinite Verb einer infiniten Verbalphrase trägt keine Markierungen bezüglich Person, Numerus, Modus, oder Tempus. Im Satz kann es mehr als eine infinite Verbalphrase geben. Die infiniten Verbalphrasen in den folgenden Sätzen sind fettgedruckt und der jeweilige Kopf der Verbalphrase ist unterstrichen:

Ich will eure Hände sehen. - Infinite Verbalphrase mit Infinitiv als Kopf
Sie werden schon alles versucht haben. – Infinite Verbalphrase mit Infinitiv als Kopf
Sie werden alles versucht haben. – Infinite Verbalphrase mit Partizip Perfekt als Kopf
Das ist mehrmals gesagt worden. – Infinite Verbalphrase mit Ersatzinfinitiv (Sonderform des Partizip Perfekts) als Kopf
Das ist mehrmals gesagt worden. – Infinite Verbalphrase mit Partizip Perfekt als Kopf
Sie weigern sich, mehr zu lesen. – Infinite Verbalphrase mit zu-Infinitiv als Kopf
Nichts sagend saß er ruhig in der Ecke. – Infinite Verbalphrase mit Partizip Präsens als Kopf

Viele infinite Verbalphrasen gelten als Satzglieder, weil sie verschoben werden können, z.B.

Eure Hände sehen will ich. – Infinite Verbalphrase kann verschoben werden.
Alles versucht werden sie schon haben. – Infinite Verbalphrase kann verschoben werden.
Mehr zu lesen, weigern sie sich. - Infinite Verbalphrase kann verschoben werden.

Dieses Charakteristikum ist wichtig, insofern als es infinite Verbalphrasen von den finiten Verbalphrasen unterscheidet.

Finite Verbalphrase als Konstituente?[Bearbeiten]

Die Annahme der finiten Verbalphrase als syntaktischer Einheit entstammt dem amerikanischen Strukturalismus. Diese Tradition der Grammatik geht von der Zweiteilung des Satzes aus. Der Satz besteht aus einer Nominalphrase (NP) als Subjekt und einer Verbalphrase (VP) als Prädikat.[3] Die Zweiteilung findet am deutlichsten in der ersten Phrasenstrukturregel der Phrasenstrukturgrammatik von Noam Chomsky Ausdruck: S → NP VP. Diese Zweiteilung ist eindeutig in den frühen Strukturbäumen der Phrasenstrukturgrammatik zu erkennen, z. B.

Verbalphrase (Konstituenz)

Diese Sätze werden je in zwei Teile eingeteilt. Satz a. besteht aus der NP die Leute und der finiten VP verstehen kein Wort, und Satz b. aus der NP bzw. dem (ein Nomen vertretenden) Pronomen ich und der finiten VP will eure Hände sehen. Nach dieser Zweiteilung handelt es sich bei der finiten Verbalphrase um eine Konstituente. Diese Ansicht der Satzstruktur ist zu einem festen Aspekt der Konstituentengrammatiken geworden.

Lucien Tesnière, Urheber der modernen Dependenzgrammatiken, kritisierte diese Zweiteilung des Satzes. Anstelle der Zweiteilung setzte er das finite Verb an die Wurzelposition des Satzes und ließ die anderen Satzglieder von dieser Wurzel abhängen. Moderne Dependenzgrammatiken analysieren die obigen zwei Sätze wie folgt:

Verbalphrasen (Dependenz)

Da die finiten Teile verstehen kein Wort und eure Hände sehen in diesen Bäumen nicht als komplette Teilbäume vorhanden sind, gelten sie nicht als Konstituenten, was wiederum bedeutet, dass sie keine Phrasen sind. Wenn man in solchen Fällen eine Verbalphrase anerkennen will, muss man so jeweils den ganzen Satz als Phrase anerkennen. In der Praxis aber zieht man bei solchen Einheiten den Terminus „Satz“ dem der „Verbalphrase“ vor. Dies führt dazu, dass Dependenzgrammatiken finite Verbalphrasen einfach ablehnen.

Infinite Verbalphrasen allerdings sind sowohl in Konstituentengrammatiken als auch in Dependenzgrammatiken Konstituenten. Dieser Sachverhalt ist in den b-Bäumen zu erkennen, wo eure Hände sehen jeweils als kompletter Teilbaum und daher als Konstituente gilt.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vgl. Tesnière (1959:103–105).
  2. Hubert Haider: "Mittelfeld Phenomena". In M. Everaert & H. van Riemsdijk (eds.): The Blackwell Companion to Syntax, Vol.3, Oxford: Blackwell, 2006. S. 204-274; entsprechend auch die DUDEN-Grammatik, 8. Aufl. 2009, S. 866 (wobei das finite Verb je nach Satzform nicht in der linken Satzklammer stehen muss, sondern auch in der eingezeichneten Verbalphrase).
  3. Die Zweiteilung des Satzes geht auf die antike Logik zurück und wurde in den prominenten Werken von Bloomfield (1933), Wells (1947), und Chomsky (1957) zur Grundlage der Theorie der Syntax gemacht.

Literatur[Bearbeiten]

  • Leonard Bloomfield: Language. New York: Henry Holt 1933.
  • Noam Chomsky: Syntactic Structures. The Hague/Paris: Mouton 1957.
  • Timothy Osborne, Michael Putnam, and Thomas Groß: Bare phrase structure, label-less trees, and specifier-less *syntax: Is Minimalism becoming a dependency grammar? The Linguistic Review 28, 315–364, 2011.
  • Lucien Tesnière: Éleménts de syntaxe structurale. Paris: Klincksieck, 1959.
  • Rulon S. Wells: Immediate Constituents, in: Language 23, 1947, 81–117.