Verwestlichung

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Verwestlichung ist ein Schlagwort zur Charakterisierung gesellschaftlicher Prozesse, die die Übernahme politischer Ideen und wirtschaftlicher Strukturen aus der sogenannten westlichen Welt zum Inhalt haben.

Bereiche der Verwestlichung[Bearbeiten]

Im Einzelnen geht es um die Übernahme

Verwestlichung Deutschlands[Bearbeiten]

Für die Geschichte Deutschlands hat der Historiker Heinrich August Winkler in seinem Werk Der lange Weg nach Westen eine Verwestlichung herausgearbeitet. Demnach habe Deutschland erst mit der Wiedervereinigung den „Deutschen Sonderweg“ verlassen und sich in die Westliche Welt eingegliedert.

Verwestlichung in asiatischen Gesellschaften[Bearbeiten]

Als Paradebeispiel der Verwestlichung wird oft Japan genannt, das im Zuge der Meiji-Restauration schnell die im Westen übliche industrielle Produktionsweise übernahm, gleichzeitig aber versuchte, im Bereich der Werte und Kultur auf eigene Traditionen aufzubauen (vergleiche Kokutai und Nihonjinron).

Taiwan wird oft als Beispiel für die gelungene Übernahme des westlichen Modells der Demokratie gesehen.

Verwestlichung in islamischen Gesellschaften[Bearbeiten]

Begrifflichkeit[Bearbeiten]

Seit dem 19. Jahrhundert kamen sich die westliche Gesellschaft und der Nahe wie Mittlere Osten beträchtlich näher und es kam zu heftigen Friktionen. Diese Berührungen drückten sich bezüglich der technologischen und geistigen Errungenschaften des modernen Westens zweierlei aus: Islamische Völker mit reibungslosen gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Strukturen blieben unberührt von den westlichen Einflüssen im politischen wie ökonomischen Bereich. Diese Staaten waren meist autark und damit trotz niedrigem wirtschaftlichen Status unabhängig. Dies erlaubte es ihnen, die Verwestlichung abzulehnen und sich abzuschotten. Auf der anderen Seite nahmen insbesondere die Oberschichten der urbanen Bevölkerung Impulse westlicher Zivilisation in ihr Leben auf. Diese unkritische Übernahme wirkte sich sowohl im Guten und im Schlechten aus. Der Begriff Verwestlichung (al-taghrib) enthält also sowohl positive wie auch negative Aspekte.

Heine sieht die größte Problematik der Verwestlichung darin, dass die muslimische Welt inzwischen keine einheitliche Definition des Begriffs mehr hat.

Geschichte[Bearbeiten]

Islamische Reformer wie beispielsweise der türkische Mustafa Kemal Atatürk, der iranische Reza Schah und der tunesische Habib Bourguiba sahen in der Verwestlichung eine Möglichkeit, den unterentwickelten Status ihrer Länder zu verbessern. Westliche Werte standen für die Reformer für Zivilisation und Fortschritt, während sie östliche Werte mit Rückständigkeit und gesellschaftlichen Stillstand assoziierten.

Kernbestandteil ihres Wirkens war die laizistisch motivierte Verdrängung religiöser Autoritäten aus der Einflusssphäre des gesellschaftlichen Lebens. Diese Europäisierung durchzog alle Bereiche des menschlichen Lebens wie etwa Reformen des Bildungswesens oder der erzwungenen Einführung westlicher Bekleidung. So zum Beispiel die staatlich diktierte Hutreform aus dem Jahr 1924, als die kemalistische Regierung der Türkei die traditionelle Kopfbedeckung des osmanischen Reichs, den Fes, gesetzlich verbot und zum Tragen eines Filzhutes verpflichtete. Ägypten folgte diesem Beispiel 1953.

Zum Teil trieben die Reformversuche insbesondere im künstlerischen Bereich eigenartige Blüten wie den Bau der Kairoer Oper oder die Etablierung der bislang unbekannten Symphonieorchester in islamischen Ländern. Der musikalischen Tradition war das nötige Instrumentarium bis dato unbekannt (wobei im Zuge der Türkenkriege wiederum die europäische Musikwelt erheblich durch militärische Instrumente aus der Türkenbeute Ergänzungen fand).

Die Modernisierungsprogramme trafen zumeist ohne vorhergehenden klassenübergreifenden Diskurs auf eine gänzlich unvorbereitete Bevölkerung. Deshalb verliefen sie wegen der reflexartigen Abwehrhaltung des Volkes auch oft im Sande. Vor allem kleine Gruppen aus der Oberschicht der Städte zeigten sich aufgeschlossen gegenüber den angebotenen Impulsen. Die Verbesserungen im Bereich der Erziehung und Maßnahmen zur Einführung einer arbeitsteiligen Volkswirtschaft trugen ihr Weiteres dazu bei, die Verwestlichung im Laufe der Zeit nachhaltig voranzutreiben.

