Verschickungskinder

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Verschickungskinder ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für Kinder und Jugendliche, die zur Durchführung von Maßnahmen der Gesundheitshilfe außerhalb des Elternhauses in Heimen untergebracht waren (sog. Kinderkuren). Nach §§ 5 Abs. 1, 17 Satz 2 des Gesetzes für Jugendwohlfahrt wirkten dabei Gesundheits- und Jugendämter zusammen. Es ging sowohl um Kinder und Jugendliche, deren Gesamtkonstitution durch exogene Schäden, Unterernährung, Mangelernährung oder Mangel an Licht, Luft und Bewegung bereits gefährdet war als auch um chronisch kranke Kinder und Jugendliche, beispielsweise bei Erkrankungen an aktiver Tuberkulose oder Kinderlähmung.[1][2]

Konservativ geschätzt waren 3 Millionen Menschen betroffen.[3] Andere Schätzungen gehen von 8 bis 12 Millionen Kindern aus, die unterernährt oder wegen Krankheit erholungsbedürftig waren und von der Nachkriegszeit bis in die 1990er Jahre in der Bundesrepublik für meist sechswöchige Aufenthalte in Heime an der See oder in den Bergen verbracht wurden. Die Kleinkinder wurden gemeinsam oder auch alleine dorthin „verschickt“.[4]

Systematik und Infrastruktur basierten großteils noch auf der Kinderlandverschickung (KLV), die schon während der Weimarer Republik und unter der Herrschaft der Nationalsozialisten bestanden hatte. Während des Zweiten Weltkriegs hatte sie dann der Evakuierung von Stadtkindern vor alliierten Luftangriffen gedient (sogenannte Erweiterte KLV) und bezweckte nicht mehr die Erholung der Kinder.[5][6]

Es erhielt sich in den Verschickungsheimen lange Zeit ein strenger, vereinzelt noch von der NS-Ideologie geprägter Umgang mit den Kindern, wie er unter anderem von Johanna Haarer in ihrem Buch Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind propagiert wurde. Dabei kam es auch zur Anwendung psychischer und körperlicher Gewalt.[7] Zur Verschleierung der Umstände mussten viele Kinder vorgegebene Texte von einer Tafel auf Postkarten abschreiben, die dann an die Eltern nach Hause geschickt wurden.[5][8]

Auch Todesfälle in bislang unbestimmter Zahl sind vorgefallen. Die Todesursachen bisher belegter Fälle reichen vom Ersticken an Nahrungsresten und Erbrochenem, gewaltsam dem Kinde eingezwungen, weil es „nicht aufessen wollte“, bis hin zu Opfern heimlicher Medikamententests.[9]

Aufarbeitung von Gewalterfahrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Auseinandersetzung mit traumatischen Erlebnissen in den Kurheimen fand lange Zeit nur in Einzelfallschilderungen statt,[10] im Kinderbuch „Schwarze Häuser“ von Sabine Ludwig[11] oder in Internetforen von Betroffenen.

2017 legte eine Radioreportage die Zustände in vielen Kinderkurheimen der 1950er bis 1970er Jahre offen.[5] Betroffene berichteten darin von Zwangsernährung, Gewalt, Isolationsstrafen und auch sexuellem Missbrauch in Einrichtungen der Diakonie, des Bundesbahnsozialwerks, privater Träger oder der Franziskanerinnen Thuine.[5] Der Beitrag verweist auch auf die zahlreichen Berichte im Internet, in denen Betroffene die Verschickungsheime als „brutale Zuchtanstalten“ beschreiben, ordnet sie als NS-Erbe ein und beschreibt die Ausbeutung der Kurkinder als einen mutmaßlich verbreiteten Geschäftszweig. Bei der Suche nach Daten gaben Verantwortliche 2017 an, keine Informationen zu den Heimen mehr zu besitzen. Die Thuiner Franziskanerinnen bewerteten die Vorwürfe der Betroffenen als „ein Konglomerat von unterschiedlichen Empfindungen, Gefühlen, Beobachtungen (…), die oft undifferenziert so zusammen gebracht werden, zu einem Vorwurf und damit tut man den Kurheimen insgesamt unrecht.“[12]

Die Initiative Verschickungskinder unterstützt seit 2019 die Vernetzung und Gründung von regionalen Gruppen Betroffener. Vorsitzende des von der Initiative gegründeten Vereins „Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung e.V.“ ist Anja Röhl[13], die bereits 2009 ihre eigenen Erinnerungen in der Presse veröffentlicht hatte.[14]

Im November 2019 fand erstmals ein von mehr als 70 Betroffenen organisierter Kongress mit dem Titel „Das Elend der Verschickungskinder“ statt.[15][16][17]

Im Dezember 2019 legte der Südwestrundfunk (SWR) eine empirische Studie vor, in der rund 1000 Erfahrungsberichte von 683 Frauen und 317 Männern ausgewertet wurden und in der rund 94 % der ehemaligen Kurkinder ihr Kurerlebnis als von Demütigung und Gewalt geprägt bewertet haben.[18][19][20]

