Vertragsarbeiter

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ein Arbeiter aus Mosambik 1984 im Braunkohlewerk Welzow

Als Vertragsarbeiter wurden ausländische Arbeitskräfte und Auszubildende bezeichnet, welche in der DDR und anderen wirtschaftlich höher entwickelten RGW-Staaten wie der ČSSR und der Volksrepublik Ungarn, ab den 1960ern zeitlich befristet und ohne Integrationsabsicht angeworben wurden. Hierzu zählten jedoch nicht Arbeitnehmer ausländischer Unternehmen, ausländische Studenten in der DDR, sowie Angehörige sowjetischer Streitkräfte und deren Familien, Flüchtlinge oder ausländische Auszubildende.

Vertragsarbeiter wurden für die Verstärkung für unterbesetzte Arbeitsbereiche hergeholt wie z. B. in der Leichtindustrie oder auch in der Konsumgüterindustrie. Die jeweiligen Bedingungen, Aufenthaltsdauer, Rechte und Anzahl der Vertragsarbeiter wurden vertraglich mit der jeweiligen Regierung individuell ausgehandelt (durch einen sog. Staatsvertrag). Die Dauer der Aufenthaltsgenehmigung variierte zwischen zwei und sechs Jahren je nach Herkunft. Ein ständiger Aufenthalt jedoch war vertraglich und gesetzlich nicht vorgesehen. Das Mitbringen von Familienangehörigen war ausgeschlossen. Nach Ablauf der vertraglichen Frist mussten die Vertragsarbeiter in der Regel die Länder verlassen und in ihr Heimatland zurückkehren. In der DDR wohnten die Vertragsarbeiter während ihres Aufenthalts in getrennten Wohnheimen, meist von DDR-Betrieben eingerichtet und deutlich abgetrennt von den DDR-Bürgern.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Gründung der DDR 1949 strömten bis zum Bau der Berliner Mauer im Jahre 1961 3,4 Millionen Menschen aus der sowjetischen Besatzungszone und der DDR in die Bundesrepublik. Die Abwanderung bewirkte in der DDR einen akuten Arbeitskräftemangel.[1] Die BRD schloss bereits ab 1955 sogenannte Anwerbeabkommen mit neun verschiedenen Ländern.

Ab den 1960er Jahren warb die DDR Vertragsarbeiter an. Derartige Abkommen gab es auch mit anderen sozialistischen Staaten des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) wie etwa:

aber vor allem im Rahmen der „sozialistischen Bruderhilfe“ mit

Die Auszubildenden sollten einen Facharbeiterabschluss erlangen und die an Arbeitskräftemangel leidende DDR-Wirtschaft unterstützen, bis sie nach Ende ihrer Delegierung wieder in ihren Entsendeländern höher qualifiziert arbeiten konnten.

Motivation waren zunächst die Aus- und Weiterbildung von Arbeitskräften und später auch die Deckung des Mangels an billigen Arbeitskräften für schlecht bezahlte und/oder gefährliche Arbeitsplätze. Die Aufenthaltsdauer war limitiert auf zunächst zwei und später fünf Jahre. Das strenge Rotationssystem erlaubte keinen Familiennachzug.

Im Falle einer Schwangerschaft drohte umgehende Ausweisung. Die Vertragsarbeiter lebten in abgeschotteten Baracken oder Wohnblöcken. Kontakte zu Einheimischen waren von den zuständigen Behörden zu genehmigen und berichtspflichtig.

Siedlungszentren waren die industriellen Ballungsgebiete Chemnitz, Dresden und Erfurt. Zwar galten die Anwerbevereinbarungen als Zeichen der „internationalen Völkerfreundschaft“, doch war Integration aufgrund des vorübergehenden Charakters der Arbeit nicht vorgesehen. Den Arbeitern wurden Schritt für Schritt immer unqualifiziertere Arbeiten zugewiesen.[2] Die Vertragsarbeiter kamen bevorzugt bei schwerer oder monotoner Arbeit zum Einsatz, die von DDR-Bürgern abgelehnt wurde. Erfüllten sie die Arbeitsnormen nicht oder verstießen sie gegen die „sozialistische Arbeitsdisziplin“, dann drohte die Rückkehr ins Heimatland.

