Verführung

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Verlockung ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zu den Krimis der deutschen Fernsehserie Polizeiruf 110 (beide 1985), siehe Verführung und Verlockung; zum österreichischen Film (1988) siehe Die Arbeitersaga #Die Verlockung.
Dieser Artikel befasst sich mit dem allgemeinen Begriff. Zu weiteren Bedeutungen siehe auch Tödliche Verführung.

Verführen (substantiviert Verführung, auch Verlockung oder Seduktion) bedeutet, jemanden gewaltlos so zu „manipulieren“, dass er etwas tut, was er eigentlich nicht wollte oder sollte (zum Beispiel, sich regelwidrig zu verhalten, sich sexuellen Handlungen hinzugeben, eine Religion anzunehmen, etwas Bestimmtes zu kaufen).

Verführung in der Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bibel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verführung Evas, John Roddam Spencer Stanhope (1877)
Der Sündenfall, Die Verführung Adams durch Eva (Ölbild von Hendrick Goltzius 1616)

Der Typus des satanischen Versuchers oder Verführers ist schon in der Bibel präfiguriert: Als Inkarnation des Bösen greift er die Schwächen seiner Opfer auf und verstärkt sie durch Verlockungen, die vorgeblich zu ihrem Vorteil geraten.

Die Bibel überliefert sowohl erfolgreiche wie nicht erfolgreiche Verführungsversuche. So wird etwa im 1. Buch Mose beschrieben, wie es Satan in der Gestalt einer Schlange gelingt, Eva dazu zu verleiten, gegen ein ausdrückliches göttliches Gebot zu verstoßen und vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Eva kann der verlockenden Verheißung, dadurch gottähnlich zu werden, nicht widerstehen und verführt anschließend ihrerseits auch Adam erfolgreich zu dem Sündenfall. Das Ergebnis ist die Vertreibung aus dem Paradies des Garten Eden.

Erfolglose Versuche des Teufels berichtet die Bibel etwa bei den Verführungsversuchen des hungernden Jesus in der Wüste (Mt 4,1-11 EU; Mk 1,12-13 EU; Lk 4,1-13 EU) oder bei der Provokation durch die Spötter unter dem Kreuz des leidenden Jesus: „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann steig doch herab vom Kreuz“ (Mt 27,40 EU). Die Verführung besteht darin, seine Fähigkeiten dafür einzusetzen, das Leid zu beenden, der demütigenden Kreuzigung zu entgehen und aller Welt seine Macht zu beweisen, -allerdings ohne seinen eigentlichen Auftrag erfüllt zu haben.

Ovids „Ars amatoria“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner Ars amatoria, der in den Jahren zwischen 1 v. Chr. und 4 n. Chr. entstandenen „Liebeskunst“, gibt der römische Dichter Ovid frivol-erotische Anleitungen dazu, wie Frauen und Männer das jeweils andere Geschlecht spielerisch für sich gewinnen können. Als ein Lehrgedicht verfasst und in drei Büchern ausgebreitet, liefert er vor allem technische Details, wie dabei im Einzelnen vorzugehen ist, um zu dem gewünschten Erfolg zu kommen.[1] Die Literaturforschung nimmt an, dass die Freizügigkeit seiner Darstellung Ovid die von Augustus verordnete Verbannung nach Tomoi am Schwarzen Meer eingetragen hat.

Giacomo Casanovas “Histoire de ma vie”[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Leben des italienischen Frauenhelden und Verführers Giacomo Casanova (1725 – 1798) und sein in mehr als zwanzig Sprachen übersetztes autobiografisches Werk Geschichte meines Lebens (‚Histoire de ma vie‘) haben in Literatur und Kunst große Aufmerksamkeit erfahren[2], aber auch zur Mythisierung seiner Person und seiner Verführungskünste beigetragen.[3] Das Opus zählt zur Weltliteratur. Es ist insofern von hohem kulturgeschichtlichem Wert, als es ein detailliertes Gesellschaftsbild des vorrevolutionären Europa liefert. Die Verführungskünste und Liebesabenteuer Casanovas wurden im Musiktheater, im Puppentheater, im Film und in der Literatur vielfach bearbeitet.[4]

Goethes „Faust“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Faust mit Mephistopheles und Homunculus (Deutsche Briefmarke von 1979)

