Versuch einer gründlichen Violinschule

Versuch einer gründlichen Violinschule ist der Titel eines theoretischen Werks von Leopold Mozart (1719–1787) zur Didaktik des Geigenspiels, das 1756 in Augsburg erschien. Ab der zweiten Auflage (1769/70) lautet der Titel Gründliche Violinschule. Leopold Mozarts Violinschule war eine der ersten Unterweisungen für den Violinunterricht. In ihrer Zeit war sie sehr erfolgreich. Heute dient sie als Quelle für die historische Aufführungspraxis.
Hintergrund
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1751 war Francesco Geminianis The Art of Playing on the Violin in London erschienen. Als Geigenlehrer war Mozart sich der Notwendigkeit einer deutschen Violinschule bewusst. Johann Joachim Quantz hatte bereits ein deutschsprachiges Unterrichtswerk für die Querflöte vorgelegt (Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen, 1752), ebenso Carl Philipp Emanuel Bach für das Klavier (Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen, 1753).
Die wichtigste Basis für das Buch war neben den oben genannten Werken jedoch sicher die pädagogische Arbeit Giuseppe Tartinis, der zwar kein gedrucktes Schulwerk verfasst hatte, dessen didaktische Konzepte aber in Form von Mitschriften seiner Studenten in ganz Europa kursierten.
Dass Leopold Mozart ein sehr guter Instrumentallehrer war, zeigt sich auch daran, dass seine Kinder Wolfgang Amadeus und Maria Anna, die er selbst unterrichtete, herausragende Musiker wurden. Beide galten als Wunderkinder. Wolfgang Amadeus Mozart lernte früh sowohl Klavier als auch Geige zu spielen.
Editionsgeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die erste Auflage erschien 1756 in Augsburg. Im selben Jahr wurde Leopold Mozarts Sohn Wolfgang Amadeus in Salzburg geboren. Auf der Rückseite des Titelblatts steht ein Zitat von Aristeides Quintilianus, der drei Bücher über die Musik schrieb, in Griechisch und in lateinischer Übersetzung. Die lateinische Version lautet: „Esse igitur adolescentes nobis Musica erudiendos, ipsiusque tota Vita, quantum fieri possit, rationem habendam, neminem ablocuturum puto.“ (Ich glaube, niemand wird bestreiten, dass also die Jünglinge von uns in der Musik unterrichtet werden müssen und dass man lebenslang sorgen müsse, wie sehr es geschehen könne.) Nach diesem Motto folgt auf acht Seiten eine umfangreiche Widmung an den Fürstbischof Sigismund III. Christoph von Schrattenbach. Der anschließende „Vorbericht“ hat einen Umfang von sechs Seiten.
1766 brachte Johannes Enschede in Haarlem eine niederländische Übersetzung heraus. Eine französische Übersetzung erschien erstmals 1770 in Paris.
Ab der zweiten, „vermehrten“ Auflage von 1769/70 lautet der Titel Gründliche Violinschule. Genau genommen beginnt der Text auf dem Titelblatt so: „Leopold Mozarts / [in kleiner Schrift] Hochfürstl. Salzburgischen Vice=Capellmeisters / gründliche / [in sehr großer Schrift] Violinschule“. Wieder mit dem griechisch-lateinischen Motto und der Widmung an Fürstbischof Schrattenbach. Mit einem kurzen Vorbericht zur zweiten Auflage (zwei Seiten) sowie dem Vorbericht aus der ersten Auflage, der nun „Vorrede der ersten Auflage“ genannt wird. Gegenüber der ersten Auflage sind nur Kleinigkeiten weggelassen, „dafür aber einige sehr nützlich Regeln eingerücket, und vieles mit deutlichen Beyspielen und Erklärungen vermehret“. Die Notenbeispiele wurden teils um ein bis zwei Takte erweitert, teils aber auch ganz ausgetauscht.