Polen entsandte jährlich 10.000 bis 30.000 qualifizierte Arbeitskräfte für Bau- und Montagearbeiten in den Nachbarstaat. Die polnischen Fachkräfte hatten ebenfalls eine befristete Aufenthaltsdauer, doch bekamen sie finanzielle Vergünstigungen. Sie lebten ebenfalls abgeschottet in Wohnheimen, Kontakt zu den Einheimischen war auch ihnen verboten.[1] Ebenso arbeiteten zeitweise ungarische Staatsbürger bei der Errichtung von Chemieanlagen in der DDR, einige verheirateten sich hier und blieben dauerhaft.

Am 28. Juni 1979 trat das Gesetz über die Gewährung des Aufenthaltes für Ausländer in der Deutschen Demokratischen Republik in Kraft.[3] Das Regelwerk war sehr flexibel gehalten und erlaubte relativ viel Vereinbarungsspielraum mit den jeweiligen Vertragsstaaten. Laut § 4 waren Ausländer den Einheimischen gleichberechtigt, ausgenommen der unmittelbaren, mit der Staatsbürgerschaft verbundenen Rechte. § 6 erlaubte jedoch, dass die erteilte Aufenthaltsgenehmigung zeitlich und örtlich beschränkt, versagt, entzogen oder für ungültig erklärt werden konnte. Die Entscheidung bedurfte keiner Begründung. Die Behörden unterbanden weiterhin private Kontakte zwischen Ausländern und Einheimischen.

Arbeiterinnen aus der DDR beglückwünschten 1974 ihre polnischen Kolleginnen im VEB Baumwollspinnerei Karl-Marx-Stadt zum 30. Jahrestag der VR Polen

Nach Vereinbarung des Zweiten Regierungsabkommens zwischen der DDR und Vietnam im Jahr 1980 wanderten in der Hauptsache vietnamesische Vertragsarbeiter ein. Den Großteil stellten Frauen, welche in der Textilindustrie arbeiteten.

1981 arbeiteten 24.000 Vertragsarbeiter in der DDR. Abgesehen von den Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte (GSSD) lebten Ende 1989 etwa 190.000 Ausländer in der DDR, dies entsprach über einem Prozent der Gesamtbevölkerung. Davon waren etwa 94.000 Vertragsarbeiter. Zwei Drittel waren vietnamesischer Herkunft. Nach der deutschen Vereinigung 1990 bemühte sich die Bundesregierung darum, die noch laufenden zwischenstaatlichen Verträge zu den Vertragsarbeiter aufzulösen und diese in ihre ursprüngliche Heimat zurückzuschicken. Nur wenigen gelang es dabei, sich einen Aufenthaltsstatus in Deutschland zu sichern.[2]

Statistik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Beginn der Vertragsarbeiter war in den 1960er Jahren und nahm besonders seit Mitte der 1980er bis Ende der 1980er Jahre erheblich zu. 1990 wurden die Verträge über weitere einreisende Vertragsarbeiter aufgelöst. Die noch auslaufenden Verträge wurden meist beibehalten, sofern der Betrieb die Wendezeit wirtschaftlich überstand. Die meisten Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter kehrten allmählich wieder in ihre Herkunftsländer zurück, da ihnen das Aufenthaltsrecht keinen Status zugestand. Einige bekamen befristete Aufenthaltsbefugnisse oder inzwischen auch eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis in der Bundesrepublik Deutschland.

Ungefähre Zahlen der Vertragsarbeiter in der DDR am 31. Dezember 1989 nach Herkunft
Anzahl Herkunft
59.000 Vietnam
15.100 Mosambik
8.300 Kuba
1.300 Angola
900 China

Gesamtanzahl: etwa 93.500 von insgesamt 191.200 Ausländern in DDR.