In der 1808 veröffentlichten Tragödie Faust des Geheimrats, Ministers, Gelehrten und Dichters Johann Wolfgang von Goethe tritt der Verführer als Mephistopheles auf. Mephisto ist ein dienstbarer Geist, von Faust zunächst selbst herbeigerufen, um seinem Wissensdurst zu weiteren Erkenntnissen zu verhelfen, die ihm Wissenschaft und selbst Magie nicht verschaffen konnten. Er verführt ihn in seiner Verblendung, Übermenschliches erreichen zu wollen, zu einem Pakt, der ihn schließlich ganz in seine Hände geben soll. In seiner Sucht nach Lebensfülle wird unter dem Einfluss von Mephisto auch Faust selbst schließlich auf erotischem Gebiet zum Verführer und Vernichter des gutgläubigen Gretchen.[5]

Goethes Verführungsdrama erreicht zudem noch eine das Weltall umspannende Dimension, indem der Dichter seinem Faust einen „Prolog“ voranstellt, in dem Mephisto mit Gott im Himmel eine Wette eingeht, dass es ihm gelingen wird, Faust vom rechten Wege abzubringen. Die Literaturkritik sieht in Mephisto die destruktiv angelegten Eigenschaften und Bestrebungen im Wesen des Menschen, die mit den guten Eigenschaften ständig um die Vorherrschaft ringen müssen.[6]

Verführung im Verkehrstheater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Roter Teufel, Marionette, Brüssel 2015

Im Verkehrskasper nimmt der Verführer – für jedes Kind sofort als das inkarnierte Böse erkennbar – die Gestalt des Verkehrsteufels an.[7] Er hat dort eine didaktische Funktion:[8] Als Gegenspieler des Verkehrskasper, der das Gute verkörpert und ein Freund der Kinder ist, greift er in dessen Abwesenheit geheime Wünsche der Kinder auf und versucht, diese zu verstärken. So unternimmt er es immer wieder, die Kinder zu Regelüberschreitungen im Verkehr zu verleiten, indem er ihnen etwa einredet, das direkte Überqueren der Straße sei doch viel einfacher und schneller, als den Umweg durch den nächsten Fußgängertunnel oder über die Fußgängerbrücke zu nehmen, zumal, wenn man eilig ist und nicht zu spät zur Schule kommen darf.

Als nicht so offensichtlich erkennbare Verführer sind im Verkehrstheater jedoch von den Kindern auch Mitschüler zu enttarnen, die unter der Reizformel „Traust du dich oder bist du ein Feigling“ zu Mutproben im Verkehr auffordern, etwa, auf Zuruf blind eine Straße zu überqueren, eine Schranke anzuheben, auf den Gleisen mit dem herannahenden Zug ein „Selfie“ zu schießen oder den Zebrastreifen für Hüpfspiele zu nutzen. Als schwieriger zu entlarvende Verführer kommen im Verkehrstheater auch Erwachsene vor, die zur Mitfahrt in ihrem Fahrzeug einladen oder –noch schwerer für Kinder erkennbar- das Angebot der eigenen Eltern, trotz des bestandenen Fußgängerdiploms das doch viel bequemere Elterntaxi zur Schule in Anspruch zu nehmen.[9]

Die Widerstandskräfte gegen die Verführungen des Verkehrsteufels werden von den guten Figuren des Verkehrstheaters herausgefordert und mit entsprechende Argumenten beliefert. Diese werden durch den fürsorglichen Kasper, den klugen Verkehrshund „Schlau-Schlau“, das hilfsbereite Zebra „Schwarz-Weißchen“, Feen oder auch erfahrenere Mitschüler verkörpert. Sinn der Auseinandersetzung der Kinder mit den Verführungsversuchen zu regelwidrigem und selbstschädigendem Verhalten, die im Grunde meist aus dem eigenen Innern erwachsen, ist die Förderung der Einsicht, dass nur die guten Freunde und positiven Eigenschaften der Unversehrtheit und dem harmonischen Miteinander im Straßenverkehr dienen, und dass es Spaß machen kann, sich den Verführungskünsten zu widersetzen, weil man sie durchschaut.[10]

Max Weber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Max Weber ist die Verführung eine Form der Machtausübung und Herrschaft. Die Fähigkeit, andere zu verführen, sei das Hauptmerkmal des charismatischen Charakters. Der charismatische Charakter vermag durch seine Begeisterungsfähigkeit andere Menschen für sich und seine Ziele zu vereinnahmen. Diese Fähigkeit wird und wurde gebraucht, um Menschen zu helfen, wie es Albert Schweitzer und Mahatma Gandhi getan haben; allerdings wurden auch Diktaturen durch charismatische Personen geschaffen, z. B. durch Adolf Hitler und Benito Mussolini.