Die dritte Auflage erschien 1787, im Todesjahr des Autors, wieder in Augsburg. Sie wird, wie schon die zweite Auflage, auf der Titelseite als „vermehrte“ Auflage bezeichnet, was aber nur im Vergleich mit der ersten Auflage zutrifft, denn die dritte Auflage ist textlich mit der zweiten weitgehend identisch. Im Vergleich zur zweiten Auflage entfielen nur das griechisch-lateinische Zitat, die Widmung an den unterdessen verstorbenen Fürstbischof Schrattenbach und der Vorbericht zur zweiten Auflage. Die Vorrede der ersten Auflage ist hingegen wieder abgedruckt. Ansonsten wurden einige Vignetten und Kopfleisten erneuert. Für den Druck wurden noch vorhandene Druckplatten wiederverwendet. Vielleicht wurde die Auflage ohne das Wissen von Mozart durch den Verleger vorgenommen. Die dritte Auflage wurde mehrfach als Faksimile wiederaufgelegt, unter anderem vom VEB Deutscher Verlag Leipzig 1968 u. ö.
Die vierte Auflage von 1800 war im Hinblick auf die rasche Entwicklung der Geigentechnik jener Zeit schon stark verändert. Nach den oben genannten Übersetzungen erschienen etliche andere, unter anderem 1804 eine Übersetzung ins Russische.
Inhalt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die nachfolgenden Angaben beziehen sich auf die Erstausgabe (beispielsweise kam in der zweiten Auflage ein neuer Vorbericht hinzu, in der dritten Auflage entfiel unter anderem die Widmung). Der gesamte Inhalt der Erstausgabe vom Frontispiz bis zur abschließenden Tabelle umfasst knapp 300 Seiten.
Der Verfasser nannte die Hauptkapitel „Hauptstücke“ und die Unterkapitel „Abschnitte“, zum Beispiel: „Des ersten Hauptstücks, zweyter Abschnitt“. Die Überschriften der Kapitel geben einen Überblick über den vielseitigen Anspruch der Schule.
- [Frontispiz mit Porträt des Verfassers, Titelseite, griechisch-lateinisches Zitat]
- [Widmung und Vorbericht]
- Einleitung in die Violinschule
- Von den Geiginstrumenten, insonderheit von der Violin
- Von dem Ursprunge der Musik, und der musikalischen Instrumenten [darin eingefügt: Versuch einer kurzen Geschichte der Musik]
-
- Von den alten und neuen musikalischen Buchstaben und Noten, wie auch von den itzt gewöhnlichen Linien, und Musikschlüsseln
- Von dem Tacte, oder musikalischen Zeitmaase
- Von der Dauer oder Geltung der Noten, Pausen und Puncten; samt einer Erklärung aller musikalischen Zeichen und Kunstwörter
- Wie der Violinist die Geige halten, und den Bogen führen sollte
- Was der Schüler beobachten muß, bevor er zu spielen anfängt; ingleichem was man ihm anfangs zu spielen vorlegen solle
- Von der Ordnung des Hinaufstriches und Herabstriches [Strich]
- Wie man durch eine geschickte Mäßigung des Bogens den guten Ton auf einer Violin suchen und recht hervorbringen solle
- Von den sogenannten Triolen
- Von den vielen Veränderungen des Bogenstrichs
- Von der Veränderung des Bogenstrichs bey gleichen Noten
- Von der Veränderung des Bogenstrichs bey Figuren, die aus unterschiedlichen und ungleichen Noten zusammengesetzt sind
- Von den Applicaturen [Lagenwechseln]
- Von der sogenannten ganzen Applicatur [Wechsel zur 3., 5., 7. Lage]
- Von der halben Applicatur [Wechsel zur 2., 4., 6. Lage]
- Von der zusammengesetzten oder vermischten Applicatur [Gesamtheit der Lagen]
- Von den Vorschlägen, und einigen dahin gehörigen Auszierungen
- Von dem Triller
- Von dem Tremulo, Mordente und einigen anderen willkührlichen Auszierungen
- Von dem richtigen Notenlesen und gutem Vortrage überhaupts
- [Register und Errata]
- [Tabelle zu langen und kurzen Notenwerten und vielfachen rhythmischen Kombinationen]
Echo
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Friedrich Wilhelm Marpurg, der wichtigste Musiktheoretiker der Aufklärung, äußerte sich in seinen Historisch-Kritischen Beyträgen wie folgt:[1]
„Ein Werk von dieser Art hat man schon lange gewünschet, aber sich kaum getrauet zu erwarten. […] Der gründliche und geschickte Virtuose, der vernünftige und methodische Lehrmeister, der gelehrte Musicus, diese Eigenschaften […] entwickeln sich allhier zusammen.“
Wie lange die Gründliche Violinschule aktuell blieb, zeigt folgendes Zitat aus einem Brief Carl Friedrich Zelters an Goethe von 1829:[2]
„Der Vater [W. A. Mozarts] war ein tüchtiger Musicus; seine Violinschule ist ein Werk, das sich brauchen läßt, so lange die Violine eine Violine bleibt; es ist sogar gut geschrieben.“
Ausgaben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Leopold Mozart: Versuch einer gründlichen Violinschule. Augsburg 1756 (PDF; 163 MB).
