Verband der Islamischen Kulturzentren

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Verband der Islamischen Kulturzentren e. V.
(VIKZ)
Zweck: Religiöse, soziale und kulturelle Betreuung von Muslimen in Deutschland
Vorsitz: Mehmet Duran
Gründungsdatum: 1973
Mitgliederzahl: ca. 300 Moschee- und Bildungsvereine
Sitz: Köln
Website: vikz.de
Innenraum einer Moschee des VIKZ in Emmendingen

Der Verband der Islamischen Kulturzentren e. V. (VIKZ; türkisch İslam Kültür Merkezleri Birliği, IKMB) ist der älteste und einer der größten islamischen Dachverbände Deutschlands. Er wurde im Jahr 1973 gegründet und hat seinen Sitz in Köln in der Vogelsanger Straße 290. Er vertritt den sunnitischen Islam mit mystischer Prägung.[1] Der Verband ist in den Hansestädten Hamburg und Bremen bereits als eine islamische Religionsgemeinschaft anerkannt.[2][3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verband der Islamischen Kulturzentren geht zurück auf das in 1973 gegründete Islamische Kulturzentrum in Köln. Er versteht sich als parteipolitisch neutral und kümmert sich um religiöse, soziale und kulturelle Bedürfnisse von Muslimen.[4]

1979 stellte das Islamische Kulturzentrum einen Antrag auf die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts, um an öffentlichen Schulen Religionsunterricht für muslimische Schüler geben zu können. Dieser Antrag wurde nicht weiter verfolgt. Der VIKZ stellte im Jahre 1994 erneut einen Antrag, der noch nicht beschieden ist und vom Verband momentan nicht verfolgt wird.

Der Verband der Islamischen Kulturzentren ist Gründungsmitglied des Koordinierungsrats der Muslime (KRM),[5] der kurz vor der Deutschen Islamkonferenz ins Leben gerufen wurde. Auf der Konferenz wird der Verband durch seinen Präsidenten vertreten. Seit Januar 2014 ist der Theologe Mehmed Duran der neue Präsident.[6]

Vereinsstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der VIKZ gehörte mit zu den Gründern des Zentralrats der Muslime in Deutschland, trat aber im Jahr 2000 nach einem Führungswechsel aus. Der Verband bekennt sich zur Richtung des sunnitischen Islam. Der Zentralisierungsprozess im Jahre 1980, bei dem alle selbständigen Gemeinden aufgelöst und zu einem einzigen Verband in Köln zusammengeschlossen wurden, wurde im Jahre 2006 wieder rückgängig gemacht. Die Gemeinden vor Ort sind wieder selbständige Vereine, die als Mitgliedsvereine des Dachverbandes für ihre Aktivitäten selbst verantwortlich sind. Sie stehen jedoch in einem Fördervertrag mit dem Dachverband.

Zum Verband gehören deutschlandweit mehr als 300 Moscheen.

Der VIKZ ist der einzige islamische Verband, der schon seit den 1980er-Jahren Theologen in Deutschland ausbildet.[7]

Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einblick in das von OBS und VIKZ gegründete Lesecafé für Jugendliche

Der VIKZ betätigt sich nach seinen Angaben in sozialen, religiösen und kulturellen Bereichen. Er legt großen Wert auf die religiöse Bildung der nachwachsenden Generation von Muslimen und ihren Kindern in Deutschland. Neben der religiösen Unterweisung bietet der Verband Interessierten verschiedene Kurse wie Hausaufgabenhilfe, Deutsch- und Computerkurse an. Die Kurse werden in den meisten Fällen in Kooperation mit den örtlichen Volkshochschulen durchgeführt. Vorrangiges Ziel ist die verbesserte Kommunikation mit dem sozialen Umfeld und der verstärkten Teilnahme am öffentlichen Leben.[8] So führte der Verband gemeinsam mit der Otto Benecke Stiftung e.V. (OBS) das Modellprojekt „Verstärkte Partizipation von Migrantenorganisationen (PARTIMO)“ zur Verbesserung der Bildungs- und Jugendarbeit durch, welches vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert wurde.[9] In diesem Rahmen wurde im März 2011 ein Lesecafé im Schülerwohnheim für die Schüler und deren Freunde eröffnet, um das Lesen bei Migrantenkindern und die Begegnung mit anderen Jugendlichen zu fördern.