Ungefähre Zahlen der Vertragsarbeiter in der DDR nach Jahreszahlen
Jahr 1966 1967 1969 1970 1971 1974 1977 1978 1979 1980 1981 1984 1986 1987 1988 1989
Anzahl 3.500 14.000 14.134 12.200 14.800 18.680 16.500 18.692 20.597 26.006 24.000 29.000 61.000 52.015 87.793 93.568

Ausstellungen zur Geschichte der Vertragsarbeiter in der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Berlin widmete sich zum ersten Mal im November 2008 eine umfangreiche Ausstellung den Vertragsarbeitern. Ziel der Ausstellung war es, den Deutschen, aber auch den Nachfahren der Vertragsarbeiter zu zeigen, wie und warum diese damals in die DDR kamen. Die Ausstellung trug den Titel „Bruderland ist abgebrannt“.

„Die Wirtschaft der DDR war ohne sie nicht denkbar, aber niemand war ihnen dankbar.[4]

Die Ausstellung wurde gefördert von der Amadeu Antonio Stiftung,[5] ausleihbar ist sie beim Verein Reistrommel e. V.[6]

Die Wanderausstellung Als Arbeitskraft willkommen. Vietnamesische Vertragsarbeiter in der DDR[7] der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, die 2009 gemeinsam mit der Integrationsbeauftragten des Landes Brandenburg und dem Song Hong e. V. konzipiert und realisiert wurde, stellt die Situation der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR an konkreten Beispielen dar. Ausschnitte aus Interviews mit ehemaligen Vertragsarbeitern werden durch Dokumente und persönliche Erinnerungsstücke ergänzt. Fotografien, Arbeitsverträge, Ausschnitte aus Stasi-Akten und Zeitungsartikel wurden aus den unterschiedlichsten Quellen zusammen getragen und zeichnen ein differenziertes Bild dieses bis heute weitgehend unbekannten Kapitels jüngerer Geschichte. Sie kann kostenlos ausgeliehen werden.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • (DHM): Zuwanderungsland Deutschland. Migrationen 1500–2005. Deutsches Historisches Museum Berlin
  • Marianne Krüger-Potratz: Anderssein gab es nicht. Ausländer und Minderheiten in der DDR. Waxmann, Münster 1991
  • Eva-Maria, Lothar Elsner: Ausländerpolitik und Ausländerfeindschaft in der DDR 1949–1990. Reihe Texte zur politischen Bildung H. 13, Rosa Luxemburg-Verein, Leipzig 1994, ISBN 3-929994-14-3 (Dokumentarteil: Gesetze, bilaterale Abkommen etc. S. 53–90)
  • Katja Illgen (Hrsg.): Zweite Heimat. Vietnamesen berichten über ihr Leben in Deutschland 1980–1995 (Thüringen gestern & heute, Bd. 28), Erfurt 2007.
  • Katja Illgen: Fremd in Thüringen? Vietnamesisches Leben in Deutschland und in Vietnam. (PDF; 2,1 MB) 2. Aufl. Der Ausländerbeauftragte beim Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit (Hrsg.), Erfurt 2008.
  • Beim Reden nicht so viel lächeln. In: Berliner Zeitung, 22. November 2008; Ausstellung zur Geschichte der Vertragsarbeiter

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Deutsches Historisches Museum
  2. a b Bade, 2002
  3. Gesetz über die Gewährung des Aufenthaltes für Ausländer in der Deutschen Demokratischen Republik
  4. Beim Reden nicht so viel lächeln. In: Berliner Zeitung, 22. November 2008; Ausstellung zur Geschichte der Vertragsarbeiter
  5. Ein neues Leben in der DDR: ehemalige Vertragsarbeiter erzählen ihre Geschichte
  6. Reistrommel e. V.
  7. Website zur Ausstellung