Vertrag von Aigun

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Grenzziehungen von 1858 und 1860 der Äußeren Mandschurei

Der Vertrag von Aigun (chin. 瑷珲条约, pinyin: Aìhún Tiáoyuē, russisch Айгунский договор) wurde zwischen dem Russischen Kaiserreich und dem Kaiserreich China am 28. Mai 1858 in der mandschurischen Stadt Aigun geschlossen. Wichtigster Bestandteil war eine neue Grenzziehung in der Äußeren Mandschurei. Das Abkommen fügt sich in die Reihe der „Ungleichen Verträge“ ein, zu deren Abschluss China im 19. Jahrhundert von europäischen Großmächten gezwungen wurde.

Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem Vertrag von Nertschinsk bildete der Argun nördlich bis zum Zusammenfluss der Schilka sowie das Stanowoigebirge und die Uda bis zum Pazifik die Trennungslinie zwischen China und Russland. Der Vertrag von Nertschinsk war 1689 das erste völkerrechtlich verbindliche Abkommen eines europäischen Staates mit dem chinesischen Kaiserreich. Einerseits erkannte darin Russland das chinesische Territorialrecht in der Äußeren Mandschurei an. China gestatte anderseits Russland das Recht eines freien Handelsverkehrs in der Region. Eine Einigung über den nordwestlichen Grenzverlauf zwischen China und Russisch-Sibirien wurde 1727 im Vertrag von Kjachta erzielt.[1]

Mitte des 19. Jahrhunderts begann „The Great Game“, der Kampf der Großmächte um Zentralasien. Insbesondere das rohstoffreiche China stand im Mittelpunkt der militärischen Auseinandersetzungen um wirtschaftliche Vorherrschaft. Die britische Weltmacht legte die Hand auf die chinesischen Zentralprovinzen: von Shanghai am Gelben Meer, den Jangtse entlang nach Westen bis zum wirtschaftlich prosperierenden Szechuan, inklusive Tibet bis zur indischen Grenze; Frankreich wollte mit Südchina die „natürliche Erweiterung“ seiner Kolonialansprüche in Indochina erreichen; Russland erhob Ansprüche auf die Äußere Mongolei und die gesamte Mandschurei.[2] 1856 entfesselten Großbritannien und Frankreich den Zweiten Opiumkrieg. Im Mai 1858 eroberten britisch-französische Flottenverbände die Bohai-Bucht und näherten sich Peking sowie Tianjin.[3]

Zeitgleich begann die zaristische Armee Truppenkontingente von Zehntausenden Soldaten an die mandschurische Grenze zu verlegen und die Kontrolle über das Amurgebiet zu übernehmen. Während der Vertragsverhandlungen wurde Aigun von russischen Truppen belagert. Die russische Seite vertrat der Generalgouverneur von Ostsibirien Nikolai Nikolajewitsch Murawjow, die chinesische der Oberbefehlshaber des chinesischen Heeres Yishan. Da dieser sich weigerte, den von Russland aufgesetzten Vertrag zu unterzeichnen, ließ Murawjow von zwei Kanonenbooten aus Schüsse auf die Stadt abfeuern, woraufhin Yishan unterschrieb.[4][5]

Dem aggressiven Vorgehen der Großmächte an nahezu allen chinesischen Grenzen konnte die Qing-Dynastie kaum Gegenwehr entgegensetzen und sah sich gezwungen, die Abtretungen anzuerkennen. Die Ratifikation des Vertrags von Aigun erfolgte am 14. Juni 1858 durch den chinesischen Kaiser Xianfeng und auf russischer Seite am 20. Juli 1858 durch Kaiser Alexander II. Laut Präambel wurde der Vertrag im „gemeinsamen Einverständnis“ und „für die große ewige Freundschaft zwei großer Staaten“ geschlossen. Als neuen russisch-chinesischen Grenzverlauf sah die Vereinbarung vor, dass Russland das linke Ufer des Amur vom Argun bis zur Ozeanmündung erhielt, während das rechte Ufer flussabwärts bis zum Ussuri im chinesischen Besitz verblieb. Das Ussuri-Gebiet bis zum Pazifik wurde „bis auf Weiteres“ als „gemeinsam nutzbares Territorium“ eingestuft. Für andere Staaten erfolgte eine Sperrung des Flussverkehrs.[6]

Insgesamt verlor China durch den Vertrag von Aigun über eine halbe Million Quadratkilometer seines Territoriums.[7] Keine zwei Jahre später brach Russland den Vertrag und erhielt 1860 auf Grundlage der Pekinger Konvention die gesamte Äußere Mandschurei zugesprochen.[8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jonathan D. Spence: Chinas Weg in die Moderne. Deutscher Taschenbuch-Verlag, 2001.
  • Michael Weiers: Geschichte Chinas. Grundzüge einer politischen Landesgeschichte. W. Kohlhammer Verlag, 2009.
  • Paul Ulrich Unschuld: Chinas Trauma – Chinas Stärke. Niedergang und Wiederaufstieg des Reichs der Mitte. Springer-Verlag, 2016.

Links[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Seuberlich: Zur Verwaltungsgeschichte der Mandschurei (1644-1930). Otto Harrassowitz Verlag, 2001, S. 31–33.
  2. Martin Ewans: The Great Game. Britain and Russia in Central Asia. RoutledgeCurzon, 2004, S. 25 f.
  3. Sharon La Boda: International Dictionary of Historic Places. Asia and Oceania. Taylor & Francis, 1994, S. 813.
  4. Paul U. Unschuld: Chinas Trauma – Chinas Stärke. Niedergang und Wiederaufstieg des Reichs der Mitte. Springer-Verlag, 2016, S. 48.
  5. S. C. M. Paine: The Sino-Japanese War of 1894–1895. Perceptions, power, and primacy. Cambridge University Press, 2005, S. 133 f.
  6. Text des Vertrages in: Дмитрий Алексеевич Пещуров (Hrsg.): Сборник договоров России с Китаем. 1689–1881 гг. (= Россия-Договоры). МИД, Санкт-Петербург 1889 (Nachdruck: Michael Weiers (Hrsg.): Die Verträge zwischen Russland und China. 1689–1881. = The treaties between Russia and China. 1689–1881 (= Wehling Reprints. Nr. 1). Faksimile der 1889 in Sankt Petersburg erschienenen Sammlung mit den Vertragstexten in russischer, lateinischer und französischer sowie chinesischer, mandschurischer und mongolischer Sprache. Wehlung, Bonn 1979, ISBN 3-88437-000-6).
  7. Hermann Beyer-Thoma: Münchener Forschungen zur Geschichte Ost- und Südosteuropas. Ars Una, 2002, S. 66.
  8. ebenda