Im Bereich der integrationsfördernden Jugendarbeit möchten der Verband und die Stiftung Methoden zur interkulturellen Öffnung der Moscheegemeinden und der Jugendarbeit vermitteln und die Jugendarbeit des Verbandes professionalisieren.[10]

Gemeinsam mit den anderen Verbänden des KRM veranstaltet der VIKZ jedes Jahr am dritten Oktober den „Tag der offenen Moschee“. An diesem besonderen Tag öffnen die Moscheen der Verbände allen Interessierten ihre Türen und laden zum Dialog ein. Zudem veranstaltet der Verband das „Multifestival“.[11] Ziel des Multifestivals ist es, eine Begegnungsmöglichkeit der Kulturen zu schaffen. Das erste Multifestival fand 2010 mit über 50.000 Besuchern in Duisburg statt. Unter dem Motto „50 Jahre Einwanderung – 50 Jahre deutsch-türkische Freundschaft“ wurde das viertägige Multifestival 2011 zum zweiten Mal in der Messe Essen mit rund 100.000 Besuchern gefeiert.[12]

Öffentliche Diskussion über den VIKZ[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Umstritten in der Öffentlichkeit war der Versuch, verbandseigene Wohnheime für Schüler einzurichten. Das erste, amtlich genehmigte Schüler-Wohnheim des VIKZ in Nordrhein-Westfalen wurde 2003 in Duisburg eröffnet; es gilt als in das Stadtviertel mittlerweile gut integriert und als ein „Vorzeigeprojekt“.[13] Der Verband betont, dass es ihm allein um eine intensive schulische und religiöse Förderung der Schüler gehe.

In einem im Auftrag des hessischen Sozialministeriums erstellten, unveröffentlichten Gutachten der Marburger Turkologin Ursula Spuler-Stegemann aus dem Jahre 2004 heißt es, die Heime dienten entgegen anderslautenden Beteuerungen „fast ausschließlich islamischer Lehre und der Einübung in die Glaubenspraxis“ und seien „absolut integrationshemmend“. Die Schüler würden in einen „strengstens scharia-orientierten“ Islam „hinein-indoktriniert und gegen das Christentum wie auch gegen den Westen ebenso immunisiert wie gegen unser Grundgesetz“.[14]

Im Jahre 2008 zitierte die lokale Zeitung Kölner Stadt-Anzeiger Vorwürfe gegen den VIKZ aus einem Dossier der Kölner Polizei aus dem Jahr 2006, das sich auf Spuler-Stegemann beruft. Darin wurde dem Verband vorgeworfen, er sei antiwestlich, antidemokratisch und antijüdisch, Kinder würden in den Koranschulen des VIKZ geschlagen, der „heilige Krieg“ und das Märtyrertum würden in Predigten verherrlicht und ein „Strategiepapier“ gebe umfassende Anweisungen zur „Verdunkelung“ illegaler Umtriebe.[15] Der VIKZ wies die Vorwürfe in einer Presseerklärung und zurück. Er berief sich dabei auf seine 35-jährige Arbeit. „Heiliger Krieg“ nach dem religiösen Verständnis des VIKZ gebe es nicht und Dschihad verstehe er nur als Dienst an den Menschen.[16] Das Polizeidossier lieferte keinen Ansatz für strafrechtliche Verfolgung, noch ergab es Beweise für eine Beobachtung durch die Verfassungsschutzämter aufgrund – so die VS-Formel – „aggressiv-kämpferischen Vorgehens gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung“ (VIKZ wird infolgedessen in keinem Verfassungsschutzbericht erwähnt) oder politischen Missbrauchs des Islam; es hatte daher auch keine Konsequenzen für die Zusammenarbeit des VIKZ mit staatlichen Behörden. [17].

