Vergilius Vaticanus

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Codex Vaticanus, BAV, latinus 3225, Folio 13r (um 400): Vergil, Aeneis, 1. Buch, Szene: Aeneas und Achates beobachten die Erbauung Karthagos
Codex Vaticanus, BAV, latinus 3225, Folio 31v (um 400): Vergil, Aeneis, 3. Buch, Szene: Aeneas umsegelte Sizilien und landet in Drepanum

Vergilius Vaticanus wird ein um 400 n. Chr. in Capitalis rustica geschriebenes illuminiertes Manuskript genannt, das aus dem Vorbesitz von Pietro Bembo und Fulvio Orsini 1602 in die Biblioteca Apostolica Vaticana gelangte,[1] wo der Pergamentcodex unter der Signatur Vatikanstadt, BAV, Vaticanus latinus 3225 aufbewahrt wird. Er enthält Werke des römischen Dichters P. Vergilius Maro: Fol. 1r-10r: Georgica (fragmentarisch). Fol. 11r-75v: Aeneis (fragmentarisch). Fol. 76r-v: Aeneis (Fragment des 5. Jahrhunderts). In den Editionen wird er unter der Sigle F geführt.

Mit seinen 50 (von ursprünglich ca. 245) Miniaturen auf 76 (von ursprünglich ca. 420) Blättern gilt er heute als eines der Hauptwerke der spätantiken Buchmalerei, ältestes erhaltenes Beispiel einer illustrierten lateinischen Klassikerhandschrift und möglicherweise ältester Codex der Werke Vergils.

Die Illustrationen zum Vergilius Vaticanus weisen noch Stilmerkmale der antiken Maltradition auf, wie man sie heute noch von Wandmalereien dieser Epoche kennt. In der spätantiken Buchmalerei stehen etwa noch die Ilias Ambrosiana (5./6. Jahrhundert), die Cotton-Genesis (5. Jahrhundert), die Wiener Genesis (6. Jahrhundert) und der Codex purpureus Rossanensis (6. Jahrhundert) in dieser Tradition. Für einige der Illustrationen des Vergilius Vaticanus lassen sich ikonographische Vorlagen nachweisen, die auf wesentlich frühere illustrierte Werke der griechischsprachigen hellenistischen Literatur zurückgehen müssen. Dagegen deuten die Illustrationen zum sogenannten Vergilius Romanus, einem etwas späteren Werk, das die gleichen Themen behandelt, eine Abwendung von diesem klassischen Formenkanon an. Der Vergleich der beiden Werke kann die Weiterentwicklung einer durch den Vergilius Vaticanus vertretenen Buchillustration der Antike zur mittelalterlichen Buchmalerei zeigen.

Das Layout mit einem zwar relativ zierlichen Seitenformat von ca. 22, 5 cm Seitenhöhe und ca. 20 cm Breite, aber einem nahezu quadratischen Schriftspiegel von 21 Versen pro Seite, verleiht der Handschrift einen weniger monumentalen, sondern eher intimen Charakter für die Hand des Liebhabers.

Es gibt noch eine Reihe weiterer berühmter Vergilhandschriften der Spätantike.

Besitz- und Rezeptionsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 9. Jahrhundert hatte der damals offensichtlich noch fast vollständige Codex im Stift Saint-Martin de Tours, wohin er aus der Hofbibliothek Karls des Großen gelangt sein dürfte, als Vorlage für die Illustrationen der Vivian-Bibel gedient.[2] Von dieser Verwendung zeugen Griffelspuren, die beim Abpausen zurückblieben. Im frühen 15. Jahrhundert wurde er von einem unbekannten französischen Humanisten entdeckt und bearbeitet (Bestimmung fehlender Seiten, Korrekturen, Anmerkungen, Nachzeichnung von Umrissen). Noch im 15. Jahrhundert wurde der Codex nach Italien überführt, wo weitere Blattverluste eintraten und, inzwischen getilgte und nicht mehr vollständig entzifferbare, Eintragungen von zwei unbekannten italienischen Humanisten vorgenommen wurden. Nach Rom gelangte er schließlich ca. 1514, wo der Maler Raffael eine Zeichnung unter Verwendung von Motiven aus dem Vergilius Vaticanus fertigte. Auch von weiteren Malern aus seinem Umkreis wurde der Codex nachweislich benutzt.[3]

Faksimile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • David H. Wright: Vergilius Vaticanus. Vollständige Faksimile-Ausgabe im Originalformat des Codex Vaticanus Latinus 3225 der Biblioteca Apostolica Vaticana. Commentarium. Graz, Akademische Druck- u. Verlagsanstalt 1984, ISBN 3-201-01147-9.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Angelika Geyer: Die Genese narrativer Buchillustration. Der Miniaturenzyklus zur Aeneis im Vergilius Vaticanus. Frankfurt am Main, Klostermann 1989, ISBN 3-465-01888-5.
  • Johannes Götte (Ed.): Vergil. Aeneis. Heimeran, München 1958, S. 597–609.
  • Herbert L. Kessler: An Apostle in Amor and the Mission of Carolingian Art. In: Arte medievale, 2. Folge 4, 1990, S. 17–41.
  • Florentine Mütherich: Die illustrierten Vergil-Handschriften der Spätantike. In: Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissenschaft. N. F. 8, 1982, S. 205–221 + 6 Tafeln.
  • Richard Seider: Beiträge zur Geschichte und Paläographie der antiken Vergilhandschriften. In: Herwig Görgemanns, Ernst A. Schmidt (Ed.): Studien zum antiken Epos (= Beiträge zur klassischen Philologie. 72). Hain, Meisenheim am Glan 1976, S. 129–172.
  • Antonie Wlosok: Illustrated Vergil Manuscripts. In: Classical Journal 93 (1998) 355-382.
  • Kurt Weitzmann: Spätantike und frühchristliche Buchmalerei. Prestel, München 1977, S. 32–39, ISBN 3-7913-0401-1
  • David H. Wright: When the Vatican Vergil was in Tours. In: Katharina Bierbrauer (Hrsg.): Studien zur mittelalterlichen Kunst 800–1250. Festschrift für Florentine Mütherich zum 70. Geburtstag. Prestel. München 1985, ISBN 978-3-7913-0735-0, S. 53–66.
  • David H. Wright: From Copy to Facsimile: a Millennium of Studying the Vatican Vergil. In: British Library Journal 17 (1991) 12-35.
  • David H. Wright: Der Vergilius Vaticanus. Ein Meisterwerk spätantiker Kunst (deutsch von Ulrike Bauer-Eberhardt). Graz, Akademische Druck- und Verlagsanstalt 1993, ISBN 3-201-01584-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Vergilius Vaticanus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. David H. Wright, Der Vergilius Vaticanus. Ein Meisterwerk spätantiker Kunst. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz, 1993, S. 114f.
  2. Vgl. David H. Wright, Der Vergilius Vaticanus. Ein Meisterwerk spätantiker Kunst. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz, 1993, S. 106–109.
  3. Vgl. David H. Wright, Der Vergilius Vaticanus. Ein Meisterwerk spätantiker Kunst. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz, 1993, S. 109–115. Zur Wirkungs- bzw. Rezeptionsgeschichte im 17. und 18. Jahrhundert vgl. S. 115–120.