Verhaltens- und Problemanalyse

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Verhaltensanalyse
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Plananalyse

Die Verhaltens- und Problemanalyse (englisch behavioural analysis) dient zur Bestimmung, welche situativen und individuellen Merkmale das Auftreten eines (problematischen) Verhaltens begünstigen und welche Konsequenzen und somit aufrechterhaltende Faktoren das Verhalten hat. Zusätzlich wird analysiert, in welchen weiteren Situationen das relevante oder ein ähnliches Verhalten auftritt. Die Bezeichnungen Verhaltensanalyse, Bedingungsanalyse und Problemanalyse seien gleichbedeutend.[1] Gelegentlich wird das Adjektiv „funktional“ vorangestellt, um die kausalanalytische Sichtweise zu verdeutlichen.[1]

  • Die vertikale oder kontextuelle Verhaltensanalyse[1][3] (Makroanalyse) wird ebenfalls in der Verhaltenstherapie erstellt, wobei die Lerngeschichte, Pläne und Ziele der betreffenden Person betrachtet werden.

Anders als die klassifikatorische Diagnostik (ICD und DSM), die als Ziel eine Verallgemeinerung (Abstraktion) der individuellen Probleme hat, bewegt sich die Verhaltensanalyse auf einer individuellen, idiographischen Ebene.

Ebenen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundsätzlich werden zwei verschiedene Ebenen der Verhaltensanalyse unterschieden: die horizontale und die vertikale Ebene. Dabei ist zu beachten, dass sich die beiden Ebenen ergänzen und nicht alternativ zueinander stehen.

Die horizontale Verhaltensanalyse beschreibt Verhalten (V) gleichsam als Funktion (f) von zeitlich vorhergehenden und nachfolgenden Bedingungen:[4]

V=f(vorher/nachher)

Die vertikale Verhaltensanalyse beschreibt Verhalten hingegen als Funktion von überdauernden und verhaltenssteuernden Zielen und Plänen:[4]

V=f(Ziele/Pläne)

Horizontale Verhaltensanalyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Basis des SORKC-Modells wird das Verhalten in einer einzelnen bestimmten Situation analysiert. Das (problematische) Verhalten (R = Reaktion; auf kognitiver, motorischer, affektiver und vegetativer Ebene) wird durch vorausgehende Reize (S = Stimulus; auslösende Bedingung, als innere oder äußere Reizsituation) und den Konsequenzen (C = Konsequenz; Verstärkung oder Bestrafung eines Verhaltens) gesteuert.

Aufgabe in der Verhaltensanalyse ist es, den Zusammenhang zwischen Verhalten, Stimuli und Konsequenzen herauszuarbeiten und die Regelmäßigkeit der Konsequenz (K = Kontingenz) und die moderierenden Aspekte der Person (O = Organismus; z. B. Kognitionen, biologische Dispositionen) zu bestimmen.

Die einzelnen Elemente können auf unterschiedlichen Wegen erhoben werden, so z. B. durch eine Befragung der Person oder das Beobachten des Verhaltens in einem Rollenspiel/Verhaltensexperiment. Ebenfalls können Tagebücher zum Einsatz kommen.

Im Rahmen der horizontalen Verhaltensanalyse können nur sehr schwer interaktionelle Prozesse zwischen Personen (z. B. Partnerschaftsprobleme) abgebildet werden.

Die horizontale Verhaltensanalyse kann als Bewegung von der Makroebene in Richtung Mikroebene beschrieben werden.[5]

Vertikale Verhaltensanalyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Gegensatz zur horizontalen Verhaltensanalyse steht bei der vertikalen Verhaltensanalyse nicht eine konkrete Situation im Vordergrund, sondern ähnliches Verhalten in vergleichbaren Situationen. Hier rücken vor allem Kognitionen, die in mehreren Begebenheiten auftreten, und kognitive Schemata in den Vordergrund (Werte, Normen, Ziele).

Zum Beispiel wird in einer horizontalen Verhaltensanalyse festgestellt, dass sich ein Patient sehr unsicher beim Halten von Vorträgen vor fremden Personen fühlt. In einem nächsten Schritt würde nun untersucht, ob er sich in weiteren Interaktionen mit fremden Personen unsicher fühlt (z. B. beim Kennenlernen).

Werden situationsübergreifende Verhaltensmuster entdeckt, können diese zu einem Verhaltensplan zusammengefasst werden. In dem Beispiel oben, wäre eine Möglichkeit, dass die Person sehr darauf bedacht ist, sich sozial konform zu verhalten. Bei der Interaktion mit Fremden, können die Erwartungen eventuell nicht richtig eingeschätzt werden und die Person tritt sehr unsicher auf.