Die Religionswissenschaftlerin Gerdien Jonker hielt die Vorwürfe für „aufgewärmt“ und stellte, was „Verschlossenheit und Konservatismus“ betrifft, VIKZ und katholische Kirche auf eine Stufe.[17] Das Integrationsministerium NRW erklärte, dass Vorwürfe, der Verband sei „antiwestlich, antidemokratisch und antijüdisch“ von der Landesregierung „zurzeit“ nicht bestätigt werden können.[18] Ferner bestritt das Innenministerium NRW, den VIKZ jemals als „integrationsfeindlich“ bezeichnet zu haben.[19] In dieser Diskussion wurde der VIKZ von der Christlich-Islamischen Gesellschaft in Schutz genommen.[20]

Aufgrund der Vorwürfe beauftragte der VIKZ im Jahre 2008 die emeritierte Erziehungswissenschaftlerin Ursula Boos-Nünning, ein Gutachten über die 19 Schülerwohnheime des VIKZ zu erstellen. Die Studie soll Vorbehalte von Öffentlichkeit und Behörden gegen den Verband entkräften.[21] Die Ergebnisse der Untersuchung mit dem Titel „Beten und Lernen“ wurden im Juli 2010 der Öffentlichkeit vorgestellt. 91 % der Schüler nannten als Hauptgrund für das Leben im Wohnheim die Hoffnung auf bessere Schulnoten, 85 % das Motiv, mehr über ihre Religion zu lernen.[22] Die Jugendlichen empfänden Tradition und Weltoffenheit nicht als widersprüchlich.[22] Laut Boos-Nünning hätten die beiden Kernvorwürfe – die Jugendlichen zögen auf Druck ihrer Eltern in die Heime; Ziel sei Elitebildung – sich nicht bestätigt. Ursula Boos-Nünning kritisiert in ihrem Gutachten das Gutachten von Ursula Spuler-Stegemann: „Das Problem des Gutachtens ist, dass kaum eine Aussage belegt wird. Es wird nicht mit empirischen Daten oder auch nur Einzelerfahrungen auf der Ebene der Beschreibung argumentiert, sondern viele Aussagen lassen die emotional ablehnende Grundhaltungen der Verfasserin erkennen.“[23] Die Jugendlichen würden weder religiös noch politisch indoktriniert, allerdings hätten viele der überwiegend türkischstämmigen Schüler kaum deutsche Freunde, und statt den jungen Leuten Medienkompetenz zu vermitteln, sei „Medien-Abstinenz“ ein Erziehungsziel. Kritik übt sie auch an der starken Fremdbestimmung der Schüler in deren Freizeit und daran, dass den Jugendlichem keine Mitsprache- oder Mitbestimmungsrechte eingeräumt werden.[24]

Verbindung zu den sogenannten „Süleymancılar“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der VIKZ steht in Verbindung mit der islamischen Laienbewegung der von anderen türkischen Muslimen oft als „Anhänger Süleymans“ (türkisch Süleymanlılar) bezeichneten Föderation der Vereine zur Förderung der Schüler und Studenten in der Türkei. Die Bewegung geht auf den 1959 verstorbenen Professor, Prediger und Naqschbandi-Scheich Süleyman Hilmi Tunahan zurück, der von seinen Schülern und Anhängern als „veli“ Gottesfreund verehrt wird. Da Tunahan sein Amt als spiritueller Führer (Scheich) nicht weitergab, organisierten sich seine Schüler als Laienbewegung. Die Charakterisierung der „Süleymancılar“ als „Derwisch- bzw. Sufi-Orden“ (Tariqa) oder „Bruderschaft“ ist daher unzutreffend.

In Deutschland sind die Mitglieder des VIKZ meist betont unauffällig und tragen ihre Lehre kaum nach außen. Sie betonen jedoch ihre sunnitische Rechtgläubigkeit und lehnen die Bezeichnung Süleymancılar als pejorativ ab.[25] Sie bevorzugen stattdessen die Bezeichnung Süleymanlılar.[26]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerdien Jonker: Eine Wellenlänge zu Gott: der „Verband der Islamischen Kulturzentren“ in Europa. Transcript, Bielefeld 2002, ISBN 3-933127-99-8.
  • Verband der Islamischen Kulturzentren e.V. Köln. Entstehung, Entwicklung und Stellungnahmen.