Viele der Reformen scheiterten, da sie sich einem erstarkenden Nationalismus gegenübersahen. Dieser setzte die Verwestlichung mit Kolonialismus gleich. Die Verwestlichung gilt in diesem Sinne fundamentalistischen Kreisen als maßgebliches Erklärungsmodell für die oft desolaten wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse islamischer Gesellschaften.

Laut Sabah Alnasseri führte die, von IWF und Weltbank gestützte, von oben aufgezwungene rigorose Modernisierung und Hinwendung zu Marktwirtschaft und Neoliberalismus nicht zum versprochenen Wohlstand und Schuldenabbau der betroffenen Länder, sondern verschlimmerte Armut, Auslandsverschuldung und politische Repressionen. Dieses Versagen nährte wiederum das Misstrauen gegen die Verwestlichung.[1] Gewinner dieser neoliberal geprägten Öffnung (infitah) waren lediglich die Großgrundbesitzer. Die gewaltsam vertriebenen Kleinbauern und Lohnabhängigen wurden marginalisiert. Die resultierenden Brotaufstände, beendete das jeweils eingesetzte Militär blutig (Ägypten 1977, Algerien 1988, Tunesien 1984, Marokko 1984, Jordanien in den 90ern).[2]

Abgrenzung zur Globalisierung[Bearbeiten]

Der Begriff Globalisierung umfasst nach Brockhaus 1997 die liberale Wirtschaftstheorie und neoliberale Marktwirtschaft. Freier Handel und eine offene Wirtschaft gelten als Triebfedern des Fortschritts und als Grundlage dafür, Friktionen zwischen Gesellschaften durch den gemeinsamen Austausch von Informationen und Waren aller Art abzumildern. Die liberale Utopie sieht laut Czempiel als Ergebnis des Austausches eine Weltordnung, in der Wohlstand, Frieden und Demokratie eine Ablösung der Nationalstaaten bewirken.

Verwestlichung ist demgegenüber ein einseitiger Prozess.

Somit ist die undifferenziert verallgemeinernde Meinung, der Islam widersetze sich Globalisierung und Modernisierung, falsch und verkennt die Potentiale, welche sich in der gegenseitigen Auseinandersetzung verbergen.

Fundamentalismus und Verwestlichung[Bearbeiten]

Insbesondere islamische Fundamentalisten sehen einen Zusammenhang zwischen den fehlgeschlagenen Reformen und ehemaligem Kolonialismus. Die Wenigsten lehnen jedoch westliche naturwissenschaftliche und technologische Errungenschaften ab und akzeptieren den irreversiblen Anschluss islamischer Staaten an die "Weltzivilisation". Die Mehrheit bedient sich der Medien und neuen Kommunikationsformen und zeigt reges Interesse selbst an Erkenntnissen westlicher Philosophie, Theologie und der Sozialwissenschaften. Jedoch distanzieren sie sich vehement von westlichen Einflüssen, welche die muslimische Identität oder das Wesen des Islam verändern könnte.

Dabei fällt es schwer, sich im Diskurs mit dem Westen und dem Kampf gegen Verwestlichung glaubwürdig zu positionieren. Auf der einen Seite werden etwa Massenmedien akzeptiert und genutzt und die Vorwürfe gehen gegen die Verwestlichung durch diverse Fernsehserien aus USA oder modische Erscheinungen aus Europa. Zugleich sehen sich Theologen und Intellektuelle aus dem islamischen Raum genötigt, sich von radikalen Denkansätzen zu distanzieren, welche sich gegen jegliche Annäherung an den Westen verschließen und sich für eine Wiedereinführung der Verhältnisse zur Zeit ihres Propheten in Medina einsetzen. Der Anteil an naturwissenschaftlich ausgebildeten Akademikern unter diesen radikalen Gruppierungen ist laut Heine relativ hoch.

Die Verwestlichung birgt jedoch nicht nur Gefahren für die islamische Identität, sondern bietet gleichzeitig die Möglichkeit, Identität zu stiften und zu schützen.

Fundamentalistische Reaktion[Bearbeiten]

Die westliche Kultur eroberte energisch ab dem achtzehnten Jahrhundert einen geschwächten Osten, welcher sich nicht dazu in der Lage sah, adäquat zu reagieren und sich den neuen Herausforderungen zu stellen.[3]

Im Gegensatz zu früheren Zeiten sah sich der Islam nicht dazu in der Lage, sich umgestalten und damit zu erneuern. In Folge verlor er an Einfluss. Dieses Gefühl der Ohnmacht entwickelte sich zum Trauma der muslimischen Welt. Besonders beschämend empfand es der Islam, die Modernisierung nicht mehr anzuführen, sondern abhängig zu sein von europäischem Handeln und Denken. Dies bewirkte die scharfe Spaltung des Westens vom Osten, speziell dem Islam.[4]

Die zunehmende Verwestlichung und Europäisierung der islamischen Welt erzeugten Unmut und gegenüber der neuen Art von Globalisierung. Infolgedessen wehrten sie sich mit Händen und Füßen gegen jeglichen Einfluss von außen. Einen Höhepunkt in dieser Entwicklung stellen die bis dahin unbekannten Selbstmordattentäter dar. Diese Verzweiflungstaten signalisieren Aussichtslosigkeit und die Überzeugung, gegen einen übermächtigen Gegner anzukämpfen.[5]