Das Aufdecken solcher Verhaltenspläne wird als Plananalyse bezeichnet. Im Rahmen einer Schematherapie wird häufig auch der Begriff der Schemaanalyse verwendet.

Die kontextuelle Verhaltensanalyse (vertikale Verhaltensanalyse) kann somit als Schließen von der Mikroebene auf die Makroebene beschrieben werden.[6]

Nutzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verhaltens- und Problemanalyse dient als Grundlage (bzw. Begründung) für die Auswahl der Therapieziele und der konkreten Behandlungsmethoden (Therapieplanung).

Verschiedene Modelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Modelle wurden mehrfach weiterentwickelt. Die Autoren Batra, Wassmann und Buchkremer betrachten folgende Entwicklungen als besonders nennenswert:[7]

Jahr Autor Modell
1958 Skinner S-R-C Zusammenfassung der S-R und R-C Theorien
1969 Kanfer S-O-R-K-C Verhaltensgleichung
1974 Schulte Ausformung der Verhaltensgleichung von Kanfer
1980 Bartling S-O-E-V-K: Einführung von Regeln und Plänen
1986 Kanfer Selbstregulation als nicht mehr lineares Systemmodell
1989 Caspar Differenzierung der Analyse von Plänen
1990 Schulte Problemanalyse auf verschiedenen Ebenen
1992 Bartling S-WP-O-E-V-K: Erweiterung um Wahrnehmugsprozesse
1996 Kanfer kontextuelle Verhaltensanalyse auf Makro und Mikroebene
2000 Batra, Wassmann, Buchkremer S-POE-R-K-C: Integriertes Modell

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gisela Bartling, Liz Echelmeyer, Margarita Engberding: Problemanalyse im therapeutischen Prozeß. Leitfaden für die Praxis. 4. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 1998, ISBN 3-17-014510-X. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  • Michael Borg-Laufs: Störungsübergreifendes Diagnostik-System für die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (SDS-KJ). 2. Auflage. DGVT-Verlag, Tübingen 2011, ISBN 978-3-87159-899-9.
  • Franz Caspar: Psychotherapeutische Problemanalyse. DGVT-Verlag, Tübingen 1996.
  • Martin Hautzinger: Verhaltens- und Problemanalyse. In: Verhaltenstherapiemanual. 5. Auflage. Springer, Heidelberg 2005, ISBN 3-540-40678-6, S. 81–86.
  • Frederick H. Kanfer, George Saslow: Behavioral Analysis: An Alternative to Diagnostic Classification. In: Archives of General Psychiatry. 12 (6), 1965, S. 529–538.
  • D. Schulte: Diagnostik in der Verhaltenstherapie. Urban & Schwarzenberg, München 1974.
  • Hans-Ulrich Wittchen: Klinische Psychologie & Psychotherapie (Lehrbuch mit Online-Materialien). 2., überarb. und erw. Auflage. Springer, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-642-13017-5.
  • Thomas Heidenreich, Katrin Junghanns-Royack, Thomas Fydrich: Diagnostik in der Verhaltenstherapie. CME Weiterbildung. doi:10.1007/s00278-008-0642-6

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Gerhard Stumm, Alfred Pritz: Wörterbuch der Psychotherapie. Springer-Verlag, 2010, ISBN 978-3-211-99131-2, S. 756 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Jürgen Hoyer, Sylvia Helbig, Jürgen Margraf: Diagnostik der Angststörungen. Hogrefe Verlag, 2005, ISBN 978-3-8409-1960-2, S. 101 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Hans Henning Studt, Ernst Richard Petzold: Psychotherapeutische Medizin: Psychoanalyse – Psychosomatik – Psychotherapie ; ein Leitfaden für Klinik und Praxis. Walter de Gruyter, 1999, ISBN 978-3-11-014498-7, S. 50 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. a b Wolfgang Senf, Michael Broda: Praxis der Psychotherapie: Ein integratives Lehrbuch. Georg Thieme Verlag, 2011, ISBN 978-3-13-158545-5, S. 293–294 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. F. H. Kanfer, Hans Reinecker, Dieter Schmelzer: Selbstmanagement-Therapie: Ein Lehrbuch für die klinische Praxis. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-662-09851-6, S. 238 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. F. H. Kanfer, Hans Reinecker, Dieter Schmelzer: Selbstmanagement-Therapie: Ein Lehrbuch für die klinische Praxis. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-662-09851-6, S. 250 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. Anil Batra, Reinhard Wassmann, Gerhard Buchkremer: Verhaltenstherapie: Grundlagen – Methoden – Anwendungsgebiete. Georg Thieme Verlag, 2012, ISBN 978-3-13-154974-7, S. 54–55 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).