In: Beiträge zum Gespräch zwischen Christen und Muslimen. ISSN 0932-3945, Christlich-islamische Begegnungs- und Dokumentationsstelle (CIBEDO), Jg. 1 (1987), S. 151–156.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.deutsche-islam-konferenz.de/DIK/DE/Magazin/MedienPolitik/Organisationen/organisationen-node.html
  2. Vertrag zwischen der Freien und Hansestadt Hamburg, dem DITIB-Landesverband Hamburg, SCHURA – Rat der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg und dem Verband der Islamischen Kulturzentren.
  3. Vertrag zwischen der Freien Hansestadt Bremen und den Islamischen Religionsgemeinschaften im Lande Bremen.
  4. Soziale Dienste auf der Webseite des VIKZ.
  5. Deutsche Muslime bilden gemeinsamen Koordinationsrat. In: Die Welt vom 11. April 2007.
  6. Pressemitteilung des VIKZ: VIKZ wählt neuen Bundesvorstand - Neuer Präsident ist der Theologe Mehmet Duran, 21. Januar 2014.
  7. Die Ausbildung der Imame. In: Frankfurter Rundschau, 30. November 2004.
  8. Jugendarbeit auf der Webseites des VIKZ.
  9. Projekt PARTIMO - Partizipation von Migrantenorganisationen.
  10. VIKZ gibt Startschuss für eine bessere Bildungs- und Jugendarbeit.
  11. Homepage Multifestival inkl. Archiv, gilt für die Jahre 2010, 2011.
  12. Pressemitteilung des VIKZ: Multifestival 2011 ist ein voller Erfolg, 4. Oktober 2011.
  13. Peter Klucken: Duisburg: „Hier wird nicht indoktriniert“, rp-online.de, 9. Februar 2010.
  14. „Und nachts der Koran“ – Immer mehr Muslime in Deutschland vertreten religiös-konservative Ansichten. Islamische Verbände befördern diese Tendenzen. (PDF; 635 kB), SPIEGEL 46/2006.
  15. Matthias Niewels: Schwere Vorwürfe gegen Islam-Verein. In: Kölner Stadtanzeiger vom 10. April 2008.
  16. Köln: VIKZ wehrt sich mit Presseerklärung gegen Bericht des Kölner Stadtanzeigers. Autorin Jonker: „Aufgewärmte Vorwürfe“. Brandanschlag in St. Ingbert? (Memento vom 21. Juli 2010 im Internet Archive), Islamische Zeitung (IZ), 14. April 2008.
  17. a b Andrea Dernbach: Muslim-Verein: SPD-Politiker für Boykott. Justiz sieht keine Handhabe, tagesspiegel.de, 13. April 2008, Zugriff am 15. April 2011.
  18. Gregor Spohr: VIKZ steht nicht unter Beobachtung. In: Hertener Allgemeine vom 12. Juni 2008 (PDF; 6 kB), Zugriff am 15. April 2011.
  19. „Wir sind verfassungstreu“ (PDF-Datei; 426 kB), Der Westen, 23. April 2008.
  20. Pressemitteilung der Christlich-Islamischen Gesellschaft zu den Vorwürfen gegen den VIKZ (PDF-Datei; 22 kB), 25. April 2008.
  21. Arbeit der Schülerwohnheime untersuchen, SWR, 22. September 2008.
  22. a b Canan Topçu: Gutes Zeugnis: Internate unter der Lupe. In: Frankfurter Rundschau, 12. Juli 2010.
  23. Besserer Start ins Leben dank Wohnheimbesuch, S. 7. Da das Gutachten, auf das sie sich bezieht, unveröffentlicht ist, lässt sich nicht überprüfen, ob ihr Vorwurf zutrifft.
  24. Harald Biskup: VIKZ: Islamverband indoktriniert Schüler nicht. In: Kölner Stadtanzeiger vom 9. Juli 2010.
  25. Selbstdarstellung (Memento vom 4. Februar 2005 im Internet Archive), siehe dort Punkt 5: Die Frage der „Mystischen Ausrichtung“ von Angehörigen des VIKZ.
  26. SÜLEYMANLILAR NEDİR? süleymanlılar ne zaman? (türkisch).