- Reprint der Erstausgabe: Bärenreiter, Kassel 1995, ISBN 3-7618-1238-8.
- Leopold Mozart Violinschule – Digitale Edition, 2019. Grundlage: die Erstausgabe 1756. Ein Kooperationsprojekt der Internationalen Stiftung Mozarteum und des Packard Humanities Institute.[3]
- Leopold Mozarts Hochfürstl. Salzburgischen Vice-Capellmeisters gründliche Violinschule […] Zweyte vermehrte Auflage. Augsburg 1770.
- Leopold Mozart: Gründliche Violinschule. Moderne Erstausgabe der zweiten Auflage von 1769/70. Herausgegeben von Matthias Michael Beckmann. Mit Vorwort von Nikolaus Harnoncourt. Mozartiana Classics Salzburg, 2018, ISBN 9783950138832. (Die erste Ausgabe der Violinschule in moderner Schrift und mit aktuellem Notenbild.)[4]
- Leopold Mozarts Hochfürstl. Salzburgischen Vice-Capellmeisters gründliche Violinschule […] Dritte vermehrte Auflage. Augsburg, 1787 (PDF).
- Leopold Mozart: Gründliche Violinschule. Faksimile-Nachdruck der 3. Auflage. Geleitwort von David Oistrach. Erläutert und kommentiert von Hans Rudolf Jung. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1968, ISBN 3-370-00172-1. (Fehler bei der Angabe „Faksimile-Nachdruck der 3. Auflage, Augsburg 1789“ – richtig ist 1787.)
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Erste Ausgabe 1756, Digitalisat (Deutsches Textarchiv)
- Zweite Auflage 1770, Digitalisat (Badische Landesbibliothek)
- Dritte Auflage 1787, Digitalisat (Internet Archive)
- Auszüge aus der dritten Auflage 1787 bei koelnklavier.de
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Friedrich Wilhelm Marpurg: Versuch einer gründlichen Violinschule, entworfen und mit vier Kupfertafeln versehen von Leopold Mozart … In Verlag des Verfassers. Augspurg, gedruckt bey Johann Jacob Lotter, 1756. [Rezension] In: Historisch-kritische Beyträge zur Aufnahme der Musik. Bd. 3, Stück 2. Gottlieb August Lange, Berlin 1757, S. 160. Abgerufen am 7. Februar 2026.
- ↑ Friedrich Zelter an Johann Wolfgang von Goethe, Ende März 1829. In: Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter in den Jahren 1796 bis 1832. Herausgegeben von Friedrich Wilhelm Riemer. Theil 5, die Jahre 1828 bis 1830 Juny. Duncker und Humblot, Berlin 1834, Nr. 643, S. 191. Abgerufen am 7. Februar 2026.
- ↑ Leopold Mozart Violinschule – Digitale Edition. Angaben auf der Website der Digitalen Mozart-Edition (DME).
- ↑ Leopold Mozart: Gründliche Violinschule. Angaben zur modernen Erstausgabe der zweiten Auflage (2018) bei stretta-music.de.