Das durch den europäischen Kolonialismus hervorgerufene Gefühl von Machtlosigkeit, Fremdherrschaft und Identitätsverlust verstärkte sich durch die Erkenntnis wirtschaftlicher und politischer Überlegenheit des Westens. Die Mehrheit der Moslems flüchtete in die Rückbesinnung auf die Ursprünge des Islam. Die aus dieser Haltung entstandenen politischen Richtungen bezeichnen westliche Beobachter als islamistisch bzw. fundamentalisch. Der Fundamentalismus ist also lediglich eine der vielen Antworten aller großen Religionen auf die Herausforderungen der Moderne. Er erwächst aus dem Bedürfnis, der Problematik der Moderne zu entfliehen und sich in die Religion zurückzuziehen.

Extremismus[Bearbeiten]

Fundamentalismus zum einen und auch fundamentalistisch motivierter Extremismus und die damit einherschreitende religiös motivierte Gewalt sind globale Tatsachen und nicht auf den Islam begrenzt. Dies gilt auch für die gängige Darstellung des Islam als gewaltbereite, kämpferische und damit bedrohlich empfundene Religion in westlichen Medien. Diese Darstellung mit starken Antithesen ist jedoch simplifizierend und falsch. Der Umschwung zum Extremismus einiger Muslime erklärt sich aus dem Versäumnis des Westens, trotz herber eigener Erfahrungen, den Rest der Welt in den Modernisierungsprozess einbezogen zu haben.[6]

Prinzipiell vergleichbar zum Aufstieg der westlichen Welt ab dem achtzehnten Jahrhundert zur treibenden Kraft der Moderne ist nämlich der Aufstieg arabischer Reiche zur Weltmacht im siebten und achten Jahrhundert. Europa erlitt damals einen ähnlichen kulturellen Schock und verschloss sich den Errungenschaften des damals stärkeren Ostens.[7]

Verwestlichung und Europäisierung stürzten seit den siebziger Jahren die islamische Gesellschaft in eine strukturelle wie existenzielle Krise. Diese gründet in den Fragen, wie sie ihr einzigartiges Erbe zu retten vermag, die sozialen Institutionen erhält und die eigene Identität bewahrt. Der Islam gründet schon etymologisch auf dem festen Glauben, sich dem Willen Allahs zu unterwerfen (Sure 9,51). Jedes Untergraben der islamischen Grundlagen wird unweigerlich als massive Bedrohung des Islam wahrgenommen. Die damit verbundene Opferhaltung vergisst jedoch, dass trotz der existenten Spaltung der Welt in eine westliche und muslimisch geprägte Region der Islam längst zur weltweiten Religionsgemeinschaft geworden ist, welche auf allen Kontinenten regen Zulauf findet.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Anselm Doering-Manteuffel: Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 3-525-34017-6.
  • Philipp Gassert: Die Bundesrepublik, Europa und der Westen. Zur Verwestlichung, Demokratisierung und einigen komparatistischen Defiziten der zeithistorischen Forschung. In: Jörg Baberowski u. a.: Geschichte ist immer Gegenwart. Vier Thesen zur Zeitgeschichte. DVA, Stuttgart/ München 2001, ISBN 3-421-05564-5, S. 67–89.
  • Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. C.H. Beck, München 2000
    • Band 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. ISBN 3-406-46001-1.
    • Band 2: Deutsche Geschichte vom "Dritten Reich" bis zur Wiedervereinigung. ISBN 3-406-46002-X.
  • Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Band 1: Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59235-5.
  • Ernst-Otto Czempiel,"Die Lehre von den internationalen Beziehungen",1969
  • Schulze, Reinhard,"Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert",1994
  • Armstron, Karen; Islam: A Short History; 2002
  • Beinin, Joel,"Islamic responses to the capitalist penetration of the Middle East" aus Stowasser 1987
  • Alnasseri, Sabah,"Zur Krisensituation der arabischen Gesellschaften",2001
  • Ders. Stork, Joe (Hg.) 1997: "Political Islam", 1997

soweit nicht explizit benannt

  • Adel Theodor Khoury, Ludwig Hagemann und Peter Heine, Lexikon des Islam, 1991, 1386ff
    • Genannte Werke:
    • Piscatori,"Islam in a World of Nation-States",1986
    • Heine, "Radikale Muslimorganisationen im heutigen Ägypten",1983
    • Stipek und Heine,"Ethnizität und Islam. Interdependenz und Diskrepanz sozialer und religiöser Vorstellungen in der Gegenwart",1984
    • A. Al-Azmeh, Aziz,"Die Islamisierung des Islams",1995

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alnasseri, 2001.
  2. Shulze 1994:257
  3. Armstron 2002:138
  4. Armstron 2002:146
  5. Armstron 2002:153
  6. Armstron 2002:1164.
  7. Armstron 2002:141