Im Mai 2020 forderten die Jugend- und Familienminister der Länder den Bund auf, ein Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der Schicksale der Verschickungskinder zu initiieren, um die Anzahl der Betroffenen und die institutionellen, strukturellen, individuellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen umfassend aufzuklären.[21][22] Einzelne Bundesländer wollen sich um eine Unterstützung der Geschädigten bemühen, beispielsweise durch niederschwellige therapeutische Hilfsangebote.[23][24]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hilke Lorenz: Die Akte Verschickungskinder. Wie Kurheime für Generationen zum Albtraum wurden. Beltz Verlag, Weinheim 2021, ISBN 978-3-407-86655-4.
  • Anja Röhl: Das Elend der Verschickungskinder. Kindererholungsheime als Orte der Gewalt. Psychosozial-Verlag, Gießen 2021, ISBN 978-3-8379-3053-5.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sylvia Wagner, Burkhard Wiebel: „Verschickungskinder“ – Einsatz sedierender Arzneimittel und Arzneimittelprüfungen. Ein Forschungsansatz. Sozialgeschichte Online 2020, S. 1–32.
  2. Jugendbericht gemäß § 25 Abs. 2 des Gesetzes für Jugendwohlfahrt vom 11. August 1961 (BGBl. I S. 1206) BT-Drs. IV/ 3515 vom 14. Juni 1965, S. 149 ff.
  3. Bert Strebe: „Wir wollen nicht wieder Objekt werden“. In: Deister-Anzeiger, 25. November 2019.
  4. Was war Verschickung? In: Verschickungsheime. Anja Röhl, abgerufen am 26. Juni 2020.
  5. a b c d Lena Gilhaus: Heimerziehung – Albtraum Kinderkur. In: Deutschlandfunk. 1. Mai 2017, abgerufen am 2. September 2020.
  6. Manfred Beck, Sergio Chow, Irmgard Köster-Goorkotte: Kinder in Deutschland: Realitäten und Perspektiven. Hrsg.: Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (= Tübinger Reihe. Band 16). dgvt-Verlag, Tübingen 1997, ISBN 978-3-87159-216-4.
  7. Verschickungskinder: Kinder-Kurheime jahrzehntelang von NS-Akteuren geleitet - Auch ein Kriegsverbrecher betreute jahrelang Kinder SWR, 10. August 2020.
  8. Ralf Vogt (Hrsg.): Verleumdung und Verrat – Dissoziative Störungen bei schwer traumatisierten Menschen als Folge von Vertrauensbrüchen. Asanger, Kröning 2014, ISBN 978-3-89334-585-4.
  9. Todesfälle. In: Verschickungsheime. Anja Röhl, abgerufen am 26. Juni 2020.
  10. Merten Worthmann, Amrai Coen, Johannes Strempel, Holger Fröhlich und Evelyn Finger: Hilfe, die Ferien sind da! In: Die Zeit. 4. Juli 2013, abgerufen am 3. September 2020.
  11. Sabine Ludwig: Schwarze Häuser. Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2014, ISBN 978-3-7915-1204-4, S. 352.
  12. Lena Gilhaus: Kinderkuren – Papas Reise ins Dunkel. In: Die Zeit. 30. Juni 2017, abgerufen am 2. September 2020 (Auch erschienen in Christ & Welt).
  13. Impressum verschickungsheime.org, abgerufen am 10. Januar 2021.
  14. Hände hoch – Und dann bin ich verloren! junge Welt, 9. September 2009, S. 13.
  15. Erklärung – Erklärung der Verschickungskinder Sylt 2019. In: Verschickungsheime. Anja Röhl, 2019, abgerufen am 3. September 2020.
  16. Stephanie Lamprecht: Furchtbare Strafen wie Erbrochenes essen – "Erholungsheime" als Schikane-Hölle: Die schlimmen Leiden der "Verschickungskinder". In: Focus. 31. Januar 2020, abgerufen am 26. Juni 2020.
  17. Kindesmisshandlung – Das Elend der Verschickungskinder. In: Bremen Zwei. 21. November 2019, abgerufen am 26. Juni 2020.
  18. Narben auf der Seele - Das Trauma der Verschickungskinder SWR, 2. Februar 2020.
  19. Systematische Misshandlungen in Kurheimen für Kinder SWR, 3. Dezember 2019.
  20. Das stille Leid der Verschickungskinder Oberhessische Presse, 28. Juli 2020.
  21. Hilke Lorenz: Verschickungskinder: Für manche hält der Kur-Albtraum bis heute an. In: Stuttgarter Zeitung . 7. Mai 2020, abgerufen am 26. Juni 2020.
  22. Jugend- und Familienministerkonferenz am 27. Mai 2020. Öffentliche Ergebnisniederschrift S. 13: TOP 2.1 - Ehemalige Verschickungskinder bei der Aufarbeitung der Vergangenheit unterstützen.
  23. Laumann: Schicksal der „Verschickungskinder“ aufarbeiten Die Zeit, 7. Oktober 2020.
  24. Antrag der Fraktion der SPD: Trauma „Verschickungskind“. Verschickt um gesund zu werden – Demütigung und Gewalt gegen Kinder in Kinderheilanstalten Landtag Nordrhein-Westfalen, Drucksache 17/11175 vom 29. September 2020.