Verführung und Überzeugung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Überzeugungskraft findet sich eine verwandte Form der Verführung. Die Überzeugungskraft findet ihren Anschluss über Argumente. Erklären, Begreifen und letztlich das Verstehen bilden hier die Schlüsselpositionen. Auch hier kommt Manipulation zum Einsatz. Mittels bestimmter Techniken können Menschen von Dingen oder Vorstellungen (zumindest zeitweise) begeistert werden, die für sie weder gut noch objektiv nachvollziehbar sind.

Verführungskunst und sexuelle Verführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Verführungskunst bezeichnet man alle kommunikativen Strategien und Handlungen, mit denen eine Person eine andere Person für sexuelle Handlungen gewinnt. Seit langer Zeit gibt es Autoren, die hierfür Ratschläge und Systeme von Verhaltensweisen anbieten. Schon das indische Werk Kamasutra lehrt nicht nur Liebes- und Sexualtechniken, sondern enthält – insbesondere in Kapitel 44 über die Verführung fremder Frauen – auch Anweisungen zur Verführung. Ein weiteres berühmtes Buch zur Verführungskunst ist das Werk Ars amatoria oder ars amandi des römischen Dichters Ovid.

In neuerer Zeit wird der Begriff auch von einigen Autoren z. B. aus der Seduction Community für eine Reihe von Flirt-Techniken verwendet, von denen behauptet wird, dass ein meisterhafter Anwender jede beliebige Frau verführen könne. Die Techniken werden auch als „Aufreißen“ bezeichnet. Dazu gehören bestimmte psychologische Tricks, die sich angeblich von gewöhnlichen Annäherungsversuchen abgrenzen. Dabei werden auf der Evolutionspsychologie basierende Methoden zum Ansprechen der „Urinstinkte“ verwendet, um Interesse zu wecken (z. B. „Dominanzverhalten der Alpha-Männchen“). Diese und weitere Praktiken zur Verführungskunst werden auch unter dem Begriff Pickup Arts behandelt.

„Verführung“ beim Schach[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Problemschach ist eine „Verführung“ (oftmals mit „v“ indiziert) ein (nicht leicht aufzufindender) scheinbarer Lösungsweg für ein Schachproblem, der normalerweise an genau einer Parade scheitert. Die Verführung kann dabei zum thematischen Inhalt des Problems gehören, so etwa der thematische Versuch, auch „Probespiel“ genannt, in neudeutschen Schachaufgaben, der erst durch einen vorangehenden Plan zur Lösung wird. Ein Beispiel dazu findet sich bei Friedrich Palitzsch.

Strafrecht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis 1994 war im Strafgesetzbuch der § 182 StGB mit der Überschrift Verführung bezeichnet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissenschaftliche Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wilfried Stroh: Rhetorik und Erotik. Eine Studie zu Ovids liebesdidaktischen Gedichten. In: Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissenschaft 5, 1979, ISSN 0342-5932, S. 117–132.

Erzählende Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: verführen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ovid: Liebeskunst (Ars amatoria), Reclam, Ditzingen 1992
  2. Roberto Gervasio: Giacomo Casanova. Verführer und Weltmann. München 1977
  3. Carina Lehnen: Das Lob des Verführers. Über die Mythisierung der Casanova-Figur in der deutschsprachigen Literatur zwischen 1899 und 1933, Paderborn 1995
  4. Ludwig Hillenbrandt: Bei Casanova zu Gast. Amouren und Menüs des großen Verführers, 1966
  5. J. W. v. Goethe: Faust. Eine Tragödie, unter diesem Titel zuerst 1808 erschienen. Neueste Ausgabe: Hamburger Lesehefte Verlag, Husum 2010
  6. Irene Gerber-Münch: Goethes Faust. Eine tiefenpsychologische Studie über den Mythos des modernen Menschen 1997
  7. Wolfram Ellwanger, A. Grömminger: Das Handpuppenspiel in Kindergarten und Grundschule, Herder, Freiburg 1978
  8. Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Kasperletheater. In: Dies.: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 4. Auflage, Schneider, Baltmannsweiler 2016
  9. Siegbert A. Warwitz: Verführer am Zebrastreifen, In: Ders.: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln. 6. Auflage, Baltmannsweiler 2009, S. 257–272
  10. ebenda S. 257–272